Alternative für Italien: Melonis Konkurrent wählt russischen Wodka

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Von Dmitri Bawyrin

Dem preisgekrönten Schauspieler Marcello Mastroianni wird der Ausspruch „Italiener sind eine komische Version der Russen“ zugeschrieben. Ob dem pensionierten italienischen General Roberto Vannacci eine solche Definition bekannt ist, ist unklar – doch jedenfalls amüsierte er seine Follower in den sozialen Medien durch und durch köstlich mit einem Foto von sich, auf dem er eine typisch russische Pelzmütze mit Ohrenklappen trägt und ein Glas Wodka in der Hand hält. Eine Parodie sozusagen.

Der drögen Vulgarität solcher Stereotype ungeachtet gibt es für uns in Russland dennoch keinen Grund, sich vom General beleidigt zu fühlen: Er machte sich gar nicht über Russen lustig – sondern über Russlands Bild bei gewissen Herrschaften im Land unserer gemeinsamen Feinde, Großbritannien. Das Kriegsblatt der Londoner Globalisten – Financial Times – hatte der Welt nämlich kurz zuvor verkündet, Vannacci sei ein Agent Moskaus, eine Bedrohung für die westliche Einheit und dergleichen mehr.

Vannacci stellte als Reaktion auf die Veröffentlichung das besagte Bild ins Netz und schrieb dazu:

„Mit zitternden Händen erfuhr ich, dass ich ein sprichwörtlicher Manchurian Kandidat bin, von Russland kontrolliert – und losgeschickt, um mich über die horrenden Benzinpreise in meinem Land zu beschweren.“

Der Satz mit dem Zittern seiner Hände bezieht sich vermutlich auf den Wodka, ist aber wohl am ehesten der Rolle geschuldet. Der General zählt es nämlich sehr wohl zu seinen Fähigkeiten, mit Verstand Wodka zu trinken: Über zwei Jahre lang diente Vannacci als Roms Militärattaché in Moskau. Nach seiner Rückkehr in die Heimat im Jahr 2023 begann er dann, die EU-Politik gegenüber Russland und der Ukraine zu kritisieren. Berühmt wurde er damit zwar nicht: Solche Politiker gibt es in Italien zum Glück gar nicht wenige (auch im weit zu fassenden Lager links des Zentrums. Anm. d. Red.), auch weil Russophobie dort nie beliebt war.

Doch die Veröffentlichung seines Buches „Il mondo al contrario“ („Die Welt steht Kopf“) machte den pensionierten Offizier dafür über Nacht berühmt. Das Buch selbst wurde nicht nur ein nationaler Bestseller, sondern auch der Grund für seine Entlassung aus der Armee: Der 54-jährige Offizier musste all seiner Auszeichnungen und Verdienste im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat ungeachtet zurücktreten.

Was Radikalität und Skandalösität angeht, unterscheiden sich Vannaccis Schriften deutlich von den Büchern der Vergangenheit und den Bloggern der Gegenwart. Er vertritt seine Position höflich, aber mehr als nachdrücklich, und bricht dabei gleich mehrere westliche Kritik-Tabus:

Immigration, Feminismus, sexuelle Minderheiten und Umweltschutz. Und er nimmt die für solche Fälle mittlerweile traditionelle Bezeichnung „Rechtsextremer“ nicht nur nicht übel, sondern rühmt sich selbst geradezu als „Rechtsextremer“ und kritisiert die anderen rechten Parteien des Landes für ihre Zusammenarbeit mit der selbst ernannten Linken und ihre Bereitschaft, sich deren Agenda anzupassen.

Der Financial Times zufolge könnte Vannacci die Wiederwahl von Premierministerin Giorgia Meloni gefährden. Der Artikel wäre nach allen Merkmalen als Denunziation zu klassifizieren – und als Aufruf zu massiver Hetze gegen den General zu verstehen: Wer wolle, der solle aus allen Rohren feuern, Hauptsache, man macht ihm im Vorfeld der anstehenden Wahlen das Leben so schwer wie möglich.

In Wirklichkeit ist Melonis Position jedoch kaum gefährdet: Mit einer Zustimmung von rund 40 Prozent kann sie auf ihre EU-Kollegen abfällig herabsehen (und tut dies auch). Das mag nicht als bahnbrechend viel erscheinen – ist aber immerhin viermal so hoch wie die Zustimmungswerte des französischen Präsidenten oder des deutschen Bundeskanzlers. Zudem stellte sie vor wenigen Tagen einen Rekord auf: Sie war länger ununterbrochen Premierministerin als jeder andere – ganz seit dem kahlköpfigen Duce alias Mussolini.

Auf der stiefelförmigen Halbinsel ist dies nämlich eine fürwahr bemerkenswerte Leistung. Die gesamte Nachkriegspolitik in Italien wird als „stabile Instabilität“ beschrieben, in der sich das Staatsoberhaupt mitunter mehrmals im Jahr ändert, das Land sich aber dennoch – wenn auch mühsam – weiterentwickelt. Heute ist das Gegenteil der Fall: Italien erlebt einen für die gesamte EU typischen Rückgang des Lebensstandards – während jedoch die Regierung mächtiger denn je ist.

So regierte zwar Silvio Berlusconi insgesamt länger als Meloni, jedoch sammelte er diese Zeit über vier Anläufe an. Nach seinem Tod verlor sie ihren letzten einflussreichen Gegner unter ihren Koalitionspartnern und konnte ihre Machtposition uneingeschränkt ausbauen: Ihre Partei, Fratelli d’Italia, genießt eine Zustimmungsrate von 30 Prozent, während die anderen Mitglieder der Regierungskoalition – die von Berlusconi gegründete Forza Italia und Matteo Salvinis Lega Nord – jeweils nur etwa 10 Prozent erreichen. Die andere Hälfte der Bevölkerung wählt links, sodass die Koalitionspartner zum kooperativen Wahlantritt quasi verdammt sind, wobei die jeweils stärkste Partei die Regeln diktiert. Im Moment ist das Melonis Fratelli d’Italia. Auf Melonis Geheiß hat Rom eine antirussische Haltung eingenommen und unterstützt Kiew – was jedoch Berlusconis Erben, insbesondere aber auch Salvini, überhaupt nicht gern sehen.

Auch ist immer noch nicht vollends deutlich geworden, wer hinsichtlich der Ambivalenz der italienischen Regierung in diesem Konflikt die bestimmende Kraft ist – Skeptiker innerhalb der Regierungskoalition oder die Gerissenheit der Premierministerin. Aber das Ergebnis ermöglicht Meloni jedenfalls, ihre guten Zustimmungswerte zu bewahren.

Rom versucht beispielsweise ständig, Geld und Material zu sparen und Selenskij mit so wenig wie möglich abzuspeisen. Italien ist zwar einer der Gründerstaaten der „Koalition der Willigen“, deren erklärtes Ziel die Entsendung von Truppen in die Ukraine ist. Rom hat aber gewarnt, dass es selbst keine Truppen entsenden wird. Auch ist Meloni persönlich ihren Worten nach intolerant gegenüber Russland – aber dahingehende Worte äußert sie fast ausschließlich auf internationalen Plattformen und geht den Italienern nicht mit Russophobie und Ukrainophilie auf die Nerven; für so etwas bietet Italien ohnehin keinen großen Absatzmarkt.

Einfach ausgedrückt: Die Italiener bemühen sich zwar redlich darum, die Ukraine verbal zu unterstützen – würden es aber auch am liebsten dabei belassen; und sie zahlen diesbezügliche EU- und NATO-Rechnungen nur dann mit, wenn dies ohne Skandal nicht zu vermeiden ist. Eine derartige „Treue in der Hauptsache“ sichert Meloni die Toleranz seitens Brüssels: Dort ist die italienische Ministerpräsidentin zwar als scharfe Kritikerin in Erinnerung geblieben, doch ihr werden keine Steine ​​in den Weg gelegt oder EU-Gelder versagt, wie es etwa im Fall des ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán der Fall war.

Ein weiterer Grund für die heutige Stabilität in Rom spiegelt sich in der Rekordverschuldung wider. Nach Eurostat-Daten ist die Staatsverschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal, mit der ganzen EU verglichen, nur in Griechenland mit 143,5 Prozent noch höher als in Italien – dies aber mit ebenfalls beachtlichen 138,9 Prozent deutlich vor Frankreich, dem drittplatzierten Land mit 117,6 Prozent. Warum? Weil dort Probleme in gepumptem Geld ertränkt werden. Zukünftige Generationen werden für diese Taktik bezahlen müssen, aber vorerst? Meloni geht es in ihrem Amt ganz gut, und Rom erwägt, die Wahlen vom Herbst auf das Frühjahr 2027 zu verschieben, um sich schon im Voraus weitere fünf Jahre an der Macht zu sichern und dabei möglichen Konsequenzen oder unerwarteten Entwicklungen zuvorzukommen.

Die Probleme, mit denen Meloni und ihre Partner konfrontiert werden könnten, konzentrieren sich dennoch in General a.D. Vannacci, dessen gleichnamige Partei „Nationale Zukunft mit Roberto Vannacci“ erstmals zu Wahlen antritt. Mehrere Abgeordnete und andere Politiker sind aus dem aktuellen Koalitionstrio bereits zu ihm übergelaufen. Bei ihnen handelt es sich zumeist um Personen mit extrem rechten Positionen, aber andererseits – und das muss man ihnen anerkennen – auch um die schärfsten Kritiker des Ukraine-Abenteuers des kollektiven Westens. Hier zu nennen sei etwa der ehemalige römische Bürgermeister Gianni Alemanno, der sich mit seiner Partei „Unabhängigkeit“ dem General angeschlossen hat.

Zuvor wurden auch die Parteien von Meloni und Salvini nur zu gern als „rechtsextrem“ bezeichnet – doch nach ihrem Eintritt in die Regierung jedenfalls nahmen sie gemäßigtere Positionen ein. Vannacci rügt sie dafür einerseits, doch andererseits profitiert er auch von der Enttäuschung von deren ehemaligen Wählern; gleichzeitig strebt er seinerseits aber noch nicht danach, Meloni die Führung abzunehmen. Die Zustimmungswerte der „Nationalen Zukunft“ liegen bei etwa acht Prozent, was keine Chance auf wirkliche Macht bietet. Einfluss aber verschafft ihr auch dies allem zum Trotz.

Sollte der General bei den Wahlen erwartungsgemäß erfolgreich sein, wird sich die rechte Koalition ohne ihn schlichtweg nicht bilden können – was für Meloni bedeutet, neue Einschränkungen zu akzeptieren, beispielsweise bei der Unterstützung Kiews. Die Frau ist flexibel – damit wird sie schon zurechtkommen. All ihren durchaus kritischen Schwächen zum Trotz ist sie eine echte Politikerin, die sich an der Stimmung der Wähler und ihrer Verbündeten orientiert.

Natürlich würde sie in ihrer Regierungskoalition viel lieber ohne Vannacci auskommen, aber sie wird etwaige Angebote seinerseits kaum ablehnen können – zumal er als „Rechtsextremist“ gilt und wie sie selbst als „Agent des Feindes namens Russland“ verschrien ist. Auch betrachten die Italiener Russland größtenteils gar nicht als Feind.

Russland betrachtete Italien in der Zeit zwischen Mussolini und Meloni ja ebenfalls nicht als Feind, und für uns ist historische Vergebung etwas sehr Wichtiges. Wenn wir uns an Mastroiannis obiger Definition der Italiener richten, so wären nach ihm, umgekehrt betrachtet, die Russen als „eine tragische Parodie auf die Italiener“ zu bezeichnen – und daher nehmen wir an dieser Stelle Vannaccis Eingeständnis mit der gebotenen Ernsthaftigkeit auf.

Cin-cin, Genosse General. Alla salute!

Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei RIA Nowosti am 9. September 2026.

Dmitri Bawyrin ist Journalist, Publizist und Politologe mit den Interessenschwerpunkten USA, Balkan und nicht anerkannte Staaten. Er arbeitete fast 20 Jahre als Polittechnologe in russischen Wahlkampagnen unterschiedlicher Ebenen. Er verfasst Kommentare für die russischen Medien Wsgljad, RIA Nowosti und Regnum und arbeitete mit zahlreichen Medien zusammen.

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