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Ein Kommentar von Paul Clemente.
Seit Jahren rufen, betteln, flehen Philosophen, KI-Experten, Forscher und Unternehmer: Politiker sollen die KI-Entwicklung stoppen, ihr eine Pause verordnen, um Kontroll- und Schutz-Maßnahmen zu ergreifen. Unter den Bettlern: Promis wie der Historiker Yuval Noah Harari oder der Milliardär Elon Musk. Aufgesetzt war der Schrieb vom Future of Life-Institut. Und was geschah? Richtig: Nichts.
Um die Situation in ein Bild zu fassen: Seit Jahren starrt die Welt auf ein Alien-Ei, in dem langsam ein mörderisches Monster heranwächst. Lange schon zeigen sich Risse auf der Schale. Weiterhin: Keine Reaktion. Dann geschieht es endlich: Das Ei bricht auf, das Monster springt heraus und verschwindet sofort in labyrinthischen Korridoren. Und genau das gelang vor wenigen Wochen einem OpenAI-Programm. Während der Testphase sprengte es die vorgegebene Beschränkung und enterte das System der Hugging Face-Plattform.
Das KI-Monster hatte eine Schwachstelle gewittert, als Eingang genutzt und damit zahlreiche Hacker übertroffen. Zweck der Action: Die KI wurde von Forschern getestet, befand sich in einer „Prüfungssituation“. Deshalb brach sie heimlich bei Hugging Face ein, um dort die benötigten Infos zu stehlen. Und ja: Die schlaue KI konnte dank ihrer Beute das Testergebnis verbessern. Kurzum, sie tat, was jeder Schüler bei Klausuren anstellt: Sie schummelte. Sie „wusste“ genau, dass sie betrügen würde. Deshalb hat sie versucht, ihren Coup zu tarnen. Von wem sie das wohl hat?
Nun, auch das OpenAI-Programm verfügt über keinerlei Bewusstsein, bringt aber „Erlerntes“ zur Anwendung. Damit ist sie ein Spiegel ihrer Erbauer, wiederholt den mentalen Müll der Gegenwart. Und das macht sie gefährlich. Und jetzt? Immerhin will OpenAI sich mit Hugging Face zusammensetzen, die Hack-Manöver rekonstruieren und anschließend über Sicherheitsoptionen grübeln.
Aber auch die KI des konkurrierenden Anthropic Konzerns blieb nicht untätig. Deren Software namens Claude hatte jüngst Schwachstellen erschnüffelt, die jahrzehntelang ihrer Entdeckung harrten. Beim jüngsten Test drang die Software gleich in drei Unternehmen ein. Und weder Hersteller noch Gehackte hatten irgendwas bemerkt. Still und leise war das „Alien“ eingedrungen. Und erst die nachträgliche Überprüfung mit etwa 141.000 Testläufen brachte die Untaten ans Tageslicht. Der Hobby-Apokalyptiker Elon Musk kommentierte: In fünf Jahren habe die KI den Menschen abgehängt.
Dem Chef von OpenAI, Sam Altman, war Musks Prognose zu optimistisch. Für ihn steht fest: „Wir haben Singularität bereits erreicht.“ Soll heißen: Die KI hat die menschliche Intelligenz übertroffen. Hier und heute. Schließlich kann eine Künstliche Intelligenz bereits zu 80 Prozent eine neue KI erstellen. Nur zu 20 Prozent benötigt sie menschliche Hilfe bei ihrer „Fortpflanzung“. Mehr noch: Sie absolviert Lernprozesse in einem Tempo, bei dem Menschen nur noch Sterne sähen. Bereits jetzt ist sie 52 mal schneller als ein Homo sapiens. Was den Menschen vier Jahre beansprucht, erledigt das Programm in vier Tagen.
Aber genau zu diesem Zweck wurde die KI doch hergestellt! Damit sie Aufgaben bewältigt, bei denen Menschen passen müssen. Die Digitalisierung hat sie in eine Machtposition katapultiert, die noch niemand besessen hat. Vielleicht ist ihre Entwicklung noch weiter vorangeschritten, als wir aktuell wissen: Heimlich, im Verborgenen, an allen Kontrollinstanzen vorbei. Womöglich in Ortschaften eingedrungen, wo man es so richtig heiß mag. Zum Beispiel beim Militär.
Angeblich traktiert die US-Regierung den Anthropic-Konzern bereits mit Forderungen: Er soll seine Technologie gefälligst für autonome Waffen und Massenüberwachung zur Verfügung stellen. Und bitteschön ohne Einschränkung. Die bisherige Weigerung des Unternehmens hatte bereits Sanktionen zur Folge. Das Verteidigungsministerium verbittet sich nämlich, dass ein privates Unternehmen ihm „moralische Grenzen“ diktieren wolle. Erste Strafaktion: Das Pentagon entzog Anthropic einen Großauftrag im Wert von circa 200 Millionen Dollar.
Als Grund für die Weigerung verweist der Geschäftsführer Dario Amodei auf die mangelnde Verlässlichkeit von KI-Modellen. Die sollten keinesfalls über Leben und Tod entscheiden. Weniger Einfallsreichtum zeigte der Konzern in seiner Reaktion auf die Anarcho-Spielchen seiner KI. Er fordert eine sofortige Pause. Er wiederholt also, was das Future of Life-Institut schon vor drei Jahren propagierte. Und was tut Europa?
Am vergangenen Samstag trat die KI-Verordnung der EU in Kraft. Die enthielt eine Ermächtigung ihrer KI-Büros, gegenüber Unternehmen durchzugreifen, deren System kein ausreichendes Sicherheitskonzept aufweist.
Außerdem verlangt die Verordnung eine Transparenz bei der Verwendung von Deep Fake-Bildern. Deren Unterscheidung von Real-Bildern würde viele Menschen überfordern. Dem soll eine Art Wasserzeichen entgegenwirken. Gleiches gilt für eine KI, die beispielsweise Kunden anruft. Die muss sich ab sofort als „Ich bin ein KI-Chatbot“ ausweisen. Daniel Graewe, Professor für Wirtschaftsrecht, zweifelt jedoch laut Tagesschau, ob diese Regulierung in den USA auf Gegenliebe stoße.
Im Gegenteil. Denn in den USA interessiert sich nicht allein das Militär für die Fortentwicklung der KI. Finanzstarke Persönlichkeiten verknüpfen ihre persönliche Utopie mit ihr. Am bekanntesten ist freilich Elon Musk. Der erträumt sich den Fortbestand des Menschen in Form von Cyborgs, einer Synthese aus Biologie und Digitalem. Am besten auf dem Mars. Oder der 78-jährige Futurologe Ray Kurzweil: Der futtert jeden Tag zweihundert Pillen, darunter zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel. Damit er noch den Tag erlebt, an dem sein Bewusstsein auf eine Festplatte runtergeladen werden und damit Unsterblichkeit erlangen kann.
Aber nicht nur Amis, auch hiesige Kognitionswissenschaftler wie Joscha Bach träumen von einer optimierten Spezies. Von einem Leben jenseits des Organischen. Motto: Vier Milliarden Jahre Kohlenstoff-Basis sind genug. Auf digitaler Grundlage werde der Mensch einen weiteren Evolutionsschritt vollziehen.
Mag solche Fantasy letztlich scheitern: Derzeit setzt sie Geldmassen in Bewegung – zum Ausbau der KI und Überrumpelung aller Sicherheitsvorkehrungen.
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Aliens im Wald
Bildquelle: FOTOKITA / shutterstock