Straße von Hormus: „Es ist amerikanisches Territorium.“ | Von Dirk Ellerbrock

Vier Worte, Myrtle Beach, South Carolina, ein Wahlkampfpodium für eine Senatskandidatin, deren wichtigste Qualifikation der Nachname ihres verstorbenen Bruders ist.

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Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Vier Worte, Myrtle Beach, South Carolina, ein Wahlkampfpodium für eine Senatskandidatin, deren wichtigste Qualifikation der Nachname ihres verstorbenen Bruders ist. Und mittendrin, zwischen Ankündigungen neuer Bombardements und der üblichen Erfolgsbilanz, die Sache mit der Meerenge: „Wir wissen nicht mal, ob wir gewonnen haben – denn ich betrachte die Straße von Hormus jetzt als amerikanisches Territorium.“ Ein Satz, der Kriegsziel und Immobiliengeschäft in einem Atemzug verhandelt, so beiläufig, als ginge es um die Umwidmung eines Parkplatzes.

Man muss den Mut zur Vereinfachung schätzen. Während Diplomaten über Völkerrecht brüten, Juristen die UN-Seerechtskonvention wälzen und Geografen sich weiterhin trotzig an die Existenz von Entfernungen klammern, löst Donald Trump geopolitische Fragen mit der Eleganz eines Immobilienentwicklers, der das Grundbuch für eine unverbindliche Preisempfehlung hält.

Die Straße von Hormus? Amerikanisches Territorium. Warum eigentlich nicht? Sie ist strategisch wichtig, sie liegt am Meer, und irgendwo fahren große Schiffe vorbei. Wahrscheinlich reicht das nach der neuen Doktrin bereits als Eigentumsnachweis. Wer am lautesten auf die Landkarte zeigt, bekommt das Grundstück. Das internationale Recht kennt dafür bislang keinen Erwerbstatbestand. Trump offenbar schon: Aneignung durch Ansage.

Und diese Ansage kam nicht aus dem Stand. Bereits Tage zuvor hatte er die Idee ins Spiel gebracht, dann eine Karte auf Truth Social veröffentlicht, überschrieben mit „New U.S. Territory“ – ein Bild, das Anspruch erhebt, ohne auch nur den Versuch einer Begründung zu unternehmen. Wahrscheinlich plant man bereits das „Trump International Hormuz Waterfront Resort“ – in exquisiter Lage zwischen Oman und Iran, mit direktem Zugang zu einem der wichtigsten Seewege der Welt und einem unverbaubaren Blick auf die nächste internationale Krise.

Souveränität 2.0: Zwar ist die Straße von Hormus völkerrechtlich omanisches und iranisches Hoheitsgebiet, kein herrenloses Gewässer und erst recht kein amerikanischer Vorgarten – und die Souveränität der beiden Anrainerstaaten verschwindet auch nicht deshalb, weil ein US-Präsident sie rhetorisch neu möbliert. Aber seit wann entscheidet das Grundbuch über Eigentum, wenn bereits ein Mikrofon vorhanden ist?

Die Transit-Falle: Wer das völkerrechtlich verbriefte Recht auf freie Durchfahrt durch eine Meerenge, die zu großen Teilen omanisches und iranisches Hoheitsgebiet ist, mit dem Eigentumsrecht an ebendiesem Hoheitsgebiet verwechselt, zeigt jenes besondere Gespür für juristische Feinheiten, das sonst nur Menschen besitzen, die beim Betreten eines Hotels spontan dessen Kaufpreis verhandeln.

Künftig könnte „Freedom of Navigation“ ohnehin eine neue Bedeutung erhalten: Jeder darf selbstverständlich durchfahren – sofern er akzeptiert, dass er sich dabei auf amerikanischem Grundstück befindet. Eine Art maritime Mautstraße ohne Maut, ohne Straße und, nun ja, ohne amerikanisches Eigentum. Aber Details sind bekanntlich etwas für Leute, die Wahlkampfreden nicht für Katasterauszüge halten.

Grundbuchamt Washington: Man darf gespannt sein, wie die Umschreibung praktisch erfolgt. Reicht ein Sharpie? Muss Iran zustimmen? Oman? Oder genügt es, wenn Trump auf einer Karte einen Kreis malt und „MINE!“ darunter schreibt?
Nach diesem Verfahren eröffnen sich der amerikanischen Außenpolitik ungeahnte Möglichkeiten. Die Alpen: spektakuläre Lage, hervorragendes Entwicklungspotenzial. Der Panamakanal: ohnehin viel zu praktisch, um dauerhaft anderen zu gehören. Der Mond: unbewohnt, großzügige Grundstücke, allerdings schlechte Verkehrsanbindung. Grönland hatte man ja bereits ins Auge gefasst. Die Straße von Hormus ist insofern nur der nächste logische Eintrag im globalen Immobilienportfolio.

Geografischer Realismus: In diesem Weltbild grenzt South Carolina vermutlich direkt an den Persischen Golf. Entfernungen sind schließlich nur etwas für Leute, die keine eigene Air Force besitzen. Und wenn eine Meerenge amerikanisch ist, dann nicht, weil Amerika dort liegt, sondern weil Amerika beschlossen hat, dass die Landkarte ihre bisherigen Eigentumsverhältnisse zu überdenken hat.

Vielleicht ist das überhaupt die neue Form der Geopolitik: keine Eroberung mehr, keine Annexion, keine Verträge. Einfach ein Satz ins Mikrofon, aufgenommen von einer Wahlkampfmenge, die für den Sitz eines toten Senators applaudiert. Früher brauchte man für territoriale Expansion Armeen. Heute genügt offenbar eine Kundgebung mit ausreichend Selbstvertrauen und einer Stichwahl im Rücken.

Der Planet wird so zum einzigen großen Trump-Tower. Staaten sind Mieter, Meere Gemeinschaftsflächen, strategische Meerengen potenzielle Baugrundstücke. Das Völkerrecht ist der Hausmeister, den man ruft, wenn irgendwo etwas tropft – und anschließend ignoriert, weil er keine Fernsehkameras mitgebracht hat.

Nur meldete sich aber der Hausmeister zurück. Aus Teheran kommt die knappe Erwiderung: Die Straße von Hormus sei iranisch gewesen, sei es, und werde es bleiben. Kein Kreis auf der Karte, kein Sharpie, nur ein Satz, der dem amerikanischen entgegensteht – leiser vorgetragen, aber mit demselben Anspruch auf Wirklichkeit. Zwei Mikrofone, zwei Grundbücher, keine Schnittmenge.

Die Straße von Hormus aber gehört, folgt man Washington, jetzt Amerika. Nicht, weil irgendein Vertrag das sagt. Nicht, weil eine Grenze dort verläuft. Nicht, weil eine internationale Institution das festgestellt hätte. Sondern weil jemand mit einem Mikrofon, auf einer Bühne für eine Stichwahl, beschlossen hat, dass die Wirklichkeit ihre Eigentumsverhältnisse gefälligst seinen Sätzen anzupassen hat.

Das ist vielleicht die eigentliche geopolitische Innovation unserer Zeit: Imperialismus ohne Imperium. Besitzergreifung ohne Besitz. Weltpolitik als Grundbuchamt der Einbildungskraft.

Die Tragik der Gegenwart liegt nicht darin, dass Unwissenheit die Landkarte nicht kennt. Sondern darin, dass sie mit einem Filzstift davorsteht und beginnt, Grenzen umzuziehen – während am anderen Ufer jemand steht, der denselben Filzstift ansetzt und „nein“ schreibt.

Quellenangaben:

Berliner Zeitung: „Straße von Hormus als ’neues US-Territorium‘: Trump veröffentlicht Karte“ – https://www.berliner-zeitung.de/article/strasse-von-hormus-als-neues-us-territorium-trump-veroeffentlicht-karte-10305285

t-online: „Trump setzt Zölle gegen Kanada in letzter Minute aus“ (Newsblog-Eintrag zur Truth-Social-Karte) – https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/usa/id_101385460/usa-news-trump-zeigt-karte-mit-strasse-von-hormus-als-us-territorium.html

UPI: „Trump says Strait of Hormuz is ‚an American territory'“ – https://www.upi.com/Top_News/US/2026/08/22/trump-strait-hormuz-territory/3951787428417/

Yahoo News: „Trump says Strait of Hormuz is ‚an American territory'“ (O-Ton-Zitat, Kontext Darlene-Graham-Stichwahl, Reaktion Gharibabadi) – https://www.yahoo.com/news/politics/articles/trump-says-strait-hormuz-american-200454230.html

Fox News Video: „Trump again says he views Strait of Hormuz as an ‚American territory'“ – https://www.foxnews.com/video/6403874007112

Telangana Today: „Trump calls Strait of Hormuz US territory at South Carolina rally“ (Ortsangabe Myrtle Beach) – https://telanganatoday.com/trump-calls-strait-of-hormuz-us-territory-at-south-carolina-rally

El-Balad: „Donald Trump Claims U.S. Territories Role for Strait of Hormuz“ (Zahl der umgeleiteten Handelsschiffe) – https://www.el-balad.com/17044221

Mezha.net: „Trump Says He Now Considers the Strait of Hormuz US Territory“ – https://mezha.net/eng/bukvy/e961d4e0_trump_says_he/

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