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Nahost am Scheideweg | Von Jochen Mitschka

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Nahost am Scheideweg | Von Jochen Mitschka

Die Vernichtungsdoktrin hängt nicht an Netanjahu

Was als Israels Vernichtung im Gazastreifen begann, erstreckt sich dank US-Waffen und -Finanzen heute auf den Libanon, Iran und den Golf. Wenn die Diplomatie der Nachbarländer diesen Kurs nicht unterbricht, wird daraus eine langanhaltende regionale Krise entstehen.

 Ein Standpunkt von Jochen Mitschka.

Am 31. Mai hielt der libanesische Premierminister Nawaf Salam eine Fernsehansprache, in der er Israels Invasion verurteilte und die Angriffe auf den Süden Libanons als gefährliche Eskalation verschärfte und warnte, dass eine „Politik der verbrannten Erde“ niemals Sicherheit nach Tel Aviv bringen werde: „Israel muss verstehen, dass mit seiner Verbrennungspolitik, kollektiver Bestrafung und dem Bulldozeren von Dörfern und Städten, es wird weder Sicherheit noch Stabilität gewinnen.“ Wie Salam sagte, schreitet dieser Prozess jetzt voran. „Israel praktiziert Massenvertreibung, die einer Kollektivstrafe gleichkommt. Sie zielt nicht mehr nur auf bestimmte Orte oder Gebiete ab, sondern hat eine Politik der umfassenden Zerstörung von Städten, Gemeinden und allen Lebensbereichen darin verfolgt.“

Taktische Siege, strategische Verwüstung

Israels Vernichtungsdoktrin ist eine tödliche Mischung aus Verbrannten-Erde-Politik, kollektiver Bestrafung und eigener ziviler Opferrolle, verbunden mit massiven wahllosen Bombardierungen und systematischem Einsatz künstlicher Intelligenz (KI), wie Dan Steinbock sie in „Die Auslöschungsdoktrin“ (2025) beschrieb. Sie geht oft Hand in Hand mit Ökozid, also dem großflächigen, nachhaltigen oder systematischen Zerstörung von Ökosystemen. So wie Israel ihn in Gaza begangen hat und im Libanon begeht. Das Ergebnis ist ethnische Säuberung und, angesichts der anhaltenden und ungehinderten Eskalation, völkermörderische Gräueltaten.

Ob Premierminister Netanjahu, der ehemalige Premierminister Naftali Bennett oder der ehemalige Chef der israelischen Streitkräfte Gadi Eisenkot die israelische Parlamentswahl 2026 gewinnen werden, ist im Grunde unerheblich. Mit oder ohne Netanjahu wird die Auslöschungsdoktrin bestehen.

Netanjahu brachte die rechtsextremste messianische Regierung in der israelischen Geschichte an die Macht. Naftali Bennett ist Millionär und Politiker und ehemaliger Vorsitzender einer religiös-zionistischen rechtsextremen Partei. Ironischerweise ist der „moderatere“ der drei, der ehemalige Militärchef Gadi Eisenkot, der 2006 erstmals die Auslöschungsdoktrin in Dahiya, einer schiitischen Enklave in Beirut, testete. Und er war es, der sie dann als Doktrin festlegte.

Die größte Bedrohung für Israels langfristige Zukunft sind nicht allein äußere Feinde, sondern die Umwandlung der militärischen Eskalation in ein dauerhaftes Regierungsprinzip. Sobald die Sicherheitspolitik untrennbar mit territorialer Expansion, ethnischer Säuberung und ständigem Krieg verbunden wird, reichen die Folgen weit über das Schlachtfeld hinaus. 

Von Gaza bis Libanon und Iran – und zurück

Der Gaza-Krieg hat bereits eine der schwerwiegendsten humanitären Krisen des 21. Jahrhunderts hervorgebracht. In weiten Teilen des Globalen Südens interpretiert die öffentliche Meinung die Zerstörung Gazas zunehmend als Vertreibung, kollektive Bestrafung und ethnischer Säuberung. Verständlicherweise hat die Ausweitung der Militäroperationen im Libanon diese Wahrnehmungen verstärkt.

Diese vollkommen unterschiedliche Erkenntnis im Globalen Süden gegenüber dem kolonialen Westen wird zu einer der prägenden geopolitischen Spaltungen unserer Zeit. Es ist der Auftakt zu einer zweiten Phase der Entkolonialisierung.

In Westasien, oder wie die Kolonialmächte sagen, im „Nahen Osten“, ist die Frage nicht mehr, ob der Konflikt die Region neu gestalten wird, sondern wie umfassend diese Transformation sein wird, und ob sie tatsächlich das Ergebnis zeigen wird, welches sich die Aggressoren erhoffen.

Viele Analysten haben lange davor gewarnt, dass jenes Verhalten, was Israel in Gaza zeigte, nicht auf Gaza, und auch nicht auf Palästina beschränkt bleiben wird. Und sie hatten Recht behalten. Da die Weltgemeinschaft unter dem Druck und der Erpressung der westlichen Kolonialmächte und deren Verbündeten Israel nicht in die Schranken wies, sieht sich die israelische Gesellschaft ermutigt und berechtigt, die Vernichtungsdoktrin auszuweiten. 

Die Verbindung zur Energiekrise

Die strategische Bedeutung des Konflikts hat dramatisch zugenommen, da er nun direkt mit der Konfrontation zwischen den USA, Israel und Iran überschneidet. Seit der Eskalation regionaler Konflikte, die sich von Gaza und Libanon bis zum Roten Meer und zum Persischen Golf erstrecken, sind die Energiemärkte zunehmend anfällig für Störungen geworden. Schifffahrtsrouten, Versicherungskosten, strategische Engpässe und Investitionsentscheidungen wurden alle von wachsender Instabilität beeinflusst. Was als Verwüstung Gazas begann, hat sich zu einer Krise mit potenziell globalen wirtschaftlichen Folgen entwickelt.

Der Nahe Osten bleibt die weltweit wichtigste energieproduzierende Region. Selbst wenn die tatsächlichen Versorgungsstörungen begrenzt bleiben, kann die durch militärische Eskalation erzeugte Risikoprämie die Energiepreise erheblich erhöhen. Solche Steigerungen fungieren als globale Wachstumssteuer – als Epizentrum der Krise ist Asien ein Paradebeispiel.

Für fortgeschrittene Volkswirtschaften, die ohnehin schon von hohen Schulden und langsamen Produktivitätswachstum belastet sind, untergräbt die anhaltende Energieinflation die wirtschaftliche Erholung. Für Entwicklungsländer, die von importierter Energie abhängig sind, sind die Folgen noch gravierender. Steigende Treibstoffkosten führen zu höheren Lebensmittelpreisen, größeren Haushaltsdefiziten und verstärkter sozialer Instabilität.

Erster Verdacht wurde geäußert, dass die Aufrechterhaltung der Krise auch dazu diene, die Entwicklung der Unterentwickelten- und Schwellenländer zu hemmen, welche derzeit mit Hilfe Chinas zu einem „großen Sprung“ in der Industrialisierung ansetzen. Die Gaza-Libanon-Krise ist daher nicht nur ein regionaler Konflikt.

US-Israel-Verbindung

Washington bleibt Israels unverzichtbarer strategischer Partner. Militärische Zusammenarbeit, Informationsaustausch und diplomatische Unterstützung bilden weiterhin das Fundament der israelischen Sicherheitsarchitektur. Doch die Beziehung sieht sich wachsenden Widersprüchen gegenüber.

Amerikanische Entscheidungsträger stehen zunehmend vor einem Dilemma, nicht nur weil große Teile sich durch die Finanzierung mittel der Israel Lobby, insbesondere AIPAC immer weiter von ihrer Wählerbasis entfernen. Einerseits versuchen sie, Israels militärische Überlegenheit und Abschreckungsfähigkeiten zu bewahren. Andererseits müssen sie die wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen langanhaltender regionaler Konflikte bewältigen.

Gleichzeitig werden diese Entscheidungsträger durch die zunehmend greller und aggressiver agierenden Israel-Lobby und andererseits dem wachsenden Widerstand der amerikanischen Wählerschaft, insbesondere der jüngeren Wählergruppen, herausgefordert.

Jede Ausweitung des Krieges verursacht Kosten für die breiteren amerikanischen Interessen. Energievolatilität bedroht das globale Wachstum. Die Eskalation birgt das Risiko einer Konfrontation mit regionalen Mächten. Humanitäre Verwüstung schürt antiamerikanische Stimmung in weiten Teilen des globalen Südens.

Diese Analyse, die insbesondere von Dan Steinbock vertreten wird, widerspricht den stark von antiamerikanischen Gefühlen getriebenen Beurteilungen der Situation, welche davon ausgeht, dass die permanenten Kriege tatsächlich erwünscht der US-Öl- und Gasindustrie einen Geldregen verschaffen, und die Rüstungsindustrie zu ungeahnten Höhenflügen führt. Aber geht man von den Folgen für die normalen US-Amerikaner aus, stellt man fest, dass Washingtons Ziele zunehmend komplexer und selbstschädigend sind.

Das Ziel, israelische Sicherheit und erlaubte Ausweitung (Stichwort Großisrael), ohne regionalen Krieg, und Abschreckung ohne Eskalation und strategische Dominanz anzustreben, beides ohne die vollen wirtschaftlichen und politischen Kosten eines langwierigen Konflikts zu tragen, erscheint unmöglich.

Da diese Ziele immer schwerer umzusetzen sind, wird Washington nicht nur durch den Widerstand gegen Israels Aggression, sondern auch von einem regionalen Krieg, einer Eskalation ohne Abschreckung, und zunehmender Sorge über eine zerfallende strategische Dominanz in der Region belastet.

Risiken von Fehleinschätzungen

Die bedeutendste jüngste Entwicklung ist die allmähliche Verschmelzung mehrerer Konflikte zu einem einzigen strategischen Einsatzgebiet. Gaza, Libanon, das Rote Meer, Syrien, Irak und der Persische Golf bilden zunehmend miteinander verbundene Fronten im Rahmen eines größeren Konfliktes zwischen der US-israelischen Partnerschaft und dem Widerstand dagegen. Dieser empfindet die US-Politik als neokolonialen Imperialismus und schart sich zunehmend hinter den Iran als Führer dieser Widerstandsbewegung.

Militärische Aktionen in einem Bereich führen nun zu Konsequenzen in den anderen.

Dieser sich ausdehnende Krieg vergrößert das Risiko von Fehleinschätzungen. Eine lokale Konfrontation, die früher eingedämmt geblieben wäre, besitzt nun das Potenzial, regionale Eskalationen, Energieschocks und eine breitere geopolitische Fragmentierung auszulösen. Genau so werden lokale Kriege zu systemischen Krisen.

Israel riskiert, die Warnung Dan Steinbocks, sowohl in Der Untergang Israelsals auch in „Die Auslöschungsdoktrin“ implizit zu bestätigen: dass ein Staat taktische Erfolge erzielen kann, während er gleichzeitig die Grundlagen seiner eigenen langfristigen Sicherheit und Legitimität untergräbt.

Jeder taktische Sieg bereitet die Bühne für weiteres strategisches Scheitern, tiefere interne Spaltungen und größere internationale Entfremdung.

Internationale Glaubwürdigkeitskrise

Die internationale Reaktion hat eine wachsende Krise der globalen Governance offengelegt. Bis zur Verwüstung von Gaza betonten viele westliche Regierungen Israels Sicherheitsbedenken und äußerten gleichzeitig vergebliche Sorge um zivile Opfer im Nahen Osten.

Viele Länder in Asien, Afrika und Lateinamerika haben eine deutlich andere Perspektive und konzentrieren sich auf humanitäres Leid, Vertreibung und mutmaßliche Verstöße gegen das Völkerrecht. Während sich diese Narrative auseinanderentwickeln, schwindet das Vertrauen in internationale Institutionen weiter.

Für weite Teile des Globalen Südens ist die Wahrnehmung selektiver Durchsetzung internationaler Normen zunehmend schwer zu ignorieren. Wenn das Völkerrecht auf einige Staaten anwendbar scheint, aber nicht auf andere, leidet seine Legitimität zwangsläufig. Diese Glaubwürdigkeitslücke könnte sich als eine der dauerhaftesten Folgen des Konflikts erweisen. War das Völkerrecht in einer Art Koma, hat die Politik Israels und der USA in den letzten Jahren seit 2023 dem Völkerrecht den Stecker gezogen, könnte man sagen.

Die zentrale Frage ist nicht mehr, ob der Gaza-Krieg den Nahen Osten verändert hat. Die Frage ist, ob die Region sich auf Stabilisierung oder auf eine umfassendere Doktrin des dauerhaften Konflikts zubewegt.

Wenn die militärische Eskalation andauert, werden die Folgen weit über Israel, Libanon und Gaza hinausgehen. Energieunsicherheit, wirtschaftliche Fragmentierung, humanitäre Krisen und geopolitische Polarisierung werden das internationale System zunehmend prägen.

Der Weg vor uns

Moderne Konflikte werden nicht mehr ausschließlich nach militärischen Ergebnissen beurteilt. Sie werden nach ihren Entwicklungsfolgen beurteilt. Ein militärischer Sieg, der dauerhafte wirtschaftliche Verwüstung verursacht, kann für den Verursacher zu einer strategischen Niederlage werden.

Die Tragödie des aktuellen Moments ist, dass jeder Teilnehmer an dieser Krise Eskalation zunehmend als notwendig wahrnimmt, während er gleichzeitig die Konsequenzen fürchtet.

Der Libanon droht tiefere Verwüstungen. Gaza steht vor einer langanhaltenden humanitären Katastrophe und einer ungewissen politischen Zukunft. Der Iran sieht sich wachsenden wirtschaftlichen und militärischen Belastungen gegenüber. Die Vereinigten Staaten stehen vor wachsenden strategischen Verpflichtungen und inneren Unruhen. Israel sieht sich einer zunehmenden diplomatischen Isolation gegenüber, während es gleichzeitig mehr Sicherheit anstrebt.

In der daraus resultierenden Vernichtungsdynamik zerstört die militärische Eskalation schrittweise die politischen und wirtschaftlichen Grundlagen, die für einen dauerhaften Frieden notwendig sind.

Nach dieser Sichtweise ist die Debatte über ethnische Säuberung, Völkermord und Auslöschung nicht nur ein juristisches oder moralisches Argument. Es ist eine Debatte darüber, ob die Region, vielleicht die ganze Welt, einem Kreislauf entkommen kann, in dem jeder militärische Sieg den Saat für die nächste Katastrophe – und möglicherweise für einen überwältigenden globalen Abschwung – legt.

Der Hoffnungsschimmer

Der diesmal wirklich unprovozierte Angriffskrieg Israels und der USA gegen den Iran und seine Folgen haben nun möglicherweise eine Reaktion der wichtigsten Staaten der Region ausgelöst, welche sicher nicht in den Plänen der Angreifer vorgesehen war. Die Türkei, Ägypten, Saudi-Arabien und Pakistan, sollen sich Gerüchten zufolge mit dem Iran über eine regionale Sicherheitsarchitektur ohne die USA unterhalten. Aus einem solchen Bündnis ergäbe sich die Möglichkeit Israel einzudämmen und die Region zu stabilisieren. Das läge nicht nur im Interesse Westasiens, sondern der ganzen Welt.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: Israel-Gaza-Grenze Israel – 12. April 2026: Israelische Militärtruppen bereiten sich nahe der Grenze vor.

Bildquelle: mytaj/ shutterstock

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