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Während in Europa intensiv über ausländische Einflussnahme, Lobbyismus und politische Transparenz diskutiert wird, operiert seit Jahren ein pro-israelisches Netzwerk mit bemerkenswertem Zugang zu politischen Entscheidungsträgern: ELNET – das European Leadership Network.
Die Organisation verfolgt kein Geheimnis daraus, was sie erreichen will: die politischen, wirtschaftlichen und strategischen Beziehungen zwischen Europa und Israel stärken. Kritiker sehen darin jedoch weit mehr als gewöhnliche Völkerverständigung. ELNET bringt Politiker mit israelischen Regierungsvertretern, Sicherheitskreisen und Unternehmen zusammen, organisiert Reisen und schafft Netzwerke dort, wo politische Entscheidungen vorbereitet werden.
Die Parallele zur mächtigen US-Israel-Lobby AIPAC liegt nahe. Tatsächlich wurde ELNET wiederholt als eine Art europäisches Gegenstück zu AIPAC beschrieben. ELNET-Gründer Raanan Eliaz hatte zuvor selbst für AIPAC gearbeitet.
Doch während AIPAC in den USA nahezu jedem politisch Interessierten ein Begriff ist, dürfte die überwiegende Mehrheit der Europäer ELNET noch nie gehört haben. Dabei reicht sein Einfluss bis tief in die Parlamente Europas.
Wusstest du, dass Europa seine eigene AIPAC hat?
Sie heißt ELNET.
Es wurden Millionen von Euro ausgegeben. Politiker wurden nach Israel geflogen. Absprachen hinter verschlossenen Türen. Eine gesamte Einflussmaschinerie, die darauf ausgelegt ist, Europa an Israel zu… pic.twitter.com/RuVwyFlOm7
— Don (@Donuncutschweiz) August 18, 2026
Besonders aufschlussreich sind Recherchen von abgeordnetenwatch. Demnach finanzierte ELNET seit 2021 Israel-Reisen für mindestens 51 Mitglieder des Deutschen Bundestages.
Das ist keine kleine Delegation am Rand des politischen Betriebs. Es handelt sich um Abgeordnete verschiedener Regierungs- und Oppositionsparteien – Menschen also, die über deutsche Außen-, Sicherheits- und Rüstungspolitik entscheiden. Besonders brisant war eine Reise im Jahr 2022. Zehn Bundestagsabgeordnete von SPD, CDU und FDP reisten mit ELNET nach Israel. Sieben von ihnen gehörten dem Verteidigungsausschuss an.
Auf dem Programm standen dabei auch israelische Rüstungssysteme. Später beschäftigte sich der Bundestag mit milliardenschweren israelischen Rüstungsbeschaffungen.
Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Wie unabhängig ist politische Entscheidungsfindung, wenn eine Interessenorganisation Reisen für genau jene Politiker organisiert und finanziert, die anschließend über Geschäfte und politische Beziehungen mit dem betreffenden Staat entscheiden?
Das beweist keine unzulässige Einflussnahme. Aber es begründet ein erhebliches öffentliches Interesse an vollständiger Transparenz.
Auch finanziell handelt es sich keineswegs um eine unbedeutende Organisation. Im Europäischen Parlament wurde unter Berufung auf Recherchen thematisiert, dass ELNET seit 2022 mehr als elf Millionen Dollar von amerikanischen Geldgebern erhalten haben soll. Dieses Geld ermöglicht den Aufbau eines professionellen Einflussnetzwerks: Delegationsreisen, Konferenzen, Veranstaltungen und Kontakte zwischen europäischen Entscheidungsträgern und israelischen Politikern, Diplomaten, Sicherheitsexperten und Wirtschaftsvertretern.
Das Entscheidende ist dabei weniger ein einzelnes Treffen als die Struktur dahinter. Politischer Einfluss entsteht selten dadurch, dass jemand einem Abgeordneten einen Zettel mit einer Anweisung überreicht.
Er entsteht durch Zugang.
Wer organisiert die Reisen? Wer bestimmt die Gesprächspartner? Welche Experten werden präsentiert? Welche Unternehmen besucht man? Welche Sicherheitslage wird den Teilnehmern vermittelt? Und welche Kontakte entstehen daraus für die kommenden Jahre? Genau darin liegt die Macht politischer Netzwerke.
ELNET beschränkt sich nicht auf Deutschland.
Die Organisation arbeitet auf europäischer Ebene und unterhält Kontakte zu Institutionen und Entscheidungsträgern der Europäischen Union. Die EU-Kommission hat Kontakte und Treffen mit ELNET beziehungsweise von ELNET organisierten Delegationen bestätigt.
Damit reicht das Netzwerk genau dorthin, wo zentrale Entscheidungen über Europas Verhältnis zu Israel getroffen werden. Und diese Entscheidungen sind erheblich: Sanktionen oder keine Sanktionen, Rüstungskooperation, Forschungsprogramme, Handelsbeziehungen, Sicherheitszusammenarbeit und diplomatische Unterstützung.
ELNET beschreibt seine Arbeit als Stärkung der Beziehungen zwischen Europa und Israel. Das ist legitim.
Aber gerade deshalb sollte die Öffentlichkeit wissen, wer diese Beziehungen beeinflusst, wer dafür bezahlt und welchen Zugang diese Organisation zu politischen Entscheidungsträgern erhält.
Hier zeigt sich eine bemerkenswerte politische Doppelmoral.
Man stelle sich vor, eine von russischen Geldgebern finanzierte Organisation würde Dutzende Bundestagsabgeordnete nach Moskau fliegen, Mitglieder des Verteidigungsausschusses mit russischen Militär- und Rüstungsvertretern zusammenbringen und anschließend Veranstaltungen mit europäischen Spitzenpolitikern organisieren.
Oder China würde auf vergleichbare Weise ein Netzwerk aufbauen, das Abgeordnete nach Peking bringt und systematisch Beziehungen zwischen chinesischen Unternehmen, Sicherheitskreisen und europäischen Entscheidungsträgern vermittelt.
Die Schlagzeilen über „ausländische Einflussnahme“ wären vorhersehbar. Bei ELNET wird dasselbe Grundprinzip meist wesentlich nüchterner als transatlantische beziehungsweise europäisch-israelische Netzwerkarbeit behandelt.
Das bedeutet nicht, dass ELNET illegale Aktivitäten betreibt. Für eine solche Behauptung gibt es keinen Beleg. Aber ausländische Einflussnahme muss nicht illegal sein, um politisch relevant zu sein. Lobbyismus funktioniert gerade dadurch, dass innerhalb legaler Strukturen Beziehungen, Zugänge und politische Nähe geschaffen werden.
Gerade angesichts der außergewöhnlich engen Beziehungen zwischen Israel und europäischen Regierungen verdient diese Infrastruktur größere Aufmerksamkeit.
Wenn deutsche und europäische Politiker Israel besuchen, israelische Sicherheitsvertreter treffen, Rüstungsunternehmen kennenlernen und anschließend in ihren Parlamenten über Israel betreffende Entscheidungen abstimmen, muss transparent sein, wer diese Kontakte vermittelt und finanziert hat.
Die entscheidende Geschichte über ELNET besteht deshalb vielleicht nicht in einem spektakulären Geheimtreffen. Sie besteht darin, dass eine professionell organisierte und mit Millionen ausgestattete Interessenorganisation über Jahre ein Netzwerk zwischen Israel und europäischen Machtzentren aufgebaut hat – und außerhalb politischer Fachkreise dennoch vergleichsweise unbekannt geblieben ist.
In den Vereinigten Staaten weiß praktisch jeder politisch Interessierte, was AIPAC ist. Europa hat sein eigenes pro-israelisches Einflussnetzwerk.
Es heißt ELNET.
Und angesichts seines Zugangs zu Parlamentariern und Entscheidungsträgern wäre es höchste Zeit, dass Europas Öffentlichkeit genauer hinsieht.