Exklusiv: Bundeswehr klagt über Probleme bei Rheinmetall

Interne Unterlagen des Beschaffungsamtes zeigen neue Mängel bei zwei zentralen Rüstungsprojekten von Rheinmetall. Die Experten kritisieren „ungenügende Reife und Qualität“ – und fordern eine bessere Leistung 

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Interne Unterlagen des Beschaffungsamtes zeigen neue Mängel bei zwei zentralen Rüstungsprojekten von Rheinmetall. Die Experten kritisieren „ungenügende Reife und Qualität“ – und fordern eine bessere Leistung 

Der Rüstungskonzern Rheinmetall gerät angesichts von Problemen bei der Produktion zunehmend in die Kritik. Vertrauliche Dokumente der Bundeswehr belegen neue Mängel bei zwei zentralen Projekten des Unternehmens. Sie liegen Capital vor und zeigen nicht nur neue Risiken, sondern auch ungeschönte Kritik des Beschaffungsamtes der Bundeswehr an Deutschlands größtem Rüstungskonzern. Betroffen sind die „Zeitenwende“-Projekte Skyranger und „Schwerer Waffenträger Infanterie“ – also eine Waffe zur Drohnenabwehr und ein gepanzertes Radfahrzeug, das die Truppe beim Transport unabhängiger von der Schiene machen soll. Beides wird dringend gebraucht.

Rheinmetall ist in der Rüstungsbranche der größte Profiteur des massiven Aufrüstungsprogramms, mit dem die Bundesregierung auf die Bedrohung durch Russland reagiert. Der Dax-Konzern verzeichnet Rekordumsätze und sitzt auf einem Rekordbestand an Aufträgen. Zuletzt äußerten Militärs und Haushalts- und Verteidigungspolitiker im Bundestag aber auch vermehrt Kritik an Rheinmetall und mahnten zu mehr Liefertreue und Schnelligkeit bei Lieferungen für die deutsche Truppe.

Bestellung über Australien

Für den „Schweren Waffenträger“ hatte die Bundesregierung einen Vertrag mit der Regierung in Australien geschlossen, wo in einer Rheinmetall-Fabrik produziert werden soll, um 123 bestellte Fahrzeuge schnell auszuliefern. Dafür nahm sie hohe Management- und Transportgebühren in Kauf. Trotzdem dauert es nun länger: Den Akten zufolge ist mit einem „Verzug von mindestens 11 Monaten gemäß Vertrag“ zu rechnen. 

„Gründe für Verzögerungen: ungenügende Reife und Qualität“, heißt es in den Dokumenten. Zudem habe Rheinmetall wichtige Meilensteine immer wieder aufgeschoben. Die ersten Fahrzeuge, die im Sommer geliefert werden sollten, wurden demnach bloß „mit Mindestfähigkeiten“ zur Abnahme erwartet. Zuletzt hatte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) einen Verzug beim „Schweren Waffenträger“ öffentlich kritisiert, jedoch keine Details genannt.

Auf Anfrage teilte Rheinmetall konkret zu diesem Rüstungsprojekt mit: „Wir bitten um Verständnis, dass wir zu laufenden Kundenaufträgen in der erbetenen Detaillierung aus vertraglichen Gründen keine Auskünfte erteilen können.“ Man solle mit der Bundeswehr sprechen.

Das Beschaffungsamt der Bundeswehr teilte Capital mit: „Zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses war der Auslieferungsbeginn der ersten Serienfahrzeuge bereits im Jahr 2025 geplant. Gemäß aktueller Planungen des Auftragnehmers werden die ersten Auslieferungen für das dritte Quartal 2026 erwartet.“ Die Verspätung wird also eingeräumt.

Weiter hieß es: „Die Auftraggeberseite Australien und Deutschland befinden sich im regelmäßigen Austausch mit dem Vertragsnehmer hinsichtlich dessen ergriffenen Maßnahmen zum Abbau der durch ihn zu vertretenden Lieferverzögerungen.“

Noch schärfere Kritik gibt es in der Bundeswehr beim Skyranger. Über Probleme bei diesem Projekt, das bei der Truppe die Lücken bei der mobilen Flugabwehr schließen soll, hatte Capital früh berichtet. Rheinmetall-Chef Armin Papperger hatte größere Zeitverzüge jedoch bestritten und nur von fünf Monaten Verspätung gesprochen. Dagegen kommunizierte das Verteidigungsministerium hinter den Kulissen in Berlin mehrfach ausdrücklich eine größere Verspätung.

Den Akten des Beschaffungsamts zufolge verschiebt sich in jedem Fall die Abnahme des Flakpanzers. Die ersten Nachweismuster für die Bundeswehr kommen demnach wohl erst im Dezember, und der Abschluss der „Qualifizierung“ dauere bis Mitte 2027, heißt es. Erst ab August 2027 werde dann das erste Serienfahrzeug erwartet. 

„Performance stark verbesserungswürdig“

Laut der ursprünglichen Haushaltsvorlage müssten in diesem Jahr bereits vier Serienfahrzeuge geliefert werden, 2027 dann 13 Serienfahrzeuge. Das Nachweismuster für die Qualifizierung für die Einführung bei der Bundeswehr hätte demnach im Oktober 2024 eintreffen müssen – vor nunmehr fast zwei Jahren.

Rheinmetall selbst teilte auf Anfrage einen anderen Stand mit: Der Vertrag sehe die Lieferung aller 19 Serienfahrzeuge erst „bis Februar 2028 vor“, sagte ein Sprecher.

Sollten die ersten vier Serienfahrzeuge jedoch nicht schon 2026 geliefert werden? So ist es der entsprechenden Rüstungsvorlage der Bundesregierung zu entnehmen, die Capital vorliegt. Laut dem enthaltenen Lieferplan müssten vier Skyranger schon dieses Jahr kommen, was Rheinmetalls offizielle Antwort zur Auslieferung unter den Tisch fallen lässt.

Das Beschaffungsamt der Bundeswehr teilte schließlich schriftlich mit: „Die unter Vertrag genommenen Skyranger 30 werden voraussichtlich ab Mitte 2027 ausgeliefert werden. Der ursprüngliche Lieferbeginn war für Mitte 2026 avisiert.“ 

Rheinmetall gibt sich optimistisch

Weiterhin teilte Rheinmetall Capital mit, dass das letzte Serienfahrzeug im Februar 2028 komme, wobei in den vorliegenden Akten des Beschaffungsamtes eher von Juli 2028 die Rede ist. Rheinmetall betonte auf Nachfrage, dass die ersten Nachweismuster noch 2026 kämen. Der Vertrag zeigt hier abermals, dass dies zeitlich anders vereinbart worden war, denn bereits ab 2024 sollte das Nachweismuster geliefert sein. Nun gibt es auch hier wieder einen Verzug.

All das zeigt: Rheinmetall kommuniziert bei Lieferverzügen gerne die optimistischste Annahme für weitere Lieferungen – und lässt wichtige Detailfragen unbeantwortet. 

Heikel ist zudem: Den Papieren zufolge hat die Bundeswehr derzeit keine verlässliche Kenntnis, was der Skyranger bis Mitte 2027 können wird. Erst dann sei die „Systemleistung“ abschließend bewertbar. Das Urteil der Experten: „Die Performance des Auftragnehmers ist stark verbesserungswürdig.“ Die beauftragte Sparte Rheinmetall Electronics habe „keine Kernkompetenz für den Bau eines kompletten radbasierten Waffensystems“.

Rheinmetall gab auf Anfrage an, ein „etablierter Systemanbieter“ zu sein und auch auf Rad „technologisch führenden Systeme“ zu bauen.

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