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In einem ausführlichen Gespräch analysierte der ehemalige US-Marinegeheimdienstoffizier, Waffeninspektor und heutige geopolitische Kommentator Scott Ritter die jüngsten iranischen Angaben zu einem Angriff auf US-Kriegsschiffe, darunter den Flugzeugträger USS George Washington. Ritter ordnete die Berichte über die Rakete Qasem Basir (im Interview als Kasam Bassier bezeichnet), die Lage in der Straße von Hormuz, die amerikanische Tanker-für-Tanker-Strategie und die parallelen Entwicklungen in der Ukraine sowie in Europa ein. Sein zentrales Urteil: Die Vereinigten Staaten können den Konflikt nicht zu ihren Gunsten entscheiden, die Blockade verliert an Wirkung, und die wirtschaftlichen und militärischen Kosten treffen den Westen härter als Iran.
Iranische Stellen, zitiert unter anderem von der Associated Press, berichteten von einem Einsatz der verbesserten ballistischen Rakete Qasem Basir gegen US-Schiffe. Sie soll über höhere Genauigkeit, einen Gefechtskopf von rund einer halben Tonne und eine Reichweite von etwa 1200 Kilometern verfügen. General Rosi, Leiter des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, sprach von einem Test über amerikanischen Kriegsschiffen, der die US-Seite in die Flucht getrieben habe. Berichte über Ausweichmanöver der George Washington kursieren; direkte Treffer auf Schiffe werden von amerikanischer Seite bestritten.
Ritter betonte, ihm fehlten detaillierte Informationen: Ob die Rakete abgefangen wurde, ob sie in der Nähe einschlug oder ob sie die Schiffe nur bedrohte, sei unklar. Dennoch sieht er eine klare operative Wirkung. Frühere iranische Marschflugkörper und Drohnen hätten den Träger möglicherweise nicht in seiner bisherigen Operationszone erreicht. Mit der neuen Reichweite und Zerstörungskraft müsse die George Washington weiter zurückweichen. Ein Flugzeugträger könne nicht gleichzeitig Flugzeuge starten und landen und zugleich Ausweichmanöver fahren. Jeder zusätzliche Abstand bedeute mehr Tankzyklen für die Flugzeuge und damit geringere Wirksamkeit über Iran oder der Straße von Hormuz.
Die von Donald Trump oft als geschlossene „Mauer aus Stahl“ dargestellte Blockade existierte nach Ritters Darstellung nie in dieser Form. Entlang der iranischen Küste gab es stets eine Lücke, die die USA vor allem aus der Luft zu kontrollieren versuchten. Die neue Rakete vergrößere diese Lücke, weil die Schiffe noch weiter auf Distanz gehalten würden. Die Wirksamkeit der Blockade sinke dadurch weiter.
Die amerikanische Behauptung, die US Navy kontrolliere die Straße von Hormuz vollständig, hält Ritter für eine grobe Übertreibung. Navy Seals operierten verdeckt, auch über die Vereinigten Arabischen Emirate, um Minen zu suchen und zu sprengen. Das sei jedoch keine Kontrolle der Meerenge. Iran kontrolliere sie direkt durch Angriffe auf Schiffe, die die Passage erzwingen wollten, und indirekt durch die Versicherungsfrage: Niemand versichere leicht einen voll beladenen Supertanker mit Öl oder Flüssigerdgas, der die Straße von Hormuz unter diesen Bedingungen durchqueren solle. Die Schiffe blieben daher draußen.
Iran habe angekündigt, eine Ausschlusszone bis zur amerikanischen Blockadelinie durchzusetzen – auch gegen US-Schiffe. Gleichzeitig begründete Teheran, warum es nicht täglich Tanker versenke: Die Umweltgefahren für die Küsten Irans und Omans seien zu groß. Die USA versuchten dennoch, Provokationen zu erzeugen.
Ritter beschreibt den Konflikt als für die Vereinigten Staaten unhaltbar. Egal wie sehr Trump eskaliere, eine Entscheidung sei nicht erreichbar. Die US Navy kehre auf absehbare Zeit nicht nach Bahrain zurück, dem früheren Hauptquartier der 5. Flotte. Bahrain sei „tot“. Ähnliches gelte für Stützpunkte in Kuwait, Katar (Al-Udeid) und den Vereinigten Arabischen Emiraten: Sie seien getroffen worden, funktionsunfähig und kaum zu verteidigen. Der Wiederaufbau würde Hunderte Milliarden kosten; selbst dann könnten die Iraner die begrenzten Abwehrraketen der USA erschöpfen.
Mehrere Kommandeure (darunter der europäische, pazifische und südamerikanische Befehlshaber sowie die Stabschefs der Teilstreitkräfte) hätten intern widersprochen: Eine weitere Konzentration auf den Nahen Osten mache die USA unfähig, ihre Aufgaben in anderen Regionen zu erfüllen. Verteidigungsminister Pete Hegseth versuche, die Lage positiv darzustellen, doch die Realität sei eine andere. Die USA feuerten Waffen ab, träfen dabei auch Hochzeitsgesellschaften und gingen den Munitionsvorräten aus. Neue Systeme, die herangeführt worden seien, seien bereits verbraucht. Die Eskalation diene vor allem der politischen Optik, setze Iran aber kaum unter Druck.
Die „Tanker-für-Tanker“-Logik löse nichts. Hohe Ölpreise (Rohöl um die 100 Dollar, Diesel in den USA bei 5,85 Dollar pro Gallone) träfen die eigene Bevölkerung. In der Ernte- und Vorweihnachtszeit sei das besonders problematisch: Mähdrescher und Lkw brauchten Diesel. Steigende Transportkosten würden auf Verbraucherpreise durchschlagen. Irgendwann könnten Transporte unrentabel werden. Ritter sieht darin ein politisches Risiko für die Midterms im November: Die Wähler würden nicht über die Ukraine oder Iran diskutieren, sondern über Benzin- und Lebenshaltungskosten. „It’s the economy, stupid.“
Iran habe bereits bewiesen, dass es mehr Schmerz aushalten könne als der Westen sich vorstelle. Inflation und Währungskrise existierten, doch das Land gehe nicht unter. Nach der Tötung des obersten Führers hätten sich die Menschen stärker hinter die Regierung gestellt als in der jüngeren Geschichte. Die USA würden eher zusammenbrechen als die iranische Wirtschaft. Der iranische Parlamentspräsident und Verhandlungsführer habe in Irak erklärt, Teheran wisse, dass die Trump-Administration nach einem gesichtswahrenden Ausweg suche. Iran könne dabei helfen.
Zwei abgeschossene MQ-1-Drohnen innerhalb kurzer Zeit und der Verlust eines erheblichen Teils der globalen MQ-1/MQ-9-Flotte unterstrichen für Ritter die Erschöpfung amerikanischer Aufklärungs- und Kampffähigkeiten in der Region.
Parallel eskaliert der von den USA unterstützte saudische Krieg gegen den Jemen. Ansarollah (Huthis) griffen Ziele in Süd-Saudi-Arabien an, darunter eine Aramco-Anlage in Jazan. Es gab Dutzende Opfer. Ritter sieht darin eine kalkulierte Reaktion: Jemen warne seit Langem vor Eskalation. Wenn Saudi-Arabien eine Blockade gegen den Jemen verhänge oder über Proxys jemenitische Stämme gegen Ansarollah unterstütze, schlage Jemen zurück – und zwar dort, wo es wehtue: bei den Öleinnahmen. Die Saudis würden diesen Druck nicht lange aushalten.
Ritter verweist auf die Nationale Sicherheitsstrategie der Trump-Administration vom November 2025. Darin sei ein Rückzug aus endlosen Kriegen im Nahen Osten und eine Konzentration auf die westliche Hemisphäre sowie den Indopazifik angelegt gewesen. Der Überraschungsangriff auf Iran Ende Februar habe davon abgelenkt, die Grundrichtung bleibe aber bestehen. Die USA suchten, sich aus Europa und dem Nahen Osten zu lösen.
Satellitenbilder zeigten weitere Schäden an Stützpunkten, etwa der Ali-Salem-Luftwaffenbasis in Kuwait. Auch Jordanien sei getroffen worden – die letzte Verteidigungsschicht vor Israel. Ein geplanter Hubschrauberangriff eines Marine-Bataillons mit Unterstützung von Sondereinheiten, vorbereitet in Jordanien nach Bombardierungen auf Serri-Insel (wobei eine Hochzeitsgesellschaft getroffen wurde), sei durch iranische Gegenschläge vereitelt worden. Helikopter seien zerstört oder nach Israel evakuiert worden, Truppen aus der Gefahrenzone gebracht. Das sei das Gegenteil eines Aufbaus von Druck.
Ritter sieht in der Ukraine eine entscheidende Phase. Russland gewinne an allen Fronten. Tausende ukrainische Soldaten seien bei Charkiw eingekesselt oder bereits ausgefallen. Kiew werde mit Iskander-Raketen, Drohnen und anderen Systemen getroffen; die Luftverteidigung sei weitgehend erschöpft. Die Wirtschaft kollabiere, Odessa und das Schwarze Meer seien weitgehend geschlossen, die Ernte komme nicht vom Feld. Die Drohnenproduktion und Lager seien systematisch zerstört.
Selenskyj stehe unter Druck: Korruptionsermittlungen näherten sich ihm, der politische Schutz schwinde. Russland verlange Neuwahlen als Voraussetzung für eine Beendigung des Konflikts; die USA widersprächen dem Konzept nicht mehr. Die ukrainische Armee müsse schrumpfen. Die USA führten weiter verdeckte Operationen durch und ermöglichten europäische Waffenkäufe, die nach Ukraine gingen. Strategisch bleibe das Ziel die Schwächung Russlands.
Europa könne keine Macht projizieren. Deutschland, Großbritannien und Frankreich seien nicht in der Lage, auch nur eine Brigade einsatzbereit zu verlegen. Deutsche Mobilisierungsversuche seien kläglich gescheitert. Die Industriebasis schrumpfe, politische Mehrheiten für eine Militarisierung gegen Russland wankten. Ritter hält die Rhetorik über Krieg mit Russland für psychologische Operationen nach innen, nicht für eine reale Drohung.
Ein Vorfall mit einer Drohne über dem Flughafen Leipzig wertet er als unseriös: Eine kaum flugfähige Drohne ohne klare technische Belege sei kein glaubwürdiger russischer Angriff und diene eher der innenpolitischen Stimmungsmache in Deutschland.
Trump versuche, Ölpreise irgendwann zu senken und den Iran-Krieg als gewonnen darzustellen. Ritter hält das für schwierig vor den Midterms. Gleichzeitig gebe es Hinweise auf ein mögliches Arrangement: Äußerungen, die USA seien nicht gegen ein umfangreiches iranisches Atomenergieprogramm, und ein russisch-iranisches Abkommen über Reaktoren könnten den Weg zu einer „besseren“ Atomvereinbarung ebnen, die Trump als Erfolg verbuchen könne. Ähnliches gelte für die Ukraine: Trump wolle den Konflikt vor Ende seiner Amtszeit beenden – in zwei Jahren, nicht in 48 Stunden.
Ritter erwähnt Spekulationen über „Continuity of Government“-Pläne und mögliche Notstandsvollmachten, sollte eine Wahlniederlage drohen. Das bleibe Spekulation.
Selbst nach einer Lösung in der Ukraine blieben Kaliningrad und die Arktis potenzielle Brandherde. Westliche Stimmen sprächen von der Möglichkeit, Kaliningrad „auszuschalten“ oder zu besetzen. In der Arktis baue Russland seine Präsenz aus, China nutze die Nordostpassage, die USA redeten über Grönland. Solange das russisch-amerikanische Verhältnis und europäische Russophobie ungelöst blieben, bestünden Risiken bis hin zu einem atomaren Konflikt.
Ritter kündigte eine Reise nach Russland an, um sich vor Ort mit Sicherheitsfragen in Baltikum und Arktis zu beschäftigen. Er betonte seine Unabhängigkeit und rief zu Unterstützung unabhängiger Berichterstattung auf.
Für Scott Ritter hat Iran mit der neuen Rakete und der Behauptung der Kontrolle über die Straße von Hormuz die operative Initiative. Die amerikanische Blockade verliert an Dichte, Stützpunkte in der Region sind schwer zu halten, Munition und Drohnen gehen zur Neige. Gleichzeitig verschärfen jemenitische Angriffe auf saudische Ölanlagen und die Ukraine-Lage den Druck auf die westlichen Volkswirtschaften. Trump suche Auswege und Siegesnarrative vor den Midterms, doch die strukturellen Probleme – Reichweite iranischer Systeme, Erschöpfung westlicher Bestände, wirtschaftliche Rückkopplung über Öl- und Dieselpreise – ließen sich nicht durch politische Inszenierung auflösen. Die Vereinigten Staaten hätten den Krieg gegen Iran nach Ritters Einschätzung bereits verloren; sie täten sich nur schwer damit, das anzuerkennen.