Newsletter Subscribe
Enter your email address below and subscribe to our newsletter

Eine wissenschaftliche Studie wurde zurückgezogen – nicht wegen fehlerhafter Daten, mangelhafter Methodik oder wissenschaftlichen Fehlverhaltens, sondern weil die öffentliche Debatte über ihre Ergebnisse der Redaktion missfiel. Zu diesem Schluss kommt der Arzt Jona Walk nach dem Rückzug einer begutachteten Studie zur Übersterblichkeit in westlichen Ländern während und nach der Corona-Pandemie.
Die zurückgezogene Studie, die in BMJ Public Health veröffentlicht worden war, untersuchte die Übersterblichkeit in 47 westlichen Ländern zwischen Januar 2020 und Dezember 2022. Die Forscher stützten sich dabei ausschließlich auf offizielle Regierungsdaten – genau jene Daten, die auch von etablierten Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens verwendet werden.
Das Ergebnis war bemerkenswert: Mehr als drei Millionen Todesfälle lagen über der statistisch erwarteten Zahl. Besonders auffällig war, dass die Übersterblichkeit in der Mehrheit der untersuchten Länder auch nach dem Ende der akuten Phase der Pandemie anhielt.
Die Autoren stellten ausdrücklich keinen kausalen Zusammenhang her. Stattdessen forderten sie weitere Untersuchungen zu drei Faktoren, die es vor der Pandemie nicht gegeben hatte: die Covid-19-Infektion selbst, die staatlichen Pandemiemaßnahmen sowie die Corona-Impfstoffe. Es war ein Aufruf zu weiterer Forschung – nicht mehr und nicht weniger.
Dass das BMJ die Studie zurückzog, hatte nichts mit Fehlern in der Methodik, den verwendeten Daten oder der statistischen Analyse zu tun. Das räumte die Redaktion selbst ein. Als Begründung führte sie an, der Diskussionsteil der Veröffentlichung sei „unausgewogen“.
Bemerkenswert ist jedoch der Zeitpunkt dieser Einschätzung. Sie erfolgte nicht während des Peer-Review-Verfahrens, das sich über neun Monate erstreckte, sondern erst lange nach der Veröffentlichung – nachdem Journalisten über die Studie in einer Weise berichtet hatten, die der Redaktion missfiel.
Jona Walk bringt die Kritik auf den Punkt: Die Autoren würden letztlich dafür bestraft, wie andere über ihre wissenschaftliche Arbeit berichtet hätten. Das sei kein wissenschaftliches Argument, sondern eine politische Entscheidung. Gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern verfasste Walk deshalb einen offenen Brief an die Redaktion, um den Rückzug der Studie zu verhindern.
Yesterday @bmj_latest retracted a paper on Covid-19 and excess mortality. There were no methodological, data or analysis flaws in the paper. The BMJ’s reason? They found the discussion ‚unbalanced‘. They came to that conclusion not during editorial consideration or extensive peer… pic.twitter.com/qIuJ9a9ZWa
— Jona Walk (@JonaWalk) August 12, 2026
Die Hauptautorin der Studie, Saskia Mostert, trat nach den Kontroversen um die Veröffentlichung von ihrer Position am Prinses Máxima Centrum zurück. Im Juni sagte sie vor dem Ausschuss für Innere Sicherheit des US-Senats aus. Ihre Aussagen zeichneten ein Bild, das weit über den konkreten Fall hinausgeht.
Die Ärztin und Forscherin schilderte, wie Regierungen und Medien während der Pandemie psychologische Methoden eingesetzt hätten, um das Verhalten der Bevölkerung gezielt zu beeinflussen – ohne dass die Öffentlichkeit darüber informiert worden sei oder dem zugestimmt habe. Sie nannte emotionale Berichterstattung, gesellschaftliche Polarisierung sowie die Unterscheidung zwischen „würdigen“ Opfern – Covid-Patienten – und „unwürdigen“ Opfern, also Menschen, die nach ihrer Darstellung durch Lockdowns oder Impfstoffe Schaden erlitten hätten.
Darüber hinaus erläuterte Mostert, wie Zensur und Ausgrenzung ihrer Ansicht nach in der Praxis funktionierten: durch Faktenprüfer, Shadowbanning, Deplatforming und offizielle Integritätsuntersuchungen, die genutzt würden, um kritische Wissenschaftler unter Druck zu setzen oder zum Schweigen zu bringen.
In ihrer Stellungnahme ging Mostert außerdem auf die Rolle privater Investitionen im Gesundheitswesen ein. Die zunehmende Vermögenskonzentration bei wenigen Akteuren sowie die Verflechtung privaten Kapitals mit philanthropischen Stiftungen, internationalen Gesundheitsorganisationen und Medienhäusern hätten nach ihrer Einschätzung Auswirkungen auf die öffentliche Debatte.
Journalistische Fördergelder von Organisationen mit wirtschaftlichen Interessen im Pharmasektor seien ihrer Ansicht nach keine neutralen Zuwendungen, sondern könnten die Berichterstattung beeinflussen.
Nach ihrer Auffassung erklärt dieses Zusammenspiel zumindest teilweise, warum eine Studie, die lediglich weitere Untersuchungen zur Übersterblichkeit forderte, rasch mit Begriffen wie „Impfgegner“, „Verschwörungstheorie“ oder „Desinformation“ in Verbindung gebracht wurde. Dabei stammten sämtliche verwendeten Daten aus offiziellen Behördenquellen, und die Autoren hätten ausdrücklich darauf verzichtet, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den Impfstoffen und der Übersterblichkeit zu behaupten.
Es ist nicht das erste Mal, dass eine Veröffentlichung des BMJ unter gesellschaftlichem Druck zurückgezogen wurde. Der Präzedenzfall, der nach Ansicht der Kritiker nun geschaffen wurde, ist jedoch besonders brisant.
Wenn wissenschaftliche Fachzeitschriften begutachtete Studien zurückziehen können, weil ihnen die mediale Debatte über deren Ergebnisse missfällt, stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Unabhängigkeit wissenschaftlicher Veröffentlichungen.
Mostert betonte vor dem US-Senat, ihr Fall sei keineswegs ein Einzelfall. Allein in den Niederlanden seien inzwischen mehr als achtzig Ärzte und Wissenschaftler dokumentiert worden, die wegen ihrer Positionen während der Pandemie unter Druck geraten seien. Auch aus Deutschland, Österreich und der Schweiz verwies sie auf zahlreiche Fälle, in denen Professoren und Wissenschaftler aufgrund abweichender Auffassungen ihre Ämter verloren hätten. In den Niederlanden wurde inzwischen eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die diese Fälle systematisch dokumentieren soll.
Die anhaltende Übersterblichkeit in zahlreichen westlichen Ländern bleibt derweil weiterhin ungeklärt. Die Studie, die zu weiteren Untersuchungen aufgerufen hatte, wurde zurückgezogen. Und die Wissenschaftlerin, die sich dieser Frage widmete, verlor ihren Arbeitsplatz.
Unabhängig davon, wie man die Corona-Impfstoffe oder die Pandemiepolitik beurteilt, wirft dieser Fall eine grundlegende Frage auf: Was bedeutet es für die Wissenschaft, wenn eine begutachtete Studie nicht wegen wissenschaftlicher Fehler, sondern wegen der öffentlichen Debatte über ihre Ergebnisse verschwindet?