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Die Salzgitter AG nimmt Thyssenkrupp das Problemstahlwerk HKM ab. Die Niedersachsen erhalten dafür viel Geld, aber das Risiko bleibt hoch
Einen Kauf kann man es beim besten Willen nicht nennen: Die Salzgitter AG nimmt Thyssenkrupp das Problemwerk HKM im Duisburger Süden ab, bezahlt dafür aber unterm Strich keinen einzigen Cent. Im Gegenteil: Der Thyssenkrupp-Konzern und der Miteigentümer Vallourec zahlen eine Mitgift, damit sie HKM endlich loswerden. Und der Staat legt noch 200 Mio. Euro drauf, damit die alten Hochöfen in dem Werk durch einen neuen Elektrolichtbogenofen ersetzt werden. Und damit dürfte noch nicht Schluss sein: Der geplante Personalabbau in den nächsten Jahren (von 3000 auf 1000 Beschäftigte) löst weitere Subventionen aus.
Das Beispiel HKM zeigt: Beim Stahl läuft in Deutschland und in der gesamten EU nichts ohne Mitgift – sei es aus privaten oder öffentlichen Schatullen, fast immer sogar aus beiden. Das macht weiterhin jede Konsolidierung in der Branche so schwierig. Der Essener Thyssenkrupp-Konzern möchte die Mehrheit an seiner Stahltochter TKSE loswerden. Doch jeder Interessent schielt auf eine möglichst hohe Mitgift. Daran sind in der Vergangenheit bereits viele Deals gescheitert – zuletzt mit dem indischen Milliardär Naveen Jindal.
Thyssenkrupp kann sich keine sehr hohen Zahlungen bei der Übernahme leisten – schließlich läuft es auch in den anderen Sparten des Konzerns (mit Ausnahme der ehemaligen Marinetochter TKMS) alles andere als rund. Und ihre beschlossene Verselbständigung erfordert in nächster Zeit noch viel Geld. Denn Thyssenkrupp spaltet seine Sparten nur an die Aktionäre ab, nimmt also nichts ein wie bei einem echten Börsengang. Als Nächstes läuft es so bei der Stahlhandelstochter, die seit neustem unter dem Namen Accelis firmiert und Anfang August endgültig den Weg in die (Teil-)Unabhängigkeit einschlagen soll.
Obwohl die Salzgitter AG bei HKM einiges Geld einstreicht, bleibt die Übernahme ein sehr hohes Risiko. Konzernchef Gunnar Groebler verkauft den Deal als „Teil der grünen Transformation“. Diesen Weg hat die Salzgitter AG auch im Stammwerk in der gleichnamigen niedersächsischen Kommune eingeschlagen. Und in der Tat fällt beim Betrieb eines Lichtbogenofens sehr viel weniger Kohldioxid an als bei der traditionellen „Hochofenroute“, wie man es in der Branche nennt.
Das Problem ist nur: Für die Produktion von echtem „grünen Stahl“ braucht man Wasserstoff, der jedoch auf mittlere Sicht weder für HKM noch im Stammwerk in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Die riesige Direktreduktionsanlage, die in Salzgitter entsteht, verbraucht noch für viele Jahre mehrheitlich Erdgas. Ein Schritt vorwärts für den Klimaschutz, aber eben doch noch kein durchschlagender Erfolg.
Was man in Deutschland beobachtet, gilt auch in der übrigen EU. Vielerorts spricht man von der Umstellung auf „grünen Stahl“ – aber in Wahrheit geht es in fast allen Fällen nur um sogenannten „blauen Stahl“, da auch in den meisten anderen Ländern nicht genügend Wasserstoff zur Verfügung steht. Einzelne Ausnahmen wie das neue Stegra-Werk in Schweden bestätigen nur die Regel. Auf dem Zielmarkt konkurrieren künftig verschiedene Stahlsorten mit einer kaum überschaubaren Grad der Klima-Freundlichkeit. Und niemand kann heute sagen, welche Preise dabei zu erzielen sind. Und vielleicht noch gefährlicher für Unternehmen wie die Salzgitter AG: Auch die Chinesen strömen mit ihrem „grünen Stahl“ nach Europa – und überholen dabei womöglich die heimischen Hersteller.