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Wiener Schule am Limit: „Im Ramadan kannst du zusperren“

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In einem neuen Podcast schlägt ein Innenpolitikjournalist Alarm: An Wiener Brennpunktschulen sei normaler Unterricht oft kaum noch möglich. Besonders drastisch sei die Lage während des Ramadans. Dazu kommen massive Deutschdefizite, kulturelle Parallelwelten und Kinder, die schon mit sechs Jahren abgehängt sind. Clemens Neuhold kennt das Thema seit Jahren. Der langjährige Innenpolitikjournalist und Autor beschäftigt sich intensiv mit Migration, Integration und Schulen. Nun sprach er im Podcast der Denkfabrik Agenda Austria über seine Eindrücke aus einer Wiener Brennpunktschule. Sein Fazit: „Eine Wiener Mittelschule kannst du während des Ramadans zusperren.“ Das ist nicht als Provokation gemeint, sondern als Warnung. Leere Klassen, volle Probleme: Wiens Schulen kämpfen mit Deutschdefiziten, Integrationsdruck und wachsenden Parallelwelten.APA/HARALD SCHNEIDER „Da kann nicht gelernt werden“ Der Profil-Journalist verbrachte eine Woche an einer Wiener Mittelschule. Der Besuch fiel in den islamsichen Fastenmonat Ramadan. Der Anteil muslimischer Schüler sei an dieser Schule bei rund zwei Dritteln gelegen. Viele hätten gefastet – teils schon ab zehn Jahren. Das Ergebnis: konzentrierter Unterricht sei kaum möglich gewesen. Schüler seien hungrig, müde und geschwächt gewesen. Manche hätten spät in der Nacht gegessen oder seien sehr früh aufgestanden. Der Sozialarbeiter habe versucht, mit religiösen Argumenten gegenzusteuern. Schule sei schwere Arbeit, habe er den Kindern erklärt. Bei schwerer Arbeit müsse man nicht fasten. Doch genau daran zeigt sich für Neuhold das Problem: Die Schule muss inzwischen Aufgaben übernehmen, für die sie nie gebaut wurde. 40 Prozent starten ohne genug Deutsch Der Ramadan ist für Neuhold nur ein Symptom. Das größere Problem ist die Überforderung des Bildungssystems durch Migration und fehlende Integration. In Wien seien mittlerweile rund 40 Prozent der Erstklässler außerordentliche Schüler. Sie können also dem Unterricht wegen mangelnder Deutschkenntnisse nicht regulär folgen. In einzelnen Bezirken liege der Anteil von Kindern mit nichtdeutscher Alltagssprache sogar bei bis zu 90 Prozent. Neuholds Diagnose ist hart: „Österreich ist ein Hardcore-Zuwanderungsland.“ Das Problem: Die Systeme seien nie an diese Realität angepasst worden. Vor allem nicht die Schulen. Zwei Drittel sind in Österreich geboren Besonders brisant ist eine weitere Zahl: Von jenen außerordentlichen Schülern, die mit sechs Jahren nicht ausreichend Deutsch können, seien laut Neuhold zwei Drittel in Österreich geboren. Genau darin liegt der Kern des Problems. Es geht nicht nur um neu zugewanderte Kinder. Es geht auch um Kinder, die hier aufwachsen – und trotzdem beim Schuleintritt nicht genug Deutsch können. Die Folgen ziehen sich oft über Jahre. Neuhold berichtet von Jugendlichen, die mit 15, 16 oder sogar 17 Jahren noch in der Mittelschule sitzen. Normalerweise ist diese Schulform für Kinder nach der Volksschule vorgesehen. Für Neuhold ist das ein sichtbares Zeichen dafür, wie sehr sich frühe Versäumnisse aufstauen. Oft werde am Ende nur noch „weiter gewunken“. Sozialarbeiter als letzte Rettung In der Schule, die Neuhold besuchte, sei Sozialarbeit zentral gewesen. Der Sozialarbeiter habe von früh bis spät Termine gehabt. Immer wieder gehe es darum, Konflikte so weit zu entschärfen, dass Unterricht überhaupt wieder möglich wird. Lehrer brauchen ein Ventil, sagt Neuhold. Sie müssen sagen können: Das schaffe ich nicht mehr allein. Positiv erwähnt er Team-Teaching. In jeder Klasse habe es zwei Lehrer gegeben. Ohne solche Maßnahmen gehe es an Brennpunktschulen kaum noch. Doch auch das reicht offenbar nicht. Österreichweit gebe es rund 400 Brennpunktschulen. In Wien seien zwei Drittel der Mittelschulen betroffen. „Das Kopftuch war das geringste Problem“ Beim Kopftuchverbot zeigt sich Neuhold gespalten. In der Schule, die er besuchte, sei das Kopftuch „das geringste Problem“ gewesen. Die größeren Probleme seien andere: Kinder, die wochenlang nicht auftauchen. Kinder, die nur am Handy sind oder ständig zocken. Jugendliche, die schon spielsüchtig oder handysüchtig wirken. Mädchen, die früh versprochen werden. Das Kopftuch sei ein Signalthema. Aber es löse nicht die tieferen Probleme. Trotzdem hält Neuhold ein Verbot bis 14 für ein starkes staatliches Signal. Es gehe um die Sichtbarkeit von Weiblichkeit, Mädchen-Sein und Kindheit in der Öffentlichkeit. Der Staat müsse klar sagen, was in Österreich gilt. Alarmierende Einstellungen Im Podcast wird auch die Studie des Soziologen Kenan Güngör angesprochen. Darin geht es um Einstellungen junger Migranten, Religiosität und Demokratie. Die genannten Zahlen sind brisant: 37 Prozent der Muslime wollten demnach, dass sich alle streng an den Islam halten. 46 Prozent der muslimischen Jugendlichen stimmten voll oder eher zu, dass sie für den Glauben kämpfen und sterben würden. Für Neuhold zeigt das: Integration ist nicht nur eine Sprachfrage. Es geht auch um Werte, Lebenswelten und die Bereitschaft, Teil der Gesellschaft zu werden. Er spricht von „unsichtbaren oder sichtbaren Trennwänden“. Manche wollten offenbar nicht Teil einer westlichen Gesellschaft werden, die nicht religiös dominiert ist. „Arabisierung“ des Austro-Islam Ein zentraler Begriff im Gespräch ist die „Arabisierung“ des Islam in Österreich. Gemeint ist eine Veränderung der vergangenen Jahre. Neuhold unterscheidet zwischen älteren muslimischen Zuwanderergruppen und neueren Gruppen aus Syrien, Afghanistan, Irak, Somalia oder Tschetschenien. Viele hätten ein rigideres Islamverständnis. Alltagsregeln seien bindender. Das wirke sich auch in Schulen aus. Unter jüngeren Mädchen mit Kopftuch seien in der beobachteten Schule nicht vor allem türkische Mädchen gewesen, sondern tschetschenische, syrische, afghanische und somalische Mädchen. Mit dieser Realität müssten Lehrer, Sozialarbeiter und später auch Arbeitgeber umgehen. Wien glaubt an automatische Integration Scharf fällt auch die politische Analyse aus. Neuhold sieht besonders in Wien einen alten Glauben an automatische Integration. Die Idee: Wer in Wien lebt, im Gemeindebau wohnt, arbeitet, Öffis fährt und Teil des städtischen Alltags wird, werde früher oder später schon integriert. Doch dieser Glaube funktioniere nur, solange es Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft gibt. Genau dieser Kontakt fehle aber in manchen Milieus zunehmend. Neuhold warnt: Wenn Parallelgesellschaften einmal entstanden sind, lassen sie sich schwer wieder ankoppeln. Linke schaut weg, Rechte redet nur Dabei spart Neuhold auch die politische Rechte nicht aus. Die ÖVP sei lange für Integration zuständig gewesen. Es habe harte Ansagen und Reformen gegeben. Doch bei der zweiten großen Zuwanderungswelle ab 2020 sei man erneut unvorbereitet gewesen. Viele hätten wegen Corona gar nicht bemerkt, was passierte. Wieder seien viele Flüchtlinge gekommen, viele Familien nachgezogen. In Wien seien zeitweise Hunderte neue Schüler pro Monat angekommen. Seine Bilanz: Die erste Welle 2015 bis 2017 hätte Österreich noch schaffen können. Die zweite Welle habe man nicht mehr geschafft. Sprachtest mit drei Jahren Was also tun? Neuhold unterstützt eine frühe Sprachstandsfeststellung. Am besten schon mit drei Jahren, etwa im Rahmen des Mutter-Kind-Passes. Wenn ein Kind praktisch kein Deutsch kann, müsse sofort gegengesteuert werden. Nicht erst mit sechs. Dann sei es oft fast zu spät. Er fordert eine Art Vorschule für Kinder mit großen Sprachdefiziten. Nicht nur 20 Stunden Kindergarten, sondern deutlich mehr. Im Gespräch fällt die Zahl von 30 Stunden. Der Gedanke dahinter: Wer mit vier Jahren gezielt gefördert wird, hat noch eine Chance. Wer erst mit sechs auffällt, startet oft schon abgehängt. „Es geht immer um die Kinder“ Neuhold betont mehrfach: Es gehe nicht darum, Kinder abzuschreiben. Im Gegenteil. Es gehe darum, sie zu schützen. Vor Verwahrlosung. Vor Parallelwelten. Vor patriarchalen Strukturen. Vor einem Leben ohne echte Bildungschance. Dafür brauche es klare Sprache. Klare Regeln. Und einen Grundkonsens darüber, was Österreich ausmacht. Sein Appell: Lehrer dürfen mit diesen Problemen nicht allein bleiben. Aber der Staat darf sie auch nicht länger verdrängen.
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