„Putins schlimmster Albtraum“? Wie Blick aus einer westlich vernetzten Umfragequelle eine Krise im Kreml konstruiert

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Putins schlimmster Albtraum wird wahr“, titelt Blick. Der Krieg komme nach Hause, die Russen begännen zu zweifeln, und der Kremlchef werde ausgerechnet im eigenen Land verwundbar. Als zentralen Beleg präsentiert die Zeitung Zahlen des Levada-Zentrums, das sie als „unabhängig“ bezeichnet.

Doch schaut man genauer hin, wird die Geschichte wesentlich komplizierter. Das betrifft nicht nur die Interpretation der Umfragen. Es betrifft auch die Institution, auf deren Zahlen Blick seine dramatische Erzählung stützt.

Das Levada-Zentrum ist tatsächlich kein staatliches russisches Meinungsforschungsinstitut. „Unabhängig“ im Sinne von „nicht vom Kreml kontrolliert“ ist deshalb eine nachvollziehbare Beschreibung. Finanziell völlig unabhängig von westlichen Institutionen war Levada zumindest in der Vergangenheit jedoch ebenfalls nicht.

Genau deshalb wurde das Institut 2016 in Russland als „ausländischer Agent“ registriert.

Nach dem damaligen Prüfbericht des russischen Justizministeriums hatte Levada ausländische Einnahmen erhalten, wobei laut der von RBC wiedergegebenen Behördenfeststellung der größte Teil der festgestellten Auslandsfinanzierung aus den USA kam. Genannt wurden unter anderem die University of Wisconsin–Madison, George Washington University, Columbia University und University of Colorado. Hinzu kamen Gallup aus den USA, Ipsos MORI aus Großbritannien sowie die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und weitere ausländische Einrichtungen. (РБК) (Levada)

Das ist für die Einordnung relevant – aber kein Beweis dafür, dass diese Institutionen Levada kontrollierten oder Umfrageergebnisse vorgaben. Levada argumentierte, es habe sich um internationale Forschungs- und kommerzielle Aufträge gehandelt, und bekämpfte die Einstufung als „ausländischer Agent“. Die russische Regierung wiederum wertete diese Einnahmen zusammen mit der politischen Tätigkeit des Instituts als Grundlage für die Registrierung.

Wer die Geschichte journalistisch sauber erzählen will, müsste deshalb eigentlich beide Seiten erwähnen.

Blick tut das nur zur Hälfte. Der Leser erfährt zwar, dass der Kreml Levada als „ausländischen Agenten“ einstuft. Warum es zu dieser Einstufung kam und dass tatsächlich ausländische Geldflüsse festgestellt wurden, erfährt er nicht.

Dadurch entsteht ein bequemes Bild: Hier das „unabhängige Levada-Zentrum“, dort der Kreml, der kritische Meinungsforscher mit einem repressiv klingenden Etikett versieht.

Die dokumentierte Vorgeschichte passt weniger gut in dieses Schema.

Noch problematischer wird es bei den Zahlen selbst

Denn selbst Levada liefert Blick keineswegs das eindeutige Bild eines politischen Zusammenbruchs, das die Schlagzeile suggeriert.

Levada berichtete für Juni 2026, dass 67 Prozent der Befragten die Handlungen der russischen Streitkräfte in der Ukraine unterstützten. 35 Prozent antworteten „definitiv“, weitere 32 Prozent „eher“. Nur 24 Prozent erklärten, die militärischen Handlungen nicht zu unterstützen. (Levada)

Das Levada-Zentrum selbst fasst den Befund entsprechend nüchtern zusammen: Die Mehrheit der Russen unterstütze weiterhin die Handlungen der russischen Streitkräfte. (Levada)

Ausgerechnet diese Feststellung passt schlecht zu:

„Putins schlimmster Albtraum wird wahr.“

Blick rückt stattdessen eine andere Zahl in den Vordergrund: Nur noch acht Prozent betrachteten den Krieg als „sehr erfolgreich“.

Doch das ist nicht dasselbe wie die Frage, ob jemand den Krieg beziehungsweise die russischen Streitkräfte unterstützt. Ein Befragter kann mit dem Verlauf eines Krieges unzufrieden sein und trotzdem die eigene Armee unterstützen. Werden diese unterschiedlichen Fragen sprachlich miteinander verbunden, entsteht schnell ein wesentlich dramatischeres Bild.

Ähnliches gilt für die Friedensverhandlungen.

Tatsächlich sagten im Juni 64 Prozent, Russland solle zu Friedensverhandlungen übergehen. Das ist ein deutliches Zeichen für Kriegsmüdigkeit und sollte keineswegs kleingeredet werden. Gleichzeitig unterstützen aber 67 Prozent die russischen Streitkräfte. (Levada)

Diese scheinbar widersprüchlichen Zahlen sind gerade der entscheidende Befund. Viele Russen können offenbar gleichzeitig ihre Armee unterstützen und Verhandlungen wünschen.

Aus „64 Prozent wollen Verhandlungen“ lässt sich deshalb nicht automatisch „64 Prozent wenden sich gegen Putin“ ableiten.

Wie wenig eindeutig diese Zahlen sind, zeigt der zeitliche Verlauf. Im Mai wollten 60 Prozent Friedensverhandlungen. Gleichzeitig war der Anteil jener, die eine Fortsetzung der militärischen Operationen befürworteten, innerhalb von zwei Monaten von 24 auf 30 Prozent gestiegen. Levada selbst schrieb damals ausdrücklich von einem langsamen Rückgang der Verhandlungsbefürworter während der vorausgegangenen drei Monate.

Einen Monat später bewegten sich die Werte wieder in die andere Richtung. Das sieht nach einer Bevölkerung aus, deren Stimmung schwankt und in der eine erhebliche Kriegsmüdigkeit vorhanden ist.

Es sieht aber nicht nach dem unmittelbar bevorstehenden politischen Albtraum aus, den die Blick-Schlagzeile daraus macht.

Aus Daten wird eine Erzählung

Noch auffälliger ist die Sprache des Artikels. Putin „dreht auf“, sein „schlimmster Albtraum“ werde wahr, die Russen „beginnen zu zweifeln“, die Ukraine „schüttelt ein Ass aus dem Ärmel“, und der neue ukrainische Armeechef wird zum möglichen „Albtraum“ Moskaus aufgebaut.

Das ist keine neutrale Sprache zur Beschreibung einer Meinungsumfrage. Es ist dramaturgisches Framing.

Natürlich darf eine Zeitung analysieren und zuspitzen. Problematisch wird es dort, wo die Zuspitzung den Eindruck vermittelt, die zugrunde liegenden Daten würden eine wesentlich eindeutigere Entwicklung zeigen, als sie tatsächlich tun.

Denn liest man die Originaldaten statt der Schlagzeile, lautet der Befund ungefähr so:

Die Unterstützung für Russlands Militäroperation ist zuletzt deutlich gesunken. Gleichzeitig unterstützt sie weiterhin eine klare Mehrheit. Die Zahl der Befürworter von Verhandlungen ist hoch. Viele Russen scheinen also einen Verhandlungsfrieden zu wollen, ohne deshalb ihre Unterstützung für die russischen Streitkräfte aufzugeben.

Das ist politisch durchaus interessant. Aber es ist eine völlig andere Geschichte als „Putins schlimmster Albtraum wird wahr“.

Und ausgerechnet Levada zeigt das

Man muss Levada überhaupt nicht diskreditieren, um die Blick-Erzählung infrage zu stellen. Im Gegenteil: Man kann Levada beim Wort nehmen. Das Institut, auf das sich Blick beruft, meldet selbst eine Unterstützung der russischen Streitkräfte von 67 Prozent. (Levada)

Gleichzeitig sollte bei einer transparenten Einordnung erwähnt werden, dass Levada historisch erhebliche internationale Verbindungen hatte und 2016 nach festgestellten ausländischen Einnahmen als „ausländischer Agent“ registriert wurde. Unter den damals genannten Partnern befanden sich mehrere US-Universitäten, Gallup, Ipsos MORI und eine deutsche Entwicklungsorganisation.

Das macht Levada nicht automatisch zu einem Instrument Washingtons und beweist keine Manipulation seiner Umfragen. Ebenso wenig macht die russische Einstufung seine Daten automatisch falsch. Aber es macht die unkommentierte Bezeichnung als „unabhängiges Levada-Zentrum“ unvollständig, wenn gleichzeitig die Finanzierungsgeschichte ausgeblendet wird.

Und selbst mit diesen Vorbehalten bleibt das Entscheidende bestehen:

Die von Blick gewählte Quelle widerlegt die dramatischste Interpretation des Blick-Artikels teilweise selbst.

Ja, es gibt Kriegsmüdigkeit. Ja, die Unterstützung ist gesunken. Ja, eine Mehrheit will Verhandlungen. Aber ebenfalls ja: Nach derselben Levada-Erhebung unterstützen weiterhin zwei Drittel der Russen die Handlungen ihrer Streitkräfte.

Aus diesem widersprüchlichen gesellschaftlichen Stimmungsbild einen „schlimmsten Albtraum Putins“ zu machen, ist keine zwingende Schlussfolgerung aus den Daten. Es ist eine redaktionelle Erzählung.

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