Vom Ende der Hegemonie zur Transformation der Macht | Von Wolfgang Effenberger

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Eine kritische Antwort auf Fareed Zakaria

Ein Meinungsbeitrag von Wolfgang Effenberger.

Ende Juli 2026 veröffentlichte die Redaktion der Hauspostille des Council of Foreign Relations „Foreign Affairs“ mit einem redaktionellen Vorspann noch einmal den Essay von Fareed Zakaria aus dem Jahr 2019: „The Self-Destruction of American Power – Washington Squandered the Unipolar Moment„. (2)

Die Tatsache, dass Foreign Affairs einen sieben Jahre alten Essay im Sommer 2026 erneut hervorhebt, ist wahrscheinlich kein Zufall.

Fareed Zakarias Essay „Der selbstverschuldete Niedergang amerikanischer Macht –Washington verspielte den unipolaren Moment.“ (2019) ist eine hinterfragenswürdige Bestandsaufnahme der amerikanischen Außenpolitik nach dem Kalten Krieg. Zakarias Analyse unterscheidet sich von neokonservativen Positionen, weil sie die Fehler Washingtons offen benennt. Gleichzeitig bleibt sie in wesentlichen Punkten innerhalb des Paradigmas des amerikanischen Liberal-Internationalismus.

Für Zakaria spielt der Aufstieg neuer Herausforderer – allen voran Chinas –zweifellos eine wichtige Rolle. Daneben sieht er die eigene „imperiale Überdehnung“ der Vereinigten Staaten, besonders im Irak. Der größte Fehler Washingtons in dieser Zeit sei jedoch gewesen, so Zakaria, „einfach nicht mehr aufmerksam zu sein“. Ausgerechnet in dem Moment, als das seit Langem verfolgte Ziel der Vereinigten Staaten, „die Welt zu transformieren“, erreichbarer schien als je zuvor, scheuten die Amerikaner vor dem Engagement zurück, das eine solche Transformation tatsächlich erfordert hätte. Washington habe häufig eher wie „ein wohlwollender Beobachter aus der Ferne als wie eine engagierte Supermacht“ gehandelt.

Hätten die Vereinigten Staaten, so argumentiert Zakaria, „ihre umfassenderen Interessen und Ideen konsequenter verfolgt, hätten sie ihren Einfluss noch jahrzehntelang bewahren können – wenn auch in einer anderen Form“. Heute sei es jedoch zu spät, die amerikanische Vormachtstellung in ihrer früheren Gestalt wiederherzustellen. „Die entscheidende Frage ist nun“, schreibt Zakaria, „ob mit dem Schwinden amerikanischer Macht das von den Vereinigten Staaten geschaffene internationale System – seine Regeln, Normen und Werte – noch Bestand haben wird. Oder wird Amerika auch den Niedergang seines Ideenreiches mit ansehen müssen?“

Aus einer kritischen Perspektive ergeben sich mehrere Einwände.

Die zentrale Prämisse bleibt unhinterfragt

Zakaria geht selbstverständlich davon aus, dass die USA nach 1991 eine historische Chance besaßen, die Welt dauerhaft nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Er bedauert, dass Washington diese Gelegenheit nicht konsequent genug genutzt habe.

Er stellt nicht die Legitimität eines globalen Führungsanspruchs infrage, sondern lediglich dessen mangelhafte Umsetzung. Die entscheidende Frage lautet jedoch:

Wer hat den Vereinigten Staaten überhaupt das Mandat gegeben, die Welt politisch, wirtschaftlich und militärisch zu transformieren?

Aus Sicht des Völkerrechts existiert ein solches Mandat nicht. Die UN-Charta basiert auf der souveränen Gleichheit aller Staaten und nicht auf dem Führungsanspruch einer einzelnen Macht.

Transformation erscheint als positives Projekt

Zakaria beschreibt die amerikanische Nachkriegsordnung als eine Ordnung von

  • Regeln,
  • Normen,
  • Werten.

Diese Darstellung blendet jedoch aus, dass viele Staaten diese Ordnung keineswegs freiwillig akzeptierten. Gerade in

  • Jugoslawien,
  • Afghanistan,
  • Irak,
  • Libyen,
  • Syrien

wurde amerikanische Macht vielfach militärisch durchgesetzt.

Für zahlreiche Staaten des Globalen Südens bedeutete die sogenannte „regelbasierte Ordnung“ daher nicht nur Wohlstand und Stabilität, sondern ebenso

  • Sanktionen,
  • Regimewechsel,
  • militärische Interventionen,
  • wirtschaftlichen Druck.

Diese Perspektive fehlt bei Zakaria nahezu vollständig.

Der Irakkrieg erscheint als Ausnahme statt als Symptom

Zakaria nennt den Irakkrieg als Beispiel imperialer Überdehnung.

Das greift jedoch zu kurz. Der Irakkrieg war kein einzelner Fehltritt, sondern Ausdruck einer strategischen Entwicklung, die bereits in den 1990er Jahren sichtbar wurde.

Hierzu gehören beispielsweise die Erweiterung der NATO, Interventionen ohne UN-Mandat, die Wolfowitz-Doktrin sowie die Vorstellung einer dauerhaft unipolaren Weltordnung.

Aus dieser Sicht war der Irakkrieg weniger ein Ausrutscher als vielmehr die konsequente Umsetzung eines bereits vorhandenen strategischen Denkens.

Die Konkurrenz Chinas wird unterschätzt

Zakaria erkennt zwar den Aufstieg Chinas als wesentlichen Faktor an, behandelt ihn jedoch überwiegend als äußere Herausforderung.

Dabei entstand der wirtschaftliche Aufstieg Chinas auch deshalb, weil amerikanische Unternehmen ihre Produktion dorthin verlagerten, Washington jahrzehntelang von billigen Importen profitierte und die Globalisierung erhebliche Technologietransfers ermöglichte.

Der Aufstieg Chinas war somit nicht lediglich ein externer Schock, sondern auch eine Folge amerikanischer Wirtschaftsstrategien.

 Der Begriff der Hegemonie bleibt positiv besetzt

Zakaria verwendet den Begriff amerikanischer Führung überwiegend normativ: Kann Amerika seine Führungsrolle bewahren?

Eine alternative Fragestellung wäre jedoch: Ist eine stabile Weltordnung überhaupt dauerhaft mit der Dominanz einer einzigen Großmacht vereinbar?

Viele internationale Beziehungen sprechen eher dafür, dass Machtkonzentrationen regelmäßig Gegenkoalitionen hervorrufen – ein Gedanke, der sich bereits bei Thukydides und später in der klassischen Gleichgewichtspolitik Europas findet.

Multipolarität erscheint lediglich als Problem

Zakaria betrachtet das Ende der amerikanischen Vorherrschaft vor allem als Verlust.

Aus Sicht vieler Staaten stellt die heutige Entwicklung jedoch eine größere außenpolitische Handlungsfreiheit dar.

Organisationen wie BRICS, die Shanghai Cooperation Organisation und regionale Entwicklungsbanken werden von zahlreichen Ländern als Alternativen zur westlich dominierten Ordnung verstanden. Ob diese neue Multipolarität tatsächlich stabiler wird, bleibt offen. Sie ist jedoch nicht zwangsläufig nur Ausdruck amerikanischen Niedergangs.

Die Rolle innenpolitischer Faktoren

Zakaria spricht vom amerikanischen „Nachlassen der Aufmerksamkeit“.

Weniger berücksichtigt werden strukturelle Ursachen:

  • enorme Staatsverschuldung,
  • Deindustrialisierung,
  • politische Polarisierung,
  • sinkendes Vertrauen in staatliche Institutionen,
  • soziale Ungleichheit.

Diese Entwicklungen begrenzen den außenpolitischen Handlungsspielraum mindestens ebenso stark wie geopolitische Konkurrenz.

Aus Zakarias Essay lassen sich zwei Thesen ableiten:

  1. Die amerikanische Hegemonie ist gestorben.
  2. Washington hat diesen Niedergang wesentlich dadurch beschleunigt, dass es nach 1991 strategisch unaufmerksam geworden sei.

Diese beiden Aussagen sind unterschiedlich zu bewerten.

Die erste These – der relative Verlust der unipolaren Vormachtstellung – wird durch die Entwicklungen seit 2019 eher bestätigt. Selbst viele Vertreter des außenpolitischen Establishments sprechen heute von einer multipolaren oder zumindest stärker umkämpften Welt.

Die zweite These ist hingegen angreifbar.

Zakaria behauptet sinngemäß, Washington habe noch nach dem Ende des Kalten Krieges „einfach aufgehört, aufmerksam zu sein“ („simply stop paying attention“). Dem lässt sich entgegenhalten, dass die US-Regierung bereits unmittelbar nach dem Zusammenbruch der bipolaren Ordnung begann, über die zukünftige internationale Ordnung nachzudenken und diese politisch zu gestalten.

Bereits am 11. September 1990 formulierte Präsident George H. W. Bush vor dem US-Kongress das Ziel einer „New World Order“. Er erklärte, aus den Umbrüchen nach dem Ende des Kalten Krieges könne eine neue internationale Ordnung entstehen, in der die Vereinigten Staaten gemeinsam mit den Vereinten Nationen eine führende Rolle übernehmen. Unabhängig von der Bewertung dieses Konzepts zeigt die Rede, dass Washington die Gestaltung der Nachkriegsordnung frühzeitig als strategische Aufgabe verstand. Vor diesem Hintergrund erscheint die Behauptung, die USA hätten nach dem Kalten Krieg ihre strategische Aufmerksamkeit verloren, historisch nur eingeschränkt überzeugend.

Die strategische Aufmerksamkeit der USA findet sich – wenn auch unter veränderten Vorzeichen – in zahlreichen sicherheits- und verteidigungspolitischen Dokumenten wieder, darunter die nationale strategische Sicherheitsplanung von Bushs Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz

Die Defense Planning Guidance 1992 (Wolfowitz-Doktrin) formuliert das strategische Ziel: nach dem Ende des Kalten Krieges die Entstehung eines rivalisierenden Machtzentrums zu verhindern und die militärische Führungsrolle der USA zu sichern.

Die strategische Linie lässt sich von der Defense Planning Guidance bis in die Zukunftskonzepte des US-Heeres verfolgen. Während die Wolfowitz-Planung das geopolitische Ziel formulierte, die globale Führungsrolle der Vereinigten Staaten zu sichern und das Entstehen eines gleichrangigen Rivalen zu verhindern, überführte TRADOC 525-5 Force XXI Operations (1994) – A Concept for the Evolution of Full-Dimensional Operations for the Strategic Army of the Early Twenty-First Century (3) diese Vorgaben in ein militärisch-operatives Konzept. Es beschreibt, wie die US Army künftig in einem gesamten Spektrum von „War and Operations Other Than War“ (OOTW) operieren soll.

Das Konzept versteht militärische Einsätze als Dynamik vom Aufruhr (insurgency/unrest), über Krise, Konflikt und Krieg und fordert eine Streitkraft, die in allen Eskalationsstufen handlungsfähig bleibt. Das Dokument spricht von Full-Dimensional Operations als Leitidee für die Streitkräfte des 21. Jahrhunderts. (4)

Mit dem Prinzip der Transition beschreibt es einen fließenden Übergang von Other Operations Than War (OOTW) über Krise zum Krieg.

Die Abbildung „A Dynamic New Era – A World in Transition“ beschreibt den Übergang von der Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts zur Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts als eine tiefgreifende globale Umbruchphase. Die Zeit von 1990 bis 2010 wird als „Jahrzehnte des Übergangs“ dargestellt, in denen die Welt von Unruhe, Krisen, Konflikten und Kriegen geprägt ist. Diese Instabilität erscheint nicht als Ausnahme, sondern als typisches Merkmal einer historischen Transformationsphase.

Die Dynamik Aufruhr-Krise-Konflikt-Krieg kann dabei auch als geopolitischer Werkzeugkasten gesehen werden (Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien, Ukraine)

Als treibende Kräfte dieses Wandels nennt die Grafik zwei Faktoren:

eine geostrategische Neuordnung der Welt sowie den rasanten technologischen Fortschritt. Diese Entwicklungen verändern nach der Darstellung die internationalen Machtverhältnisse grundlegend und schaffen neue politische, wirtschaftliche und militärische Herausforderungen.

Die Abbildung stellt zugleich einen Kontrast zwischen Vergangenheit und Zukunft her. Das 20. Jahrhundert wird als Zeitalter konkurrierender Ideologien, Weltkriege und strategischer Konfrontationen charakterisiert. Demgegenüber wird für das 21. Jahrhundert die Vision einer neuen Epoche formuliert, die durch gemeinsames Verständnis mittels Informationstechnologie und möglicherweise durch eine Phase relativen Friedens geprägt sein könnte. Das Fragezeichen („A new era of relative peace?“) macht jedoch deutlich, dass diese Entwicklung nicht als gesichert, sondern als Hoffnung oder Zielvorstellung verstanden wird.

Insgesamt vermittelt die Grafik die Vorstellung, dass die Welt an der Schwelle zu einer neuen historischen Epoche steht, deren Ausgang maßgeblich von geopolitischen Veränderungen und technologischer Entwicklung bestimmt wird. Die Übergangszeit wird als unvermeidlich konfliktreich beschrieben, während langfristig die Möglichkeit einer stabileren internationalen Ordnung in Aussicht gestellt wird.

Der Begriff “ Operations Other Than War (OOTW)“ stammt ursprünglich aus der US-Militärdoktrin der 1990er Jahre (insbesondere Joint Publication 3-07).

Die Abbildung „Operating Environment and Missions of U.S. Forces“ veranschaulicht das Einsatzspektrum der US-Streitkräfte im 21. Jahrhundert. Sie macht deutlich, dass die amerikanischen Streitkräfte nicht mehr ausschließlich für den klassischen Krieg gegen einen gleichwertigen Gegner vorgesehen sind, sondern für ein breites Spektrum militärischer und nichtmilitärischer Aufgaben. Im Zentrum der Darstellung stehen die „21st Century Army Capabilities“, also Fähigkeiten, die in sämtlichen Einsatzarten flexibel eingesetzt werden können.

Die Grafik unterscheidet drei überlappende Einsatzbereiche:

  • Operations Other Than War (OOTW) – Einsätze außerhalb des klassischen Krieges, etwa Friedensmissionen, Katastrophenhilfe, Terrorismusbekämpfung, Aufstandsbekämpfung (Counterinsurgency), Evakuierungsoperationen, Rüstungskontrolle, Umwelteinsätze oder zivile Unterstützung.
  • MRC (Major Regional Contingencies) – regionale militärische Konflikte, die beispielsweise Schläge gegen militärische Ziele (Strikes), Kommandooperationen (Raids), Machtdemonstrationen (Shows of Force) oder gemeinsame Kampfeinsätze umfassen.
  • General War – der groß angelegte Krieg mit Mobilisierung der Streitkräfte, strategischen Angriffen und Verteidigungsoperationen sowie umfangreichen militärischen Kampagnen.

Man kann hier gut erkennen, dass OOTW auch als Einstieg dient, ein Land in einen beabsichtigten Konflikt zu führen im Sinne von Hegemonieinteressen.

Die Überschneidungen der drei Bereiche zeigen, dass moderne Streitkräfte gleichzeitig Fähigkeiten für unterschiedliche Konfliktformen bereithalten müssen. Besonders hervorgehoben wird der Bereich LRC (Lesser Regional Conflict), der zwischen regionalen Krisen und größeren militärischen Auseinandersetzungen angesiedelt ist. Daraus wird ersichtlich, dass Konflikte fließende Übergänge aufweisen und sich regionale Krisen zu größeren Kriegen entwickeln können.

Insgesamt vermittelt die Abbildung das strategische Leitbild einer multifunktionalen und weltweit einsetzbaren Armee, die das gesamte Konfliktspektrum – von humanitären Hilfsmissionen über Stabilisierungseinsätze bis hin zum umfassenden Krieg – abdecken soll. Die zentrale Aussage lautet, dass die Streitkräfte des 21. Jahrhunderts universell einsetzbar sein und sich flexibel an wechselnde sicherheitspolitische Herausforderungen anpassen müssen.

Im Hinblick auf die angestrebte „New World Order“ (Bush sen.) kann man davon ausgehen, dass Konflikt und Kriege die Weichen für eine US-Hegemonie stellen sollen.

Während Wolfowitz die geopolitische Zielsetzung, TRADOC 525-5 formulierte, wurde die militärisch-konzeptionellen Instrumente zu ihrer Umsetzung im strategischen Denken von TRADOC 525-5 entwickelt und OOTW als eigenständiges US-Doktrinkonzept eingebettet.

Diese Entwicklung setzt sich im September 2014 im TRADOC Pamphlet 525-3-1 Win in a Complex World 2020–2040 fort und findet mit der organisatorischen Transformation zu T2COM im Oktober 2025 ihre institutionelle Fortsetzung.

Vor diesem Hintergrund scheint weniger ein Mangel an Aufmerksamkeit das Problem gewesen zu sein als vielmehr die Frage, ob die angestrebten Ziele unter den Bedingungen einer sich wandelnden internationalen Machtverteilung überhaupt erreichbar waren.

Die historische Linie:

  • 11. September 1990: George H. W. Bush kündigt eine „New World Order“ an.
  • 1991: Ende der Sowjetunion und Beginn des „unipolaren Moments“.
  • 1992: Defense Planning Guidance (oft mit Paul Wolfowitz verbunden) formuliert das Ziel, das Entstehen eines neuen gleichrangigen Rivalen zu verhindern.
  • 1994: TRADOC 525-5 Force XXI Operations (1994) entwickelte die militärisch-konzeptionellen Instrumente zur Umsetzung von Wolfowitz Planungen.
  • 2014: TRADOC 525-3-1 erkennt die Rückkehr des Großmachtwettbewerbs und entwickelt Konzepte für langfristige Anpassung.
  • 2019: Zakaria interpretiert den relativen Machtverlust vor allem als Folge politischer Fehlentscheidungen.
  • 2025: T2COM verankert den Transformationsansatz organisatorisch.
  • 2026: Foreign Affairs veröffentlicht Zakarias Essay erneut.

Damit lässt sich Ihre zentrale Kritik präzise formulieren: Nicht mangelnde Aufmerksamkeit kennzeichnete also die amerikanische Strategie nach 1990. Im Gegenteil: Von Bushs „New World Order“ über die strategischen Leitdokumente der 1990er Jahre bis zu TRADOC 525-3-1 und T2COM zeigt sich eine bemerkenswerte Kontinuität strategischen Denkens. Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob Washington einen langfristigen Plan verfolgte, sondern ob dieser Plan angesichts des Aufstiegs neuer Machtzentren dauerhaft erfolgreich sein konnte.

Bedeutung von TRADOC 525-3-1 und T2COM

TRADOC 525-3-1 (2014) zeigt, dass die US Army bereits Jahre vor Zakarias Essay den Übergang zu einer Welt des langfristigen Großmachtwettbewerbs analysierte. Das Dokument beschreibt detailliert die Rückkehr der Konkurrenz mit Russland und China sowie die Notwendigkeit, Streitkräfte, Doktrin und Ausbildung grundlegend zu transformieren.

Mit der Einrichtung von T2COM im Jahr 2025 wurde diese Transformation institutionell fortgeführt. Das spricht dagegen, dass Washington im militärisch-strategischen Bereich „einfach aufgehört hätte, aufmerksam zu sein“.

Kritische Einordnung: Zakaria im Licht von TRADOC 525-3-1 und T2COM

Fareed Zakaria interpretiert den relativen Machtverlust der Vereinigten Staaten als Folge strategischer Fehlentscheidungen nach dem Ende des Kalten Krieges. Der Irakkrieg, politische Selbstüberschätzung und mangelnde Konsequenz hätten das „unipolare Moment“ verspielt. Seine Kritik bleibt jedoch innerhalb des liberal-internationalistischen Paradigmas: Er stellt nicht den globalen Führungsanspruch der USA infrage, sondern fragt lediglich, wie dieser erfolgreicher hätte ausgeübt werden können.

Das Strategiedokument TRADOC Pamphlet 525-3-1 Win in a Complex World 2020–2040 zeichnet ein anderes Bild. Es geht nicht vom Ende amerikanischer Führungsambitionen aus, sondern von deren strategischer Anpassung an eine komplexer werdende Welt. Russland, China und weitere staatliche wie nichtstaatliche Akteure werden als dauerhafte Konkurrenten beschrieben. Die Antwort darauf lautet nicht Rückzug, sondern Transformation: militärisch, technologisch, informationell, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Ziel bleibt, die amerikanische Handlungs- und Führungsfähigkeit langfristig zu sichern.

Damit ergänzt und relativiert TRADOC Zakarias Diagnose. Der Bedeutungsverlust der USA erscheint nicht nur als Folge politischer Fehler, sondern als Ausdruck struktureller Machtverschiebungen in einer zunehmend multipolaren Welt. Washington reagierte darauf nicht mit dem Verzicht auf den Führungsanspruch, sondern mit dessen methodischer Modernisierung. Die im Dokument entwickelte Vorstellung eines domänenübergreifenden, permanenten strategischen Wettbewerbs zeigt, dass militärische Gewalt nur noch ein Bestandteil eines wesentlich umfassenderen Instrumentariums ist.

Aus kritischer Sicht wirft dies grundsätzliche Fragen auf. Der Anspruch, auch künftig weltweit „gewinnen“ zu wollen, steht in einem Spannungsverhältnis zum Prinzip der souveränen Gleichheit der Staaten nach der UN-Charta. Für aufstrebende Mächte und viele Staaten des Globalen Südens erscheint eine solche Strategie weniger als Sicherung einer regelbasierten Ordnung denn als Versuch, eine bestehende Vormachtstellung zu bewahren.

Die spätere institutionelle Weiterentwicklung von TRADOC zum Transformation and Training Command (T2COM) kann vor diesem Hintergrund als organisatorische Fortführung dieser strategischen Denkweise interpretiert werden. Sie deutet darauf hin, dass die im TRADOC-Pamphlet formulierten Transformationsansätze nicht nur programmatischen Charakter hatten, sondern langfristig in den Strukturen der US-Armee verankert wurden.

Insgesamt legt der Vergleich nahe, dass Zakarias These von der „verspielten amerikanischen Vorherrschaft“ zu kurz greift. Die verfügbaren Strategiedokumente sprechen eher für einen Wandel der amerikanischen Hegemoniestrategie als für deren Aufgabe. Die entscheidende

Die Überführung der Aufgaben des U.S. Army Training and Doctrine Command (TRADOC) in das Transformation and Training Command (T2COM) im Oktober 2025 kann als institutionelle Fortsetzung der bereits in TRADOC 525-3-1 Win in a Complex World 2020–2040 angelegten Transformationsstrategie verstanden werden. Die Reorganisation deutet darauf hin, dass die US-Armee den Wandel der internationalen Sicherheitsordnung nicht als vorübergehende Phase, sondern als dauerhafte strategische Herausforderung begreift.

Die militärischen Strategiedokumente sprechen entgegen Fareed Zakarias These vielmehr dafür, dass die Vereinigten Staaten den Übergang zu einer multipolaren Welt frühzeitig analysierten und ihre Streitkräfte organisatorisch, technologisch und konzeptionell darauf ausrichteten. Der Wandel bestand daher weniger in einem Rückzug aus globaler Verantwortung als in der Anpassung der Instrumente zur Wahrung amerikanischer Handlungsfähigkeit.

Weder TRADOC 525-3-1 noch T2COM stellen den Anspruch der USA infrage, auch künftig eine führende sicherheitspolitische Rolle einzunehmen. Die strategische Antwort auf den relativen Machtverlust besteht nicht in einer Neubewertung dieses Führungsanspruchs, sondern in dessen Modernisierung durch integrierte Fähigkeiten in den militärischen, technologischen, wirtschaftlichen, informationellen und gesellschaftlichen Domänen.

Aus kritischer Perspektive wirft dies eine grundsätzliche Frage auf: Kann der Anspruch einer einzelnen Macht, in einer zunehmend multipolaren Welt weiterhin strategisch „gewinnen“ zu wollen, mit einer internationalen Ordnung vereinbar sein, die auf der souveränen Gleichheit der Staaten nach der UN-Charta beruht? Gerade hierin liegt der eigentliche Gegensatz zu Zakarias Analyse. Während er den Machtverlust vor allem auf politische Fehlentscheidungen zurückführt, legen die Strategiedokumente nahe, dass Washington den Übergang zur Multipolarität institutionell verarbeitet und seine globale Führungsstrategie entsprechend weiterentwickelt hat.

Auch die Tatsache der Wiederveröffentlichung von Zakarias Essay im Jahr 2026 lässt sich vor diesem Hintergrund unterschiedlich interpretieren. Sie könnte als Ausdruck einer Debatte innerhalb des außen- und sicherheitspolitischen Establishments über den Verlust des „unipolaren Moments“ und der desolaten Situation in der Ukraine und im Iran verstanden werden. Ebenso plausibel ist jedoch eine weniger weitreichende Erklärung: Foreign Affairs könnte den Beitrag schlicht deshalb erneut hervorgehoben haben, weil sich seine Analyse im Rückblick als besonders vorausschauend erwiesen hat.

Außerdem wird durch die These von der Unaufmerksamkeit die in den Strategiepapieren kaum verhohlene Absicht hinter den (geschürten) Konflikten verschleiert.

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Anmerkungen und Quellen

Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete „atomare Gefechtsfeld“ in Europa. Nach zwölfjähriger Dienstzeit studierte er in München Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem publiziert er zur jüngeren deutschen Geschichte und zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm: „Schwarzbuch EU & NATO“ (2020), „Die unterschätzte Macht“ (2022), „Vom Krieg zur Weltordnung“ (2026)

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Auf eine ausführliche Quellenangabe wurde verzichtet, weil seit Oktober 2014 das Papier TRADOC 525-3-1 in unzähligen Beiträgen (jeweils mit ausführlicher Quellenlage) behandelt worden ist.

2) Foreign Affairs (Redaktion): From the Archive: The Self-Destruction of American Power. Redaktioneller Vorspann zur Wiederveröffentlichung des Essays von Fareed Zakaria, veröffentlicht Ende Juli 2026.

https://link.foreignaffairs.com/click/46715716.462335/aHR0cHM6Ly93d3cuZm9yZWlnbmFmZmFpcnMuY29tL3VuaXRlZC1zdGF0ZXMvc2VsZi1kZXN0cnVjdGlvbi1hbWVyaWNhbi1wb3dlcj9zPUVVWlpaMDA2WlgmdXRtX21lZGl1bT1uZXdzbGV0dGVycyZ1dG1fc291cmNlPXN1bW1lcl9yZWFkcyZ1dG1fY2FtcGFpZ249TkVXU19TdW1tZXIlMjBSZWFkc18wNzI2MjZfVGhlJTIwU2VsZi1EZXN0cnVjdGlvbiUyMG9mJTIwQW1lcmljYW4lMjBQb3dlciZ1dG1fY29udGVudD0yMDI2MDcyNiZ1dG1fdGVybT1FVVpaWjAwNlpY/63ad4ba1097cf861d608c1e3D7b91f538

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: US-Journalist Fareed Zakaria
Bildquelle: UkrPictures / shutterstock

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