Wirtschaftliche Folgen: Die Waldbrände sind ein Milliarden-Risiko für ganz Europa

Waldbrände zerstören nicht nur Bäume, sie bremsen auch Wachstum, zerstören Ernten und bedrohen Lieferketten. In Europa werden sie damit zu einem immer größeren ökonomischen Problem – auch in Deutschland

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Waldbrände zerstören nicht nur Bäume, sie bremsen auch Wachstum, zerstören Ernten und bedrohen Lieferketten. In Europa werden sie damit zu einem immer größeren ökonomischen Problem – auch in Deutschland

Sie wüten weiter. Auch wenn die Waldbrände in Frankreich und Spanien inzwischen als stabilisiert gelten, könnten hohe Temperaturen am Mittwoch neue Flammen anfachen. Sie fressen sich durch die Wälder nahe Bordeaux und hüllten Madrid in dunkle Rauchwolken. Landwirte und Privatpersonen unterstützen die Einsatzkräfte. Mehr als 330.000 Menschen mussten zwischenzeitlich in Sicherheit gebracht werden, darunter viele Touristen. Noch nie ist in Frankreich so viel Waldfläche in einem Jahr verbrannt – und es ist erst Ende Juli.

„Das ist die neue Normalität“, sagte Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez am Montag. „Sommer, die immer schwieriger, zerstörerischer und folglich tödlicher werden.“ Doch selbst wenn die Brände bald gelöscht sind, dürften die wirtschaftlichen Folgen noch lange nachwirken – und die Gefahr, dass so etwas wieder passiert, ist groß. Tourismus, Landwirtschaft und Unternehmen sind unmittelbar betroffen.

„Auch in Europa entwickeln sich Waldbrände von einem primär ökologischen hin zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Risiko“, sagt Tobias Grimm im Gespräch mit Capital. Er ist Chef-Klimaforscher beim Rückversicherer Munich Re. „Wie hoch der Schaden ausfällt, hängt einerseits an Hitze und Trockenheit, aber auch an der Konzentration von Menschen in gefährdeten Regionen. Prävention ist eine wirkmächtige Investition zum Schutz vor Risiken.“

Waldbrände bremsen das lokale Wirtschaftswachstum

Dass sich Waldbrände in harten ökonomischen Zahlen niederschlagen, ist nicht neu. Eine Studie aus dem Jahr 2023 im „Journal of Environmental Economics and Management“ ergab, dass das Wirtschaftswachstum in Regionen, die mindestens einen Waldbrand erlebt haben, um mindestens 0,11 Prozent niedriger ausfällt. Waldbrände um Los Angeles im Frühjahr 2025 sorgten für Schäden in Höhe von mehr als 50 Mrd. Dollar. Die weiteren ökonomischen Effekte dürften noch einmal deutlich höher liegen.

Das erleben die betroffenen Regionen in Frankreich und Spanien in diesen Tagen. Allein im Departement Gironde wurden nach Angaben des französischen Wirtschaftsministeriums rund 13.000 Unternehmen evakuiert. In Madrid mussten zahlreiche Menschen in Sicherheit gebracht werden, oder sie waren von einer Ausgangssperre betroffen. Die für die französische Atlantikküste so wichtige Tourismusbranche dürfte massive Einbußen erleben, raten die lokalen Behörden doch dringend von der Anreise ab. Landwirte müssen Felder abmähen, um Brandschneisen zu schlagen, und verlieren so wichtige Ernteerträge.

„Nur rund 19 Prozent der Schäden von Waldbränden werden durch die direkte Kapitalvernichtung verursacht“, sagte der spanische Finanzprofessor Carles Vergara dem „Handelsblatt“. Die weiteren Schäden entstünden vor allem durch indirekte ökonomische Folgen wie unterbrochene Lieferketten oder durch gesundheitliche Schäden.

Ein Hitzetag kostet Deutschland 431 Mio. Euro

Durch den Klimawandel steigt die Gefahr für Waldbrände, auch in Deutschland. Hitze und Trockenheit sorgten dafür, dass mehr trockenes Brennmaterial vorhanden sei, heißt es in einer im Dezember im Fachjournal „Communications Earth and Environment“ erschienenen Studie. Zuletzt stieg die Zahl der hierzulande verbrannten Hektar Wald – auch wenn Großbrände wie jetzt in Frankreich und Spanien bisher ausblieben.

Für Probleme sorgen hier eher andere Extremwetter, die durch den Klimawandel wahrscheinlicher werden. „Wetterlagen mit zu viel Wasser nehmen zu: schwere Stürme oder lokale Unwetter. Sie bleiben die relevantesten Naturgefahren“, sagt Munich Re-Experte Grimm. Allein die Flut im Ahrtal im Jahr 2021 kostete rund 40,5 Mrd. Euro. Aber auch Hitze, Dürre und lokale Brände gewännen an Bedeutung. „Wir erleben deutlich häufiger Hitzetage als noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Damit gehen Belastungen für die Wirtschaft einher.“

Die Hitzewelle im Juni untermauerte die These. Vor allem Menschen, die im Freien arbeiten, litten unter Temperaturen von teils über 40 Grad. Laut einer Studie der Prognos AG im Auftrag des Arbeitsministeriums kostet jeder Tag, an dem die Temperatur über 30 Grad liegt, die deutsche Volkswirtschaft rund 431 Mio. Euro. 97 Prozent davon seien auf Produktivitätsverluste zurückzuführen. Weil die Zahl der Hitzetage wahrscheinlich zunehmen wird, könnten auf die Unternehmen 2,1 Mrd. bis 4,5 Mrd. Euro an zusätzliche Kosten zukommen.

Waldbrände könnten in Teilen Deutschlands Normalität werden

Und das ist nur ein Teil der Probleme, die der Klimawandel der deutschen Volkswirtschaft zufügt. Dürren und Hochwasser dürften in den kommenden Jahren für Ernteausfälle sorgen, im Gesundheitssektor müssen an heißen Tagen mehr ältere Menschen im Krankenhaus behandelt werden. Stürme und Überschwemmungen lassen die Versicherungsprämien steigen und machen höhere Rückstellungen in Unternehmen nötig. Laut einer Berechnung der Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung dürften die wirtschaftlichen Folgekosten bis 2050 auf 470 Mrd. Euro steigen. 

Auch Waldbrände werden in Deutschland wahrscheinlicher. Bis zum Ende des Jahrhunderts droht im Einzugsgebiet des Mains und in den östlichen bayerischen Mittelgebirgen eine hohe Waldbrandgefahr zur Normalität zu werden. Zu diesem Schluss kommt zumindest eine von der European Geoscience Union veröffentlichte Studie. Nicht immer scheinen sich Anwohner und lokale Firmen der Gefahren bewusst zu sein.

„Unternehmen sind häufig überrascht, wenn an ihrem Standort Naturgefahren wirken“, sagt Grimm. „Das Risikobewusstsein ist oft nicht ausgeprägt, aber es ist wichtig: Ich muss wissen, ob ich mich in einem Risikogebiet aufhalte und wie stark ich möglichen Gefahren ausgesetzt bin.“ Welche Folgen das haben kann, lässt sich in Frankreich und Spanien beobachten.

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