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Wer ist Wladimir Solowjow?

Wer ist Wladimir Solowjow?

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Teil 1

Wladimir Solowjow im Gespräch mit Roger Köppel – Deutsche Übersetzung des Interviews

Der russische Fernsehjournalist und Moderator Wladimir Solowjow gehört zu den bekanntesten und zugleich umstrittensten Medienpersönlichkeiten Russlands. Im Westen wird er häufig als Sprachrohr des Kremls und als Propagandist bezeichnet, während ihn viele Menschen in Russland als patriotischen Journalisten und Kommentator wahrnehmen.

In einem ausführlichen Gespräch mit Roger Köppel, Chefredakteur und Verleger der Schweizer Weltwoche, spricht Solowjow über seinen persönlichen Werdegang, seine Jahre in den Vereinigten Staaten, seine Sicht auf Russland, Europa und den Westen sowie über den Krieg in der Ukraine, die Rolle der Medien und grundsätzliche Fragen von Geschichte, Kultur, Religion und Identität.

Das Interview bietet einen seltenen Einblick in die Denkweise eines Mannes, der die öffentliche Debatte in Russland seit vielen Jahren prägt und dessen Ansichten außerhalb Russlands oftmals nur ausschnittweise oder durch die Brille fremder Bewertungen wahrgenommen werden.

Die nachfolgende Veröffentlichung stellt eine deutschsprachige Sprecherfassung beziehungsweise Übersetzung des Originalinterviews dar. Ziel ist es, deutschsprachigen Lesern den Inhalt des Gesprächs möglichst vollständig zugänglich zu machen. Die wiedergegebenen Aussagen spiegeln die Positionen der Gesprächspartner wider und dienen der Information sowie der Meinungsbildung. Sie stellen nicht zwangsläufig die Auffassung des Herausgebers dieser Website dar.
Quelle (Originalinterview):
Roger Köppel im Gespräch mit Wladimir Solowjow, Veröffentlicht von der Weltwoche.

TEIL 1 – MINUTE 0 BIS 10

Exklusiv in deutscher Übersetzung

Roger Köppel:

Herr Solowjow, im Westen werden Sie oft als Propagandist bezeichnet.

Wladimir Solowjow:

Weil viele Menschen dort keine Ahnung haben. So einfach ist das. Das ist normal.

Roger Köppel:

Wie würden Sie sich einem westlichen Zuschauer vorstellen, der viel über Sie gehört hat, Sie aber noch nie direkt erlebt hat?

Wladimir Solowjow:

Wo soll ich anfangen?

Ich wurde am 20. Oktober 1963 in Moskau geboren.

Ich stamme aus einer jüdischen Familie. Nicht besonders religiös, aber eindeutig jüdisch.

Meine Eltern waren hochgebildete und sehr intelligente Menschen.

Vor allem meine Mutter.

Sie ist eine Legende.

Sie ist wahrscheinlich das Beste, was mir im Leben passiert ist.

Meine Mutter bedeutet mir alles.

Sie ist schön, klug und brillant.

Manchmal kommt es vor, dass selbst wunderbare Mütter Kinder zur Welt bringen, die im Westen gehasst werden.

Nicht weil die Menschen dort wissen, wen sie hassen.

Sondern weil sie einfach hassen wollen.

Ich bin Russe jüdischer Herkunft.

Und ich bin außerordentlich stolz darauf, Russe zu sein.

Ich liebe die russische Sprache.

Ich liebe mein Heimatland.

Ich kenne die russische Geschichte sehr gut.

Ich habe keine Illusionen.

Ich bin lediglich alt genug geworden, um die Welt so zu sehen, wie sie tatsächlich ist.

Roger Köppel:

Sie sind ursprünglich Ökonom?

Wladimir Solowjow:

Nein.

Lustigerweise bin ich Ingenieur.

Ein sowjetischer Ingenieur.

Ich habe am Moskauer Institut für Stahl und Legierungen studiert.

Fachrichtung Physikalische Chemie.

Meine Spezialisierung waren Diamanten.

Ich habe mein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen.

Danach verbrachte ich drei Jahre mit einem Promotionsstudium.

Ich arbeitete am Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen.

Damals war dieses Institut eine der angesehensten wissenschaftlichen Einrichtungen des Landes.

Ich trat dort ein, als Jakowlew Direktor war.

Später wurde Jewgeni Primakow Direktor.

Deshalb kenne ich viele dieser Persönlichkeiten bereits seit den späten achtziger Jahren.

Roger Köppel:

Sie haben sich auch mit Philosophie beschäftigt und zeitweise in den Vereinigten Staaten gelehrt.

Wladimir Solowjow:

Ja.

Später wurde ich an die Universität von Alabama eingeladen.

An die School of Business Administration in Huntsville.

Ein sehr amerikanischer Ort.

Grüne Landschaften.

Weite Straßen.

Hoher Himmel.

Männer fahren Trucks.

Frauen fahren Autos.

Und dort ist der Bürgerkrieg irgendwie nie ganz vorbei.

Ich habe diese Zeit geliebt.

Roger Köppel:

Wie lange waren Sie in den Vereinigten Staaten?

Wladimir Solowjow:

Nicht sehr lange.

Etwa zwei Jahre.

Aber in den neunziger Jahren war ich ständig unterwegs.

USA.

Philippinen.

Großbritannien.

Viele Geschäftsreisen.

Roger Köppel:

Wie wird aus einem Wissenschaftler schließlich ein Fernsehmoderator?

Wladimir Solowjow:

Durch einen Zufall.

Eigentlich war das nie geplant.

Irgendwann wurde mir klar, dass die akademische Welt interessant ist, aber nicht das, was ich mein Leben lang machen wollte.

Während meiner Zeit in Alabama hielt ich Vorlesungen über vergleichende Wirtschaftssysteme.

Daneben begann ich, Unternehmen zu beraten.

Später arbeitete ich im Bereich Fertigung und Unternehmensentwicklung.

Schließlich kehrte ich nach Russland zurück.

Dort ergaben sich neue geschäftliche Möglichkeiten.

Damals stand ich an einem Wendepunkt meines Lebens.

Ein Freund meinte sogar, ich sollte Jura studieren.

Er war überzeugt, ich könne Menschen gut überzeugen und würde ein guter Prozessanwalt werden.

Doch ich entschied mich anders.

Roger Köppel:

Und wie kamen Sie schließlich zum Rundfunk?

Wladimir Solowjow:

Eine ehemalige Mitarbeiterin von mir arbeitete inzwischen bei einem Moskauer Radiosender namens „Silver Rain“.

Eines Tages fiel dort eine Moderatorin aus.

Man suchte jemanden, der fließend Englisch sprach.

Meine ehemalige Mitarbeiterin sagte:

„Mein früherer Chef kann Englisch.“

Also wurde ich eingeladen.

Eigentlich sollte ich nur eine Stunde senden.

Am Ende wurden daraus zwei Stunden.

Nach der Sendung warteten die Besitzer des Radiosenders bereits vor der Tür.

Sie fragten mich:

„Was müssen wir tun, damit Sie bei uns bleiben?“

So begann meine Karriere in den Medien.

Wie so vieles in meinem Leben:

völlig unerwartet.

TEIL 2 – MINUTE 10 BIS 20

Roger Köppel:

Ihre Jahre in den Vereinigten Staaten – was haben sie Sie über Amerika gelehrt, das viele Russen Ihrer Meinung nach falsch verstehen?

Und umgekehrt: Was haben Sie dort über Russland gelernt, das viele Amerikaner missverstehen?

Wladimir Solowjow:

Das ist eine sehr gute Frage.

Eigentlich bräuchten wir Jahre, um sie vollständig zu beantworten.

Zunächst einmal glaube ich:

Wenn die innenpolitischen Prinzipien der Vereinigten Staaten aus den neunziger Jahren auch die Grundlage ihrer Außenpolitik wären, dann würden die USA heute wahrscheinlich zu den beliebtesten Ländern der Welt gehören.

Das Problem ist, dass die amerikanische Außenpolitik oft wenig mit den Grundsätzen zu tun hat, die im eigenen Land gelten.

Und genau daraus entstehen viele Konflikte.

Gleichzeitig liebe ich die amerikanischen Menschen.

Ich fühle mich in den Vereinigten Staaten sehr wohl.

Und wenn ich von Amerikanern spreche, meine ich nicht die politischen Eliten oder ideologischen Aktivisten.

Ich meine die Menschen.

Fleißige Menschen.

Ehrliche Menschen.

Religiöse Menschen.

Menschen mit festen Werten.

In vieler Hinsicht ähneln sie sogar den Russen.

Wenn man normale Amerikaner und normale Russen miteinander vergleicht, sind die Unterschiede gar nicht so groß.

Die Unterschiede liegen woanders.

Und genau das verstehen viele Amerikaner nicht.

Sie wissen praktisch nichts über Russland.

Nichts über die russische Mentalität.

Nichts darüber, wie Russen denken.

Auf den ersten Blick sehen wir aus wie Europäer.

Wir sehen aus wie Menschen des Westens.

Aber in Wirklichkeit unterscheiden sich unsere Denkweisen oft grundlegend.

Manchmal wirkt es fast so, als kämen wir von verschiedenen Planeten.

Deshalb liegt der Westen so oft falsch, wenn er versucht vorherzusagen, wie Russland handeln wird.

Immer wieder.

Und das ist das eigentliche Problem.

Vielleicht wäre es für den Westen einfacher, wenn wir völlig anders aussehen würden.

Wenn wir andere Kleidung tragen würden.

Dann würde man sofort erkennen:

Diese Menschen denken anders.

Doch wir sind weder Asiaten noch Europäer im klassischen Sinn.

Wir sind Russen.

Das ist eine eigene historische und kulturelle Identität.

Eine eigene Sicht auf die Welt.

Eine eigene Sicht auf Geschichte.

Und vor allem eigene Werte.

Gerade das verstehen viele moderne Europäer nicht mehr.

Für viele Menschen in Europa ist der Zweite Weltkrieg heute nur ein Krieg unter vielen.

Für Russland ist das völlig anders.

Für uns ist der Große Vaterländische Krieg bis heute Teil unserer Familiengeschichte.

Fast jede Familie hat Angehörige verloren.

Fast jede Familie hat Opfer gebracht.

Deshalb betrachten wir diese Geschichte nicht als etwas Vergangenes.

Sie lebt in unserem kollektiven Gedächtnis weiter.

Und deshalb verstehen viele Europäer auch nicht, was aus russischer Sicht in der Ukraine geschieht.

Sie verstehen es nicht einmal ansatzweise.

Für viele Russen ist dieser Konflikt eng mit den Erinnerungen an den Kampf gegen den Nationalsozialismus verbunden.

Wenn Russen heute Symbole sehen, die sie mit dieser Vergangenheit verbinden, dann löst das starke Emotionen aus.

Für Europäer mag das Geschichte sein.

Für viele Russen ist es persönliche Erinnerung.

Familiengeschichte.

Etwas, das nie vergessen wurde.

Meine eigenen Familienangehörigen haben unter dem Krieg gelitten.

Mein Großvater kämpfte an der Front.

Verwandte von mir wurden ermordet.

Deshalb ist es für mich unmöglich, diese Vergangenheit einfach als erledigt zu betrachten.

Wenn man persönlich betroffen ist, dann sieht man die Geschichte anders.

Und genau deshalb gibt es zwischen Russland und dem Westen oft ein tiefes Missverständnis.

Der Westen betrachtet den Konflikt meist aus geopolitischer Perspektive.

Viele Russen betrachten ihn durch die Erfahrungen ihrer Familiengeschichte.

Das sind zwei völlig unterschiedliche Blickwinkel.

Roger Köppel:

Spricht hier der private Wladimir Solowjow?

Oder der Fernsehmoderator?

Wladimir Solowjow:

Da gibt es keinen Unterschied.

Deshalb mögen mich die Menschen oder sie hassen mich.

Aber sie erleben immer dieselbe Person.

Ich sage öffentlich genau das, was ich denke.

Ich vertrete Überzeugungen, an die ich glaube.

Niemand kann mich zwingen, etwas zu sagen, von dem ich nicht überzeugt bin.

Dieses Jahr werde ich 63 Jahre alt.

Ich respektiere mich selbst.

Ich respektiere meine Familie.

Und ich respektiere meine Überzeugungen.

Und ich bin bereit, für diese Überzeugungen einzustehen.

Im nächsten Abschnitt beginnt dann der Teil über seine Arbeit als Fernsehmoderator, seine enorme Präsenz im russischen Fernsehen und die Diskussion über den Vorwurf, er sei ein „Propagandist“. Das ist einer der zentralen und kontroversesten Teile des gesamten Interviews.

TEIL 3 – MINUTE 20 BIS 30

Roger Köppel:

Sie stehen sechs Abende pro Woche vor der Kamera.

Sie moderieren stundenlange Sendungen.

Seit vielen Jahren arbeiten Sie auf einem enormen Niveau.

Was treibt Sie an?

Woher nehmen Sie diese Energie?

Wladimir Solowjow:

Ich arbeite im Grunde seit 1997 in diesem Tempo.

Damals begann ich mit mehreren Radiosendungen am Morgen.

Dazu kamen verschiedene Fernsehprojekte.

Später wurden daraus tägliche Fernsehsendungen.

Dann weitere Radiosendungen.

Und schließlich zusätzliche politische Formate.

Vor einigen Jahren erhielt ich sogar einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde für die höchste wöchentliche Sendezeit eines Fernsehmoderators.

Warum mache ich das?

Weil ich diese Arbeit liebe.

Das ist mein Leben.

Menschen fragen mich oft:

„Bist du nicht müde?“

Und ich antworte:

„Haben Sie jemals einen Fisch gesehen, der müde vom Schwimmen wird?“

So lebe ich.

Roger Köppel:

Im Westen werden Sie häufig als Propagandist bezeichnet.

In Russland dagegen sehen viele Menschen in Ihnen eine wichtige öffentliche Stimme, die patriotische Positionen vertritt.

Woher kommt dieser Unterschied?

Wladimir Solowjow:

Zunächst müsste man definieren, was ein Propagandist überhaupt sein soll.

Wenn wir auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes zurückgehen, bedeutet Propaganda die Verbreitung von Überzeugungen oder Ideen.

Ist das nicht letztlich die Aufgabe jedes Journalisten?

Im Westen wird der Begriff jedoch meist als Vorwurf benutzt.

Dann bedeutet er:

„Dieser Mensch lügt.“

Gut.

Dann beweisen Sie es.

Zeigen Sie mir die Lüge.

Bringen Sie Beweise.

Aber genau das passiert nicht.

Warum?

Weil ich grundsätzlich nur über Dinge spreche, die ich selbst gesehen habe.

Niemand muss mir den Krieg erklären.

Ich habe mehr als 300 Tage an der Front verbracht.

Ich war überall.

Ich habe vieles mit eigenen Augen gesehen.

Und wenn jemand fragt:

„Du sprichst über die Front. Aber was tust du selbst?“

Dann lautet meine Antwort:

Jedes Wochenende bin ich bei unseren Soldaten.

Ich begleite sie.

Ich spreche mit ihnen.

Ich zeige den Menschen in Russland, wie diese Männer kämpfen.

Ich zeige ihren Einsatz.

Ich zeige ihre Opfer.

Ich zeige ihren Mut.

Und ich bin überzeugt, dass sie für ihr Vaterland kämpfen.

Roger Köppel:

Sie sprechen häufig mit Soldaten.

Was verstehen die Menschen im Westen Ihrer Meinung nach am wenigsten über diesen Krieg?

Wladimir Solowjow:

Den russischen Soldaten.

Der Westen versteht den russischen Soldaten nicht.

Aus meiner Sicht ist der russische Soldat kein Plünderer.

Kein Vergewaltiger.

Kein Mensch, der auf Beutezug geht.

Viele Vorwürfe gegen Russland beruhen auf Behauptungen, die nie sauber untersucht wurden.

Nehmen wir beispielsweise Butscha.

Ich habe mit vielen westlichen Journalisten darüber diskutiert.

Meine erste Frage lautet immer:

Welche konkreten Beweise gibt es?

Wer waren die Opfer?

Wann wurden sie getötet?

Durch wen?

Unter welchen Umständen?

Viele Menschen können diese Fragen nicht beantworten.

Die öffentliche Darstellung steht oft fest, bevor alle Fakten bekannt sind.

Russland hat mehrfach unabhängige Untersuchungen gefordert.

Doch aus russischer Sicht wurden viele dieser Fragen nie ausreichend beantwortet.

Deshalb bleibt dieses Thema für uns bis heute umstritten.

Roger Köppel:

Es gibt allerdings Berichte der Vereinten Nationen und anderer Organisationen.

Diese kommen zu anderen Schlüssen.

Wladimir Solowjow:

Das weiß ich.

Aber ich stelle immer dieselbe Frage:

Wer hat tatsächlich vor Ort untersucht?

Welche Beweise wurden geprüft?

Welche Zeugenaussagen wurden dokumentiert?

Und weshalb wurden manche Untersuchungen nie vollständig veröffentlicht?

Aus meiner Sicht bleiben viele Fragen offen.

Deshalb akzeptieren wir die westliche Darstellung nicht einfach als Tatsache.

Roger Köppel:

Sie haben sehr viel Zeit an der Front verbracht.

Gab es dort ein Erlebnis, das Ihre Sicht auf den Krieg verändert hat?

Wladimir Solowjow:

Verändert hat sie sich nicht.

Aber es gibt Bilder, die man niemals vergisst.

Ich erinnere mich an ein kleines Dorf im Gebiet Kursk.

Wenige Tage nach seiner Rückeroberung.

Ich war dort mit russischen Pionieren unterwegs.

Sie suchten nach Minen.

Überall waren Spuren der Kämpfe zu sehen.

Zerstörte Häuser.

Verlassene Höfe.

Kinderspielzeug.

Kinderfahrräder.

Schuhe.

Und solche Bilder hinterlassen Spuren.

Wenn man Krieg nur aus der Distanz kennt, wirkt vieles abstrakt.

Wenn man ihn unmittelbar erlebt, verändert das den Blick auf die Realität.

Deshalb fällt es mir schwer, Menschen zuzuhören, die über Krieg sprechen, ohne jemals seine Folgen gesehen zu haben.

Krieg ist kein politisches Seminar.

Krieg ist Leid.

Krieg ist Tod.

Krieg ist Zerstörung.

Und wer ihn erlebt hat, spricht anders darüber.

Im nächsten Abschnitt (Teil 4) geht es weiter mit Solowjows Schilderungen von Frontbesuchen, seinen Ansichten über die Motivation russischer Soldaten sowie seine Sicht auf die Ursachen des Krieges und die Rolle des Westens. Das wird einer der politisch kontroversesten Abschnitte des Interviews.

TEIL 4 – MINUTE 30 BIS 40

Roger Köppel:

Wenn Sie mit Soldaten an der Front sprechen – insbesondere im Donbass – was sagen diese Männer Ihnen?

Wofür kämpfen sie nach ihren eigenen Worten?

Nicht nach den Worten des Kremls.

Wladimir Solowjow:

Es gibt keine besonderen „Worte des Kremls“.

Genau deshalb ist Präsident Putin so populär.

Weil er versteht, was die Menschen empfinden.

Wenn ich mit Soldaten spreche, höre ich immer wieder dieselben Aussagen:

„Wir kämpfen für Russland.“

„Wir kämpfen für unsere Familien.“

„Wir kämpfen für unser Volk.“

„Wir kämpfen für unsere Heimat.“

Viele betrachten diesen Krieg als einen existenziellen Kampf.

Als etwas, das weit über territoriale Fragen hinausgeht.

Sie glauben, dass sie ihre Lebensweise verteidigen.

Ihre Kultur.

Ihre Sprache.

Ihre Geschichte.

Und genau das motiviert sie.

Roger Köppel:

Gab es Dinge an der Front, die Sie bewusst nicht gezeigt haben?

Wladimir Solowjow:

Natürlich.

Es gibt Grenzen.

Ich würde niemals Informationen veröffentlichen, die die Position unserer Truppen gefährden könnten.

Wenn dadurch Menschenleben gefährdet würden, würde ich darauf verzichten.

Ebenso respektiere ich persönliche Wünsche.

Wenn ein Soldat sagt:

„Bitte zeigen Sie mein Gesicht nicht.“

Oder:

„Nennen Sie meinen Namen nicht.“

Dann respektiere ich das.

Es gab Fälle, in denen Soldaten ihre Familien schützen wollten.

Manche Angehörige leben noch in Gebieten, die von ukrainischen Behörden kontrolliert werden.

Da muss man verantwortungsvoll handeln.

Roger Köppel:

Wenn Sie einem westlichen Zuschauer in einer Minute erklären müssten, worum es aus russischer Sicht in diesem Krieg geht – was würden Sie sagen?

Wladimir Solowjow:

Aus unserer Sicht kämpfen russische Menschen für das Recht, auf ihrem Land sicher zu leben.

Für das Recht, ihre Sprache zu sprechen.

Ihre Religion auszuüben.

Ihre Kultur zu bewahren.

Im Westen beginnt die Geschichte meist am 24. Februar 2022.

Für viele Russen begann sie jedoch deutlich früher.

Sie verweisen auf die Ereignisse von 2014.

Auf den Maidan.

Auf den Krieg im Donbass.

Auf die Jahre davor.

Viele Russen haben das Gefühl, dass ihre Sichtweise im Westen kaum wahrgenommen wurde.

Deshalb existieren heute zwei völlig unterschiedliche Erzählungen über denselben Konflikt.

Roger Köppel:

Sie sagen, im Westen gebe es tief verwurzelte Vorurteile gegenüber Russland.

Ist das nicht eine starke Vereinfachung?

Wladimir Solowjow:

Vielleicht.

Aber betrachten Sie doch die Realität.

Russische Bürger wurden sanktioniert.

Russisches Eigentum wurde eingefroren.

Russische Künstler wurden ausgeladen.

Russische Sportler ausgeschlossen.

Russische Kulturinstitutionen boykottiert.

Viele Russen empfinden das als kollektive Bestrafung.

Deshalb fragen sie:

Warum geschieht das?

Warum wird alles Russische automatisch mit der Politik gleichgesetzt?

Diese Fragen stellen sich viele Menschen in Russland.

Roger Köppel:

Aber es gibt auch viele Europäer, die diese Politik kritisieren.

Menschen, die keineswegs feindlich gegenüber Russland eingestellt sind.

Wladimir Solowjow:

Das mag sein.

Aber aus russischer Sicht bleibt der Eindruck bestehen, dass die politischen Entscheidungen Europas in eine andere Richtung gehen.

Und letztlich werden Staaten nach ihren Handlungen beurteilt.

Nicht nach einzelnen Stimmen.

Roger Köppel:

Warum glauben Sie, dass Russland seine Sichtweise im Westen so schwer vermitteln konnte?

Wladimir Solowjow:

Weil viele westliche Medien gar nicht daran interessiert sind, unsere Position vollständig darzustellen.

Wenn russische Politiker Interviews geben, werden häufig nur einzelne Ausschnitte gezeigt.

Manches wird gekürzt.

Manches wird aus dem Zusammenhang gerissen.

Manches wird gar nicht veröffentlicht.

So entsteht ein verzerrtes Bild.

Russland spricht.

Aber viele Menschen im Westen hören diese Stimmen nie.

Oder nur in stark verkürzter Form.

Roger Köppel:

Ist das nicht ein Vorwurf, den jede Seite erhebt?

Jede Regierung behauptet doch, missverstanden zu werden.

Wladimir Solowjow:

Vielleicht.

Aber die entscheidende Frage lautet:

Sind Menschen bereit, auch die andere Seite anzuhören?

Oder haben sie ihr Urteil bereits gefällt?

Genau darin liegt das Problem.

Denn ohne Zuhören gibt es keinen Dialog.

Und ohne Dialog gibt es irgendwann nur noch Konfrontation.

Roger Köppel:

Wenn Sie heute auf Europa blicken – was sehen Sie?

Wladimir Solowjow:

Ein Europa in einer tiefen Krise.

Eine Krise der politischen Führung.

Eine Krise der Identität.

Eine Krise des Selbstverständnisses.

Viele europäische Politiker sprechen von Werten.

Aber immer weniger Menschen können erklären, was diese Werte eigentlich konkret bedeuten.

Und genau deshalb verlieren viele Bürger das Vertrauen.

Sie fühlen sich nicht mehr vertreten.

Sie fühlen sich nicht mehr gehört.

Das ist aus meiner Sicht eines der größten Probleme Europas.

Im Teil 5 (Minute 40–50) wird das Gespräch deutlich schärfer. Dort diskutieren Köppel und Solowjow über Demokratie, europäische Regierungen, Russland, NATO-Erweiterung, die Minsker Abkommen und die Verantwortung des Westens für die Verschlechterung der Beziehungen zu Russland. Das ist einer der kontroversesten Abschnitte des gesamten Interviews.

TEIL 5 – MINUTE 40 BIS 50

Roger Köppel:

Es gibt viele Menschen in Europa, die Ihrer Einschätzung widersprechen würden.

Sie würden sagen, Europa sei keineswegs so geschlossen, wie Sie es darstellen.

Viele Bürger sehen die Dinge differenzierter.

Wladimir Solowjow:

Das mag sein.

Aber entscheidend sind nicht einzelne Meinungen.

Entscheidend ist die Politik, die tatsächlich betrieben wird.

Und wenn wir auf die letzten Jahre schauen, dann sehen wir aus russischer Sicht etwas anderes.

Wir sehen Sanktionen.

Wir sehen Waffenlieferungen.

Wir sehen die Ausweitung militärischer Strukturen bis an unsere Grenzen.

Und wir sehen Politiker, die Russland offen als Gegner bezeichnen.

Das ist die Realität, mit der wir konfrontiert sind.

Roger Köppel:

Warum glauben Sie, dass Russland seine Position gegenüber dem Westen nicht erfolgreicher vermitteln konnte?

Denn die Beziehungen zwischen Russland und Europa waren früher deutlich besser.

Wladimir Solowjow:

Zunächst einmal sehe ich nicht ein, warum Russland ständig seine Existenz rechtfertigen soll.

Wir sind kein Angeklagter vor einem westlichen Gericht.

Wir sind ein souveräner Staat.

Warum sollten wir um Zustimmung bitten?

Aus russischer Sicht war es vielmehr der Westen, der wiederholt Zusagen gebrochen hat.

Nehmen Sie die NATO-Erweiterung.

Russland hat immer wieder darauf hingewiesen, dass dies als Bedrohung wahrgenommen wird.

Trotzdem wurde der Prozess fortgesetzt.

Oder nehmen Sie die Minsker Vereinbarungen.

Viele Russen haben den Eindruck gewonnen, dass diese Abkommen nie ernsthaft umgesetzt werden sollten.

Später äußerten sich sogar westliche Politiker in einer Weise, die diesen Eindruck verstärkte.

Das hat das Vertrauen nachhaltig beschädigt.

Roger Köppel:

Aber würden Sie nicht zustimmen, dass Russland ebenfalls Fehler gemacht hat?

Dass es auf beiden Seiten Versäumnisse gab?

Wladimir Solowjow:

Natürlich macht jede Regierung Fehler.

Auch Russland macht Fehler.

Kein Staat ist perfekt.

Aber die entscheidende Frage lautet:

Wer hat die Sicherheitsinteressen des anderen ignoriert?

Wer hat Warnungen über Jahre hinweg zurückgewiesen?

Wer hat geglaubt, Russland würde am Ende alles akzeptieren?

Aus russischer Sicht liegt dort ein wesentlicher Teil des Problems.

Roger Köppel:

Sie sprechen oft von europäischen Eliten.

Wie beurteilen Sie die heutige politische Führung Europas?

Wladimir Solowjow:

Sehr kritisch.

Ich sehe einen dramatischen Qualitätsverlust.

Wenn ich an die europäischen Politiker vergangener Jahrzehnte denke, dann sehe ich Staatsmänner.

Menschen mit strategischem Denken.

Menschen mit historischer Bildung.

Menschen, die wussten, was Krieg bedeutet.

Heute sehe ich häufig Politiker, die von Ideologien getrieben werden.

Die kurzfristig denken.

Die sich mehr mit Medienwirkung beschäftigen als mit langfristigen Interessen ihrer Länder.

Das ist aus meiner Sicht ein großes Problem.

Roger Köppel:

Viele Europäer würden sagen, dass genau dieselbe Kritik auch auf Russland angewendet werden könnte.

Wladimir Solowjow:

Natürlich.

Jeder hat das Recht auf seine Meinung.

Aber die Frage ist:

Welche Politik führt zu Stabilität?

Und welche Politik führt zu Eskalation?

Russland sieht sich heute nicht als Aggressor, sondern als Reaktion auf Entwicklungen, die über viele Jahre stattgefunden haben.

Ob man das akzeptiert oder nicht, spielt zunächst keine Rolle.

Wichtig ist zu verstehen, dass dies die russische Sichtweise ist.

Und solange diese Sichtweise ignoriert wird, wird es keine Lösung geben.

Roger Köppel:

Viele Menschen im Westen würden einwenden, dass Russland ebenfalls dazu beigetragen hat, Misstrauen zu erzeugen.

Wladimir Solowjow:

Misstrauen existiert auf beiden Seiten.

Aber Vertrauen entsteht nicht durch Worte.

Vertrauen entsteht durch Handlungen.

Und genau dort liegt das Problem.

Aus russischer Sicht wurden zu viele Versprechen gebrochen.

Zu viele rote Linien ignoriert.

Zu viele Warnungen überhört.

Deshalb befindet sich Europa heute in einer Situation, die viele noch vor zwanzig Jahren für unmöglich gehalten hätten.

Roger Köppel:

Gibt es überhaupt noch eine Grundlage für eine zukünftige Verständigung?

Wladimir Solowjow:

Nur dann, wenn beide Seiten bereit sind, die Realität des anderen anzuerkennen.

Nicht unbedingt zu akzeptieren.

Aber wenigstens anzuerkennen.

Solange jede Seite glaubt, allein im Besitz der Wahrheit zu sein, wird es keine Annäherung geben.

Und genau deshalb befinden wir uns heute an diesem gefährlichen Punkt.

Roger Köppel:

Sie sprechen oft von einer tiefen Krise Europas.

Was meinen Sie damit konkret?

Wladimir Solowjow:

Europa leidet aus meiner Sicht unter einer Führungskrise.

Viele Menschen haben das Gefühl, dass politische Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg getroffen werden.

Sie fühlen sich nicht mehr repräsentiert.

Nicht mehr ernst genommen.

Und daraus entsteht Unzufriedenheit.

Man sieht das in vielen Ländern.

Bei Wahlen.

Bei Protesten.

Bei gesellschaftlichen Spannungen.

Das sind Entwicklungen, die man nicht ignorieren sollte.

Im Teil 6 (Minute 50–60) wird das Gespräch noch persönlicher. Dort sprechen Köppel und Solowjow über Zweifel, Verantwortung, Religion, Moral, die Rolle des Glaubens im Krieg sowie Solowjows persönliche Haltung zu Russland, dem Westen und seinem eigenen öffentlichen Wirken. Das ist einer der philosophischsten Teile des Interviews.

TEIL 6 – MINUTE 50 BIS 60

Roger Köppel:

Ich möchte noch einmal auf die Frage der Verantwortung zurückkommen.

Glauben Sie wirklich, dass Russland in der Entwicklung dieses Konflikts keine entscheidenden Fehler gemacht hat?

Wladimir Solowjow:

Natürlich hat Russland Fehler gemacht.

Jedes Land macht Fehler.

Jede Regierung macht Fehler.

Das ist unvermeidlich.

Aber wir sollten nicht so tun, als wäre eine Seite vollkommen schuldlos und die andere vollständig verantwortlich.

Die Geschichte ist immer komplizierter.

Aus russischer Sicht wurden viele Warnungen ausgesprochen.

Viele Sorgen geäußert.

Viele Bedenken formuliert.

Und irgendwann entstand der Eindruck, dass niemand mehr zuhören wollte.

Das ist der Hintergrund, vor dem viele Russen die heutigen Ereignisse betrachten.

Roger Köppel:

Sie sprechen sehr oft von Werten, Glauben und Moral.

Welche Rolle spielt Religion für Sie persönlich?

Wladimir Solowjow:

Eine sehr große Rolle.

Ich bin Jude.

Und ich habe das niemals verborgen.

Für mich ist der wichtigste Gedanke, dass der Mensch nicht das Zentrum des Universums ist.

Der Mensch ist nicht der Maßstab aller Dinge.

Es gibt etwas Höheres.

Etwas Größeres als unser eigenes Ego.

Wenn man das vergisst, beginnt man zu glauben, dass alles erlaubt ist.

Dass man selbst entscheidet, was richtig und was falsch ist.

Genau dort beginnen viele Probleme.

Roger Köppel:

Welche Botschaft Ihres Glaubens beeinflusst Ihre Arbeit am stärksten?

Wladimir Solowjow:

Demut.

Die Erkenntnis, dass nicht alles um mich kreist.

Dass mein eigenes Leben nicht das Wichtigste auf der Welt ist.

Es gibt Dinge, die größer sind als ich.

Größer als mein persönlicher Erfolg.

Größer als meine Karriere.

Größer als mein eigenes Wohlergehen.

Diese Sichtweise prägt mein Denken.

Roger Köppel:

Sie sprechen oft von Opferbereitschaft.

Von Pflicht.

Von Verantwortung.

Ist das typisch russisch?

Wladimir Solowjow:

Ich glaube schon.

Viele Russen denken nicht zuerst an sich selbst.

Sondern an Familie.

An Heimat.

An Geschichte.

An das Land.

Deshalb sind Begriffe wie Opfer, Pflicht oder Verantwortung in Russland oft stärker verankert als in manchen westlichen Gesellschaften.

Zumindest ist das mein Eindruck.

Roger Köppel:

Hatten Sie jemals Zweifel?

Zweifel an Ihren Positionen?

An Ihrer Sicht auf den Krieg?

An dem, was Sie öffentlich vertreten?

Wladimir Solowjow:

Natürlich.

Jeder denkende Mensch hat Zweifel.

Als der Krieg begann, konnte ich fast zwei Wochen lang kaum schlafen.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Mutter.

Ich sagte zu ihr:

„Ich habe Angst.“

Sie fragte:

„Wovor?“

Ich antwortete:

„Nicht vor dem Tod.“

Vor dem Tod hatte ich keine Angst.

Ich hatte Angst, mich zu irren.

Das war meine größte Sorge.

Nicht die Gefahr.

Nicht die Sanktionen.

Nicht die Drohungen.

Sondern die Möglichkeit, dass ich falsch liegen könnte.

Roger Köppel:

Und was antwortete Ihre Mutter?

Wladimir Solowjow:

Sie stellte mir eine einfache Frage.

Sie fragte:

„Bist du überzeugt von dem, was du siehst?“

Ich sagte:

„Ja.“

Dann sagte sie:

„Dann musst du zu deinen Überzeugungen stehen.“

Dieses Gespräch hat mich sehr geprägt.

Roger Köppel:

Viele Menschen im Westen sehen die Dinge völlig anders.

Sie würden sagen, dass jede Seite überzeugt ist, im Recht zu sein.

Und genau deshalb entstehen Kriege.

Wladimir Solowjow:

Das stimmt.

Menschen sind oft überzeugt, im Recht zu sein.

Aber gerade deshalb braucht man moralische Maßstäbe.

Etwas, das über persönlichen Interessen steht.

Etwas, das über Macht hinausgeht.

Etwas, das über Politik hinausgeht.

Für mich spielt dabei der Glaube eine wichtige Rolle.

Roger Köppel:

Wenn Sie auf Europa schauen, sehen Sie dort einen Verlust solcher Werte?

Wladimir Solowjow:

Teilweise ja.

Ich habe viele Jahre in Europa verbracht.

Ich kenne Europa gut.

Ich spreche mehrere Sprachen.

Ich habe dort viele Freunde.

Deshalb kritisiere ich Europa nicht aus Feindseligkeit.

Sondern weil ich glaube, dass Europa einen Teil seiner kulturellen und geistigen Grundlagen verloren hat.

Viele Menschen denken heute ausschließlich in wirtschaftlichen Kategorien.

Oder in politischen Kategorien.

Aber nicht mehr in moralischen Kategorien.

Das halte ich für gefährlich.

Roger Köppel:

Man könnte allerdings sagen, dass Europa sich verändert hat und dass diese Veränderungen nicht zwangsläufig schlecht sind.

Wladimir Solowjow:

Das ist möglich.

Jede Generation entscheidet selbst, welchen Weg sie gehen möchte.

Aber jede Entscheidung hat Folgen.

Und manchmal erkennt man diese Folgen erst viele Jahre später.

Roger Köppel:

Wenn Sie auf die Zukunft blicken – was beunruhigt Sie am meisten?

Wladimir Solowjow:

Nicht nur der Krieg.

Mich beunruhigt die technologische Entwicklung.

Die zunehmende Macht großer Konzerne.

Die Rolle künstlicher Intelligenz.

Die Möglichkeit, dass Menschen immer stärker kontrolliert werden.

Dass Entscheidungen zunehmend von Algorithmen beeinflusst werden.

Dass Verantwortung verschwindet.

Das sind Entwicklungen, die wir sehr ernst nehmen sollten.

Roger Köppel:

Haben Sie Angst vor dieser Zukunft?

Wladimir Solowjow:

Nein.

Angst hilft nicht.

Aber man muss Risiken erkennen.

Man muss verstehen, wohin Entwicklungen führen können.

Und man muss rechtzeitig handeln.

Im Teil 7 (Minute 60–70) geht es anschließend um Odessa 2014, die Rolle der Medien, die Darstellung des Krieges, den Vorwurf der Dämonisierung des Gegners sowie Solowjows Haltung gegenüber Europa und den westlichen Gesellschaften. Dieser Abschnitt gehört zu den emotionalsten Teilen des Interviews.

TEIL 7 – MINUTE 60 BIS 70

Roger Köppel:

Sie haben vorhin die Ereignisse von Odessa im Jahr 2014 erwähnt.

War das für Sie ein Wendepunkt?

Wladimir Solowjow:

Ja.

Absolut.

Für mich war das einer der Momente, in denen ich das Vertrauen in Europa verloren habe.

Ich spreche von der Tragödie im Gewerkschaftshaus von Odessa.

Menschen kamen dort ums Leben.

Und ich hatte den Eindruck, dass dieses Ereignis im Westen kaum ernsthaft aufgearbeitet wurde.

Viele Russen sahen darin ein Symbol dafür, dass das Leid bestimmter Menschen schlicht ignoriert wurde.

Das hat tiefe Spuren hinterlassen.

Roger Köppel:

Aber ist es nicht gerade in Kriegszeiten gefährlich, den Gegner ausschließlich als böse darzustellen?

Als Nazis.

Als Satanisten.

Als Verkörperung des Bösen.

Müsste die Aufgabe eines Journalisten nicht auch darin bestehen, immer wieder daran zu erinnern, dass auf der anderen Seite ebenfalls Menschen stehen?

Wladimir Solowjow:

Das tue ich.

Und zwar ständig.

Ich sage regelmäßig, dass wir nicht die Menschen hassen.

Wir unterscheiden zwischen Menschen und politischen Systemen.

Zwischen Völkern und Regierungen.

Zwischen Individuen und Ideologien.

Viele meiner Kritiker sehen nur einzelne Schlagzeilen.

Sie kennen aber nicht die Gesamtheit meiner Aussagen.

Ich habe oft betont, dass Russen keine Feindschaft gegenüber gewöhnlichen Ukrainern empfinden.

Oder gegenüber gewöhnlichen Europäern.

Roger Köppel:

Trotzdem verwenden Sie sehr harte Begriffe.

Wenn Sie von Satanismus sprechen, klingt das für viele Menschen im Westen wie eine extreme Zuspitzung.

Wladimir Solowjow:

Vielleicht.

Aber ich benutze diese Begriffe nicht als Beschimpfung.

Ich benutze sie als moralische Kategorien.

Man muss nicht mit mir übereinstimmen.

Aber für mich geht es um Werte.

Um Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist.

Und diese Vorstellungen unterscheiden sich heute oft erheblich zwischen Russland und vielen westlichen Gesellschaften.

Roger Köppel:

Viele Menschen würden Ihnen widersprechen.

Sie würden sagen, dass Europa keineswegs satanisch ist.

Dass Europa weiterhin auf Menschenrechten, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit basiert.

Wladimir Solowjow:

Natürlich würden viele das sagen.

Aber wir sehen gleichzeitig Entwicklungen, die wir kritisch betrachten.

Und wir haben das Recht, diese Entwicklungen kritisch zu bewerten.

Genauso wie Europa ständig Russland bewertet.

Der Unterschied ist nur, dass westliche Urteile häufig als objektive Wahrheit präsentiert werden.

Russische Sichtweisen dagegen werden oft als Propaganda bezeichnet.

Roger Köppel:

Warum glauben Sie, dass Russland seine Sichtweise im Westen so wenig durchsetzen konnte?

Warum ist die russische Darstellung des Konflikts dort weitgehend gescheitert?

Wladimir Solowjow:

Weil viele westliche Gesellschaften gar kein Interesse daran haben, russische Argumente anzuhören.

Nehmen wir Interviews von Präsident Putin.

Oder Stellungnahmen russischer Politiker.

Wie oft werden sie vollständig gezeigt?

Wie oft werden sie vollständig übersetzt?

Sehr selten.

Häufig werden nur einzelne Ausschnitte präsentiert.

Und genau dadurch entsteht ein verzerrtes Bild.

Roger Köppel:

Aber ist das nicht auch ein Problem russischer Kommunikation?

Vielleicht hätte Russland stärker erklären müssen, wie es die Ereignisse sieht.

Wladimir Solowjow:

Vielleicht.

Aber ich glaube nicht, dass das der entscheidende Punkt ist.

Man hört nur zu, wenn man zuhören möchte.

Und ich habe oft den Eindruck, dass viele Menschen im Westen ihre Meinung bereits festgelegt haben.

Roger Köppel:

Wenn Sie Europa betrachten – was sehen Sie?

Wladimir Solowjow:

Ich sehe eine Führungskrise.

Viele politische Eliten wirken schwach.

Viele Entscheidungen erscheinen orientierungslos.

Und ich habe den Eindruck, dass zahlreiche Politiker ihre eigene Bevölkerung nicht mehr wirklich vertreten.

Das erzeugt Frustration.

Das erzeugt Misstrauen.

Und genau deshalb erleben wir heute in vielen europäischen Ländern politische Umbrüche.

Roger Köppel:

Aber gleichzeitig gibt es Millionen Europäer, die diese Entwicklung ebenfalls kritisch sehen.

Die mit ihrer Regierung unzufrieden sind.

Die Veränderungen wollen.

Übersehen Sie diese Menschen nicht?

Wladimir Solowjow:

Nein.

Ich weiß, dass es sie gibt.

Aber die entscheidende Frage lautet:

Wie viel Einfluss haben sie tatsächlich?

Wie viele ihrer Positionen spiegeln sich in der praktischen Politik wider?

Das ist der Punkt.

Roger Köppel:

Sie haben früher viele Jahre in Europa und den USA verbracht.

Sie haben dort gelehrt.

Sie haben dort gearbeitet.

Es gab doch einmal eine Zeit, in der Sie den Westen sehr geschätzt haben.

Wladimir Solowjow:

Natürlich.

Das habe ich sogar mehrfach gesagt.

Ich habe viele schöne Erinnerungen an diese Zeit.

Aber die Welt von damals existiert aus meiner Sicht nicht mehr.

Amerika der 1990er Jahre ist nicht Amerika von heute.

Europa der 1990er Jahre ist nicht Europa von heute.

Ich sehe grundlegende Veränderungen.

Und viele dieser Veränderungen halte ich für problematisch.

Roger Köppel:

Ist es möglich, dass Sie Europa unterschätzen?

So wie viele Europäer Russland unterschätzt haben?

Wladimir Solowjow:

Das ist möglich.

Jeder kann sich irren.

Aber ich glaube nicht, dass Europa heute die gleiche Kraft besitzt wie früher.

Zumindest nicht geistig.

Nicht kulturell.

Nicht politisch.

Und genau deshalb wirken viele Entwicklungen auf mich so besorgniserregend.

Roger Köppel:

Trotzdem gibt es in Europa Millionen Menschen, die Ihre Kritik an den politischen Eliten teilen würden.

Wladimir Solowjow:

Dann ist das eine Angelegenheit Europas.

Nicht Russlands.

Die Zukunft Europas wird von Europäern entschieden.

Nicht von uns.

Im Teil 8 (Minute 70–80) wird das Gespräch deutlich schärfer. Dort spricht Solowjow über Nuklearwaffen, Abschreckung, NATO-Unterstützung für die Ukraine, die Gefahr einer direkten Konfrontation zwischen Russland und Europa sowie seine Kritik an Deutschland, Großbritannien und den westlichen Regierungen. Dieser Abschnitt enthält einige der umstrittensten Aussagen des gesamten Interviews.

TEIL 8 – MINUTE 70 BIS 80

Roger Köppel:

Vorhin haben Sie eine sehr weitreichende Aussage gemacht.

Sie sagten, dass Sie den Einsatz von Atomwaffen letztlich für unvermeidlich halten.

Das hat viele Menschen im Westen schockiert.

Wie ernst meinen Sie das?

Wladimir Solowjow:

Sehr ernst.

Aber vielleicht wird meine Position oft missverstanden.

Ich sage nicht, dass ich einen Atomkrieg wünsche.

Ganz im Gegenteil.

Niemand bei klarem Verstand kann sich so etwas wünschen.

Ich sage lediglich, dass bestimmte Entwicklungen zwangsläufig Konsequenzen haben.

Wenn eine Eskalation immer weiter voranschreitet, erreicht man irgendwann einen Punkt, an dem bestimmte Optionen auf dem Tisch liegen.

Das ist keine Wunschvorstellung.

Das ist eine Analyse.

Roger Köppel:

Aber wenn Sie von Unvermeidlichkeit sprechen, dann klingt das fast so, als sei der Weg bereits vorgezeichnet.

Wladimir Solowjow:

Ich hoffe, dass ich mich irre.

Wirklich.

Aber ich sehe keine politischen Führer im Westen, die bereit wären, die Risiken ehrlich zu benennen.

Viele glauben offenbar noch immer, Russland bluffe.

Viele glauben, Russland werde niemals handeln.

Und genau diese Fehleinschätzung halte ich für gefährlich.

Roger Köppel:

Glauben Sie, dass sich Russland und Europa bereits in einer direkten Konfrontation befinden?

Wladimir Solowjow:

Ja.

In gewisser Weise bereits.

Wenn europäische Staaten Waffen liefern.

Wenn europäische Staaten Ausbildung leisten.

Wenn europäische Staaten Geheimdienstinformationen bereitstellen.

Dann entsteht aus russischer Sicht zwangsläufig die Frage:

Wo endet Unterstützung und wo beginnt Beteiligung?

Das ist eine Diskussion, die im Westen oft vermieden wird.

In Russland wird sie dagegen sehr intensiv geführt.

Roger Köppel:

Viele Menschen würden sagen, dass diese Unterstützung notwendig sei, um der Ukraine bei ihrer Verteidigung zu helfen.

Wladimir Solowjow:

Das ist die westliche Sichtweise.

Russland betrachtet dieselben Vorgänge völlig anders.

Für viele Russen bedeutet jede zusätzliche Waffenlieferung eine Verlängerung des Krieges.

Deshalb werden dieselben Ereignisse auf beiden Seiten vollkommen unterschiedlich bewertet.

Roger Köppel:

Sie haben in der Vergangenheit Aussagen gemacht, die in Europa als Drohungen verstanden wurden.

Beispielsweise über Großbritannien.

Über mögliche militärische Konsequenzen.

Wenn Sie heute darauf zurückblicken – würden Sie diese Aussagen wiederholen?

Wladimir Solowjow:

Ja.

Weil ich glaube, dass viele Menschen den Ernst der Lage noch immer unterschätzen.

Ich bin kein Regierungsmitglied.

Ich spreche nicht für den Kreml.

Ich bin Journalist.

Aber ich beobachte Entwicklungen.

Und ich beschreibe die Risiken, die ich sehe.

Wenn meine Worte provozieren, dann vielleicht deshalb, weil die Realität selbst provozierend ist.

Roger Köppel:

Haben Sie nie das Gefühl, dass Sie manchmal rhetorisch zu weit gehen?

Dass Sie Formulierungen wählen, die eher eskalieren als deeskalieren?

Wladimir Solowjow:

Nein.

Denn ich glaube, dass das eigentliche Problem nicht meine Wortwahl ist.

Das Problem besteht darin, dass viele Menschen die Realität nicht sehen wollen.

Wenn Warnungen ignoriert werden, dann werden Ereignisse irgendwann lauter sprechen als Worte.

Und genau davor warne ich.

Roger Köppel:

Wann haben Sie Präsident Putin zuletzt kritisiert?

Wladimir Solowjow:

Ständig.

Jeden Tag.

Aber wahrscheinlich aus anderen Gründen als viele westliche Beobachter erwarten.

Ich bin oft der Meinung, dass Russland entschlossener handeln sollte.

Dass manche Entscheidungen zu vorsichtig getroffen werden.

Dass manche Reaktionen zu zurückhaltend ausfallen.

Das sind meine Kritikpunkte.

Roger Köppel:

Sie halten Präsident Putin also eher für zu vorsichtig?

Wladimir Solowjow:

In vielen Fragen, ja.

Aber ich bin nicht Präsident.

Er verfügt über Informationen, die ich nicht habe.

Er trägt eine Verantwortung, die ich nicht trage.

Deshalb unterscheidet sich seine Perspektive zwangsläufig von meiner.

Roger Köppel:

Wenn Sie sagen, dass Europa faktisch Kriegspartei geworden sei – welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Wladimir Solowjow:

Die Konsequenz ist einfach:

Man muss die Realität anerkennen.

Europa kann nicht gleichzeitig militärisch eingreifen und behaupten, völlig unbeteiligt zu sein.

Das funktioniert nicht.

Wenn man Einfluss auf einen Krieg nimmt, wird man Teil dieses Krieges.

Zumindest wird das in Russland so gesehen.

Roger Köppel:

Viele Europäer würden darauf antworten, dass Russland den Krieg begonnen habe.

Wladimir Solowjow:

Und viele Russen würden antworten, dass die Ursachen deutlich weiter zurückreichen.

Bis ins Jahr 2014.

Oder sogar noch weiter.

Genau deshalb kommen beide Seiten bei vielen Diskussionen zu völlig unterschiedlichen Schlussfolgerungen.

Roger Köppel:

Wenn Sie die Lage heute betrachten:

Wie nahe sind wir aus Ihrer Sicht an einer gefährlichen Eskalation?

Wladimir Solowjow:

Näher, als die meisten Menschen glauben.

Viele Entscheidungen werden heute getroffen, als gäbe es keinerlei Risiko.

Als könne man immer noch eine weitere Stufe hinzufügen.

Noch mehr Waffen.

Noch mehr Druck.

Noch mehr Sanktionen.

Und trotzdem werde alles kontrollierbar bleiben.

Ich halte diese Annahme für äußerst gefährlich.

Roger Köppel:

Und was wäre aus Ihrer Sicht notwendig, um diese Entwicklung zu stoppen?

Wladimir Solowjow:

Realismus.

Vor allem Realismus.

Die Bereitschaft, die Interessen der Gegenseite zur Kenntnis zu nehmen.

Nicht ihnen zuzustimmen.

Aber sie wenigstens anzuerkennen.

Ohne diesen Schritt wird es keine stabile Lösung geben.

Im Teil 9 (Minute 80–90) diskutieren Roger Köppel und Wladimir Solowjow über die Ursachen des Konflikts, Religion, europäische Werte, die Zukunft Europas und die Frage, ob Russland und Europa überhaupt noch eine gemeinsame Zukunft haben. Dort wird das Gespräch wieder stärker philosophisch und historisch geprägt.

TEIL 9 – MINUTE 80 BIS 90

Roger Köppel:

Sie sprechen immer wieder von unterschiedlichen Weltbildern.

Von unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie Gesellschaft funktionieren sollte.

Ist der Konflikt zwischen Russland und dem Westen für Sie letztlich ein kultureller Konflikt?

Wladimir Solowjow:

Ja.

Zumindest teilweise.

Natürlich spielen Geopolitik, Wirtschaft und Sicherheitspolitik eine Rolle.

Aber darunter liegt etwas Tieferes.

Es geht um unterschiedliche Vorstellungen vom Menschen.

Von Familie.

Von Staat.

Von Religion.

Von Geschichte.

Und genau deshalb verstehen sich beide Seiten oft so schlecht.

Sie benutzen dieselben Worte.

Aber sie meinen völlig unterschiedliche Dinge.

Roger Köppel:

Nehmen wir Europa.

Sie sagen oft, Europa habe seine Wurzeln verloren.

Was meinen Sie damit konkret?

Wladimir Solowjow:

Europa war über Jahrhunderte eine christlich geprägte Zivilisation.

Es gab gemeinsame kulturelle Grundlagen.

Gemeinsame moralische Vorstellungen.

Gemeinsame historische Bezugspunkte.

Heute sehe ich eine zunehmende Entfernung von diesen Grundlagen.

Viele traditionelle Werte verlieren an Bedeutung.

Viele Institutionen verlieren ihre Autorität.

Und viele Menschen wissen nicht mehr, woran sie eigentlich glauben sollen.

Das ist aus meiner Sicht eine tiefe Krise.

Roger Köppel:

Aber könnte man nicht auch sagen, dass Europa sich lediglich weiterentwickelt?

Dass neue Werte an die Stelle alter Werte treten?

Wladimir Solowjow:

Natürlich kann man das sagen.

Die Frage lautet nur:

Führt diese Entwicklung zu Stabilität oder zu Instabilität?

Zu Zusammenhalt oder zu Spaltung?

Zu Stärke oder zu Schwäche?

Das wird die Geschichte entscheiden.

Roger Köppel:

Sie sprechen oft von Religion.

Viele Europäer würden antworten, dass Religion heute eine persönliche Angelegenheit ist.

Dass Politik und Religion getrennt sein sollten.

Wladimir Solowjow:

Und genau darin liegt einer der Unterschiede.

Für viele Russen ist Religion nicht nur Privatsache.

Sie ist Teil der kulturellen Identität.

Teil der Geschichte.

Teil des kollektiven Gedächtnisses.

Man kann sie nicht einfach aus dem öffentlichen Leben entfernen und so tun, als hätte das keine Folgen.

Roger Köppel:

Wenn man Ihnen zuhört, entsteht manchmal der Eindruck, dass Sie Europa bereits abgeschrieben haben.

Als wäre Europa auf einem unumkehrbaren Niedergangspfad.

Ist das Ihre Sicht?

Wladimir Solowjow:

Nein.

Nicht abgeschrieben.

Aber ich sehe große Probleme.

Und ich sehe viele politische Entscheidungen, die diese Probleme verschärfen.

Ob Europa seinen Kurs korrigiert oder nicht, wird die Zukunft zeigen.

Das ist eine Entscheidung, die Europäer selbst treffen müssen.

Roger Köppel:

Gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt noch eine gemeinsame Zukunft zwischen Russland und Europa?

Wladimir Solowjow:

Das hängt davon ab, welches Europa wir meinen.

Das Europa der Vergangenheit?

Das Europa der großen Kultur?

Der Wissenschaft?

Der Philosophie?

Der Literatur?

Dann gibt es natürlich viele Verbindungen.

Diese Geschichte lässt sich nicht auslöschen.

Aber wenn wir über die heutige politische Führung sprechen, dann sehe ich derzeit wenig Vertrauen.

Und ohne Vertrauen wird Zusammenarbeit sehr schwierig.

Roger Köppel:

Trotzdem sind Russland und Europa Nachbarn.

Geografie lässt sich nicht ändern.

Wladimir Solowjow:

Das stimmt.

Wir werden Nachbarn bleiben.

Die Frage ist nur, welche Art von Nachbarschaft daraus entsteht.

Eine friedliche.

Eine gleichgültige.

Oder eine feindselige.

Das wird nicht allein in Moskau entschieden.

Und auch nicht allein in Brüssel.

Roger Köppel:

Sie haben viele Jahre in Europa verbracht.

Sie sprechen mit großer Leidenschaft über Europa.

Man könnte fast sagen, dass Sie Europa immer noch mögen.

Vielleicht sogar mehr, als viele Europäer selbst.

Wladimir Solowjow:

Vielleicht.

Weil ich Europa anders wahrnehme.

Für mich besteht Europa nicht aus aktuellen Regierungen.

Europa besteht aus seiner Geschichte.

Aus seiner Kultur.

Aus seinen Denkern.

Aus seiner Musik.

Aus seiner Literatur.

Aus seinen geistigen Traditionen.

Und genau deshalb schmerzt es mich manchmal zu sehen, wie wenig davon noch geschätzt wird.

Roger Köppel:

Wenn Sie Europa mit einem Satz beschreiben müssten – wie würde dieser Satz lauten?

Wladimir Solowjow:

Europa befindet sich auf der Suche nach seiner eigenen Identität.

Und es hat noch nicht entschieden, welchen Weg es gehen will.

Roger Köppel:

Und Russland?

Wie würden Sie Russland beschreiben?

Wladimir Solowjow:

Russland weiß sehr genau, wer es ist.

Zumindest glauben die meisten Russen das.

Ob diese Selbstwahrnehmung immer richtig ist, steht auf einem anderen Blatt.

Aber sie existiert.

Und genau deshalb reagieren Russen oft empfindlich, wenn Außenstehende versuchen, ihnen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben.

Roger Köppel:

Ist das letztlich der Kern des Konflikts?

Die Frage nach Identität?

Wladimir Solowjow:

Unter anderem, ja.

Identität.

Geschichte.

Kultur.

Sicherheit.

All diese Dinge greifen ineinander.

Deshalb gibt es keine einfache Lösung.

Und deshalb wird dieser Konflikt wahrscheinlich noch lange nachwirken – selbst wenn die Waffen eines Tages schweigen.

Roger Köppel:

Gibt es etwas, das Sie an Europa bewundern?

Heute noch?

Wladimir Solowjow:

Natürlich.

Die kulturellen Leistungen.

Die Wissenschaft.

Die Kunst.

Die Architektur.

Die Literatur.

Die Musik.

Das alles bleibt bedeutend.

Und niemand kann diese Leistungen auslöschen.

Aber ich wünsche mir, dass Europa wieder mehr Vertrauen in seine eigenen kulturellen Grundlagen entwickelt.

Im Teil 10 (Minute 90–100) geht das Gespräch auf historische Schuldfragen, das Verhältnis Russlands zur europäischen Geschichte, die Rolle des Sowjetsystems und die Frage ein, ob Europa und Russland jemals wieder zu einer echten Partnerschaft zurückfinden können. Dieser Abschnitt ist deutlich historischer geprägt als die vorherigen Teile.

TEIL 10 – MINUTE 90 BIS 100

Roger Köppel:

Lassen Sie uns noch einmal auf die Geschichte zurückkommen.

Viele Menschen im Westen sagen, Russland blicke sehr selektiv auf die Vergangenheit.

Dass man eigene Fehler relativiere und die Fehler anderer betone.

Was antworten Sie darauf?

Wladimir Solowjow:

Geschichte ist niemals einfach.

Jedes Land erinnert sich an bestimmte Dinge stärker als an andere.

Das gilt für Russland.

Das gilt für Europa.

Das gilt für Amerika.

Der Unterschied besteht darin, dass wir heute oft so tun, als könnten wir die Vergangenheit mit den moralischen Maßstäben der Gegenwart beurteilen.

Das halte ich für problematisch.

Man muss historische Ereignisse immer im Kontext ihrer Zeit betrachten.

Roger Köppel:

Viele Menschen würden auf den Gulag verweisen.

Auf politische Repressionen.

Auf die Verbrechen des Stalinismus.

Wladimir Solowjow:

Natürlich gab es schwere Verbrechen.

Niemand bestreitet das.

Aber wenn wir über Geschichte sprechen, sollten wir ehrlich sein.

Dann müssen wir auch über Kolonialismus sprechen.

Über Sklaverei.

Über die Behandlung indigener Völker.

Über Internierungslager.

Über Kriege.

Über Verbrechen, die von vielen anderen Staaten begangen wurden.

Es darf keine Geschichte mit zweierlei Maß geben.

Roger Köppel:

Aber rechtfertigen die Fehler anderer die eigenen Fehler?

Wladimir Solowjow:

Nein.

Natürlich nicht.

Aber sie helfen dabei, die Dinge in eine realistische Perspektive zu setzen.

Wenn man Geschichte ernsthaft verstehen will, muss man bereit sein, alle Seiten zu betrachten.

Nicht nur die eigene.

Nicht nur die des Gegners.

Sondern alle.

Roger Köppel:

Manche würden sagen, dass Russland seine eigene Geschichte idealisiert.

Vor allem die Zeit des Imperiums oder die Zeit der Sowjetunion.

Wladimir Solowjow:

Es gibt in Russland unterschiedliche Sichtweisen.

Wie in jedem Land.

Aber ich glaube, dass viele Menschen im Westen die Sowjetunion ausschließlich durch ihre negativen Seiten betrachten.

Dabei wird häufig vergessen, welche Rolle die Sowjetunion bei der Niederlage des Nationalsozialismus gespielt hat.

Oder welche Opfer die Menschen damals gebracht haben.

Geschichte ist nie schwarz oder weiß.

Roger Köppel:

Wenn Sie auf die Gegenwart schauen – glauben Sie, dass Europa und Russland jemals wieder echte Partner werden können?

Wladimir Solowjow:

Vielleicht.

Aber das wird lange dauern.

Vertrauen entsteht nicht über Nacht.

Und verlorenes Vertrauen kehrt noch langsamer zurück.

Viele Russen haben heute das Gefühl, dass ihre Erwartungen an Europa enttäuscht wurden.

Dass Zusagen nicht eingehalten wurden.

Dass Interessen ignoriert wurden.

Ob diese Wahrnehmung richtig oder falsch ist, spielt zunächst gar keine Rolle.

Entscheidend ist, dass sie existiert.

Und genau deshalb wird der Wiederaufbau von Vertrauen sehr schwierig sein.

Roger Köppel:

Gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt etwas, das Russland heute von Europa braucht?

Wladimir Solowjow:

Brauchen?

Das ist vielleicht nicht die richtige Frage.

Russland wird seinen Weg gehen.

Europa wird seinen Weg gehen.

Die eigentliche Frage lautet:

Ob beide Seiten in Zukunft miteinander arbeiten wollen.

Und unter welchen Bedingungen.

Roger Köppel:

Sie haben oft betont, dass Russland sich zunehmend nach Asien orientiert.

Ist Europa aus russischer Sicht dabei, an Bedeutung zu verlieren?

Wladimir Solowjow:

Europa bleibt wichtig.

Aber die Welt verändert sich.

Die wirtschaftlichen Schwerpunkte verschieben sich.

Neue Machtzentren entstehen.

Russland arbeitet heute intensiver mit vielen Ländern zusammen, die früher im Westen kaum beachtet wurden.

Das verändert die geopolitische Landschaft grundlegend.

Roger Köppel:

Dennoch verbindet Russland und Europa eine jahrhundertelange Geschichte.

Lässt sich das wirklich einfach ersetzen?

Wladimir Solowjow:

Nein.

Natürlich nicht.

Geschichte kann man nicht ersetzen.

Kultur kann man nicht ersetzen.

Gemeinsame Erfahrungen kann man nicht ersetzen.

Aber politische Beziehungen können sich verändern.

Und genau das erleben wir derzeit.

Roger Köppel:

Wenn Sie die Geschichte Europas betrachten – was sehen Sie?

Wladimir Solowjow:

Ich sehe große kulturelle Leistungen.

Große Philosophen.

Große Wissenschaftler.

Große Künstler.

Aber ich sehe auch Kriege.

Kolonialreiche.

Ideologien.

Machtpolitik.

Europa war nie nur das eine oder das andere.

Es war immer beides.

Licht und Schatten.

Wie jede große Zivilisation.

Roger Köppel:

Und Russland?

Wie sollte Russland aus Ihrer Sicht in hundert Jahren erinnert werden?

Wladimir Solowjow:

Als ein Land, das seine Identität bewahrt hat.

Als ein Land, das sich nicht aufgegeben hat.

Als ein Land, das seinen eigenen Weg gegangen ist.

Ob man diesen Weg richtig oder falsch findet, wird die Geschichte entscheiden.

Aber entscheidend ist, dass man ihn selbst gewählt hat.

Roger Köppel:

Sie sprechen oft von Geschichte.

Von Tradition.

Von kultureller Identität.

Haben Sie manchmal Sorge, dass diese Begriffe benutzt werden, um Menschen gegeneinander aufzubringen?

Wladimir Solowjow:

Natürlich besteht diese Gefahr.

Jede Idee kann missbraucht werden.

Religion kann missbraucht werden.

Nationalismus kann missbraucht werden.

Demokratie kann missbraucht werden.

Freiheit kann missbraucht werden.

Deshalb kommt es immer auf die Menschen an.

Nicht auf die Begriffe.

Roger Köppel:

Dann wäre die wichtigste Aufgabe vielleicht, Menschen daran zu erinnern, dass politische Systeme vergänglich sind, aber Menschen miteinander weiterleben müssen.

Wladimir Solowjow:

Das wäre ein guter Gedanke.

Denn Regierungen kommen und gehen.

Politiker kommen und gehen.

Aber Völker bleiben.

Und Nachbarn bleiben ebenfalls.

Im Teil 11 (Minute 100–110) wird das Gespräch zunehmend philosophisch. Solowjow spricht über Krieg und Frieden, über die menschliche Natur, über Angst, Tod, Verantwortung und die Frage, ob Kriege jemals dauerhaft verhindert werden können. Dieser Abschnitt bildet den Übergang zum eigentlichen Schluss des Interviews.

TEIL 11 – MINUTE 100 BIS 110

Roger Köppel:

Wir nähern uns dem Ende unseres Gesprächs.

Deshalb möchte ich eine grundsätzliche Frage stellen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Menschheit?

Sind Sie eher Optimist oder Pessimist?

Wladimir Solowjow:

Weder noch.

Ich versuche, Realist zu sein.

Natürlich wünsche ich mir Frieden.

Natürlich wünsche ich mir Wohlstand.

Natürlich wünsche ich mir, dass Menschen miteinander auskommen.

Aber wenn man die Geschichte studiert, erkennt man etwas sehr Unangenehmes.

Der Frieden ist meistens die Ausnahme.

Der Krieg ist oft die Regel.

Roger Köppel:

Das klingt ziemlich düster.

Wladimir Solowjow:

Vielleicht.

Aber betrachten wir die Geschichte.

Wie viele Jahre echter Frieden gab es?

Verglichen mit der gesamten Menschheitsgeschichte sind es erstaunlich wenige.

Fast jede Generation hat Kriege erlebt.

Konflikte.

Gewalt.

Machtkämpfe.

Das bedeutet nicht, dass Frieden unmöglich wäre.

Aber es bedeutet, dass Frieden immer verteidigt werden muss.

Er entsteht nicht von allein.

Roger Köppel:

Also glauben Sie, dass der Mensch grundsätzlich zum Krieg neigt?

Wladimir Solowjow:

Ich glaube, der Mensch trägt beides in sich.

Die Fähigkeit zur Schöpfung.

Und die Fähigkeit zur Zerstörung.

Die Fähigkeit zur Liebe.

Und die Fähigkeit zum Hass.

Die Frage lautet nicht, ob diese Kräfte existieren.

Die Frage lautet, welche davon die Oberhand gewinnt.

Und dieser Kampf findet nicht nur zwischen Staaten statt.

Er findet im Inneren jedes einzelnen Menschen statt.

Roger Köppel:

Das klingt fast wie eine religiöse Sichtweise.

Wladimir Solowjow:

Das ist sie auch.

Denn die entscheidenden Schlachten beginnen nicht auf dem Schlachtfeld.

Sie beginnen im Herzen des Menschen.

Dort entscheidet sich, ob jemand dem Guten oder dem Schlechten folgt.

Ob jemand Verantwortung übernimmt oder ihr ausweicht.

Ob jemand seinem Gewissen folgt oder nicht.

Roger Köppel:

Wenn Sie heute auf Ihr eigenes Leben zurückblicken:

Glauben Sie, dass Sie alles getan haben, um Kriege zu verhindern?

Wladimir Solowjow:

Das ist wahrscheinlich die schwierigste Frage des ganzen Interviews.

Denn niemand kann mit Sicherheit behaupten, immer das Richtige getan zu haben.

Jeder Mensch macht Fehler.

Jeder Mensch hat blinde Flecken.

Jeder Mensch trägt Verantwortung für Entscheidungen.

Ich hoffe, dass ich versucht habe, ehrlich zu bleiben.

Aber die endgültige Beurteilung steht mir nicht zu.

Roger Köppel:

Wer beurteilt das?

Wladimir Solowjow:

Am Ende jeder selbst.

Und aus religiöser Sicht letztlich Gott.

Denn wir können uns selbst vieles einreden.

Wir können unsere Motive rechtfertigen.

Wir können unsere Fehler entschuldigen.

Aber irgendwann muss jeder Mensch sich der Wahrheit stellen.

Roger Köppel:

Was ist für Sie persönlich Gut und Böse?

Wladimir Solowjow:

Eine schwierige Frage.

Deshalb brauchen Menschen Religion.

Deshalb brauchen Menschen moralische Orientierung.

Denn wenn jeder selbst definiert, was Gut und Böse bedeutet, entstehen unzählige Wahrheiten.

Und irgendwann gibt es überhaupt keine Wahrheit mehr.

Roger Köppel:

Aber viele Menschen, die große Verbrechen begangen haben, waren überzeugt, das Richtige zu tun.

Wladimir Solowjow:

Genau.

Das macht die Sache so gefährlich.

Fast niemand betrachtet sich selbst als Bösewicht.

Fast jeder glaubt, im Recht zu sein.

Deshalb braucht der Mensch etwas, das über ihn selbst hinausgeht.

Etwas, das größer ist als seine eigenen Wünsche.

Roger Köppel:

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Wladimir Solowjow:

Nein.

Nicht wirklich.

Der Tod gehört zum Leben.

Jeder Mensch weiß, dass er irgendwann sterben wird.

Deshalb halte ich es für sinnlos, ständig Angst davor zu haben.

Die wichtigere Frage lautet:

Wofür lebt man?

Und wofür ist man bereit einzustehen?

Roger Köppel:

Sie wirken erstaunlich gelassen, wenn Sie über solche Themen sprechen.

Wladimir Solowjow:

Vielleicht deshalb, weil ich viel Leid gesehen habe.

Wenn man Krieg erlebt.

Wenn man Tote sieht.

Wenn man Menschen verliert.

Dann verändert sich die Perspektive.

Man beginnt andere Fragen zu stellen.

Fragen, die im Alltag oft verdrängt werden.

Roger Köppel:

Viele Menschen in Europa haben solche Erfahrungen nie gemacht.

Wladimir Solowjow:

Genau.

Und das ist vielleicht einer der größten Unterschiede.

Wer Krieg nur aus Büchern kennt, denkt anders über Krieg als jemand, der ihn mit eigenen Augen gesehen hat.

Das bedeutet nicht, dass die eine Sicht automatisch richtiger ist.

Aber sie ist anders.

Roger Köppel:

Wenn Sie einen Wunsch für die Zukunft hätten – welcher wäre das?

Wladimir Solowjow:

Dass die Menschen lernen zuzuhören.

Wirklich zuzuhören.

Nicht nur auf ihre eigene Seite.

Nicht nur auf die eigene Ideologie.

Nicht nur auf die eigene Propaganda.

Sondern auch auf die andere Seite.

Denn viele Katastrophen entstehen, weil Menschen aufhören zuzuhören.

Roger Köppel:

Und wenn das nicht gelingt?

Wladimir Solowjow:

Dann wird die Geschichte ihren gewohnten Lauf nehmen.

Und die Menschheit wird erneut Lektionen lernen müssen, die sie eigentlich längst kennen sollte.

Im Teil 12 (Minute 110 bis zum Ende des Interviews) folgt der eigentliche Schluss. Dort spricht Solowjow über sein Vermächtnis, darüber, wie seine Kinder ihn einmal sehen sollen, über Humor als Überlebensstrategie, über Gott, Verantwortung und die abschließenden Worte des Gesprächs. Das ist der persönlichste und zugleich philosophischste Teil des gesamten Interviews.

TEIL 12 – MINUTE 110 BIS ZUM ENDE

Roger Köppel:

Wir kommen langsam zum Ende.

Deshalb möchte ich Ihnen eine persönliche Frage stellen.

Wie sollen Ihre Kinder und Enkelkinder Sie einmal in Erinnerung behalten?

Was soll von Ihrer Arbeit bleiben?

Wladimir Solowjow:

Das ist nicht die entscheidende Frage.

Zumindest nicht für mich.

Es gibt letztlich nur ein Urteil, das wirklich zählt.

Und das ist nicht das Urteil der Zuschauer.

Nicht das Urteil der Medien.

Nicht das Urteil der Historiker.

Sondern das Urteil Gottes.

Am Ende des Lebens wird jeder Mensch Rechenschaft ablegen müssen.

Und nur dieses Urteil ist wirklich von Bedeutung.

Roger Köppel:

Wenn dieser Krieg eines Tages endet – und hoffen wir, dass er endet – würden Sie dann ein Buch darüber schreiben?

Und wenn ja:

Welchen Titel würde dieses Buch tragen?

Wladimir Solowjow:

Vielleicht:

„Der heilige Krieg gegen das Böse.“

Obwohl ich glaube, dass andere Menschen darüber bessere Bücher schreiben werden.

Denn Krieg besteht nicht aus großen Schlagzeilen.

Krieg besteht aus Blut.

Aus Tränen.

Aus Leid.

Aus Verlusten.

Aus Dingen, die man oft gar nicht beschreiben kann.

Roger Köppel:

Während unseres Gesprächs habe ich oft versucht, optimistische Antworten von Ihnen zu bekommen.

Aber Sie kehren immer wieder zu den dunkleren Seiten der Geschichte zurück.

Warum?

Wladimir Solowjow:

Weil die Realität oft dunkel ist.

Das bedeutet nicht, dass ich Freude daran habe.

Im Gegenteil.

Aber wenn man die Welt verstehen will, darf man nicht nur die angenehmen Dinge betrachten.

Man muss auch die unangenehmen sehen.

Die gefährlichen.

Die schmerzhaften.

Die tragischen.

Roger Köppel:

Glauben Sie, dass die Menschheit jemals dauerhaft Frieden erreichen wird?

Wladimir Solowjow:

Ich hoffe es.

Aber die Geschichte macht mich skeptisch.

Wenn man die vergangenen Jahrtausende betrachtet, dann waren Kriege fast immer Bestandteil menschlicher Existenz.

Frieden ist etwas Wertvolles.

Aber er ist selten.

Und deshalb darf man ihn niemals als selbstverständlich betrachten.

Roger Köppel:

Dann sehen Sie Krieg als unvermeidlichen Teil der menschlichen Natur?

Wladimir Solowjow:

Leider ja.

Der Mensch ist zu Großem fähig.

Aber ebenso zu schrecklichen Dingen.

Deshalb wird es immer Spannungen geben.

Immer Konflikte.

Immer Versuchungen.

Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen.

Roger Köppel:

Sie sprechen oft von Gut und Böse.

Von moralischen Entscheidungen.

Von Verantwortung.

Ist das letztlich die wichtigste Botschaft Ihres Lebens?

Wladimir Solowjow:

Vielleicht.

Denn der eigentliche Kampf findet nicht zwischen Armeen statt.

Nicht zwischen Staaten.

Nicht zwischen Ideologien.

Der eigentliche Kampf findet im Menschen selbst statt.

Zwischen Gut und Böse.

Zwischen Wahrheit und Lüge.

Zwischen Verantwortung und Bequemlichkeit.

Und dieser Kampf endet niemals.

Roger Köppel:

Wie definiert man Gut und Böse?

Das ist eine Frage, über die Philosophen seit Jahrtausenden streiten.

Wladimir Solowjow:

Genau deshalb brauchen Menschen Orientierung.

Deshalb brauchen Menschen Glauben.

Deshalb brauchen Menschen moralische Maßstäbe.

Denn wenn jeder Mensch seine eigene Wahrheit erschafft, dann wird am Ende jede Wahrheit beliebig.

Und dann verliert die Gesellschaft ihren Halt.

Roger Köppel:

Eine letzte Frage.

Gibt es etwas, das ich Sie hätte fragen sollen, aber nicht gefragt habe?

Wladimir Solowjow:

(lacht)

Wahrscheinlich sehr vieles.

Aber wir haben bereits fast zwei Stunden gesprochen.

Und ich denke, das reicht für heute.

Roger Köppel:

Dann danke ich Ihnen für dieses offene Gespräch.

Es war kontrovers.

Es war intensiv.

Aber genau solche Gespräche brauchen wir.

Vielen Dank für Ihre Zeit.

Wladimir Solowjow:

Vielen Dank.

Und auch wenn wir nicht in allem übereinstimmen:

Der Dialog ist immer besser als Schweigen.

Roger Köppel:

Vielen Dank.

Ende des Interviews

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One comment

  1. Ein Dialog, der die unterschiedlichen Sichtweisen verdeutlicht und sehr sachlich geführt wurde. Die Wahrnehmung der dogmatischen Sichtweisen und das Verschweigen von grundlegenden Sachverhalten in der westlichen Welt wurden klar benannt. Ohne sachliche und durch gegenseitiges Verständnis getragene Dialoge auf höchster Ebene wird sich nichts ändern.

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