Naher Osten: Vom Genozid zur atomaren Option | Von Dirk Ellerbrock

Naher Osten: Vom Genozid zur atomaren Option | Von Dirk Ellerbrock

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Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Es gibt einen Verdacht, den man nicht aussprechen möchte, weil er zu ordentlich klingt für ein Ereignis, das so chaotisch daherkommt: dass die Welt gerade eine zweite Prüfung derselben Fähigkeit ablegt, die sie bei der ersten bereits bestanden hat – die Fähigkeit, das Undenkbare mitzudenken, ohne es zu verhindern.

Man kennt das Verfahren inzwischen, es hat einen Namen und ein Datum: der 7. Oktober 2023 als Auslöser, danach zwei Jahre lang eine Debatte über die richtige Bezeichnung dessen, was folgte, während die Handlung selbst unbeirrt weiterlief. War das, was in Gaza geschah, Völkermord oder Kollateralschaden? Die Frage lief parallel zur Sache, als seien es zwei unabhängige Vorgänge. Sie waren es nicht. Die definitorische Debatte war die Fortsetzung der Handlung mit anderen Mitteln – solange irgendwo noch über Terminologie gestritten wurde, musste niemand erklären, warum nichts geschah.

Am Iran wiederholt sich dieselbe Bewegung, nur mit neuem Vokabular, und sie hat inzwischen sogar ein eigenes Datum bekommen: die Woche, in der Donald Trump im Fox-Interview mit der Bombardierung Omans drohte – eines Landes, das nicht einmal Kriegspartei ist – und Iran auffordern ließ, die weiße Flagge zu hissen. In derselben Woche postete die republikanische Abgeordnete Marjorie Taylor Greene, im Weißen Haus werde über den Einsatz von Atomwaffen gesprochen. Kein Gerücht aus zweiter Hand, sondern eine Behauptung aus dem eigenen Lager.

Und sofort beginnt dieselbe Ausweicharbeit, die man aus Gaza kennt: taktisch oder strategisch, Ersteinsatz oder Antwort, „begrenztes militärisches Ziel“ oder Vernichtungswaffe. Die Kategorie ist der Zufluchtsort, in den man sich zurückzieht, wenn man die Sache selbst nicht mehr aushält – und aus dem heraus man, ohne es zu bemerken, längst mitentscheidet.

Zur Kategoriearbeit gehört die Technisierung, und auch dafür gibt es Vokabular mit Geschichte. Gaza lieferte den Begriff der „chirurgischen Schläge“, die humanitären Zonen, die selbst zu Zielen wurden, den Prozentsatz an „Kombattanten“ unter den Toten, der die eigentliche Zahl unwichtig machte. Für die Bombe existiert dasselbe Instrumentarium, nur älter: seit der Obama-Ära wird an der Verhältnismäßigkeit kleinerer Sprengköpfe gefeilt, an „Low-Yield“-Konzepten, die suggerieren, man könne die apokalyptischste aller Waffen in eine Unterkategorie zerlegen, die sich mit gutem Gewissen einsetzen lässt. Beide Male dieselbe Geste: das Grauen wird nicht bestritten, es wird verwaltet.

Doch die eigentliche Entscheidung fällt nie an dem Ort, an dem sie später verhandelt wird. Sie fällt vorher, informell, in Räumen ohne Protokoll – ein Gespräch im Weißen Haus, eine Anfrage im nationalen Sicherheitsrat, eine Vorlage bei einem Think Tank, der die Sache diskursfähig macht, bevor irgendjemand außerhalb davon weiß. Man kann diesen Mechanismus fast lehrbuchhaft nachzeichnen: informelle Gespräche zuerst, dann die Ausweitung auf einige Think Tanks, dann – irgendwann, beiläufig – der öffentliche Diskurs, behandelt, als ginge man in eine Kneipe an der Straßenecke, um sich ein Eis zu kaufen.

Wenn die Sache dann in die öffentliche Prüfung gelangt, ist die Entscheidung längst gefallen. Erst dann wird sie sichtbar – nicht als Entwurf, sondern als vollzogene Tatsache, der man nur noch zusehen kann. Marjorie Taylor Greenes Andeutung war kein Leck. Sie war eine Bestätigung, die zeitlich zufällig mit einer zweiten zusammenfiel: einem pro-pakistanischen Insider-Netzwerk zufolge soll Trump seinen Generalstabschef offen gefragt haben, ob er die nukleare Option nutzen dürfe – wie ein Kind, das um Erlaubnis bittet, mit einem gefährlichen Spielzeug zu spielen – und sei abgewiesen worden. Auch Alastair Crooke und Scott Ritter, aus völlig verschiedenen Milieus, kommen unabhängig zum selben vorläufigen Befund: das Militär habe eine solche Order bereits einmal als Kriegsverbrechenstatbestand zurückgewiesen, ein Kabinett müsse mitziehen, das sei kein Alleingang; und selbst wenn – die USA setzten Atomwaffen historisch erst bei existenzieller Niederlage ein, aktuell erleide man lediglich eine politische Blamage, ein kategorialer Unterschied. Drei Vokabulare, ein gemeinsamer Befund: die Bremse hält. Man übersieht dabei leicht, dass „noch“ das einzige Wort in diesem Satz ist, das wirklich etwas bedeutet.

Und dann, das ist der Teil, der am wenigsten erzählt wird, weil er niemandem schmeichelt: die Stille danach. Als das Ausmaß von Gaza längst sichtbar war – durch Bilder, durch NGO-Berichte, durch die Anhörungen vor dem Internationalen Gerichtshof im Januar 2024 –, kam aus den Hauptstädten, die sich sonst gern als moralische Instanz der Welt verstehen, kein Ton, der irgendetwas bewegt hätte. Kein Tribunal mit Folgen, keine Zäsur in der eigenen Handlungsarchitektur, nicht einmal ein Waffenlieferstopp, der über symbolische Gesten hinausging. „Vom kollektiven Westen kam nicht einmal ein Pieps“ – diese Formulierung trifft es besser als jede diplomatische Umschreibung. Diese Stille war keine Nebenwirkung. Sie war das eigentliche Ergebnis: nicht Zustimmung, sondern das systematische Fehlen von allem, was Zustimmung hätte verhindern können.

Und genau hier liegt die These, die über den bloßen Vergleich hinausgeht: Diese Konsequenzlosigkeit ist nicht nur Vorgeschichte der nuklearen Eskalationsdebatte. Sie ist ihre Bedingung. Ein Tabubruch, der folgenlos bleibt, senkt nicht symbolisch, sondern strukturell die Schwelle für den nächsten. Wer einmal erlebt hat, dass das Undenkbare öffentlich diskutiert, dann vollzogen und schließlich verwaltet werden kann, ohne dass irgendetwas daraus folgt, der lernt daraus etwas sehr Konkretes: dass die Grenze, an der die Welt angeblich „Nie wieder“ sagt, in Wahrheit verhandelbar ist – wenn man sie nur oft genug verschiebt, bevor jemand hinschaut. Selbst die Gegenseite kennt inzwischen diese Logik: die Behauptung, Iran verfüge längst über einsatzfähige Sprengsätze und warte nur auf eine einzige Entscheidung Khameneis, ist – ob verifizierbar oder nicht – der Beweis, dass auch dort niemand mehr an eine feste, unüberschreitbare Linie glaubt. Man rechnet auf beiden Seiten bereits mit ihrem Fall.

Man kann diese Eskalationsstufe also nicht verstehen, indem man fragt, ob Trump verrückt genug wäre, den Knopf zu drücken. Man versteht sie, indem man fragt, was ein System lernt, wenn seine letzte Grenze zum ersten Mal gefallen ist, ohne dass irgendjemand dafür zur Rechenschaft gezogen wurde. Die Antwort lautet: dass es keine letzte Grenze mehr gibt. Nur die nächste.

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Bildquelle: Rawpixel.com / shutterstock

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Quellen:



Alastair Crooke im Gespräch, https://www.youtube.com/watch?v=viLFs34lU-c

Scott Ritter im Gespräch, https://www.youtube.com/watch?v=umyTEHdy6ik&t=199s

„Transition Protocol“ – Pepe Escobar & Glenn Diesen, https://www.youtube.com/watch?v=pnsgvvegsb0&t=3s

„Transition Protocol“ – Pepe Escobar & „Herr Z“ (Freitags-Sonderausgabe)
Internationaler Gerichtshof, Anhörung Südafrika gegen Israel, Januar 2024

https://apolut.net/warum-washington-die-atomoption-noch-nicht-zieht-von-dirk-ellerbrock/

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