Der Irak als nächstes Standbein | Von Dirk Ellerbrock

Der Irak als nächstes Standbein | Von Dirk Ellerbrock

Es gibt einen Unterschied zwischen einem Land, das man verloren hat, und einem Land, das man nie wirklich besaß, aber trotzdem ausblutet. Der Irak ist der zweite Fall, und genau das macht ihn für Washington zu einem der gefährlichsten offenen Fronten der gegenwärtigen Ordnung.

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Warum Washington den fiskalischen Nervenstrang nicht loslassen kann

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Es gibt einen Unterschied zwischen einem Land, das man verloren hat, und einem Land, das man nie wirklich besaß, aber trotzdem ausblutet. Der Irak ist der zweite Fall, und genau das macht ihn für Washington zu einem der gefährlichsten offenen Fronten der gegenwärtigen Ordnung.

Ein besetzter Staat ohne Besatzung

Seit über zwanzig Jahren funktioniert die irakische Souveränität nach einem eigentümlichen Muster: Bagdad hat eine gewählte Regierung, eine eigene Armee, eine eigene Verfassung – und trotzdem verläuft der größte Teil seines fiskalischen Nervenstrangs außerhalb seiner eigenen Kontrolle. Der Ölertrag, der neun Zehntel der Staatseinnahmen ausmacht, wird nicht direkt vereinnahmt, sondern läuft über ein Dollar-Clearing-System, das seit der Besatzung 2003 institutionell verankert ist. Der Irak ist also nicht besetzt im militärischen Sinn des Wortes. Er ist etwas Unauffälligeres: fiskalisch gefangen, während er sich politisch souverän nennen darf.

Diese Konstruktion ist kein Kollateralschaden der Besatzungsjahre, sondern ihr eigentliches Vermächtnis. Sie erlaubt es, auf sichtbare Truppenpräsenz weitgehend zu verzichten und trotzdem die entscheidende Frage – wer über die größten Öleinnahmen der Region verfügt – von außen zu beantworten. Genau deshalb ist die Reaktion, die eine irakische Regierung im Ernstfall zeigen darf, so eng bemessen: Ein Ministerpräsident, der sich gegen Iran positioniert, gilt als verlässlich. Einer, der sich zu weit in die andere Richtung bewegt, riskiert innerhalb weniger Stunden seine Regierungsfähigkeit – nicht durch einen Putsch, sondern schlicht, weil der Geldfluss, von dem der Staat lebt, jederzeit gedrosselt werden kann.

Die doppelte Souveränität als Symptom

Aus dieser Zwangslage erwächst die eigentümlichste Institution im heutigen Irak: die Volksmobilisierungskräfte (PMF). Formal sind sie seit 2018/19 per Dekret der regulären Kommandokette unter dem Premierminister unterstellt – kein Milizenkonstrukt, sondern integrierter Teil der Sicherheitskräfte. Faktisch operieren sie mit einer Handlungsautonomie, die der Regierung erlaubt, Vergeltung zuzulassen, ohne offiziell dafür geradezustehen. Das ist kein taktischer Winkelzug, sondern der einzig verfügbare Mechanismus für einen Staat, der genug Souveränität besitzt, um sich auf sie zu berufen, aber nicht genug, um sie ungestraft auszuüben.

Diese doppelte Staatlichkeit ist eine Übergangsform. Sie existiert, solange die fiskalische Gefangenschaft nicht gebrochen ist – und sie verliert ihre Funktion in dem Moment, in dem entweder die militärische Durchsetzungsgarantie (die amerikanische Präsenz, die Fähigkeit, eine unbotmäßige Regierung zu destabilisieren) oder die fiskalische Bindung selbst wegfällt.

Warum der Irak mehr wiegt als Jemen oder Libanon

Der Jemen hat unter jahrelanger Blockade eine eigene Produktionskapazität für Raketen und Drohnen aufgebaut und ist inzwischen von iranischer Zulieferung weitgehend unabhängig. Seine Bedeutung liegt in geographischer Hebelwirkung über eine der wichtigsten Meerengen der Welt – nicht in eigener ökonomischer Substanz. Die libanesische Widerstandsbewegung ist militärisch und politisch zentral, verfügt aber über keine eigene Rohstoffbasis. Beide sind, bei aller Schlagkraft, ökonomisch von außen abhängig.

Der Irak ist der einzige Akteur in diesem Feld, der auf einer der größten Ölreserven der Welt sitzt, geographisch die Landbrücke zwischen Iran und der Levante bildet und über das ökonomische Gewicht verfügt, ein zweites materielles Standbein neben Iran selbst zu werden – nicht nur ein weiterer bewaffneter, aber abhängiger Vorposten. Ein Irak, der seine Ölerträge außerhalb des Dollar-Clearings abwickelt, würde nicht nur sich selbst aus der fiskalischen Gefangenschaft lösen. Er würde der gesamten Konstellation, die sich zunehmend gegen die amerikanische Präsenz in der Region formiert, zum ersten Mal einen zweiten souveränen Kapitalstrom verschaffen – einen, der nicht an die iranische Kernwirtschaft gebunden und damit nicht allein über Sanktionen gegen Teheran zu treffen ist. Das wäre der qualitative Sprung von einer Struktur mit einem sanktionierten Zentrum und mehreren ökonomisch abhängigen Peripherien zu einer Struktur mit zwei eigenständigen ökonomischen Zentren.

Genau das ist es, was Washington am Irak nicht verlieren darf – nicht Truppenstandorte, nicht symbolische Präsenz, sondern die Kontrolle über den fiskalischen Mechanismus, der verhindert, dass ein ölreicher Staat mit ausgeprägter Eigenständigkeit zu einem zweiten, unabhängigen Zentrum der Gegenmacht wird.

Die Gefahr eines Sieges der Hashd al-Sha’bi (PMF)

Was würde ein Sieg der PMF – verstanden nicht als einzelne Gefechte, sondern als erfolgreiche Vertreibung der amerikanischen Durchsetzungsgarantie – tatsächlich bedeuten? Zunächst weniger, als es auf den ersten Blick scheint. Militärische Souveränität und fiskalische Souveränität sind zwei getrennte Schichten. Iran selbst ist das Studienobjekt dafür: Seit 47 Jahren ohne US-Truppen im eigenen Land, hat es trotzdem Jahrzehnte gebraucht, um sich aus der finanziellen Einhegung zu lösen – über Bartersysteme, Umgehungsbanken, eigene Exportnetzwerke. Ein Truppenabzug öffnet ein Fenster. Er ersetzt nicht automatisch die Infrastruktur, über die der Ölertrag tatsächlich fließt.

Für den Irak liegt darin die eigentliche Gefahr aus Sicht Washingtons – und gleichzeitig die eigentliche Chance für die Gegenseite: Sollte in diesem Fenster eine alternative Abwicklung entstehen – yuan-denominierte Verträge, neue Korrespondenzbankbeziehungen mit iranischen oder chinesischen Instituten –, wäre der Bruch nicht mehr rückgängig zu machen. Und hier kommt eine Infrastruktur ins Spiel, die bereits besteht und nicht erst aufgebaut werden müsste: die religiös-institutionellen Verbindungen zwischen Nadschaf und Ghom, die Wallfahrtsökonomie um Kerbala, an der jährlich Millionen Menschen teilnehmen und die längst ein informelles, staatsfernes Transfersystem trägt. Diese Kanäle senken die Transaktionskosten einer wirtschaftlichen Neuausrichtung erheblich – nicht weil Konfession an sich Bündnisse erzwingt, sondern weil vorhandene Kanäle eine materiell motivierte Loslösung beschleunigen, die ohnehin in der Logik der Sache liegt.

Aus amerikanischer Warte ist das der eigentliche Albtraum-Fall: nicht ein weiterer militärischer Rückschlag in einer ohnehin überdehnten Region, sondern der Verlust des letzten großen fiskalischen Hebels in einem ölreichen Land – mit einer eurasischen Auffangstruktur (Iran als erster Vermittler, darüber Zugang zu chinesischen Yuan-Ölkontrakten und russisch-chinesischer Clearing-Infrastruktur), die längst existiert und nur noch angeschlossen werden müsste.

Die saudische Wette

Was den saudischen Angriff auf PMF-Stellungen in dieser Lage besonders bemerkenswert macht, ist seine Kurzsichtigkeit. Riad handelt nicht als bloßes Werkzeug Washingtons, sondern verfolgt eigene, unmittelbare Interessen: den Schutz der eigenen Ölinfrastruktur vor weiteren Angriffen, das Schaffen vollendeter Tatsachen vor dem Entwaffnungstermin Ende September, und den Kauf weiterer amerikanischer Rückendeckung in einem Moment, in dem genau diese Rückendeckung sichtbar brüchig wird. Das ist keine Fremdsteuerung, sondern eine Wette unter Zeitdruck – die aber genau jene Eskalationsdynamik in Gang setzt, die einen langfristig stabilen, nicht-feindseligen Irak als Nachbarn unwahrscheinlicher macht. Wer reguläre Sicherheitskräfte eines Nachbarstaats bombardiert und sie öffentlich zu Milizen erklärt, um die eigene Aktion zu legitimieren, riskiert genau die Konsolidierung einer Vergeltungslogik, die er eigentlich verhindern wollte. Ob daraus am Ende der Auslöser für den Bruch wird, den Washington am meisten fürchtet, ist offen.

Sicher ist nur: Wenn sich die Lage nicht binnen weniger Wochen beruhigt, wird Riad für einen kurzfristigen Vorteil einen dauerhaft feindseligen Nachbarn eingehandelt haben – ein schlechtes Geschäft, wie kurzsichtig es auch begonnen wurde.

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Bildquelle: Sunshine Seeds / shutterstock

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Quellen:

Al Jazeera: „US and Saudi Arabia strike ‚Iran-aligned‘ groups in Iraq“, 29.07.2026

Al Jazeera: „Iraqi armed groups condemn ‚dangerous escalation‘ after US-Saudi strikes“, 29.07.2026

The Times of Israel: „US and Saudis hit back at Iraqi pro-Iran militias, as Iran renews attacks on US forces in Jordan“, 30.07.2026

Al Arabiya English: „How the US controls Iraq’s oil revenues“, 23.01.2026 – zur Entwicklung, Funktionsweise und fortbestehenden Kontrolle des Development Fund for Iraq (DFI) bei der Federal Reserve Bank of New York

Reuters/U.S. News: „Explainer – How the U.S. Controls Iraq’s Oil Revenues“, 23.01.2026

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