Spiritualität und Aufklärung | Von Dirk Ellerbrock

Spiritualität und Aufklärung | Von Dirk Ellerbrock

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Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Die Grenze, die die Aufklärung nicht sehen kann

Es gibt eine Frage, die fast jede wissenschaftliche Annäherung an Spiritualität als Erstes stellt, oft ohne sie auszusprechen: Ist das, was da erfahren wird, real – oder Einbildung? Die Frage klingt neutral, sogar wohlwollend, wenn sie zugunsten der Erfahrung beantwortet wird. Aber sie ist es nicht. Wer sie stellt, hat bereits entschieden, wie spirituelle Erfahrung behandelt werden soll: als Inhalt, dessen Wirklichkeitsstatus zu klären ist. Als etwas, das man prüft, kartiert, gegen andere Erkenntnisquellen abwägt. Genau darin liegt eine stille, aber folgenreiche Vorentscheidung – und sie ist der Grund, warum die wissenschaftlich-aufklärerische Annäherung an Spiritualität an einer bestimmten Stelle systematisch aufhören muss, so wohlmeinend sie auch verfährt.

Zwei Arten zu erkennen

Um das zu verstehen, lohnt sich eine Unterscheidung, die der westliche Rationalismus gewohnheitsmäßig verwischt: die zwischen Bewusstsein und Bewusstheit.

Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas. Es braucht ein Objekt, dem es gegenübertritt – und in diesem Gegenübertreten liegt bereits eine Spaltung: hier der Beobachter, dort das Beobachtete. Diese Spaltung ist keine Störung, sondern die Grundoperation jeder Analyse, jeder Wissenschaft, jeder Prüfung von Wirklichkeitsansprüchen. Ohne sie gäbe es keine Beschreibung der Welt. Aber sie kann sich selbst nie einfangen. Jean-Paul Sartre hat das Paradox präzise benannt: Bewusstsein ist das, was es nicht ist, und nicht das, was es ist. (1)

Es entzieht sich sich selbst in dem Moment, in dem es versucht, sich zum eigenen Objekt zu machen.

Bewusstheit dagegen ist kein Gegenüber zur Welt. Sie trennt nicht in Subjekt und Objekt. Was in ihr erscheint, wird nicht gewusst wie ein Fakt, sondern erkannt wie eine Gegenwart. Der Unterschied ist nicht graduell – nicht „mehr“ oder „weniger“ Bewusstsein –, sondern kategorial: Bewusstheit ist nicht ein weiterer Inhalt neben anderen Inhalten, den man zur bestehenden Sammlung hinzufügen könnte. Sie ist die Bedingung, unter der überhaupt irgendetwas gewusst wird.

Genau das macht sie für die klassische Prüffrage – real oder Einbildung? – unzugänglich. Die Frage setzt voraus, dass es ein Ich gibt, dem sich etwas zeigt, und ein Etwas, das sich zeigt. Bewusstheit aber ist nicht das, was sich zeigt. Sie ist das, worin sich überhaupt etwas zeigen kann. Man kann sie nicht verifizieren, ohne sie bereits in ein Objekt zu verwandeln – und damit in genau das, was sie nicht ist.

Wie sich das zeigt: der Zeuge statt des Wissenden

Das bleibt abstrakt, solange man es nicht an einem konkreten Vorgang festmacht. Wer beginnt, das zu erforschen, was in der psychologischen Arbeit mit inneren Mustern als „Falscher Kern“ bezeichnet wird, stößt nicht auf einen Gedanken, sondern auf eine Atmosphäre: eine dichte innere Landschaft aus Anspannung und Vorsicht, die sich absolut real anfühlt, weil sie sich wie das eigene Ich anfühlt. Stephen Wolinsky (2) beschreibt diesen Kern als das früheste Werk des Überlebens – eine stille Antwort des Kindes auf eine Welt, die sich zu groß, zu kalt oder zu bedrohlich angefühlt hat: So wie ich bin, bin ich nicht sicher. Aus dieser Entscheidung, die kein Satz war, sondern ein Körperzustand, formt sich eine Struktur, die fortan das gesamte Erleben organisiert.

Man erlebt diesen Kern normalerweise nicht – man ist er. Der Perfektionist hält seinen Drang zur Fehlerlosigkeit nicht für ein Muster, sondern für sich selbst. Der Kontrollierende hält sein Misstrauen nicht für eine Reaktion auf eine alte Verletzung, sondern für gesunden Menschenverstand. Das ist der Normalzustand des Bewusstseins: vollständig mit seinen Inhalten identifiziert, ohne Abstand zu ihnen.

Was in der kontemplativen Praxis geschieht, wenn sie funktioniert, ist kein zusätzliches Wissen über diese Muster. Es ist eine Verschiebung der Position selbst: Der Perfektionist beginnt, seinen Drang zu beobachten, ohne ihm zu folgen. Nicht: Ich bekämpfe meinen Perfektionismus – das wäre nur eine neue Identifikation, diesmal mit dem Kämpfer. Sondern: Der Drang erscheint, und da ist etwas, für das er erscheint, ohne selbst der Drang zu sein. In diesem Moment wird aus dem Wissenden – der etwas über sich weiß – ein Zeuge – der etwas an sich vorbeiziehen sieht, ohne mit ihm identisch zu sein. Das ist keine bessere Erkenntnis über den Inhalt. Es ist ein Wechsel der Erkenntnisart.

Warum die Methode selbst die Grenze zieht

Hier liegt der eigentliche Grund, warum eine wissenschaftlich verfahrende Annäherung an Spiritualität nicht einfach an fehlendem Mut oder mangelnder Offenheit scheitert, sondern an ihrer Funktionsweise selbst. Wissenschaft – auch die redlichste, methodisch unbestechlichste – verfährt über Verifikation, Objektivierung, die Möglichkeit der Falsifikation. All das setzt die Spaltung zwischen einer erkennenden Instanz und einem zu erkennenden Gegenstand voraus. Diese Spaltung ist nicht Ausdruck einer bestimmten Ideologie, die man ablegen könnte, wenn man nur wollte. Sie ist die Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft überhaupt.

Bewusstheit aber ist genau die Aufhebung dieser Spaltung. Eine Methode, die Erkenntnis nur als Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt kennt, kann folglich nicht das erfassen, dessen Abwesenheit sie methodisch immer schon voraussetzt. Das ist kein Vorwurf gegen die Wissenschaft – es wäre absurd, ihr vorzuwerfen, dass sie das tut, was sie tun muss, um Wissenschaft zu sein. Es ist eine strukturelle Feststellung: Man kann mit einem Werkzeug, das für die Vermessung von Abständen gebaut ist, nicht die Abwesenheit von Abstand vermessen.

Deshalb bleibt jede Annäherung, die spirituelle Erfahrung als zweiten, wissenschaftlich zu legitimierenden Erkenntnisweg neben der Sinneswahrnehmung behandelt – so redlich sie gemeint sein mag –, notwendig auf der Bewusstseinsebene stehen. Sie fragt: Ist diese innere Erfahrung genauso wirklich wie eine äußere? Und selbst wenn sie diese Frage großzügig bejaht, hat sie damit nur einen weiteren Inhalt als real anerkannt. Sie hat nicht berührt, was Bewusstheit von Bewusstsein unterscheidet – dass Bewusstheit gar kein Inhalt ist, über dessen Realität man abstimmen könnte.

Die politische Seite der blinden Stelle

Diese Verwechslung ist nicht folgenlos, und ihre Folgen sind nicht nur akademischer Natur. Ein Bewusstsein, das ununterbrochen bewertet, vergleicht, sich rechtfertigt und verteidigt, ist ein Bewusstsein, das leicht steuerbar ist – weil es immer schon mit sich selbst beschäftigt ist. Edward Bernays (3) wusste das genauer als die meisten seiner Zeitgenossen: Man muss Menschen nicht zu bestimmten Überzeugungen zwingen, wenn man ihnen nur die richtigen Reize liefert, auf die ihr bereits bestehendes Bewertungssystem automatisch reagiert. Bourdieu (4) hat für dasselbe Phänomen den Begriff des Habitus geprägt – ein System verinnerlichter Wahrnehmungs- und Bewertungsschemata, das so tief sitzt, dass es sich selbst für Natur hält.

Eine Spiritualität, die auf der Ebene des Bewusstseins bleibt – die also weiterhin bewertet, einordnet, sich als überlegene oder zumindest gleichberechtigte Erkenntnisquelle behauptet –, verändert an dieser Automatik nichts. Sie fügt dem Bewertungssystem nur eine neue, spirituell geadelte Kategorie hinzu. Es gibt genug Menschen, die meditieren, um am nächsten Tag klarer zu funktionieren, ohne dass sich an der Funktionsweise selbst – bewerten, vergleichen, sich rechtfertigen – irgendetwas ändert. Die Übung bleibt dann folgenlos für genau das, was sie eigentlich unterbrechen sollte.

Erst die Bewusstheits-Ebene berührt den Punkt, an dem Herrschaft über den Einzelnen überhaupt erst Macht gewinnt: nicht die Inhalte des Urteils, sondern seine Automatik selbst. Wer diese Automatik nicht als Objekt untersucht, sondern als das, was sie ist, bemerkt – ein Muster, das erscheint und wieder vergeht, ohne dass man mit ihm identisch sein müsste –, entzieht ihr in diesem Moment die Nahrung. Das ist kein Akt des Willens und keine neue Überzeugung. Es ist das Nachlassen einer Identifikation, die nie so fest saß, wie sie sich anfühlte.

Schluss: Was „undogmatisch“ eigentlich heißen müsste

Damit zeigt sich, worin die eigentliche Grenze wissenschaftlich-aufklärerischer Annäherungen an Spiritualität besteht – nicht in mangelndem Respekt vor der Erfahrung, sondern in der unvermeidlichen Beibehaltung genau jener Spaltung, aus der die Erfahrung, wenn sie mehr sein soll als ein weiterer Bewusstseinsinhalt, ausbricht. Eine Spiritualität, die sich als zweiter, gleichberechtigter Erkenntnisweg neben der Wissenschaft versteht, bestätigt damit unweigerlich die Grammatik des Subjekts, das seinen Objekten gegenübersteht – dieselbe Grammatik, aus der auch das Bewertungssystem des Habitus, der Propaganda, der permanenten Selbstrechtfertigung ihre Kraft zieht.

„Undogmatisch“ wäre eine solche Spiritualität also nicht schon dadurch, dass sie sich von starren religiösen Lehrsätzen distanziert. Undogmatisch wäre sie erst, wenn sie die Unterscheidung zwischen Bewusstsein und Bewusstheit nicht als Fußnote behandelt, sondern zu ihrem eigentlichen Ausgangspunkt macht – und damit akzeptiert, dass die entscheidende Frage nicht lautet, ob eine Erfahrung wirklich ist, sondern wer oder was da überhaupt erfährt. Das ist keine bessere Antwort auf die alte Frage. Es ist der Punkt, an dem die alte Frage selbst ihre Geltung verliert.

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Anmerkungen und Quellen

(1) Sartre – „Bewusstsein ist das, was es nicht ist, und nicht das, was es ist“
Paraphrase des Grundparadoxes von pour-soi aus L’Être et le Néant (1943, dt. Das Sein und das Nichts).

(2) Wolinsky – Falscher Kern
Stephen Wolinsky, v.a. The Tao of Chaos bzw. Trances People Live (dort das Konzept der „False Core“/“I am“-Identifikation als nachträgliches Etikett auf präverbale Zustände).

(3) Bernays – Propaganda wirkt mit dem Bewertungssystem, nicht gegen es Propaganda (1928) bzw. Crystallizing Public Opinion (1923).

(4) Bourdieu – Habitus Le sens pratique (1980, dt. Entwurf einer Theorie der Praxis bzw. Sozialer Sinn) für den Begriff selbst; La Distinction (1979) für die empirische Ausarbeitung.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Frau auf Landstraße, darüber eine digital dargestellte Erde
Bildquelle: tum3123 / shutterstock

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