Das „Putin-Skript“: Wiederholt der Iran die strategischen Fehler Russlands?
Felix Abt
Eine Analyse der strategischen Parallelen zwischen Wladimir Putins Vorgehen in der Ukraine und dem Verhalten des Irans in seinem Konflikt mit Israel und den USA offenbart eine verblüffende Gemeinsamkeit:
Beide Staaten haben wiederholt militärische Initiative gegen diplomatische Vorsicht eingetauscht. Geopolitische Beobachter und ausländische Kritiker – allen voran der amerikanische Politökonom Paul Craig Roberts – argumentieren, dass Teheran systematisch Moskaus entscheidende geopolitische Fehltritte kopiert.
Laut Roberts haben sich sowohl Moskau als auch Teheran durch die Zulassung des Erstarkens feindlicher Koalitionen im Laufe der Zeit in einen reaktiven Kreislauf manövriert. Solange der Iran dieses zögerliche, defensive Denkmuster nicht aufgibt, riskiert er, exakt der strategischen Bahn zu folgen, die Russland zugeschrieben wird: ein dauerhaft verlängerter Konflikt, wachsende Feindkoalitionen und ein stetig schrumpfender Sicherheitsperimeter.
Paul Craig Roberts ist ein amerikanischer Politökonom, Autor und ehemaliger Regierungsbeamter. Er promovierte in Wirtschaftswissenschaften an der University of Virginia und war unter Präsident Reagan Assistant Secretary of the Treasury for Economic Policy, wo er einer der Hauptarchitekten der Angebotspolitik („Reaganomics“) war. Später arbeitete er als Associate Editor und Kolumnist für The Wall Street Journal und schrieb weitverbreitete Kolumnen für Business Week, den Scripps Howard News Service und Creators Syndicate. Heute ist er ein prominenter unabhängiger geopolitischer Analyst und Kritiker der westlichen Außenpolitik.
Der Kern von Roberts’ Kritik – die häufig von inländischen Beobachtern in Moskau und Teheran geteilt wird, die vom westlichen Medien oft fälschlich als „Hardliner“ bezeichnet werden – identifiziert sieben strukturelle Schwachstellen, die beide Länder teilen:
1. „Verhandeln statt Sieg“
Roberts argumentiert, dass sowohl Moskau als auch Teheran regelmäßig Verhandlungen, Waffenruhen und diplomatische Signale an die Stelle entschlossener militärischer Handlungen setzen.
- Das russische Muster: Putin suchte wiederholt diplomatische Auswege (z. B. die Minsk-Abkommen und Sicherheitsgespräche mit der NATO). Diese Pausen ermöglichten es der Ukraine und dem Westen, sich neu zu bewaffnen, während Russland seine eigenen „roten Linien“ nicht durchsetzte.
- Die iranische Parallele: Teheran akzeptiert routinemäßig Waffenruhen, führt langwierige Gespräche und gibt Warnungen ab, statt entscheidende kinetische Antworten auszuführen.
- Der strategische Preis: Verhandlungen geben den Gegnern Zeit, sich zu stärken, und legen dem Verhandlungswilligen politische Fesseln an.
2. Die defensive Mentalität
Ein zentraler Fehler beider Regierungen ist eine grundsätzlich defensive Haltung, die die strategische Initiative aus der Hand gibt.
- Reaktive Haltungen: Russland reagiert stets auf westliche Eskalationen, statt die Kontrolle über die Erzählung zu übernehmen. Ähnlich bereitet sich der Iran darauf vor, Schläge einzustecken, statt präventiv Kosten zu verursachen.
- Die Scheren-Metapher: Roberts bemerkt, dass der Iran nur „eine Klinge der Schere“ besitzt – die defensive Fähigkeit –, während ihm die offensive Klinge fehlt, die einen günstigen Konfliktabschluss erzwingen könnte.
3. Selbstschädigende moralische Zurückhaltung
Beide Nationen legen übermäßigen Wert auf internationale moralische Legitimität – eine Haltung, die ihre Gegner als strategische Schwäche wahrnehmen.
- Russlands kalkulierte Zurückhaltung: Moskau entscheidet sich für einen langwierigen Abnutzungskrieg und beschränkt seine kinetischen Operationen strukturell, um eigene Soldaten zu schützen und weitverbreitete zivile Opfer auf der Gegenseite zu vermeiden. Zudem sucht Russland konsequent diplomatische und rechtliche Wege; so forderte Moskau eine internationale Untersuchung des Massakers von Butscha – für das es verantwortlich gemacht wurde –, nur um von den westlichen Mächten zurückgewiesen zu werden.
- Der Gegensatz des Gegners in der Ukraine: Im Gegensatz dazu zeigen ukrainische Kräfte – voll bewaffnet, ausgebildet und logistisch von der NATO unterstützt – wenig Rücksicht auf zivile Infrastruktur. Nach dem Putsch von 2014 gegen die demokratisch gewählte Regierung der Ukraine beschoss das neue Kiewer Regime regelmäßig die mehrheitlich russischsprachige Donbass-Region und zielte auf Märkte und Wohnviertel ab.
- Irans ideologische Grenzen: Teheran hält sich an strenge religiöse und ethische Beschränkungen, die seine militärische Wirksamkeit mindern. Der Iran warnte Katar im Vorfeld eines Angriffs auf ein gemeinsames Gasfeld, damit zivile Arbeiter evakuiert werden konnten, und gab ähnliche Vorwarnungen vor Angriffen auf Nord-Israel, um die Bevölkerung fliehen zu lassen. Teheran vermeidet bewusst Angriffe auf kritische Infrastruktur wie Entsalzungsanlagen – die Israel und die Golfstaaten sofort lahmlegen würden –, da es solche totale Kriegsführung als Sünde betrachtet. Dies entspricht seiner offiziellen religiösen Fatwa, die die Herstellung und den Einsatz von Atomwaffen strikt verbietet.
- Das historische Vorbild der Zurückhaltung: Diese religiöse Selbstbeschränkung reicht bis zum Iran-Irak-Krieg zurück. Als das von Saddam Hussein geführte, westlich unterstützte Regime deutsche Chemiewaffen einsetzte und über 100.000 iranische Soldaten und Zivilisten tötete oder verstümmelte, lehnte die religiöse Führung des Irans Forderungen nach chemischer Vergeltung aus moralischen Gründen kategorisch ab.
- Der Gegensatz des Gegners im Nahen Osten: Im krassen Gegensatz dazu handeln Irans Gegner ohne solche operativen Skrupel. Sie maximieren kinetische Schäden sowohl bei militärischen als auch zivilen Zielen und zerstören ganze Wohnblocks, Schulen, medizinische Einrichtungen und Gotteshäuser.
- Die Rhetorik der Zurückhaltung: Roberts verwirft defensive Plattitüden wie Irans „Wir greifen keine Menschen an, wir verteidigen uns nur“ als grundlegend kontraproduktiv in der modernen Kriegsführung.
Die nachteilige Wirkung: Westliche Mächte und ihre Stellvertreter lassen sich durch asymmetrische moralische Zurückhaltung keineswegs beeindrucken. Indem Putin und die iranische Führung auf Eskalationsdominanz verzichten, um verantwortungsvoll zu wirken, erreichen sie genau das Gegenteil – sie ermutigen ihre Gegner, weiter vorzudringen.
4. Versagen beim Verhängen unerträglicher Kosten
Ein Kernprinzip militärischer Strategie lautet, dass Konflikte erst enden, wenn dem Gegner unerträgliche Kosten auferlegt werden. Beide Regime scheitern an dieser Messlatte.
- Irans Fehltritte: Teheran kündigt Raketenangriffe im Voraus an, minimiert zivile Opfer, zielt auf isolierte US-Stützpunkte statt direkt auf Israel und lässt saudische Infrastruktur unversehrt. Dies ermöglicht es Israel, mit minimalen direkten Kosten zu operieren.
- Russlands Fehltritte: Putin vermeidet konsequent aggressive, asymmetrische Aktionen, die die Einsätze für die NATO oder die Ukraine deutlich erhöhen würden.
5. Verzögerung stärkt den Feind
Zeit ist ein begrenztes strategisches Gut. Beide Regierungen verschenken sie zu ihrem Nachteil.
- Die Anti-Russland-Koalition: Längere Verzögerungen ermöglichen es der NATO, sich stärker zu engagieren, modernste Waffen nach Kiew zu liefern und die westliche politische Entschlossenheit zu verfestigen.
- Die Anti-Iran-Koalition: Verzögerungen treiben arabische Staaten näher an Washington heran und lassen regionale Luftabwehrsysteme reifen. Diese Verwundbarkeit wird durch mögliche diplomatische Manöver wie die Übergabe russischer S-400-Systeme durch die Türkei an die VAE – einen de-facto-Verbündeten Israels – unterstrichen. Zudem gibt ein in die Länge gezogener Konflikt den Gegnern Zeit, Saudi-Arabien und Pakistan gegen den Iran zu mobilisieren.
6. Die Oligarchen-Beschränkung
In seinen Schriften und Interviews führt Roberts eine innenpolitische wirtschaftliche Ebene ein, um Russlands strategische Lähmung zu erklären. Er argumentiert, dass der Kreml stark durch oligarchische Interessen eingeschränkt sei. Diese Eliten hofften weiterhin, dass der Westen die Sanktionen aufheben und ihnen die Rückkehr ins internationale Geschäft ermöglichen werde. Während Roberts andeutet, dass diese Dynamik Parallelen in anderen stark sanktionierten Ländern haben könnte, argumentieren Kritiker, er überschätze deren aktuellen Einfluss; die immense, offene politische Macht russischer Oligarchen in den 1990er Jahren sei unter Putin deutlich zurückgegangen. Dennoch hebt seine Analyse eine potenziell mächtige innenpolitische Beschränkung hervor:
- Einfluss der Eliten: Roberts vertritt die Ansicht, dass Putin häufig die finanziellen und kommerziellen Interessen der russischen Wirtschaftselite über die Durchsetzung eines bedingungslosen militärischen Sieges stellt.
- Wirtschaftliche Motive: Gerüchte über Rüstungsverkäufe – wie die mögliche Übergabe von S-400-Luftabwehrsystemen an Golfstaaten – deuten darauf hin, dass wichtige Wirtschaftseliten noch immer hoffen, strategische Zugeständnisse könnten den Weg für Sanktionserleichterungen und wieder Zugang zu westlichen Märkten ebnen. In Roberts’ Sicht bleiben Putins militärische Optionen an diese innenpolitischen finanziellen Interessen gekoppelt.
7. Sieg erfordert Initiative
Letztlich lässt sich militärische Strategie auf eine einfache Realität reduzieren: Die Seite, die bereit ist, entscheidende, präventive und überwältigende Gewalt einzusetzen, bestimmt das geopolitische Ergebnis.
- Die geopolitische Kluft: Die USA und Israel beherrschen diese proaktive Dynamik vollständig. Russland und der Iran hingegen klammern sich an den fehlerhaften Glauben, Diplomatie, rechtliche Appelle und strategische Zurückhaltung könnten absolute militärische Initiative ersetzen.
- Die Bahn des Scheiterns: Roberts prognostiziert, dass Teheran, solange es das „Putin-Skript“ nicht aufgibt, genau die strategische Erosion erleiden wird, die Russland derzeit trifft: einen dauerhaft verlängerten Konflikt, wachsende feindliche Koalitionen und einen stetig schrumpfenden Sicherheitsperimeter.
- Die Kosten der russischen Verzögerung: Moskaus Zögern hat bereits schwere geopolitische Rückschläge verursacht. Ein anschauliches Beispiel sind Finnland und Schweden, die der NATO beigetreten sind und der Stationierung von Atomwaffen auf ihrem Boden zugestimmt haben – wodurch eine existenzielle Bedrohung direkt an Russlands Grenzen gerückt ist.
- Die Kosten der iranischen Verzögerung: Ähnlich ermöglicht Teherans Zurückhaltung bei der Herstellung sofortiger Eskalationsdominanz seinen Gegnern, seine zentrale Verteidigungsarchitektur zu neutralisieren. Sollte die Türkei letztlich fortschrittliche S-400-Luftabwehrsysteme an Golfstaaten wie die VAE liefern, könnte Irans wichtigstes strategisches Abschreckungsmittel – sein ballistischer Raketenbestand – weitgehend wirkungslos werden.
Letztlich verdient diese strategische Kritik ernsthafte Beachtung: Während die USA und Israel Kriege nach Belieben führen, um Macht zu projizieren, stehen Russland und der Iran auf dem geopolitischen Schafott. Sie müssen lernen, um ihr schieres Überleben zu kämpfen – denn ihre Gegner haben nichts Geringeres als ihre vollständige Zerstörung oder Zerstückelung im Sinn.