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Larry C. Johnson
Hier ist die neueste Einschätzung von Karl Miller:
DIE KONTROLLE ÜBER DIE ESKALATION
Eine groß angelegte US-israelische Militärkampagne gegen den Iran würde ein glaubwürdiges Risiko schaffen, dass sich iranische Vergeltungsmaßnahmen zunächst gegen die am stärksten konzentrierten israelischen Treibstoffsysteme richten. Anschließend könnte der Druck auf Raffinerien, LNG-Anlagen, Strom- und Wasserversorgung, Lagerkapazitäten sowie Exportinfrastruktur der Golfstaaten (GCC) ausgeweitet werden, falls diese Staaten als Unterstützer der Kampagne wahrgenommen werden.
Die strategische Gefahr besteht nicht in einer einzelnen beschädigten Anlage. Sie liegt vielmehr in der Möglichkeit, dass mehrere eng miteinander gekoppelte Systeme schneller ausfallen, als Ersatzversorgung, Reparaturkapazitäten und Notfalllogistik mobilisiert werden können.
Für diese Verteidigungsanalyse wird angenommen, dass sich der erste Vergeltungsschlag gegen Israel richten würde, da Israel ein unmittelbarer Kriegsteilnehmer wäre und sein nationales Treibstoffsystem auf lediglich zwei Raffinerien konzentriert ist. Anschließend untersucht das Modell eine zweite Eskalationsstufe, in der ausgewählte Systeme der Golfstaaten unter Druck geraten könnten, sofern deren Lufträume, Militärbasen, Logistik, Geheimdienstunterstützung, Energieversorgung oder politische Ausrichtung als wesentliche Unterstützung der Kampagne angesehen würden.
Das regionale System besteht aus mehreren nationalen Netzen, die auf einer Landkarte zwar unterschiedlich erscheinen, tatsächlich aber von einer begrenzten Zahl an Raffinerien, LNG-Anlagen, gemeinsam genutzten Versorgungsnetzen, Lagersystemen, Seehäfen und Pipelinekorridoren abhängig sind. In allen Staaten treten dieselben physischen und kommerziellen Abhängigkeiten auf: zuverlässige Stromversorgung, Steuerungssysteme, Produkttennung, Zugang zu Seewegen, Ersatzteile, qualifiziertes Personal und die Akzeptanz durch Versicherer.
Israel verfügt über kein geografisch diversifiziertes Raffineriesystem. Die Raffinerien Haifa/Bazan und Ashdod tragen praktisch die gesamte nationale Last bei der Produktion von Diesel sowie Kerosin beziehungsweise Flugtreibstoff. Der größere Raffineriekomplex Haifa liefert etwa zwei Drittel der gesamten Produktion von Mitteldestillaten und rund 70 Prozent des Diesels. Sollte Haifa ausfallen, wäre Ashdod die einzige bedeutende inländische Alternative.
Haifa/Bazan stellt den zentralen Schwachpunkt der israelischen Treibstoffversorgung dar, weil dort die größte Raffineriekapazität mit zahlreichen miteinander verbundenen Versorgungssystemen kombiniert wird. Eine künftige Störung müsste nicht sämtliche Rohöl- oder Verarbeitungsanlagen zerstören, um ein nationales Versorgungsdefizit auszulösen. Bereits der Ausfall der Stromversorgung, der Dampferzeugung, der Wasserstoffversorgung, interner Transfersysteme, Steuerungseinrichtungen, Tanklager oder der Produktzertifizierung könnte gleichzeitig mehrere Produktionslinien einschränken.
Im zugrunde gelegten Szenario produziert Haifa rund 57,6 Tausend Barrel Diesel pro Tag sowie 10,7 Tausend Barrel Flugtreibstoff beziehungsweise Kerosin. Fiele Haifa aus und bliebe Ashdod in Betrieb, würde die inländische Versorgung mit Mitteldestillaten auf etwa 36 Tausend Barrel pro Tag sinken. Bei einem dauerhaften Bedarf von rund 88 Tausend Barrel täglich müsste somit eine Versorgungslücke von etwa 52 Tausend Barrel pro Tag geschlossen werden – noch bevor Lagerbestände wieder aufgefüllt, Transportverluste berücksichtigt oder Qualitätsanforderungen erfüllt werden.
Ashdod ist strategisch weniger wegen seiner absoluten Größe bedeutsam als vielmehr deshalb, weil es die einzige nennenswerte inländische Alternative darstellt. Würde ausschließlich Ashdod ausfallen, während Haifa weiterarbeitet, entstünde im Dauerszenario ein Defizit von etwa 19,7 Tausend Barrel pro Tag. Diese Lücke könnte nur dann durch unterschiedliche Importlieferungen und einen kontrollierten Rückgriff auf Lagerbestände ausgeglichen werden, wenn Entladung, Qualitätszertifizierung, Lagerung und innerstaatliche Verteilung weiterhin reibungslos funktionieren.
Fielen beide Raffinerien gleichzeitig aus, würde die inländische Produktion von Mitteldestillaten von etwa 104,3 Tausend Barrel pro Tag auf null sinken. Der gesamte Bedarf von rund 88 Tausend Barrel täglich müsste dann im Dauerszenario aus verfügbaren Lagerbeständen und Importen gedeckt werden. Dies würde die Möglichkeiten des normalen Spotmarktes übersteigen und außergewöhnliche Zuteilungen durch Verbündete, staatliche Lenkungsmaßnahmen sowie einen funktionierenden Zugang für Lieferungen voraussetzen.
Das plausibelste unmittelbare Vergeltungsszenario würde sich auf Israel konzentrieren, da dessen Treibstoffsystem stark gebündelt ist, das Militär in hohem Maße von Treibstoff abhängt und der Ausfall beider Raffinerien nur durch ununterbrochene Importe sowie begrenzte Lagerbestände ausgeglichen werden könnte.
Eine Ausweitung der Kampagne auf Systeme der Golfstaaten würde die weitaus größeren regionalen und globalen Folgen nach sich ziehen, da gleichzeitig Raffinerien, LNG-Anlagen, Strom- und Wasserversorgung, Lagerkapazitäten, Häfen und alternative Exportwege beeinträchtigt würden.
Die entscheidende Frage wäre letztlich, ob die Geschwindigkeit der systemischen Störungen größer ist als die Geschwindigkeit, mit der Ersatzversorgung, Reparaturen und die kommerzielle Wiederaufnahme des Betriebs organisiert werden können.