„Das Land Gottes“ ‒ Werner Rügemer zum 250. Geburtstag der USA

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Felicitas Rabe interviewt Dr. Werner Rügemer

RT DE: Herr Rügemer, laut der am 4. Juli 1776 in den USA verabschiedeten Unabhängigkeitserklärung sind „alle Menschen gleich geboren“. Gleichzeitig wurden in den USA die indigenen Ureinwohner systematisch ausgerottet und aus Afrika „importierte“ Menschen als Sklaven gehalten. Wie ging man in den USA mit diesem Widerspruch um?

Rügemer: Das ist gar kein Widerspruch. Am Anfang durften die Ureinwohner noch für die Loslösung von der britischen Kolonialmacht mitkämpfen. Ein paar Jahre später, als 1787 der US-Staat richtig gegründet wurde, war die schöne Unabhängigkeitserklärung vergessen: Die Gleichberechtigung aller Menschen wurde nicht in die Verfassung aufgenommen. Das gilt bis heute. So konnte dann die Ausrottung der Ureinwohner beginnen – verfassungsgemäß.

RT DE: Später rühmten sich die USA der Abschaffung der Sklaverei. Aber wurde sie tatsächlich abgeschafft?

Rügemer: Die USA wurden als Sklavenstaat gegründet, die Verfassung erlaubte das. Die meisten US-Präsidenten nach der Gründung waren Sklavenhalter, auch der erste Präsident George Washington. Im Bürgerkrieg setzten sich 1865 die industrialisierten Nordstaaten durch. Die bisherige Sklaverei wurde abgeschafft, aber bis heute immer wieder modernisiert, zunächst in den USA selbst. So konnten Unternehmer nach dem Bürgerkrieg mithilfe des Convict-Systems Häftlinge aus Gefängnissen übernehmen, zahlten eine geringe Pacht an den Staat, zahlten diesen Häftlingsarbeitern aber keinen Lohn, sondern mussten nur für Unterkunft und Verpflegung sorgen – möglichst billig.

Das war für die Unternehmer noch profitabler als die frühere Sklaverei, weil es ihnen egal sein konnte, ob die Arbeiter krank wurden oder starben – es gab ja Nachschub. Die früheren Sklavenhalter mussten ihre Sklaven dagegen besser unterbringen und ernähren, damit sie möglichst lange lebten und keine neuen Sklaven gekauft werden mussten.

So hatten zum Beispiel im deutschen Faschismus US-Konzerne wie Ford und General Motors, die die Wehrmacht belieferten, kein Problem damit, während des Zweiten Weltkriegs KZ-Häftlinge auszubeuten. Diese erhielten auch nach dem Krieg keine Entschädigung.

Heute beruhen die Gewinne führender US-Konzerne wie Apple und Coca-Cola weltweit auf der Ausbeutung ungezählter, unsichtbar gemachter Sklavenarbeiterinnen. Deren Status widerspricht allen Menschenrechten. Diese Konzerne haben keine eigenen Fabriken in armen Staaten wie Indien, sondern bezahlen darauf spezialisierte Auftragsfertiger, zum Beispiel Foxconn aus Taiwan. Apple-iPhones werden in Indien von armen Frauen montiert, die in Massenunterkünften zusammengepfercht sind, meist keinen Arbeitsvertrag haben und schlecht ernährt werden. Sie sind nach wenigen Jahren krank und erschöpft und werden dann gegen andere junge Frauen ausgetauscht.

Der Zucker für Coca-Cola, Unilever und Mondelez kommt unter solchen Bedingungen aus armen Staaten Afrikas, aber auch aus Indien. Die dort arbeitenden Frauen müssen sich unfruchtbar machen lassen, damit ihre Arbeit nicht durch Schwangerschaft und Geburt unterbrochen wird. Sie übernachten auf den Feldern.

In den USA selbst bilden Millionen illegaler Migranten einen wichtigen Teil der Arbeiterschaft, etwa auf den Plantagen der Agrarindustrie, im Baugewerbe, in der Lager- und Fleischindustrie sowie in Millionen Privathaushalten – zum Stillhalten und zur Ausbeutung erpresst durch die Drohung mit Deportation.

RT DE: Die USA bezeichnen sich als Demokratie und Verteidiger der Menschenrechte. Wie ist es dort um demokratische Rechte und Menschenrechte bestellt?

Rügemer: Die führenden Konzerne und Banken haben sich seit anderthalb Jahrhunderten auf die zwei Parteien festgelegt, die für das Regieren infrage kommen: die Republikanische Partei und die Demokratische Partei. Beide Parteien werden gleichzeitig finanziert – sowohl für ihre Wahlkämpfe als auch anschließend die gewählten Abgeordneten. Die jeweils führenden Kapitalisten sind auch die Eigentümer der Leitmedien. So hat Amazon-Chef Jeff Bezos die Washington Post gekauft. BlackRock, Vanguard, State Street & Co. sind die führenden Aktionäre der New York Times und der größten TV-Sender.

Die USA stehen bei den menschenrechtlichen Arbeits- und Sozialrechten der UNO einsam an der Spitze der Staaten, die diese nicht ratifiziert haben. Das betrifft etwa Gewerkschaftsrechte, die Rechte auf die drei Sozialversicherungen, das Streikrecht, die Rechte von Migranten und vieles mehr.

RT DE: In Ihrem Buch schreiben Sie von einem durch die US-Kapitalisten erneuerten Patriarchat, das von aktuellen Frauenrechtlerinnen nicht kritisiert wird.

Rügemer: Die modernen Frauenrechtlerinnen in den USA und auch in Europa nutzen die vielen Apple-Geräte, setzen sich für ihre eigene Selbstentfaltung ein, setzen sich aber nie für die Rechte der vielen Millionen modernen Sklavenarbeiterinnen ein, die diese Geräte herstellen.

RT DE: In der Nationalen Sicherheitsstrategie von US-Präsident Donald Trump vom November 2025 heißt es: Die USA seien „die größte und erfolgreichste Nation der Menschheitsgeschichte und die Heimat des Friedens auf Erden“. Trump bezeichnet die USA auch als „das Land Gottes“ („God’s Own Country“). Wie friedlich waren und sind die USA? Und warum haben die USA von Anfang an auf unbegrenzte Expansion gesetzt?

Rügemer: Der US-Staat verbindet seine angemaßte Göttlichkeit mit dem Anspruch, im nationalen Interesse („national interest“) auf alle Territorien, Staaten, Personen und Unternehmen auf der ganzen Erde zugreifen zu dürfen. So setzte sich auch die Expansion des kleinen US-Gründungsstaates an der Ostküste mit seinen 13 Bundesstaaten fort. Durch Besiedlung, Enteignung, Massaker und Kriege gründete der US-Staat weitere 37 Bundesstaaten und dehnte sein Staatsgebiet aus – begleitet vom Völkermord an den Ureinwohnern. Durch den Krieg gegen Mexiko eroberte der US-Staat große Territorien und erweiterte sein Staatsgebiet unter anderem um Kalifornien, New Mexico und Texas.

Seitdem haben die USA ihre Methoden verändert. Dazu gehören Regime Changes, also meist geheimdienstlich vorbereitete Stürze gewählter Regierungen, aktuell das Kidnapping des Regierungschefs von Venezuela und die Hinrichtung von Führungskräften Irans. Zum Expansionsinstrumentarium gehört auch die Ausrüstung von Stellvertreterkräften wie gegenwärtig der Ukraine im Krieg gegen Russland.

RT DE: In den USA existiert angeblich eine freie Marktwirtschaft. Ist eine Marktwirtschaft denn frei, wenn der Staat superreiche Oligarchen und deren Konzerne mit Steuergeldern der Bürger subventioniert und dafür die Instandhaltung der zivilen Infrastruktur, das öffentliche Gesundheitswesen, die Bildung und öffentliche Dienstleistungen ruiniert?

Rügemer: Die USA sind keine freie Marktwirtschaft. Politik sowie öffentliche Meinungsbildung und Information sind von den Superreichen gekauft, auch durch privat finanzierte Thinktanks und die privaten Stiftungen von Oligarchen wie Bill Gates und Bloomberg. Auch die Wissenschaft ist gekauft – die privaten Eliteuniversitäten werden ebenfalls von den Superreichen finanziert. Außerdem bauen selbst die modernsten Konzerne, etwa die Digitalkonzerne, neue Fabriken nur mit hohen staatlichen Subventionen. Die USA sind das Zentrum der organisierten Steuerflucht zugunsten der Konzerne und Superreichen. Die größte westliche Finanz- und Steueroase ist der kleine Bundesstaat Delaware: Er hat weniger als eine Million Einwohner, beherbergt aber die meisten Briefkastenfirmen.

RT DE: Wie geht es den normalen Bürgern in Gottes eigenem Land?

Rügemer: Der Mehrheit geht es schlecht, allerdings abgestuft zwischen ganz unten und den Illegalen bis hinein in den Mittelstand. Die USA haben das teuerste Gesundheitssystem der Welt, zugleich aber die meisten unbehandelten Krankheiten. Der gesetzliche Mindestlohn liegt bei 7,25 Dollar, kann jedoch in Branchen mit Trinkgeld auf 2,13 Dollar herabgesetzt werden. Slums, massenhafte Bettelei und Obdachlosigkeit sind Dauerzustand. Viele regulär Beschäftigte können sich keine Wohnung leisten und schlafen in ihren Autos. Auch im Mittelstand können sich immer weniger Menschen das statusgemäße Eigenheim leisten. Private Gewalt und Amokläufe von Jugendlichen nehmen zu. Die Lebenserwartung der Mehrheit sinkt.

RT DE: Warum sind die USA auf weltweite Vasallenstaaten angewiesen? Mit welchen Methoden schaffen sie die Vasallenstaaten und erreichen die Unterwerfung der dort ansässigen nationalen Kapitalisten?

Rügemer: Im „nationalen Interesse“ fördern die USA die Unterwerfung anderer Staaten, meistens durch den Doppelzugriff von Militär und Kapital. In Europa nach dem Zweiten Weltkrieg war dies der bekannte Doppelzugriff von Marshallplan und NATO. Mit dem Marshallplan wurden der Absatz von US-Produkten sowie die Gründung von Filialen der US-Konzerne und Banken gefördert. Die von den USA gegründete und geführte NATO sichert dies militärisch ab. In den NATO-Mitgliedstaaten betreiben die USA zusätzliche Militärstützpunkte, in Deutschland etwa 40. Diese US-Stützpunkte sind exterritorial ‒ deutsche Gesetze gelten dort nicht. Die deutsche Regierung wird nicht gefragt, wenn die USA dort Atombomben lagern oder über diese Militärstützpunkte ihre Kriege, etwa gegen Iran, unterstützen.

Seit etwa dem Jahr 2000 haben sich zudem die neuen führenden US-Investoren wie BlackRock, Vanguard, State Street, Capital Group, KKR & Co. zu den führenden Aktionärsgruppen in den wichtigsten Aktiengesellschaften Europas entwickelt – in Deutschland etwa bei Adidas, BASF, Bayer, der Deutschen Bank, Deutsche Wohnen, RWE, Rheinmetall, Siemens, Vonovia und weiteren Unternehmen. Die US-Investoren entscheiden über Arbeitsabbau und Investitionen im Ausland. Da haben die alten deutschen Oligarchen wie die Oetkers, Quandts und Henkels volkswirtschaftlich und geopolitisch nichts mehr zu entscheiden.

RT DE: Seit dem Zweiten Weltkrieg lassen die USA ihre Interessen in Stellvertreterkriegen durchsetzen. Welche US-Oligarchen stehen zum Beispiel hinter dem US-geführten Krieg der Ukraine gegen Russland? Wie profitieren sie von diesem Krieg?

Rügemer: Die USA haben die überschuldete Ukraine schon vor dem Krieg zu dem Staat mit dem größten Militär Europas hochgerüstet. US-Konzerne wie Lockheed Martin, Boeing, General Dynamics und Raytheon/RTX sind die größten Rüstungslieferanten und die größten Profiteure des zwar militärisch nicht gewinnbaren, aber möglichst lange andauernden Krieges. Dabei ist BlackRock, der größte neue Kapitalorganisator der USA – zugleich Großaktionär der genannten Rüstungskonzerne –, bereits seit der Regierung von Joe Biden und nun auch unter Donald Trump Koordinator für den „Wiederaufbau“ der Ukraine: Wer kauft die ukrainischen Staatsunternehmen? Wer erhält die Lizenzen zur Förderung der Seltenen Erden? Wer gründet die neuen Rüstungsunternehmen?

RT DE: Inwiefern ist die Volksrepublik China eine ernsthafte Bedrohung für das Weltherrschaftsmodell der USA?

Rügemer: China hat sich in ungleich kürzerer Zeit als die USA aus dem Status eines von allen europäischen Kolonialstaaten sowie von den USA und Japan ausgebeuteten, verarmten Landes zur größten Industrie- und Handelsnation der Erde entwickelt. Das war möglich, weil China ein souveräner Staat ist. Dadurch konnte China die von Unternehmen aus den USA und der EU importierten kapitalistischen Praktiken transformieren und regulieren.

Zudem verfügt China über eine integrierte Volkswirtschaft, etwa mit eigenen nationalen Lieferketten für Seltene Erden. China ist der Staat, in dem die Arbeitseinkommen in den vergangenen Jahrzehnten dauerhaft am stärksten gestiegen sind. Dadurch steigt nicht nur die Lebensqualität der Mehrheit, sondern zugleich auch die Kaufkraft, was den Aufschwung der Volkswirtschaft fördert.

China verfügt über deutlich mehr Mittel für Infrastruktur, Forschung, Löhne, Sozialsysteme sowie für Aufforstung und umweltfreundliche Energieproduktion. Denn im Unterschied zu den USA unterhält China keine 850 teuren Militärstützpunkte in 80 anderen Staaten und auf einsamen Inseln. China unterhält keine ständige weltweite Militärpräsenz zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Die chinesische Regierung führt zudem keine kostspieligen Kriege – weder Hunderte kurze Kriege noch jahrelange Kriege wie die USA etwa in Vietnam, im Irak, in Afghanistan oder in der Ukraine.

Als Teil des Globalen Südens ist China der natürliche Kooperationspartner für die aufstrebenden Entwicklungsstaaten, die bisher von den USA niedergehalten wurden – durch Regierungsstürze und/oder die Kredite der US-geführten Weltbank in Washington. Eine „Gefahr“ für die USA stellen die Chinesen deshalb dar, weil sie ein alternatives, langfristig deutlich erfolgreicheres System praktizieren: friedlich, ohne Kriege, mit Gleichberechtigung anderer, auch kleiner Nationen sowie mit Lebensqualität für das gesamte Volk.

Demokratie heißt ja eigentlich: Herrschaft des Volkes. China erfüllt die demokratischen Versprechen, die der US-geführte Kapitalismus immer vor sich hergetragen, aber nie erfüllt hat und zunehmend weiter verletzt.

Der Kölner Publizist Dr. Werner Rügemer ist Mitglied der World Association for Political Economy und Mitherausgeber der Zeitschrift World Marxist Review. Sein neues Buch „Broken USA – 250 Jahre Kriege, Lügen und Unterdrückung“ erscheint Anfang Juli 2026 im Hintergrund Verlag. Im Jahr 2023 veröffentlichte er das Buch „Verhängnisvolle Freundschaft – Wie die USA Europa eroberten“ im PapyRossa Verlag. Darin beschreibt er die Außenpolitik der USA seit ihrer Gründung als Sklavenstaat. Das Buch wurde mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt: Spanisch, Französisch, Griechisch und Englisch. Die türkische und die chinesische Ausgabe sollen im September 2026 erscheinen.

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