Gasversorgung: Katherina Reiches riskante Gaswette für den nächsten Winter

Die Gasspeicher könnten sich über den Sommer nicht schnell genug füllen, warnen die Betreiber. Wirtschaftsministerin Reiche will zwar eine Gasreserve aufbauen – doch im nächsten Winter würde sie nicht helfen

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Die Gasspeicher könnten sich über den Sommer nicht schnell genug füllen, warnen die Betreiber. Wirtschaftsministerin Reiche will zwar eine Gasreserve aufbauen – doch im nächsten Winter würde sie nicht helfen

Wann immer Katherina Reiche und das Wirtschaftsministerium in den vergangenen Monaten gefragt wurden, ob sich die deutschen Gasspeicher schnell genug für den nächsten Winter füllen, verwiesen sie gerne auf eine Zahl: 76 Prozent. Drei Viertel der Kapazitäten in den Speichern – so viel haben Gashändler bei den Speicherbetreibern im Voraus für den nächsten Winter gebucht. Die Botschaft aus Reiches Haus: Nach dem letzten Winter, in dem die Speicher bedenklich leer gelaufen sind, werden die Marktakteure die Reservoire über den Sommer wieder ausreichend füllen. Also kein Grund zur Beunruhigung – und erst recht kein Grund für den Staat, bei der Befüllung nachzuhelfen.

In der Energiebranche gibt es dagegen nicht wenige, die mit zunehmender Sorge auf den nächsten Winter schauen. Aktuell liegen die Füllstände der Speicher im Schnitt bei rund 43 Prozent – so wenig war es zuletzt im Krisensommer 2022, als Russland nach dem Angriff auf die Ukraine Westeuropa das Gas abdrehte. An diesem Dienstag warnte der Verband der Speicherbetreiber (Ines) vor Engpässen im Februar und März, falls der Winter besonders kalt werde. So mancher Manager denkt mit Blick auf den Winter gar an eine Wette.

„Rein technisch“ sei es immer noch möglich, bis zum Beginn der Heizsaison auf den Stand von 76 Prozent zu kommen, teilte der Speicherverband in seinem Juli-Update mit. Doch ob die Händler ihre gebuchten Kapazitäten auch nutzen und die Gasmengen einspeichern, hänge maßgeblich von den Marktbedingungen ab. Tatsächlich fehlen seit Wochen die Preissignale für Einspeicherungen – auch wenn sich die Gasmärkte nach dem Irankrieg beruhigt haben. Weil die Gaspreise zur Lieferung im Sommer niedriger sind als für den nächsten Winter, lohnt es sich für Händler kaum, den Brennstoff kurzfristig einzukaufen und zu speichern, um ihn bei höherer Nachfrage im Winter zu verkaufen. So war es auf dem Gasmarkt in früheren Zeiten stets üblich. Experten sprechen von einem negativen Sommer-Winter-Spread.

„Erhebliche Risiken“ für Versorgungssicherheit

Damit die Gasspeicher für die kommende Heizperiode stärker befüllt werden können, müssten schon kurzfristig die „wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessert werden“, erklärte der Verband der Speicherbetreiber am Dienstag. Ines-Geschäftsführer Sebastian Heinermann sagte, laut den Modellrechnungen sei die Versorgung zwar für Winter mit durchschnittlichen Temperaturen abgesichert. „Bei einem außergewöhnlich kalten Winter steigen die Risiken jedoch erheblich“, warnte Heinermann.

In einem solchen Fall würden nach den Modellrechnungen des Verbands im Februar und März 2027 bis zu neun Terawattstunden Gas fehlen. An einzelnen Tagen könne der Gasmangel sogar bis zu zwei Terawattstunden betragen, teilte Ines mit. Wie schnell sich die Speicher leeren können, zeigte sich im vergangenen Winter, als niedrige Temperaturen im Januar und Februar den Füllstand bis auf kritische 20 Prozent sinken ließen. Anschließend sorgte eine wärmere Periode für Entspannung. 

Ungeachtet der Sorgen in der Branche lehnt Wirtschaftsministerin Reiche bislang Markteingriffe als nicht erforderlich ab – so wie es im Krisenjahr 2022/2023 geschah, als die damalige Ampelregierung für einen Milliardenbetrag Gas einkaufen ließ, um die leeren Speicher zu füllen. Mitte Juni sagte Reiche auf dem Kongress des Branchenverbands BDEW, sie wisse auch, dass man sich von den Vorausbuchungen von 76 Prozent „nichts kaufen“ könne. Am Ende brauche man schlicht die „physischen Mengen“ an Gas. Zugleich aber betonte die Ministerin unter Verweis auf die langsam steigenden Speicherstände: „Der Markt funktioniert.“ Durch die Lieferungen von Flüssigerdgas könne man bei Bedarf flexibel reagieren, argumentiert ihr Ministerium.

Für nötig hält Reiche allenfalls eine Notfallreserve, die unvorhergesehene externe Schocks und außergewöhnliche Situationen abfedern soll – etwa wenn eine Panne oder Sabotage an der Gaspipeline aus Norwegen die Versorgung bedroht. Die Reserve solle dazu dienen, „ein Stück weit auf Nummer sicher“ zu gehen, sagte die CDU-Politikerin auf dem BDEW-Kongress. Dabei müsse der Staat aber aufpassen, nicht zu teuer einzukaufen.

Notfallpuffer soll 30 Tage Lieferausfall überbrücken

Ebenfalls an diesem Dienstag wurden Details bekannt, wie diese strategische Gasreserve konkret aussehen soll. Dabei geht es um eine Größenordnung von 24 Terawattstunden, was etwa zehn Prozent der Speicherkapazitäten in Deutschland entspricht. Damit soll der Ausfall von Pipelinelieferungen aus Norwegen für 30 Tage kompensiert werden können. 

Die Kosten für den Aufbau und den Gaseinkauf würden auf 1,2 bis 1,5 Mrd. Euro geschätzt, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Hinzu kämen laufende Kosten von 150 bis 180 Mio. Euro im Jahr. Die Finanzierung des Sicherheitspuffers soll über eine Umlage erfolgen, die die Gasverbraucher bezahlen. Sie würde niedriger ausfallen als die Gasspeicherumlage, die Ende 2025 ausgelaufen war. Um Marktverzerrungen zu verhindern, soll der staatliche Gaseinkauf per Ausschreibungen über mehrere Jahre gestreckt werden. 

Nach Reiches Konzept, das im August vom Bundeskabinett verabschiedet werden soll, darf die Gasreserve allerdings nur im Krisenfall eingesetzt werden – und nicht für die reguläre Wintervorsorge. Für den kommenden Winter steht der Notfallpuffer ohnehin nicht zur Verfügung. Da setzt Reiche trotz der warnenden Stimmen aus der Branche wie schon im Vorjahr auf eine Devise, die ein Gasmanager so beschreibt: „Augen zu und durch“.

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