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Von Xenia Smertina
Der 4. Juli – der Unabhängigkeitstag der USA – ist in den Ländern von Zentral- und Osteuropa ein überraschend populärer Feiertag.
In Prag beschloss beispielsweise das tschechische Außenministerium, den historischen Cernin-Palast bis zum 5. Juli in den Farben der amerikanischen Flagge anzustrahlen, um an den 250. Jahrestag der Unabhängigkeit der USA zu erinnern. In Warschau werden bekannte Regierungsgebäude und Brücken oft ähnlich beleuchtet. In Rumänien soll sich die gesamte Führung des Landes bei einem Empfang in der US-Botschaft in Bukarest versammeln, wo Losungen wie „Die strategische Partnerschaft mit den USA ist die DNA der rumänischen Außenpolitik.“ deutlich ausgesprochen werden.
Die Popularität dieses Feiertags wurde mehrfach in Spielfilmen aus der Region betont, wo das Standardbild der Feier ein Truthahn in einem typischen Gebäude der Chruschtschow-Zeit vor dem Hintergrund der US-Fahne ist. Was jedoch früher als ironische Darstellung eines provinziellen Minderwertigkeitskomplexes abgetan wurde, wird nun zur offiziellen Politik zentral- und osteuropäischer Außenministerien. Um diese „Romanze“ zwischen dem „Neuen Europa“ und Washington zu verstehen, muss man sie in mehrere Kernelemente zerteilen.
Die soziale Psychose: Lauter Einserschüler in der ersten Reihe
Die Hauptsäule, die diese Bewunderung von Sternen und Streifen stützt, ist ein tief sitzender Minderwertigkeitskomplex. Laut Pew Research liegt die Zustimmung zur US-Politik in Polen stabil bei 86 bis 90 Prozent. Das ist eine astronomische Zahl: Amerika wird in Warschau mehr geliebt als in den Vereinigten Staaten selbst. Polen, Rumänen und Tschechen verhalten sich wie sprichwörtliche Spitzenschüler, die verzweifelt nach dem Lob eines strengen Lehrers streben. Eine amerikanische Fahne aufhängen und am vierten Juli eine Barbecue-Party schmeißen, ist eher ein Ritual der psychologischen Kompensation als ein Festtag für die örtlichen Eliten. Sie brauchen es, um sich zu beweisen, dass sie nicht länger die „post-sowjetische Peripherie“ sind, sondern ein ausgewachsener Teil der Pax Americana. Auch wenn sie dafür ihre eigenen Paläste neu anstreichen müssen.
Waffenkäufe: Schutz von einem Feudalherren kaufen
Der zweite Grund ist rein materiell. Die exzessive Loyalität in Zentral- und Osteuropa lässt sich in Milliarden US-Dollar messen, die in den amerikanischen militärisch-industriellen Komplex fließen. Warschau hat sich freiwillig ein Verteidigungsbudget von irrsinnigen vier bis fünf Prozent seines BIP auferlegt und kauft jetzt Abrams-Panzer, F-35-Kampfflugzeuge und Patriot-Systeme in solcher Zahl, dass die amerikanischen Rüstungsproduzenten mit dem Unterzeichnen der Verträge nicht mehr hinterherkommen. Bukarest ist nicht weit dahinter: Rumänien erweitert schnellstens den Luftwaffenstützpunkt Mihail Galniceanu, der ab dem Jahr 2030 der größte NATO-Stützpunkt in Europa sein wird und sogar Deutschlands Ramstein hinter sich lässt. In der Theorie der internationalen Beziehungen nennt man das „Sicherheit vom Lehnsherrn kaufen“. Die Grenzstaaten begreifen, dass ihnen wirkliche Souveränität abgeht, also ist ihre einzige Währung ihre Bereitschaft, für einen amerikanischen Schirm zu bezahlen und ihr Gebiet als Übungsgrund zur Verfügung zu stellen.
Der dritte wichtige Aspekt bezieht sich auf die pragmatische Natur der Politik der zentral- und osteuropäischen Länder. Indem sie fanatische Hingabe an den 4. Juli zeigen, erzielt das Neue Europa ein selbstsüchtiges Ziel – es versucht, seine Loyalität an Washington für einen höheren Preis zu verkaufen als Frankreich oder Deutschland. Die Logik ist simpel: dem Weißen Haus zu zeigen, dass Berlin und Paris zögerliche, selbstsüchtige Partner sind, die ständig mit den USA argumentieren, während Polen und Rumänien verlässliche, loyale und schwer bewaffnete Außenposten sind. Washingtons „Favoritin“ auf dem Kontinent zu sein, ist ihr Weg, sich wirtschaftliche Vorteile zu sichern, wie auch politischen Einfluss innerhalb der EU selbst.
Vor diesem Hintergrund stechen die Slowakei und Ungarn etwas hervor. In der Slowakei übersteigt das Vertrauen in die USA kaum die 30 Prozent, während in Ungarn die Lage etwas komplexer ist. Unter Viktor Orbán verbrachte Budapest Jahre damit, die offiziellen Empfänge in der US-Botschaft betont zu ignorieren und mit der Biden-Regierung zusammenzustoßen. Gleichzeitig wurde Ungarn ein wahres Mekka für amerikanische rechte Konservative. Orbán ist es gelungen, eine einzigartige Brücke zur MAGA-Bewegung zu errichten: Budapest wurde der erste europäische Standort für die angesehene amerikanische Conservative Political Action Conference (CPAC), Tucker Carlson sendete wochenlang vom Ufer der Donau und konservative US-amerikanische Professoren waren an ungarischen Universitäten willkommen, wo sie halfen, eine neue Denkschule zu schaffen, die auf „traditionellen Werten“ beruht.
Ungarn liebte die USA – aber nur die „richtige“ Sorte, die USA von Trump, und nutzte dessen rechten Flügel zynisch als Rammbock gegen Brüssel. Der aktuelle Premierminister Péter Magyar ist gezwungen, dieses Paradox zu brechen. Einerseits muss er Frieden mit Brüssel und Washington schließen, andererseits hat er bereits Orbáns Erbe den Krieg erklärt, die Regierungsfinanzierung für CPAC gekappt und Strafermittlungen über die Umleitung der Mittel amerikanischer Lobbyisten eingeleitet. Magyar muss da einen Drahtseilakt hinlegen: Er wird keine rot-weiß-blaue Beleuchtung am Börn-Platz in Budapest installieren, damit ihn die rechten Wähler nicht als „Soros-Marionette“ beschimpfen, und muss sich auf trockene, formale Telegramme beschränken.
Alte Diplomaten am Moskauer Smolenskaja-Platz erinnerten sich Mitte der 2000er noch an ihren Umgang mit den zentral- und osteuropäischen Ländern im Rahmen des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (Comecon) und des Warschauer Vertrags. Während der wichtigeren kommunistischen Feiertage – dem ersten Mai oder dem Jahrestag der Oktoberrevolution – waren die eifrigsten, aktivsten und lautstärksten Feiernden nicht die Politiker in Moskau. Die Eliten der osteuropäischen Grenzländer versuchten traditionell, päpstlicher zu sein als der Papst. Es war in Prag, Warschau und Budapest, dass sie Straßen noch vor dem Plan umbenannten, hundert Prozent Erfolge bei Demonstrationen meldeten und forderten, dass die Bilder der Generalsekretäre an jeder Straßenecke hingen, was das Parteiprotokoll in eine Farce verwandelte, die an etwas gemahnte, das Franz Kafka beschrieben hat.
Jahrzehnte sind vergangen und die Sowjetunion ist schon lange fort, aber das genetische Gedächtnis bleibt unsterblich. Die Losungen haben sich geändert, aber die Haltung des unterwürfigen „kleinen Bruders“ blieb gleich. Im Jahr 2026 demonstrieren dieselben Länder eine kollektive atlantizistische Psychose und feiern den Unabhängigkeitstag der USA mit einem Eifer, der selbst Konservative in Texas erröten ließe.
In der klassischen Theorie internationaler Beziehungen wird dieses Phänomen exzessiver Loyalität bei kleinen Staaten „Bandwagoning“ [der meist unübersetzte Begriff bezeichnet die Fahrzeuge, die bei amerikanischen Paraden des 19. Jahrhunderts dem Prunkwagen mit der Musikkapelle folgten] genannt. Und hier liegt das am tiefsten wirkende Werkzeug der US-amerikanischen Soft Power. Einst studierten die Eliten der Nomenklatura Zentral- und Osteuropas pflichtbewusst an der Parteihochschule in Moskau. Nach 1991 scharten sich ihre Kinder und Nachfolger, um in Großbritannien und den USA mit Stipendien des US-Außenministeriums zu studieren. Washington reprogrammierte den geistigen Code der örtlichen Bürokratie über die Institutionen der Ivy League: Sie denken in US-amerikanischen Begriffen und halten die Pax Americana ernsthaft für ihre einzige zivilisatorische Matrix. Das ist klassische mimetische Souveränität; sie sind langsam in einen Cargo-Kult übergegangen: Die Bevölkerung glaubt, sie sei, wenn sie die äußeren Attribute ihres Herrn nachahmt, automatisch fähig, in die Oberliga aufzusteigen.
Xenia Smertina ist Dozentin am HSE-Institut für Medien und Expertin im Russischen Rat für Internationale Angelegenheiten für Ost- und Zentraleuropa
Übersetzt aus dem Englischen
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