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Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Als Donald Trump kürzlich erstmals von einer „eurasischen Achse" sprach – China, Russland, Iran, Nordkorea –, war das mehr als eine rhetorische Fußnote. Pepe Escobar hat den Begriff in seinem jüngsten Briefing bei Transition Protocol (25./26.
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Als Donald Trump kürzlich erstmals von einer „eurasischen Achse“ sprach – China, Russland, Iran, Nordkorea –, war das mehr als eine rhetorische Fußnote. Pepe Escobar hat den Begriff in seinem jüngsten Briefing bei Transition Protocol (25./26.7.) aufgegriffen und eingeordnet: Washington greift damit unfreiwillig ein Phänomen auf, das sich seit Jahren verdichtet, aber bislang kaum benannt wurde.
Von der „Achse des Bösen“ zur „eurasischen Achse“
Die „Achse des Bösen“ von 2002 fasste Iran, Irak und Nordkorea unter einem gemeinsamen Feindbild zusammen. Das Modell dahinter war NATO-förmig gedacht: Man sucht nach Verträgen, Mitgliedslisten, Kommandostrukturen. Genau das ist laut Escobar bei der heutigen Konstellation nicht zu finden – und genau das macht sie schwerer greifbar. An die Stelle des Irak sind China und Russland getreten, Nordkorea bleibt bestehen. Doch entstanden ist kein geschlossenes Bündnis mit Gründungsvertrag, sondern ein Netzwerk überlappender bilateraler Beziehungen: strategische Partnerschaften, Energieverbindungen, diplomatische Kanäle, wirtschaftliche Verflechtung. China unterhält enge Beziehungen zu Russland und Iran, Russland zu China und Iran, Iran zu beiden, Nordkorea zu Russland und China. Pakistan wiederum tritt als Vermittler zwischen Iran und den arabischen Golfstaaten auf – nach Escobars Darstellung mit chinesischer Rückendeckung.
Die SCO als Beispiel
Wie diese Logik in der Praxis funktioniert, zeigte sich laut Escobar bei dem Außenminister-Treffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) in Kirgisistan in dieser Woche. Die SCO wurde im Juni 2001 – drei Monate vor dem 11. September – als „Shanghai 5″ gegründet, ursprünglich zur Bekämpfung von Terrorismus und Separatismus in Zentralasien. Heute, so Escobar, ist sie vor allem eine geopolitische und geoökonomische Plattform, ausdrücklich kein Militärbündnis: Eine Struktur nach dem Vorbild einer „asiatischen NATO“ gilt Moskau und Peking als unnötige Provokation gegenüber den USA. Bei dem Treffen saßen die Außenminister Irans, Russlands, Chinas und Pakistans an einem Tisch, dazu bilaterale Gespräche am Rande – etwa zwischen dem iranischen Außenminister Araghchi und seinem russischen und chinesischen Amtskollegen. Indien war zwar anwesend, spielte laut Escobar aber eine untergeordnete Rolle.
Nach Wang Yis Angaben unterstützt China ausdrücklich die Vermittlungsbemühungen Pakistans zwischen Iran und den USA und drängt beide Seiten, zum unterzeichneten Memorandum of Understanding zurückzukehren – ein Signal, das sich laut Escobar auch an die Golfkooperationsstaaten richtet, mit denen China enge Energiebeziehungen unterhält, insbesondere im Ölimport aus Saudi-Arabien.
Iran als Knotenpunkt einer festgefahrenen Eskalation
Den Hintergrund bildet die andauernde Eskalation zwischen den USA und Iran seit Ende Februar. Nach Angaben von Larry Johnson hat Iran mittlerweile die bodengestützten Radarstationen der USA in der Region zerstört – auf dem Luftwaffenstützpunkt Al Udeid in Katar, auf verschiedenen Stützpunkten in Kuwait sowie am Hauptquartier der 5. Flotte in Bahrain. Die USA seien dadurch faktisch auf Aufklärungsflugzeuge vom Typ P-8 angewiesen, um die entstandene Aufklärungslücke zu kompensieren. Das Führungshauptquartier des Air Force Central Command musste von Al Udeid auf die Shaw Air Force Base in South Carolina verlegt werden. Johnson berichtet zudem von ausbleibender Kommunikation zwischen den relevanten Kommandostellen als Indiz dafür, dass ein groß angelegter US-Luftschlag kurzfristig nicht vorbereitet wird.
Parallel dazu eskalierte der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und den jemenitischen Ansar Allah (Houthi): Nach einem Angriff auf eine Trauerdelegation in Sanaa reagierten die Houthi mit einer Blockade saudischer Öllieferungen durch die Meerenge Bab al-Mandab und griffen anschließend die – nach Escobars Angaben modernste – Ölraffinerie Jizan an, die Saudi Aramco gehört; Schätzungen zufolge dürfte die Anlage mehrere Monate ausfallen. Ein möglicher Angriff auf die Ölhäfen von Yanbu steht laut Escobar als weitere Eskalationsstufe im Raum.
Vor diesem Hintergrund berichten Escobar und Johnson, dass sich die Position Teherans nicht verändert habe: Man sei zur Diplomatie bereit, sofern die USA ihre eigenen Verpflichtungen aus dem Memorandum of Understanding einhalten – eine Formel, die laut den beiden Autoren in den vergangenen Wochen wiederholt über pakistanische Vermittlung an Washington herangetragen wurde.
Die „Unteilbarkeit der Sicherheit“
Ein Begriff, den Escobar für zentral hält, ist die „Unteilbarkeit der Sicherheit“ – die Vorstellung, dass die Sicherheit eines Staates nicht dauerhaft auf Kosten der Sicherheit seiner Nachbarn organisiert werden kann. Dieses Konzept, so Escobar, sei in der eurasischen Diplomatie handlungsleitend, im US-amerikanischen Sicherheitsdenken aber praktisch unbekannt. Das amerikanische Sicherheitssystem beruht seit 1945 auf einem Netz von Stützpunkten und Bündnisverpflichtungen, das die eigene Position tendenziell relativ zur Schwächung anderer definiert. Ein Konzept, das genau diese Prämisse infrage stellt, lässt sich mit den etablierten Kategorien kaum verarbeiten.
Verschiebung nach Westasien statt Ukraine
Escobars vielleicht bemerkenswerteste These betrifft den Ort der eigentlichen geopolitischen Verschiebung. Lange galt die Ukraine als der Schauplatz, an dem sich die neue eurasische Landkarte entscheidet. Escobar sieht den entscheidenden Bruchpunkt inzwischen in Westasien: an der Straße von Hormus, im Roten Meer, in der Diplomatie zwischen Teheran, Islamabad und Peking. Er verortet den Beginn dieser eurasischen Integration in den 2000er-Jahren, mit zunehmender Dynamik in den 2010er- und beschleunigtem Tempo in den 2020er-Jahren – ein Prozess, dessen Konsolidierung er auf die 2030er- bis 2040er-Jahre datiert.
Ob man diese Zeiteinschätzung teilt oder nicht: Sie lenkt den Blick auf eine Verschiebung, die sich derzeit weniger entlang der ukrainischen Front als entlang der Handels- und Energiekorridore des Golfs vollzieht – ein Bild, das sich mit den Beobachtungen zu Hormus-Blockadelogik und Golf-Diplomatie der vergangenen Wochen deckt.
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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: US-Präsident Donald Trump
Bildquelle: lev radin / shutterstock