Blutbad beim CSD: Terror oder Amok? Von Paul Clemente

Tatort: Tiergarten, Berlin. 22 Uhr. Der Tag hatte abgedankt und mit ihm der Christopher Street-Day. Die Abschlussrede und das Sarah Connor- Konzert waren durch. Die After Show-Party konnte starten.

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Ein Kommentar von Paul Clemente.

Tatort: Tiergarten, Berlin. 22 Uhr. Der Tag hatte abgedankt und mit ihm der Christopher Street-Day. Die Abschlussrede und das Sarah Connor-Konzert waren durch. Die After Show-Party konnte starten. Dann aber, urplötzlich, leuchtete auf der Videoleinwand am Brandenburger Tor das Wort „Evakuierung“. Eine Stimme forderte durch den Lautsprecher: Die Veranstaltung ist postwendend zu verlassen. Aber nicht in Richtung Siegessäule, sondern zu den U-Bahneingängen am Brandenburger Tor. Sogar in sozialen Medien ploppte die Aufforderung: „Bitte geht nach Hause. Der CSD ist abgebrochen.“ – Was war passiert?

Tatsächlich tobte der Terror nur wenige hundert Meter entfernt. Aber im Gedränge, in der Klangsuppe der Lautsprecher haben Schreie keine Chance. Es brach herein, ohne Vorwarnung: Nahe der Siegessäule fuhr ein weißer Minivan in die Menge. Überrollte. Zerquetschte. Eine Frau starb, 29 weitere Besucher wurden verletzt. Der Wagen raste gegen einen Baum, der mutmaßliche Täter sprang aus dem geschrotteten Fahrzeug, traktierte die gestürzten Personen mit Stichwerkzeugen. Zeugen nannten „Messer“ oder „Machete“ als Tatwaffe. Ungeklärt auch, ob der Täter einen Beifahrer, einen Komplizen zur Seite hatte. Medialen Spekulationen über einen iranischen Mitstreiter fehlt die Bestätigung.

Wer aber war der mutmaßliche Täter? Sein Name lautete Abdul Ballout. Kein Promi, aber kein Unbekannter für die Polizei: 2005 als Sohn libanesischer Einwanderer in Berlin-Neukölln geboren. Bis zu dem Attentat wohnte er dort in der Wohnung seiner Schwester und bei seiner geschiedenen Mutter in Schöneberg. Bereits am frühen Sonntag hatten Polizeibeamte beide Unterkünfte durchsucht. Vergeblich. Eine Nachbarin erzählte der Bild-Zeitung, sie habe mit Abdul Ballout die gleiche Grundschule besucht. Er sei ein stiller Mensch, habe sich aber mit „merkwürdigen Leuten“ getroffen. Die gehören, so ihre Vermutung, zur Islamisten-Szene. Bei denen sei auch der CSD nicht so gut angekommen.

Schon mehrfach war Abdul Ballout durch Straftaten wie Körperverletzung oder Raub aufgefallen. Im letzten Jahr beauftragte ihn der IS mit einem Anschlag in Syrien. Einreisen sollte er über den Libanon. Dort aber hatten die Behörden von seiner „Mission“ Wind bekommen. Er wurde vom Militärgericht zu einer dreimonatigen Haft verdonnert. Danach: Rückflug in die Bundesrepublik. Dort erwartete den 20-jährigen eine weitere Untersuchungshaft.

Die hiesige Staatsanwaltschaft forderte: Drei Jahre Knast wegen Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat. Das Amtsgericht Tiergarten ließ jedoch Gnade walten und verdonnerte Ballout im vergangenen Mai zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung. Allerdings musste er an einem Deradikalisierungs -Programm teilnehmen. Erster Termin wäre heute, am Montag gewesen.

Eine Frage steht allerdings noch im Raum: Wie erriet die Polizei so schnell die Identität des Täters? Sicherheitskameras gab es am Tatort nicht. Und ob ein Smartphone-Besitzer die Coolness besaß, die Bluttat mitzuschneiden, ist bislang nicht bekannt. Also woher? Die Berliner Zeitung weiß es: Der Täter habe sein Handy im Auto liegen lassen… Kommt einem irgendwie bekannt vor.

Die Kommentare, ob von Politikern oder Journalisten, bewegten sich im abschätzbaren Rahmen. So erklärt Berlins Bürgermeister Kai Wegner: Man habe einen wunderbaren CSD gehabt. Mit Gästen, die

„die Vielfalt dieser Stadt gefeiert haben, die Weltoffenheit, die Freiheit. Ja, auch die Liebe“.

Er bedankte sich bei Feuerwehr und Polizei, die so schnell vor Ort waren. Man werde sich diese Art des Lebens und Zusammenlebens nicht nehmen lassen.

Ähnlich der FAZ-Kommentar:

„Der Angriff im Berliner Tiergarten trifft nicht nur den Christopher Street Day. Er trifft uns alle. Wehren können wir uns nur auf eine Weise: durch Zusammenstehen.

Bei der Verteidigung der Freiheit helfe kein Hass, sondern nur das Entgegenstellen in Zorn, Trauer und Zusammenhalt.

Bundeskanzler Friedrich Merz sprach von einer „abscheulichen Tat“ in Berlin.

„Hunderttausende Menschen aus aller Welt feierten friedlich beim Christopher Street Day. Sie wollten, dass wir gut und tolerant miteinander umgehen. Das ist ein Angriff auf unsere Gesellschaft“.

Konservative Medien warben bei der Gelegenheit für Konzepte wie Einwanderungsstopp und Remigration, während die Linke klarstellt, wo das eigentliche Problem liegt:

„An alle rechten Spinner hier: die Gefahr geht von euch aus. Nicht von Ausländern. Migrant*Innen kämpfen Seite an Seite bei den CSDs mit uns, sind zum Teil selbst queer…“

Auch n-tv weiß:

„Die queere Community fühlt sich natürlich vor allen Dingen von rechten Kräften bedroht.“

Mit anderen Worten: Von jeder Front das Erwartete. So läuft diese Debatte schon seit Jahrzehnten. Irgendein neuer Erkenntnisgewinn?

Vielleicht sollte man all diese eingefahrenen Deutungsmodelle entsorgen und einen neuen Bezugspunkt suchen. Beispielsweise in den USA. Dort greifen junge Verlierer, still, schüchtern und introvertiert, gerne mal zur Waffe und ballern nieder, was ihnen vor die Wumme kommt. Bei Amokläufen geht es nicht um Abrechnung mit einer bestimmten Person. Alles reduziert sich auf die Formel: Ich-gegen-den-Rest-der-Welt.

Für ihren mörderischen und suizidalen Showdown zitieren Amoklaufläufer die Symbole der Populärkultur. Beispiel: Ein 22-jähriger Amokläufer, der 2012 im US-Staat Oregon in die Menge ballerte und dabei eine Jason Vorhees-Maske trug, dem Serienkiller aus den „Freitag der 13.“-Filmen. Das Leben des jungen Grusel-Fans: Ein einziger Frust: Mit der Bluttat heilte er sein zerstörtes Ego für wenige Momente, bis er sich im Grand Finale suizidierte.

Könnte das nicht auch auf zahlreiche Selbstmord-Attentäter zutreffen? Darunter auch Abdul Ballout? Man muss sich doch fragen: Was treibt junge Männer zum IS? Einem Männerbund, der nichts bietet als endlose Horror-Trips. Nichts als archaische Opferung von Menschenleben. So dass jemand, der im Leben unter die Räder kam, auch mal andere überfahren darf? Weil die angeblich unter ihm stehen?

Amerikanische Amokläufer sterben meist am Tag ihres „großen Auftritts“. Durch eigene Kugeln oder die eines Polizisten. Abdul Ballout starb einen Tag nach dem Anschlag: In einer Kleingartenanlage verschanzt, attackierte er die Polizeibeamten mit einem Stechgegenstand. Die eröffneten daraufhin das Feuer. Um 18:34 Uhr war Ballout tot.

In den USA begann die Amokwelle wesentlich früher als hierzulande. Vielleicht, weil europäische Staaten auch Verlierer zumindest so weit auffingen, dass sie kaum zum Äußersten griffen. Diese Stütze scheint weggebrochen.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: Berlin Deutschland, 22. Juli 2023: Hunderttausende Menschen feiern und protestieren auf der 45. CSD gegen Diskriminierung und für mehr Toleranz und Vielfalt

Bildquelle: Mo Photography Berlin / Shutterstock

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