Brief aus Budapest #13: Medialer Epochenbruch | Von Gábor Stier

Ungarn ohne gedruckte überregionale Tageszeitung

Ein Meinungsbeitrag von Gábor Stier – aus dem Ungarischen übersetzt von Éva Péli.

Während sich die neue Regierung unter Peter Magyar ihrer ersten großen Bewährungsprobe ausgesetzt sah – der extremen Hitze und

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Ungarn ohne gedruckte überregionale Tageszeitung

Ein Meinungsbeitrag von Gábor Stier – aus dem Ungarischen übersetzt von Éva Péli.

Während sich die neue Regierung unter Peter Magyar ihrer ersten großen Bewährungsprobe ausgesetzt sah – der extremen Hitze und dem kritischen Sinkwasserstand der Donau, wodurch das Atomkraftwerk Paks in hastiger Manier fast komplett heruntergefahren werden musste –, fand sie in Person des einst vom Fidesz entlassenen ehemaligen Präsidenten des Obersten Gerichtshofs, András Baka, endlich einen Mann, der das Amt des Staatspräsidenten übernehmen wollte. Gleichzeitig setzt sich der steile Abstieg des Fidesz fort: Seit der Wahlniederlage hat Viktor Orbáns Partei schätzungsweise eine Million Wähler verloren, ihre Beliebtheit ist unter 20 Prozent eingebrochen, und in der geschrumpften Parlamentsfraktion jagt eine Personalrochade die nächste. Während Orbán den Parteivorsitz für ein Jahr übernommen hat, wollen manche bereits wissen, dass er sich auf eine internationale Rolle bei der UNO oder der FIFA vorbereitet.

Die einst so ruhmreiche Partei findet ihren Platz nicht mehr. Unfähig, sich den Ursachen der Niederlage zu stellen, hofft der Fidesz vor allem darauf, dass die Regierung Fehler macht, anstatt eigene Antworten zu liefern. Unklar bleibt zudem, ob Orbán die Zukunft seiner Partei durch eine Öffnung zur Mitte oder zum radikalen Rand sichern will – es wirkt, als habe er von der Niederlage bis heute nichts verstanden. Unterdessen sind die in den letzten Jahren oft beschworenen nationalen Großkapitalisten abgetaucht. Die mit Steuergeldern überhäuften Milliardäre haben sich nach der Wahl in Sturmesgeschwindigkeit aus dem Staub gemacht. Als direkte Folge davon zerfällt das vom Fidesz in den letzten anderthalb Jahrzehnten errichtete politische System: Zum einen wird es von der TISZA-Partei demontiert, zum anderen bricht es in sich zusammen, weil schlicht niemand mehr da ist, der es finanziert.

Genau so ist drei Monate nach den Wahlen das Medienimperium des Fidesz vor unseren Augen kollabiert. Médiaworks hat den Druck einer Reihe von Komitatszeitungen eingestellt und entlässt Hunderte Mitarbeiter. Danach erscheint auch die Magyar Nemzet (Ungarische Nation) nur noch online, während sie in gedruckter Form als Wochenzeitung weiterlebt. Nach der Schließung der Népszabadság (Volksfreiheit) und der Verdrängung der Népszava (Volksstimme) in den digitalen Raum war dies die letzte gedruckte überregionale politische Tageszeitung. Ungarn steht damit in der Europäischen Union allein da, und in ganz Europa teilt lediglich Kosovo diesen zweifelhaften Ruhm.

Vom Glanz der Geschichte zur Systemkrise

Historisch galt die Magyar Nemzet als das Flaggschiff des ungarischen bürgerlich-konservativen Journalismus. Sándor Pethő gründete sie 1938, nachdem er mit mehreren Mitarbeitern aus der seit 1920 bestehenden Zeitung Magyarság (Ungartum) ausgetreten war, weil der Eigentümer sie zu einem nationalsozialistischen Blatt gemacht hatte. Wie die Magyarság war auch die Magyar Nemzet zwar ein rechtskonservatives, aber im Unterschied dazu vor allem ein entschieden gegen den Nationalsozialismus gerichtetes Blatt jener Epoche. Sie vertrat eine vielfältige Geisteshaltung und wurde zum wichtigsten Sammelbecken der Gegner des Nazi-Einflusses. Die Zeitung wurde mehrmals suspendiert, endgültig jedoch erst nach der deutschen Besetzung 1944 verboten und 1945 nach Kriegsende wieder neu gestartet.

Im Jahr 1956 übernahm das Blatt die Popularisierung des Petőfi-Kreises (Petőfi Kör) – jenes legendären Intellektuellenforums, das eine fundamentale Rolle bei der geistigen Vorbereitung des Volksaufstands spielte. Ab dem 23. Oktober wurde sie zum führenden Presseorgan der Revolution sowie zum halboffiziellen Sprachrohr der zweiten Regierung von Imre Nagy. Nach der Niederschlagung des Aufstands am 4. November durfte sie bis September 1957 überhaupt nicht mehr erscheinen. Danach, in der Sozialismusära (1956–1988) unter Janos Kádár – einer Epoche, die trotz ihres kommunistischen Rahmens durch einen im Ostblock relativ hohen Lebensstandard und vorsichtige Freiräume geprägt war –, zeichnete sich die Magyar Nemzet als Zeitung der Intellektuellen besonders durch ihre Stärke in Außenpolitik und Kultur aus.

Ihren Popularitätshöhepunkt erreichte die Zeitung Ende der 1980er-Jahre als Sprachrohr der Wendezeit. Unmittelbar nach dem Systemwechsel galt sie als das wohl glaubwürdigste Blatt, doch kurz darauf begannen die Probleme: interne Redaktionsspaltungen und die Wirren der Privatisierung. Unter Fidesz-Einfluss geriet sie an der Jahrtausendwende, als man sie mit der raueren, radikalen Napi Magyarország (Tägliches Ungarn) fusionierte. Die Marke blieb, der Stil veränderte sich.

Im Jahr 2015 spaltete ein heftiger Bruch zwischen den beiden starken Männern des Fidesz – Viktor Orbán und dessen damaliger rechter Hand Lajos Simicska – die Redaktion. Die Zeitung entging nur knapp der Einstellung. Als Simicska sich später gegen Orbán wandte, zog er am Tag nach den Wahlen 2018 beim Anblick einer erneuten Fidesz-Zweidrittelmehrheit wutentbrannt endgültig den Stecker. Die Magyar Nemzet stellte daraufhin für ein Jahr ihr Erscheinen ein, bis eine abgespaltene Redaktion den Namen von dem in die Enge getriebenen Simicska übernahm und das Blatt ab 2019 weiterführte.

Das Ende einer aus Kaffeehäusern erwachsenen Welt

Die Magyar Nemzet war schließlich die letzte gedruckte überregionale Tageszeitung Ungarns. Damit geht eine Tradition zu Ende, die mit dem Erscheinen des Budapesti Híradó (Budapester Anzeiger) im Jahr 1848 begonnen hatte. Das Aus für die gedruckten überregionalen Tageszeitungen ist nicht nur ein pressegeschichtlicher Moment. Es ist mehr als das; dieser Trend geht weit über die Presse hinaus. Eine Welt geht für immer verloren. Sagen wir es so: eine Welt, die aus den Kaffeehäusern erwachsen ist.

Die ungarische Presse ist durch die künstliche Abschaltung der Marktbedingungen schon vor längerer Zeit in eine tiefe Krise geraten. Parallel dazu hat sich auch die Medienlandschaft grundlegend gewandelt. Zum Journalismus als Fundament einer demokratischen Öffentlichkeit gehört jedoch untrennbar die gedruckte politische Tageszeitung. Die Geschehnisse führen die Krise der ungarischen Gesellschaft und des öffentlichen Lebens unbarmherzig vor Augen. Die Politik hat sich über diese Gesellschaft gelegt – genau wie über die Presse. Letztere brauchte sie nur so lange, wie es die Parteiinteressen erforderten, solange man sie für Propaganda nutzen konnte. Dass die gedruckte Presse auch ein elementarer Pfeiler des bürgerlichen Lebens ist, interessiert längst niemanden mehr.

Keine Mäzene, nur Räuber

Es gibt auch keine Mäzene. Nur Räuber. Das Denken in Kategorien des Mäzenatentums steckt in Ungarn nach wie vor in den Kinderschuhen. Wäre dem nicht so, stünden die Magyar Nemzet, die Népszava und die Népszabadság auch heute noch – wenn auch in begrenzter Auflage – an den Kiosken und in den Kaffeehäusern. Was passiert ist, lässt sich nicht allein mit neuen Trends, der Digitalisierung oder dem Umbau des Werbemarktes erklären. Fester Bestandteil dieses Prozesses ist, dass die Politik sich die Hand auf die Medien gelegt hat. Man könnte auch sagen: Indem sie die Marktbedingungen ausknipste, hat sie die gedruckte Presse schlichtweg erwürgt. Solange sie sie brauchte, nutzte sie sie – und warf sie dann weg.

So vergeht die Herrlichkeit der Welt. Die von einem angeschlagenen Fidesz, der seine schwere Wahlniederlage erst einmal verdauen muss, errichtete Welt bricht vor unseren Augen zusammen. Das Ende der Magyar Nemzet als gedruckte Tageszeitung zeigt deutlich, dass es weitaus leichter ist, sich alles unter den Nagel zu reißen, als es zu bewahren.

Zudem geht es hier um ein ikonisches Stück ungarischer Presse- und Kulturgeschichte, dessen Verlust weit über den Tag hinausreicht. Es ist der ehrliche Spiegel des Zustands eines ganzen Landes und seiner Gesellschaft. Wenn die gedruckten Leitmedien verstummen, verlagert sich der politische Diskurs vollständig in die toxischen Echokammern der sozialen Netzwerke, wo nicht mehr das geschliffene Argument, sondern das lauteste Geschrei regiert. Wer die gedruckte Öffentlichkeit liquidiert, beraubt das Land seines eigenen intellektuellen Reflexionsraums.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: aneinandergereihte Zeitungen
Bildquelle: Bjoern Wylezich / shutterstock


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