Iran plant Attentat auf Netanyahu? Professor Seyed Mohammad Marandi über Wirtschaftskrieg, iranische Resilienz und eine mögliche neue militärische Phase

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Zu Beginn des Gesprächs begrüßte der Moderator den Teheraner Professor Seyed Mohammad Marandi freundlich und fragte nach seinem Befinden, bevor er direkt zur amerikanischen Strategie des Wirtschaftskriegs überleitete. Die zentrale Frage lautete, wie es um die iranische Wirtschaft wirklich stehe – zwischen den Extremen einer angeblich unmittelbar bevorstehenden Implosion mit Aufstand und der Behauptung, die Wirtschaft sei stärker als vor dem Krieg. Marandi sollte die Lage in der Mitte einordnen, besonders vor dem Hintergrund dessen, was US-Finanzminister Scott Bessent als wirtschaftliches „D-Day“ bezeichnet.

Das Interview mit dem Professor für englische Literatur und Orientalistik an der Universität Teheran, der regelmäßig als politischer Analyst auftritt, fand am 29. August 2026 statt. Es behandelt den aktuellen Konflikt zwischen Iran, den Vereinigten Staaten und Israel in einer Phase, die Marandi als Wirtschaftskrieg mit der Möglichkeit einer erneuten militärischen Eskalation beschreibt. Die Aussagen sind die des Professors und spiegeln eine iranische Perspektive wider.

Wirtschaftliche Lage: Weder Kollaps noch Stärke wie zuvor

Marandi widersprach beiden Extrempositionen klar. Die iranische Wirtschaft werde nicht zusammenbrechen, sei aber auch nicht besser als vor dem Krieg. Das Leben in Iran sei heute schwieriger als im Vorjahr. Krieg, Belagerung, maximale Sanktionen und Luftschläge zusammen machten das Alltagsleben härter. Die Resilienz der iranischen Bevölkerung sei jedoch außergewöhnlich.

Westliche Diplomaten und Beobachter missinterpretieren seiner Ansicht nach das typische iranische Meckern. Iraner beschwerten sich immer – über Misswirtschaft, die Lage oder die Regierung. Das bedeute nicht, dass das Land auseinanderfalle. Als Beleg nannte er die enormen Menschenmengen bei der Trauerfeier in Teheran (rund 16 Millionen) und in Maschhad. Dieselben Menschen, die auf der Straße protestierten oder klagten, würden im Gespräch oft sagen, es sei schrecklich. Das unterscheide Iran von vielen US-nahen Staaten in der Region, in denen solche offene Kritik riskanter sei.

Ein kleiner Teil der Gesellschaft stehe auf der anderen Seite, auch während der Luftschläge. Die Regierung stelle auf Kriegswirtschaft um, was darauf hindeute, dass man in Teheran mit einer längeren Auseinandersetzung rechne. Beide Seiten übten Druck aus, ohne den Gegner schnell ausschalten zu können.

Trotz Blockaden fließe weiter Öl – Marandi nannte grob sechs Millionen Barrel täglich, ein erheblicher Teil davon iranisches Öl mit iranischer Zustimmung. Es gebe komplizierte Geschäftsmodelle, etwa kleine Schiffe, die entlang der omanischen Küste Öl aus dem Persischen Golf zu Supertankern bringen. Selbst Gegner wie die VAE, die die USA im Krieg gegen Iran unterstützten, unterhielten Geschäfte mit Teheran. Iran lasse irakisches Öl durch und schließe den Handel durch die Straße von Hormuz nicht vollständig, um befreundete Staaten nicht unnötig zu belasten. Chinesische Schiffe und die kleinen Boote kämen durch. Der Handel mit China und Russland lasse sich nicht einfach abschneiden.

Munitionsmangel im Westen und die Ukraine-Verbindung

Der Moderator verknüpfte Berichte des Wall Street Journal und der Associated Press über knappe Patriot-Abfangraketen, taktische ballistische Raketen, THAAD-Systeme und Counter-UAV-Kapazitäten. EUCOM habe Munition an CENTCOM für den Iran-Konflikt abgegeben. Europa könne einem anhaltenden russischen Raketenangriff kaum standhalten und hätte selbst bei einzelnen Raketen Schwierigkeiten. Solche Warnungen seien vor dem Iran-Krieg ignoriert worden.

Marandi sah darin die Folgen von vier Jahren Ukraine-Politik plus dem direkten Krieg gegen Iran. Beides habe die USA katastrophal geschwächt. Er erwähnte Informationen, wonach der CIA-Direktor nach Moskau gereist sei, um eine Lösung zu suchen, weil die Lage in der Ukraine schlecht stehe. Ein amerikanischer Rückschlag in Europa würde sich positiv auf Westasien und Iran auswirken. Die Munitionsknappheit sei nicht allein durch Iran entstanden.

Die USA seien zwar mächtig, verfügten aber nicht über unbegrenzte Abfangkapazitäten. Marandi schloss nicht aus, dass die militärische Phase wieder aufgenommen werde – nicht unbedingt durch die USA. Iran könne den Konflikt neu beginnen. Die iranische Politik sei kalkuliert, die westliche oft emotional.

Jahrzehntelange Vorbereitung und wachsende militärische Stärke

Iran plane diesen Krieg seit den 1980er- und 1990er-Jahren, besonders nach 9/11 und der amerikanischen Präsenz in Afghanistan und Irak. Die Straße von Hormuz sei zentral gewesen. Unterirdische Anlagen, Drohnen- und Raketentechnologie seien über Jahrzehnte entwickelt worden. Kürzlich habe Iran erstmals eine unterirdische Raketenfabrik gezeigt. Behauptungen, Israel habe die Produktionskapazitäten zerstört, wies Marandi zurück: Man habe sie nicht einmal berührt.

Iran produziere schnell neue, präzisere und manövrierfähigere Raketen und Drohnen. Mit der Zeit wachse der Vorteil gegenüber den USA, die Probleme mit Seltenen Erden, Produktionsmechanismen und einem korrupten System hätten. In Iran entscheide der Staat über die Verteidigungsindustrie.

Die iranischen Streitkräfte seien heute stärker als je zuvor. Die Regierung stelle erhebliche Mittel bereit. Neue unterirdische Basen und Kommandozentren entstünden.

Die Aussage zu Netanyahu: Interpretation als langfristige Absicht

Ein zentraler Punkt war die Aussage des neuen Vorsitzenden des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, General Mohsen Rezaei, der in einem Interview mit dem libanesischen Sender Al-Manar erklärt hatte, man werde Netanyahu früher oder später „in die Hölle schicken“. Marandi interpretierte das eindeutig als Androhung von Gewalt, nicht als bloße Rhetorik oder Symbolik. Es bedeute, dass Iran plane, Netanyahu irgendwann – ob jetzt, in zehn oder zwanzig Jahren – zu töten.

Marandi betonte, das sei keine oberste Priorität, sondern eine Form der Bestrafung. Netanyahu habe Tausende Unschuldige getötet, Krankenhäuser und Wohnblöcke bombardiert. Als Beispiel nannte er ein Wohnhaus mit Bank im Erdgeschoss in Teheran, das getroffen worden sei. Westliche Medien sprächen dann von Präzisionsschlägen. Ähnliche Muster sähe man in Gaza und Beirut.

Der Moderator stellte klar, er sei gegen die Ermordung jedes Staatschefs, auch Netanyahus, und wies darauf hin, dass Israel und die USA ähnliche Drohungen gegen iranische Führer ausgesprochen hätten. Marandi antwortete, die Priorität Irans liege darin, dass Israel den Libanon verlasse und der Völkermord in Gaza ende. Rezaei habe beides im selben Interview erwähnt. Iran werde das sicherstellen, unabhängig von westlicher Unterstützung für Israel.

Eine mögliche Umsetzung wäre spekulativ und an den Aufbau ausreichender Abschreckung gebunden, um keinen neuen großen Krieg auszulösen. Marandi nannte verschiedene Szenarien möglich, ohne Details.

Wirtschaftlicher Druck als Hebel und mögliche Eskalation

Iran baue den Druck auf Trump schrittweise auf. Die wirtschaftlichen Maßnahmen würden intensiver. Teheran verlange die Umsetzung des Memorandums of Understanding (MoU): Ende des Völkermords, Rückgabe gestohlener iranischer Vermögenswerte, Ende der Besatzung im Libanon. Bisherige Verhandlungen seien aus iranischer Sicht vorgetäuscht gewesen – vor dem 12-Tage-Krieg, währenddessen und danach. Die USA hätten das MoU untergraben, Sanktionen verschärft, Vermögenswerte nicht zurückgegeben und einen eigenen Korridor eröffnet.

Iran habe Hebel: Bond-Märkte, Yen, Engpässe bei Helium, Schwefel, Diesel. Derzeit lasse man möglicherweise rund zehn Millionen Barrel Öl von der Arabischen Halbinsel durch. Das könne rasch oder schrittweise auf null sinken. Andere Güter seien schwerer umzuschlagen als Öl, daher wüchsen deren Engpässe schneller.

Golfstaaten investierten massiv in US-Anleihen, Aktien und die KI-Branche. Da sie selbst viel konsumierten und das Ende der Krise nicht absehbar sei, müssten sie Vermögenswerte verkaufen. Das erhöhe den Druck auf die US-Wirtschaft. Die USA hätten den Emiraten bereits Swap-Linien angeboten.

Es gebe keinen Waffenstillstand. Golfstaaten beherbergten US-Basen, Tankflugzeuge, Soldaten und Ausrüstung. Bei ernsthafter Schädigung der iranischen Wirtschaft, etwa durch Angriffe auf den Bankensektor, könne Iran US-Banken oder KI-Infrastruktur in Dubai (ein Milliarden-Investment) treffen. Rezaei sei eingesetzt worden, um eine durchsetzungsfähigere Linie zu vertreten.

Sanktionen und die Frage des Erstschlags

Der Moderator argumentierte, Sanktionen scheiterten in jedem Fall: Wirken sie nicht, warte Iran die wirtschaftlichen Schmerzen der Welt ab. Wirken sie und verursachten Unruhe, könne Iran den Konflikt kinetisch wiedereröffnen und die USA in einen Krieg ziehen, in dem Teheran wegen der Munitionsknappheit Vorteile habe. Marandi hielt das für eine vernünftige Einschätzung.

Ob „Operation D-Day“ symbolisch sei, sei schwer zu sagen. Die US-Regierung verhalte sich nicht wie frühere Administrations. Harte Ankündigungen ohne Umsetzung untergrüben die Glaubwürdigkeit. Wenn Bessent ernst meine, dass das Regime gestürzt werde, stehe Konflikt im Raum.

Marandi wies außerdem auf die westliche Förderung extremistischer Ideologien hin – von Afghanistan über Syrien, Irak, Libyen bis nach Afrika und in den Westen. Das habe mit gewöhnlichem sunnitischem Islam oder Judentum nichts zu tun. Die erste takfiristische Schulbücher seien in den USA gedruckt worden.

Am Ende empfahl er Bücher wie das von Alastair Crooke und andere Analysen außerhalb westlicher Mainstream-Medien und Thinktanks, um Iran zu verstehen.

Das Interview zeichnet das Bild eines langwierigen Konflikts, in dem wirtschaftliche, militärische und politische Hebel ineinandergreifen. Marandi sieht Iran militärisch im Aufwind und bereit, den Druck zu erhöhen, sollte Washington das MoU nicht umsetzen. Die Interpretation der Netanyahu-Aussage als konkrete langfristige Absicht bleibt eine Einschätzung des Professors auf Basis der Worte des Sicherheitsratschefs. Die Lage bleibt volatil, mit Risiken einer erneuten militärischen Phase auf beiden Seiten.

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