In Afrika wird jetzt ein Punktesystem auf Basis digitaler Gesundheitsdaten getestet

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Was derzeit in Kenia vorbereitet wird, klingt zunächst nach einer sozialen Innovation: Menschen stellen ihre Gesundheitsdaten für medizinische Forschung zur Verfügung, daraus entsteht wirtschaftlicher Wert – und ein Teil davon soll zu ihnen zurückfließen und künftig helfen, Medikamente, Behandlungen oder Vorsorge zu bezahlen.

Doch hinter diesem scheinbar einfachen Tauschgeschäft verbirgt sich eine Entwicklung, die weit über ein afrikanisches Gesundheitsprojekt hinausweist.

Denn hier werden erstmals Bausteine miteinander verbunden, die bislang weitgehend getrennt waren: medizinische Versorgung, künstliche Intelligenz, langfristig gespeicherte Gesundheitsdaten, Forschung, wirtschaftliche Verwertung und eine digitale Wallet.

Das World Economic Forum beschreibt das Projekt selbst unter der bemerkenswerten Überschrift „Paying with data, not cash“ – „Mit Daten statt mit Bargeld bezahlen“.

Quelle: WEF

Der Versuch soll im kenianischen Murang’a County stattfinden. Über Mobiltelefone sollen Menschen zunächst Zugang zu KI-gestützter medizinischer Beratung erhalten. Symptome können per Sprache übermittelt, Patienten bei Bedarf an medizinisches Personal weitergeleitet und ihr weiterer Gesundheitsverlauf digital dokumentiert werden.

Damit entsteht mit der Zeit etwas, das für Forschung und KI-Unternehmen außerordentlich wertvoll ist: ein kontinuierlicher Datensatz darüber, welche Krankheiten auftreten, welche Behandlungen eingesetzt werden, ob Patienten Medikamente einnehmen und wie sich ihr Gesundheitszustand entwickelt.

Aus dem Patienten wird damit zugleich ein Datenlieferant. Und genau diese Daten sollen künftig wirtschaftlichen Wert erzeugen.

Forscher, Universitäten und Life-Science-Unternehmen sollen nicht einfach einzelne Krankenakten kaufen können. Vorgesehen sind kontrollierte Forschungsumgebungen, in denen Daten ausgewertet werden können, ohne dass individuelle Datensätze frei herausgegeben werden. Entsteht dadurch wirtschaftlicher Wert, könnte ein Teil davon über eine digitale Wallet an die Menschen zurückfließen, deren Daten ihn überhaupt erst ermöglicht haben.

Das WEF nennt ausdrücklich Behandlungskosten, Medikamente und Prävention als mögliche Verwendungszwecke.

Das klingt zunächst fair. Schließlich verdienen Pharmaunternehmen, Forschungseinrichtungen und inzwischen vor allem KI-Unternehmen enorme Summen mit Daten. Warum sollten diejenigen, von denen diese Daten stammen, nicht ebenfalls daran beteiligt werden?

Doch genau an diesem Punkt beginnt eine wesentlich grundsätzlichere Frage.

Was geschieht, wenn persönliche Daten nicht mehr nur freiwillig für Forschung bereitgestellt werden, sondern ihr Teilen mit einem konkreten wirtschaftlichen Vorteil verbunden wird?

Wer seine Gesundheitsdaten freigibt, erhält einen Vorteil. Wer sie nicht freigibt, verzichtet darauf.

Das WEF betont ausdrücklich, dass die medizinische Grundversorgung nicht davon abhängig gemacht werden soll, ob jemand der Forschungsnutzung seiner Gesundheitsdaten zustimmt. Das ist wichtig und sollte nicht unterschlagen werden.

Doch es ändert nichts am Prinzip: Zum ersten Mal wird systematisch erprobt, ob persönliche Gesundheitsdaten einen Gegenwert erzeugen können, der anschließend wieder für Gesundheitsleistungen eingesetzt wird.

The Sociable geht noch einen Schritt weiter und verweist auf das hinter dem Projekt stehende Wallet-Konzept von People’s Group. Dort wird bereits mit einem Punktesystem gearbeitet: Wer Daten für Forschung bereitstellt, kann Punkte erhalten, die innerhalb des Gesundheitsnetzwerks eingesetzt werden können. Kein Bargeld, keine Kryptowährung – sondern zweckgebundenes Guthaben.

Damit bekommt die Entwicklung eine völlig andere Dimension.

Denn zweckgebundenes digitales Guthaben unterscheidet sich fundamental von Geld. Geld kann der Besitzer grundsätzlich dort einsetzen, wo er möchte. Ein Punkt oder digitales Guthaben funktioniert nur innerhalb der Regeln des Systems, das es ausgegeben hat.

Heute könnten diese Regeln lauten: Gesundheitsdaten für Forschung freigeben und dafür einen Zuschuss zu Medikamenten erhalten.

Was solche Systeme morgen miteinander verknüpfen, ist eine politische und gesellschaftliche Entscheidung.

Gerade deshalb lohnt sich der Blick über Kenia hinaus.

Bill Gates sprach im Juni 2025 vor der Afrikanischen Union ausdrücklich über den Aufbau einer „digital public infrastructure“. Dazu gehöre, dass Regierungen über funktionierende digitale Identitätssysteme verfügen und Menschen über Mobiltelefone Transaktionen durchführen können. Nach seinen damaligen Angaben arbeitete bereits etwa die Hälfte der afrikanischen Staaten an solchen Systemen.

Gates machte zugleich deutlich, dass Afrika beim Aufbau seiner nächsten Generation von Gesundheitssystemen künstliche Intelligenz von Anfang an integrieren könne. Die Gates Foundation will einen Großteil der von ihr für die kommenden zwei Jahrzehnte vorgesehenen 200 Milliarden Dollar in Afrika einsetzen, insbesondere im Gesundheits- und Entwicklungsbereich.

Das beweist keinen geheimen Plan und auch nicht, dass Gates hinter dem kenianischen Pilotprojekt steht.

Aber es zeigt sehr deutlich, in welche technologische Richtung einflussreiche internationale Akteure denken.

Digitale Identität, digitale Zahlungen, Datenaustausch und KI werden nicht länger als getrennte Technologien betrachtet. Sie sollen zu einer gemeinsamen digitalen Infrastruktur zusammenwachsen.

Die Gates Foundation beschreibt Digital Public Infrastructure selbst als grundlegende digitale Bausteine aus Identität, Zahlungen und Datenaustausch, die Menschen, Daten und Geld miteinander verbinden und unter anderem im Gesundheitswesen eingesetzt werden können.

Genau deshalb ist der Versuch in Kenia so interessant.

Er findet nicht im luftleeren Raum statt.

Kenia digitalisiert sein Gesundheitssystem bereits massiv. Elektronische Patientenakten, digitale Abrechnung, Patientenverifizierung, Gesundheitsplattformen und KI-gestützte Systeme werden zunehmend miteinander verbunden. Das kenianische Gesundheitsministerium spricht selbst von einer umfassenden digitalen Transformation des Gesundheitswesens und integriert KI bereits in medizinische Versorgung, Krankheitsüberwachung und Gesundheitsfinanzierung.

Kenia könnte damit zu einem Labor für eine Entwicklung werden, die später auch für andere Länder interessant ist.

Die Erfahrung mit digitalen Systemen zeigt, dass einmal aufgebaute Infrastruktur selten auf ihren ursprünglichen Zweck beschränkt bleibt. Aus einer Identitätslösung kann eine Zugangslösung werden. Aus einer Gesundheits-Wallet kann eine Plattform für weitere Leistungen entstehen. Aus freiwilliger Datenfreigabe kann ein zunehmend attraktiver wirtschaftlicher Anreiz werden.

Je größer dieser Anreiz wird, desto schwieriger wird außerdem die Frage, was „freiwillige Einwilligung“ überhaupt noch bedeutet.

Für einen wohlhabenden Menschen ist die Entscheidung, medizinische Daten nicht für Forschung freizugeben, möglicherweise belanglos.

Für jemanden, der sich Medikamente oder eine notwendige Behandlung kaum leisten kann, sieht dieselbe Entscheidung völlig anders aus.

Wenn das Teilen persönlicher Gesundheitsdaten finanzielle Vorteile bringt, entsteht kein gesetzlicher Zwang – aber möglicherweise ein wirtschaftlicher.

Parallel dazu treiben internationale Organisationen und große Stiftungen digitale Identitäten, Datenaustausch, KI und digitale Zahlungssysteme als grundlegende Infrastruktur voran.

Jeder einzelne Baustein lässt sich überzeugend begründen.

Digitale Identität schafft Zugang. KI verbessert Versorgung. Gesundheitsdaten fördern Forschung. Wallets vereinfachen Zahlungen. Belohnungen schaffen Anreize.

Erst wenn man die Bausteine zusammensetzt, wird sichtbar, warum die Entwicklung gesellschaftlich so brisant ist.

Wer kontrolliert die Daten, welchen wirtschaftlichen Wert besitzen sie.

Paying with data, not cash: Towards a new model for affordable healthcare in Africa

Inspiring Progress Event in Addis Ababa

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