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Wer ist Wladimir Solowjow?
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Teil 2 – Kapitel 1
Zwischen Menschenbild, Russland und nuklearer Abschreckung
Inhalt:
Im ersten Abschnitt des zweiten Gesprächsteils spricht Wladimir Solowjow über seinen Arbeitsalltag, seine Motivation und seine Sicht auf Politik und Gesellschaft. Anschließend entwickelt sich eine intensive Debatte über die Gefahr einer nuklearen Eskalation zwischen Russland und dem Westen. Dabei erläutert Solowjow ausführlich seine Sicht auf die russische Nukleardoktrin und die Rolle Europas im aktuellen geopolitischen Konflikt.
Roger Köppel:
Wladimir Rodolfowitsch, willkommen zum zweiten Teil unseres inzwischen fast schon endlosen philosophischen Gesprächs. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie sich erneut die Zeit dafür nehmen.
Wir haben im ersten Teil bereits viele Themen angesprochen, dennoch bleiben zahlreiche Fragen offen. Deshalb möchte ich mit etwas Persönlichem beginnen:
Wie viele Stunden schlafen Sie eigentlich pro Nacht?
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Wladimir Solowjow:
Wenn alles gut läuft, vier bis fünf Stunden. Mehr ist selten möglich.
Allerdings habe ich gelernt, den Schlaf unterwegs nachzuholen. Oft nutze ich die Fahrten zwischen meinen Terminen, um ein wenig zu ruhen.
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Roger Köppel:
Wir führen dieses Gespräch nach einem langen Arbeitstag. Heute Morgen Ihre Sendungen, anschließend unsere Treffen und später wieder die Abendprogramme.
Sie arbeiten praktisch ohne Unterbrechung. Was treibt Sie an?
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Wladimir Solowjow:
Ganz einfach: Ich liebe meine Arbeit.
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Roger Köppel:
Was genau lieben Sie daran?
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Wladimir Solowjow:
Menschen.
Ich spreche gern mit Menschen. Ich finde Menschen faszinierend.
Und Politik ist für mich die letzte große Shakespeare-Tragödie unserer Zeit. Nirgendwo sonst findet man so viele Leidenschaften, Konflikte, Hoffnungen, Enttäuschungen und Dramen wie in der Politik.
Das macht sie gleichzeitig tragisch und faszinierend.
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Roger Köppel:
Mögen Sie Menschen wirklich? Nach unserem ersten Gespräch könnte man daran durchaus Zweifel haben.
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Wladimir Solowjow:
Natürlich mag ich Menschen.
Im Westen existiert häufig dieses Bild vom Russen als einem finsteren, aggressiven Wesen, das alles und jeden hasst.
Dieses Klischee begegnet uns seit Jahrzehnten.
Dabei ist das Gegenteil der Fall.
Die russische Kultur ist von einer tiefen Liebe zum Menschen geprägt. Schauen Sie auf unsere Literatur: Dostojewski, Tolstoi, Tschechow oder Puschkin.
All diese Autoren beschäftigen sich mit dem Menschen, seinen Stärken, Schwächen und inneren Konflikten.
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Roger Köppel:
Sie sprechen von Liebe. Dennoch wirkt Ihre Sprache oft sehr konfrontativ.
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Wladimir Solowjow:
Weil unsere Vorstellung von Liebe anders ist.
Für uns bedeutet Liebe nicht bloß Bewunderung oder Sympathie.
Wenn wir jemanden als Freund betrachten, dann stehen wir vollständig zu ihm.
Und selbst gegenüber Gegnern empfinden wir nicht diesen Hass, den man uns oft unterstellt.
Viele Europäer sehen in Russen noch immer die barbarischen Kosaken, die man fürchten müsse.
Das entspricht weder der historischen Realität noch unserem Selbstverständnis.
Als russische Truppen 1814 nach Paris kamen, plünderten sie die Stadt nicht. Sie bezahlten in Restaurants und Geschäften für das, was sie konsumierten.
Darauf sind wir bis heute stolz.
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Roger Köppel:
Lassen Sie uns zu einem Thema kommen, das mich seit unserem ersten Gespräch beschäftigt.
Sie haben damals über die Möglichkeit einer nuklearen Eskalation gesprochen.
Ich habe lange darüber nachgedacht.
Wenn Russland Atomwaffen einsetzen würde, wäre das doch letztlich auch eine Katastrophe für Russland selbst.
Warum halten Sie einen solchen Schritt dennoch für denkbar?
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Wladimir Solowjow:
Weil die Realität komplizierter ist, als viele Menschen glauben.
Zunächst einmal sprechen wir nicht automatisch von einem globalen Atomkrieg.
Es gibt unterschiedliche Kategorien nuklearer Waffen und unterschiedliche Einsatzszenarien.
Die Vorstellung, jede nukleare Nutzung führe sofort zur vollständigen Vernichtung der Menschheit, entspricht nicht der militärischen Realität.
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Roger Köppel:
Sie halten also einen begrenzten Einsatz für möglich?
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Wladimir Solowjow:
Wenn die Existenz Russlands bedroht wäre, selbstverständlich.
Russland betrachtet Atomwaffen als Instrument der Abschreckung.
Aber Abschreckung funktioniert nur dann, wenn ein potenzieller Gegner davon ausgeht, dass diese Waffen im äußersten Fall tatsächlich eingesetzt werden könnten.
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Roger Köppel:
Dennoch würden Sie damit enorme Risiken eingehen.
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Wladimir Solowjow:
Risiken existieren immer.
Aber schauen Sie sich die militärische Realität an.
Europa verfügt nicht über die nuklearen Kapazitäten Russlands.
Weder Frankreich noch Großbritannien besitzen ein Arsenal, das mit dem russischen vergleichbar wäre.
Deshalb basiert die europäische Sicherheitsarchitektur letztlich auf der Annahme, dass die Vereinigten Staaten im Ernstfall eingreifen würden.
Die entscheidende Frage lautet also:
Sind die Amerikaner tatsächlich bereit, für Europa einen Krieg gegen Russland zu führen?
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Roger Köppel:
Und Sie glauben, die Antwort lautet Nein?
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Wladimir Solowjow:
Ja.
Ich glaube nicht, dass die Vereinigten Staaten bereit wären, die eigene Existenz für europäische Interessen aufs Spiel zu setzen.
Selbst in Washington weiß man, dass ein direkter Konflikt zwischen den USA und Russland unkontrollierbare Folgen hätte.
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Roger Köppel:
Das klingt nach einer äußerst riskanten Annahme.
Sie setzen darauf, dass die Gegenseite nicht reagieren wird.
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Wladimir Solowjow:
Nein.
Wir setzen darauf, dass rationale Akteure rational handeln.
Niemand kann einen nuklearen Krieg gewinnen.
Gerade deshalb existiert die Abschreckung.
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Roger Köppel:
Trotzdem sagen Sie ganz offen, dass Russland im Ernstfall bereit wäre, sämtliche verfügbaren Mittel einzusetzen.
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Wladimir Solowjow:
Natürlich.
Wozu investiert ein Staat gewaltige Summen in strategische Waffensysteme, wenn er von vornherein ausschließt, sie jemals einzusetzen?
Diese Systeme existieren, um einen Gegner davon abzuhalten, einen Konflikt überhaupt zu beginnen.
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Roger Köppel:
Wenn ich Ihnen zuhöre, habe ich manchmal das Gefühl, Sie sprechen mit mir, als wäre ich Teil dieses Konflikts.
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Wladimir Solowjow:
Nein.
Sie sind Schweizer.
Aber wir sprechen über Fragen von Krieg und Frieden. Und dabei geht es letztlich immer um Leben und Tod.
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Roger Köppel:
Sie schauen Ihrem Gegenüber sehr direkt in die Augen und erklären ihm, dass er möglicherweise sterben wird.
Das ist ein bemerkenswerter Gesprächsstil.
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Wladimir Solowjow:
Nun, wir werden alle irgendwann sterben.
Das ist die einzige Gewissheit, die jeder Mensch besitzt.
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Roger Köppel:
Unterschätzen Sie die Schweizer nicht.
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Wladimir Solowjow:
Das würde ich niemals tun.
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Roger Köppel:
Ist dieser permanente Kampfmodus Teil Ihres Wesens?
Immer arbeiten, immer recherchieren, immer argumentieren?
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Wladimir Solowjow:
Ich sehe mich nicht als Kämpfer.
Ich suche nach Wahrheit.
Natürlich leben wir in einer Zeit großer Spannungen.
Russland hat das Gefühl, dass seine Geschichte und seine Erfahrungen im Westen oft missverstanden oder bewusst ignoriert werden.
Das führt zwangsläufig zu Konflikten.
Doch mein Ziel ist nicht der Kampf um des Kampfes willen.
Mein Ziel ist es, meine Sicht der Dinge zu erklären.
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Ende von Kapitel 1
Im nächsten Kapitel:
Roger Köppel hinterfragt Solowjows Verhältnis zu Europa, den Vereinigten Staaten und westlichen Eliten. Die Diskussion wird deutlich persönlicher und schärfer. Außerdem geht es um historische Verantwortung, politische Führungspersönlichkeiten und die Frage, warum Solowjow Europa vorwirft, seine eigenen Werte verraten zu haben.
Wladimir Solowjow im Gespräch mit Roger Köppel

Teil 2 – Kapitel 2
Europa, politische Eliten und die Frage nach Verrat und Identität
Inhalt:
Im zweiten Abschnitt wird das Gespräch deutlich persönlicher. Roger Köppel versucht zu verstehen, was Wladimir Solowjow antreibt und ob hinter seiner kompromisslosen Haltung persönliche Erfahrungen oder Enttäuschungen stehen. Solowjow weist dies zurück und nutzt die Gelegenheit für eine grundsätzliche Kritik an europäischen Eliten, der politischen Entwicklung Europas und dem Verhältnis des Westens zu Russland.
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Roger Köppel:
Ist dieser permanente Kampfmodus Teil Ihres Wesens?
Sie wirken wie jemand, der ständig in Bewegung ist, ständig analysiert, recherchiert und argumentiert.
Man könnte fast den Eindruck gewinnen, Sie wollten immer gewinnen.
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Wladimir Solowjow:
Nein.
Ich sehe mich überhaupt nicht als Kämpfer.
Es gibt nichts, das ich kompensieren müsste, und ich führe keinen persönlichen Krieg gegen irgendjemanden.
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Roger Köppel:
Wirklich?
Manche würden vermuten, dass hinter einer solchen Intensität auch persönliche Erfahrungen oder Verletzungen stehen könnten.
Vielleicht schlechte Erlebnisse in den Vereinigten Staaten? Oder Enttäuschungen in Europa?
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Wladimir Solowjow:
Ganz im Gegenteil.
Ich liebe die Vereinigten Staaten.
Ich habe dort viele Jahre verbracht und hervorragende Erfahrungen gemacht.
Ich war beruflich erfolgreich, habe interessante Menschen kennengelernt und hatte nie das Gefühl, dort unerwünscht zu sein.
Auch Europa habe ich immer geschätzt.
Deshalb irren sich viele Menschen, wenn sie glauben, meine Kritik beruhe auf Hass oder Ablehnung.
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Roger Köppel:
Woher kommt dann Ihre Schärfe gegenüber dem Westen?
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Wladimir Solowjow:
Weil viele europäische Politiker Russland weder verstehen noch verstehen wollen.
Statt sich ernsthaft mit unserer Geschichte und unserer Kultur auseinanderzusetzen, arbeiten sie mit Klischees.
Sobald etwas nicht in das gewohnte Weltbild passt, wird es vereinfacht oder verzerrt dargestellt.
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Roger Köppel:
Sie sprechen häufig von „Europa“ oder „dem Westen“.
Wen meinen Sie damit eigentlich konkret?
Die Menschen? Die Regierungen? Die Medien?
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Wladimir Solowjow:
In erster Linie die politischen Eliten.
Nicht die normalen Menschen.
Wenn ich Kritik äußere, dann richte ich mich an die Entscheidungsträger, die seit Jahren die Beziehungen zu Russland bestimmen.
Viele dieser Politiker scheinen völlig vergessen zu haben, welche historische Rolle Russland in Europa gespielt hat.
Sie erwarten Respekt von Russland, zeigen aber selbst kaum Respekt für unsere Geschichte.
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Roger Köppel:
Sie verwenden häufig das Wort „Verrat“.
Woran fühlen Sie sich verraten?
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Wladimir Solowjow:
An den gemeinsamen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts.
Russland hat im Zweiten Weltkrieg enorme Opfer gebracht.
Millionen Menschen haben ihr Leben verloren.
Nach dem Ende des Kalten Krieges hofften viele Russen auf eine Partnerschaft mit Europa.
Stattdessen entstand schrittweise ein Klima des Misstrauens und der Konfrontation.
Viele Russen empfinden das als einen historischen Bruch.
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Roger Köppel:
Trotzdem haben viele wohlhabende Russen jahrzehntelang Häuser in Europa gekauft, dort Urlaub gemacht und investiert.
Das spricht doch eher für eine große Wertschätzung Europas.
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Wladimir Solowjow:
Natürlich.
Viele Russen liebten Europa.
Das widerspricht meiner Kritik überhaupt nicht.
Man kann ein Land lieben und gleichzeitig feststellen, dass es sich verändert hat.
Aus meiner Sicht hat Europa in den vergangenen Jahrzehnten einen Teil seiner eigenen kulturellen und historischen Identität verloren.
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Roger Köppel:
Was meinen Sie konkret?
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Wladimir Solowjow:
Europa war einmal stolz auf seine Traditionen, seine Geschichte und seine kulturellen Wurzeln.
Heute habe ich oft den Eindruck, dass genau diese Grundlagen infrage gestellt werden.
Viele Menschen wissen kaum noch, wer sie sind oder wofür ihre Gesellschaften stehen.
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Roger Köppel:
Gibt es Länder, die Sie davon ausnehmen?
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Wladimir Solowjow:
Einige bewahren zumindest Teile ihrer Traditionen.
Italien beispielsweise besitzt noch starke kulturelle und religiöse Wurzeln.
Aber auch dort sehe ich Entwicklungen, die mir Sorgen bereiten.
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Roger Köppel:
Sie sind bekannt dafür, politische Gegner sehr scharf anzugreifen.
Ist das wirklich der beste Weg, Menschen zu überzeugen?
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Wladimir Solowjow:
Manchmal ja.
Oft reagieren Menschen erst dann, wenn man sie aus ihrer Komfortzone holt.
Wenn ich sachlich argumentiere, hört häufig niemand zu.
Wenn ich provoziere, wird plötzlich diskutiert.
Das ist eine Realität moderner Medien.
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Roger Köppel:
Aber führt das nicht zu einer weiteren Verrohung der politischen Debatte?
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Wladimir Solowjow:
Vielleicht.
Doch schauen Sie sich die Berichterstattung über Russland an.
Seit Jahren werden wir in vielen westlichen Medien nahezu ausschließlich negativ dargestellt.
Russland wird für alles verantwortlich gemacht.
Wenn irgendwo ein Problem auftritt, lautet die Erklärung häufig sofort: Russland war es.
Das schafft kein Klima für eine sachliche Diskussion.
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Roger Köppel:
Sie empfinden die westliche Berichterstattung also als grundsätzlich unfair?
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Wladimir Solowjow:
In vielen Fällen ja.
Natürlich gibt es auch seriöse Journalisten.
Aber insgesamt hat sich ein Narrativ etabliert, das Russland fast ausschließlich als Bedrohung betrachtet.
Dadurch wird jede differenzierte Diskussion erschwert.
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Roger Köppel:
Glauben Sie, dass Europa Russland bewusst missversteht?
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Wladimir Solowjow:
Teilweise.
Ich glaube aber vor allem, dass viele politische Entscheidungsträger Russland nur durch ideologische Filter betrachten.
Sie sehen nicht das reale Land, sondern ein Bild, das sie sich selbst geschaffen haben.
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Roger Köppel:
Und wie sieht dieses Bild aus?
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Wladimir Solowjow:
Ein autoritäres, aggressives Russland, das ständig nach Expansion strebt und Europa bedroht.
Dieses Bild wird seit Jahren gepflegt.
Die tatsächlichen Motive Russlands spielen dabei oft keine Rolle mehr.
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Roger Köppel:
Wenn Sie Europa kritisieren, sprechen Sie oft sehr emotional.
Ist das nicht ein Widerspruch zu Ihrem Anspruch, nüchtern zu analysieren?
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Wladimir Solowjow:
Nein.
Emotionen schließen Analyse nicht aus.
Geschichte, Kultur und Identität sind keine rein technischen Fragen.
Wer über solche Themen spricht, spricht zwangsläufig auch über Gefühle.
Die Beziehung zwischen Russland und Europa ist nicht nur ein politisches Thema.
Sie ist auch eine zutiefst emotionale Angelegenheit.
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Roger Köppel:
Und trotzdem reisen Sie gern nach Europa?
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Wladimir Solowjow:
Natürlich.
Ich liebe viele Orte Europas.
Die Landschaften, die Architektur, die Geschichte.
Aber gerade deshalb bedaure ich Entwicklungen, die ich heute beobachte.
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Roger Köppel:
Mit anderen Worten: Ihre Kritik richtet sich weniger gegen Europa als gegen jene, die Europa Ihrer Meinung nach in die falsche Richtung führen?
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Wladimir Solowjow:
Genau.
Die Menschen und die politischen Eliten sind nicht dasselbe.
Und ich glaube, dass die europäischen Völker oft viel vernünftiger sind als ihre Regierungen.
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Ende von Kapitel 2
Im nächsten Kapitel:
Die Diskussion wird noch kontroverser. Roger Köppel und Wladimir Solowjow geraten über die Begriffe „Nazismus“, historische Verantwortung und die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg aneinander. Im Mittelpunkt stehen die Ukraine, Bandera, die sowjetischen Opfer des Krieges und die Frage, wer heute das Recht hat, historische Urteile zu fällen.
Wladimir Solowjow im Gespräch mit Roger Köppel
Teil 2 – Kapitel 3
Geschichte, Nationalsozialismus und der Streit um die Erinnerung
Inhalt:
Im dritten Kapitel erreicht das Gespräch seinen ersten Höhepunkt. Roger Köppel konfrontiert Wladimir Solowjow mit der Kritik westlicher Historiker an Russlands Verwendung der Begriffe „Nazismus“ und „Genozid“. Daraus entwickelt sich eine leidenschaftliche Debatte über die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, die Rolle der Sowjetunion bei der Befreiung Europas und die Frage, ob heutige politische Entwicklungen in der Ukraine historische Parallelen zum Nationalsozialismus aufweisen.
⸻
Roger Köppel:
Lassen Sie uns über ein Thema sprechen, das in Europa besonders sensibel betrachtet wird.
Viele Historiker und Wissenschaftler kritisieren die russische Verwendung der Begriffe „Nazismus“ und „Genozid“ im Zusammenhang mit der Ukraine.
Im Jahr 2022 unterzeichneten zahlreiche israelische Historiker eine Erklärung, in der sie Russland vorwarfen, die Erinnerung an den Holocaust politisch zu instrumentalisieren.
Wie reagieren Sie auf solche Vorwürfe?
⸻
Wladimir Solowjow:
Zunächst einmal frage ich zurück:
Wer hat eigentlich das Recht, festzulegen, wie Geschichte interpretiert werden darf?
Sechs Millionen Juden wurden im Holocaust ermordet.
Doch im Kampf gegen den Nationalsozialismus verlor die Sowjetunion insgesamt 27 Millionen Menschen.
Für uns ist das keine abstrakte Zahl.
Fast jede Familie hat Angehörige verloren.
Diese Erinnerung ist Teil unseres nationalen Bewusstseins.
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Roger Köppel:
Die Kritiker argumentieren jedoch, dass die Begriffe „Nazismus“ und „Genozid“ heute häufig politisch eingesetzt würden.
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Wladimir Solowjow:
Das ist eine bequeme Argumentation.
Wenn es um die Verbrechen der Nationalsozialisten geht, wird zu Recht an die Opfer erinnert.
Wenn Russland aber auf historische Kontinuitäten hinweist, heißt es plötzlich, man dürfe bestimmte Begriffe nicht verwenden.
Ich halte diese Haltung für inkonsequent.
⸻
Roger Köppel:
Sie sprechen häufig über Bandera, Schuchewytsch und andere historische Persönlichkeiten der ukrainischen Nationalbewegung.
Warum spielt das für Sie eine so zentrale Rolle?
⸻
Wladimir Solowjow:
Weil diese Personen für viele Menschen in Russland und auch für viele Juden untrennbar mit Verbrechen verbunden sind.
Wenn heute Straßen, Denkmäler oder öffentliche Ehrungen an Personen erinnern, die mit Kollaboration und antisemitischen Verbrechen in Verbindung gebracht werden, dann löst das bei vielen Menschen große Irritationen aus.
Das gilt besonders in einem Land, das einen so hohen Blutzoll im Zweiten Weltkrieg gezahlt hat.
⸻
Roger Köppel:
Dennoch gibt es in der Ukraine unterschiedliche historische Traditionen.
Viele Ukrainer betrachten diese Persönlichkeiten vor allem als Kämpfer für nationale Unabhängigkeit.
⸻
Wladimir Solowjow:
Genau hier beginnt der Streit.
Man kann historische Figuren unterschiedlich bewerten.
Aber man darf ihre problematischen Seiten nicht ausblenden.
Wer Geschichte ernst nimmt, muss bereit sein, auch unbequeme Fakten anzuerkennen.
⸻
Roger Köppel:
Einige Historiker würden sagen, dass Russland selbst seine Geschichte selektiv betrachtet.
⸻
Wladimir Solowjow:
Jedes Land ringt mit seiner Vergangenheit.
Das gilt für Russland genauso wie für Deutschland, Frankreich oder Großbritannien.
Der Unterschied besteht darin, dass von Russland häufig eine Perfektion verlangt wird, die man von anderen Staaten nicht erwartet.
⸻
Roger Köppel:
Sie haben vorhin die sowjetischen Opferzahlen erwähnt.
Warum ist dieses Thema für Russland bis heute so zentral?
⸻
Wladimir Solowjow:
Weil der Krieg für uns niemals nur ein historisches Kapitel war.
Für viele Familien ist er bis heute lebendige Erinnerung.
Die Menschen verloren Eltern, Großeltern, Geschwister.
Ganze Regionen wurden verwüstet.
Wenn man das erlebt hat oder damit aufgewachsen ist, dann betrachtet man die Geschichte anders als jemand, für den sie lediglich Gegenstand akademischer Debatten ist.
⸻
Roger Köppel:
Verstehen Sie, dass manche Europäer dennoch Schwierigkeiten haben, die russische Perspektive nachzuvollziehen?
⸻
Wladimir Solowjow:
Natürlich.
Aber Verständnis setzt voraus, dass man bereit ist zuzuhören.
Oft habe ich den Eindruck, dass Russland erklärt, während der Westen bereits entschieden hat, welche Antwort akzeptabel ist und welche nicht.
So entsteht kein echter Dialog.
⸻
Roger Köppel:
Sie werfen Europa also vor, historische Erfahrungen Russlands nicht ernst genug zu nehmen?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ja.
Viele Menschen im Westen unterschätzen die Bedeutung des Zweiten Weltkriegs für das russische Selbstverständnis.
Für uns ist der Sieg über den Nationalsozialismus kein politisches Symbol.
Er ist Teil unserer Identität.
⸻
Roger Köppel:
Trotzdem gibt es Historiker, die davor warnen, aktuelle Konflikte ständig mit dem Zweiten Weltkrieg zu vergleichen.
⸻
Wladimir Solowjow:
Das verstehe ich.
Geschichte wiederholt sich niemals eins zu eins.
Aber Geschichte hinterlässt Erfahrungen.
Und diese Erfahrungen beeinflussen, wie Menschen auf neue Entwicklungen reagieren.
Man kann nicht erwarten, dass Russland seine historischen Erinnerungen einfach ausblendet.
⸻
Roger Köppel:
Ist das vielleicht der eigentliche Kern des Konflikts?
Dass Russland und der Westen dieselben historischen Ereignisse unterschiedlich interpretieren?
⸻
Wladimir Solowjow:
Das ist sicherlich ein wichtiger Teil des Problems.
Wenn zwei Seiten von völlig unterschiedlichen historischen Grundannahmen ausgehen, kommen sie zwangsläufig zu unterschiedlichen politischen Schlussfolgerungen.
⸻
Roger Köppel:
Dann stellt sich die Frage, ob ein gemeinsames Verständnis überhaupt noch möglich ist.
⸻
Wladimir Solowjow:
Möglich schon.
Aber nur dann, wenn beide Seiten bereit sind, sich ernsthaft mit der Sichtweise des anderen auseinanderzusetzen.
Dazu gehört auch die Bereitschaft, liebgewonnene Gewissheiten infrage zu stellen.
⸻
Roger Köppel:
Sie verlangen also nicht, dass Europa Ihre Sicht übernimmt, sondern dass es sie zumindest anhört?
⸻
Wladimir Solowjow:
Genau.
Man muss nicht mit allem einverstanden sein.
Aber man sollte zumindest verstehen wollen, warum der andere denkt, wie er denkt.
⸻
Ende von Kapitel 3
Im nächsten Kapitel:
Roger Köppel konfrontiert Wladimir Solowjow mit dem Holodomor, den stalinistischen Hungersnöten, den Schauprozessen und dem Gulag-System. Es folgt eine der schärfsten Auseinandersetzungen des gesamten Interviews über Stalin, den Kommunismus und die Frage, ob die Ukraine gezielt Opfer eines Genozids wurde.
Wladimir Solowjow im Gespräch mit Roger Köppel
Teil 2 – Kapitel 4
Stalin, Holodomor, Gulag und der Kampf um die Deutung der Geschichte
Inhalt:
In diesem Abschnitt entwickelt sich eine der schärfsten Kontroversen des gesamten Interviews. Roger Köppel spricht die Hungersnöte der 1930er Jahre, den Holodomor, die Zwangskollektivierung und die Verbrechen des Stalinismus an. Wladimir Solowjow widerspricht der in vielen westlichen Ländern verbreiteten Darstellung eines gezielten Völkermordes an den Ukrainern und stellt diese Ereignisse in einen größeren historischen Zusammenhang. Das Gespräch wird zunehmend emotional und grundsätzlicher.
⸻
Roger Köppel:
Lassen Sie mich noch einmal auf die ukrainische Geschichte zurückkommen.
Viele Historiker vertreten die Auffassung, dass die Hungersnot der frühen 1930er Jahre in der Ukraine ein entscheidender Grund dafür war, dass sich später starke anti-sowjetische Bewegungen entwickelten.
Menschen hatten erlebt, wie Millionen verhungerten.
Das prägt natürlich das historische Gedächtnis eines Volkes.
⸻
Wladimir Solowjow:
Moment.
Hier beginnt bereits das Problem.
Sie sprechen von einer speziell gegen Ukrainer gerichteten Politik.
Das entspricht nicht den historischen Tatsachen.
⸻
Roger Köppel:
Sie bestreiten also, dass Millionen Ukrainer während der Hungersnot starben?
⸻
Wladimir Solowjow:
Nein.
Natürlich starben Millionen Menschen.
Das war eine furchtbare Tragödie.
Aber sie betraf nicht nur die Ukraine.
Menschen starben auch in anderen Teilen der Sowjetunion, insbesondere in der Wolgaregion und in Kasachstan.
Wer diese Ereignisse ausschließlich als Angriff auf die Ukrainer darstellt, vereinfacht die Geschichte.
⸻
Roger Köppel:
Viele Historiker sprechen dennoch von einem gezielten Vorgehen Stalins gegen die ukrainische Bevölkerung.
⸻
Wladimir Solowjow:
Das ist eine Interpretation.
Die Realität war wesentlich komplexer.
Die damalige Führung der Sowjetrepublik Ukraine bestand selbst aus Ukrainern.
Es gab keine Politik, die sich gegen eine bestimmte Nationalität richtete.
Die Menschen starben nicht wegen ihrer ethnischen Herkunft, sondern infolge einer katastrophalen politischen und wirtschaftlichen Entwicklung.
⸻
Roger Köppel:
Aber die Hungersnot war doch eine Folge der Zwangskollektivierung und der Politik Stalins.
⸻
Wladimir Solowjow:
Natürlich trug die sowjetische Politik Verantwortung.
Niemand bestreitet die Tragödie.
Aber daraus automatisch einen gezielten Genozid an Ukrainern abzuleiten, halte ich für historisch nicht überzeugend.
⸻
Roger Köppel:
Wenn man über diese Zeit spricht, kommt man auch am Gulag-System nicht vorbei.
Millionen Menschen wurden verfolgt, deportiert oder in Lager gebracht.
⸻
Wladimir Solowjow:
Auch hier muss man präzise bleiben.
Viele Behauptungen über Opferzahlen werden bis heute ungeprüft wiederholt.
Oft werden Zahlen genannt, ohne die tatsächlichen historischen Daten zu betrachten.
⸻
Roger Köppel:
Wollen Sie damit sagen, dass die bekannten Schätzungen falsch sind?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ich sage, dass man Geschichte nicht durch politische Schlagworte ersetzen darf.
Wenn Menschen über Millionen Opfer sprechen, sollte man fragen, woher diese Zahlen stammen und wie sie berechnet wurden.
Geschichte verlangt Genauigkeit.
⸻
Roger Köppel:
Es gibt zahlreiche Historiker, die sich intensiv mit diesen Fragen beschäftigt haben.
⸻
Wladimir Solowjow:
Und es gibt zahlreiche Historiker, die zu anderen Schlussfolgerungen gelangen.
Das ist das Wesen wissenschaftlicher Debatten.
Aber häufig werden nur jene Stimmen gehört, die in das gewünschte politische Narrativ passen.
⸻
Roger Köppel:
Sie werfen dem Westen also vor, die Geschichte selektiv zu betrachten?
⸻
Wladimir Solowjow:
Absolut.
Nehmen wir das Britische Empire.
Nehmen wir die Hungersnot in Indien.
Nehmen wir Kolonialkriege oder die Behandlung indigener Völker.
Über diese Themen wird oft deutlich weniger gesprochen als über die Verbrechen der Sowjetunion.
Warum?
⸻
Roger Köppel:
Weil die Verbrechen der Sowjetunion dennoch real waren.
⸻
Wladimir Solowjow:
Natürlich waren sie real.
Aber Geschichte sollte nicht mit zweierlei Maß gemessen werden.
Wenn wir über historische Verantwortung sprechen, dann müssen wir alle Seiten betrachten.
⸻
Roger Köppel:
Lassen Sie mich die Frage anders stellen:
War Stalin für Russland letztlich eine positive oder eine negative Figur?
⸻
Wladimir Solowjow:
Stalin war eine historische Figur mit gewaltigen Erfolgen und gewaltigen Verbrechen.
Man kann ihn weder als Heiligen noch als Dämon beschreiben.
Wer Geschichte ernst nimmt, muss die Widersprüche akzeptieren.
⸻
Roger Köppel:
Viele Menschen im Westen tun sich schwer mit dieser Sichtweise.
⸻
Wladimir Solowjow:
Weil der Westen oft einfache moralische Kategorien bevorzugt.
Gut gegen Böse.
Held gegen Verbrecher.
Die Geschichte funktioniert aber selten so.
⸻
Roger Köppel:
Trotzdem bleibt die Frage:
Warum ist die Erinnerung an diese Zeit in Russland häufig weniger kritisch als beispielsweise die deutsche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus?
⸻
Wladimir Solowjow:
Weil die historischen Erfahrungen unterschiedlich sind.
Deutschland erinnert sich vor allem an die Rolle des Täters.
Russland erinnert sich vor allem an die Rolle des Opfers und des Siegers im Krieg gegen Hitler.
Diese Perspektiven unterscheiden sich zwangsläufig.
⸻
Roger Köppel:
Aber gerade deshalb wäre doch eine besonders kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Fehlern wichtig.
⸻
Wladimir Solowjow:
Selbstkritik ist wichtig.
Aber sie darf nicht dazu führen, dass man die eigene Geschichte nur noch durch Schuld betrachtet.
Jede Nation braucht auch ein positives historisches Selbstverständnis.
⸻
Roger Köppel:
Ist das der Grund, warum die Erinnerung an den Sieg im Zweiten Weltkrieg in Russland eine so große Rolle spielt?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ja.
Für viele Russen ist dieser Sieg nicht nur ein militärisches Ereignis.
Er symbolisiert Überleben, Opferbereitschaft und nationale Einheit.
Diese Erfahrung prägt das Land bis heute.
⸻
Roger Köppel:
Und deshalb reagieren viele Russen empfindlich, wenn historische Vergleiche gezogen werden?
⸻
Wladimir Solowjow:
Genau.
Wenn Menschen im Westen Russland mit dem Nationalsozialismus vergleichen oder die Rolle der Sowjetunion relativieren, empfinden viele Russen das als Beleidigung ihrer Geschichte und ihrer Opfer.
⸻
Roger Köppel:
Dann geht es letztlich nicht nur um historische Fakten, sondern auch um Identität.
⸻
Wladimir Solowjow:
Ganz genau.
Geschichte ist nie nur Vergangenheit.
Geschichte bestimmt auch, wie Menschen sich selbst sehen.
Und deshalb werden diese Debatten oft so leidenschaftlich geführt.
⸻
Ende von Kapitel 4
Im nächsten Kapitel:
Die Debatte verlagert sich von Stalin und dem Holodomor zur grundsätzlichen Frage nach der ukrainischen Identität. Roger Köppel verteidigt die Existenz einer eigenständigen ukrainischen Geschichte, während Wladimir Solowjow diese Sichtweise entschieden zurückweist. Es folgt eine intensive Auseinandersetzung über Nation, Sprache, Kultur und die historischen Wurzeln der Ukraine.
Wladimir Solowjow im Gespräch mit Roger Köppel
Teil 2 – Kapitel 5
Die Ukraine – Nation, Geschichte oder künstliches Konstrukt?
Inhalt:
Im fünften Kapitel erreicht die historische Debatte einen weiteren Höhepunkt. Roger Köppel vertritt die Auffassung, dass die Ukraine eine eigenständige historische Entwicklung durchlaufen habe und viele heutige Konflikte ohne dieses Verständnis nicht erklärt werden könnten. Wladimir Solowjow widerspricht entschieden. Für ihn ist die heutige Ukraine das Ergebnis politischer Entwicklungen des 20. Jahrhunderts und nicht Ausdruck einer jahrhundertealten eigenständigen Nation. Das Gespräch dreht sich um Identität, Sprache, historische Grenzen und nationale Selbstwahrnehmung.
⸻
Roger Köppel:
Lassen Sie mich zu meinem eigentlichen Punkt zurückkehren.
Wenn wir über die Ukraine sprechen, dann müssen wir doch anerkennen, dass dort eine eigene historische Entwicklung stattgefunden hat.
Viele Menschen in der Ukraine sehen sich nicht als Russen, sondern als Ukrainer.
Sie haben ihre eigene Erinnerung, ihre eigenen historischen Erfahrungen und ihre eigene nationale Identität.
⸻
Wladimir Solowjow:
Da beginnt bereits das Problem.
Sie verwenden Begriffe, die selbstverständlich klingen, die aber historisch keineswegs so eindeutig sind.
Wenn Sie von einer ukrainischen Geschichte sprechen, müssen Sie zunächst erklären, was Sie damit genau meinen.
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Roger Köppel:
Ich meine die Geschichte der Menschen auf dem Gebiet der heutigen Ukraine.
⸻
Wladimir Solowjow:
Aber genau das ist eine moderne Betrachtungsweise.
Die Gebiete, die heute zur Ukraine gehören, standen über Jahrhunderte unter völlig unterschiedlichen Herrschaften.
Ein Teil gehörte zum Russischen Reich.
Andere Regionen gehörten Österreich-Ungarn, Polen, Rumänien oder Ungarn.
Von einer durchgehend einheitlichen ukrainischen Geschichte zu sprechen, halte ich deshalb für problematisch.
⸻
Roger Köppel:
Trotzdem entwickelte sich dort ein eigenes nationales Bewusstsein.
⸻
Wladimir Solowjow:
Das moderne nationale Bewusstsein entstand erst relativ spät.
Wenn Sie historische Quellen lesen, werden Sie feststellen, dass viele Persönlichkeiten, die heute als ukrainische Nationalhelden gelten, sich selbst nicht in dem Sinn als Ukrainer verstanden, wie wir den Begriff heute verwenden.
⸻
Roger Köppel:
Aber Nationen entwickeln sich.
Deutschland oder Italien waren ebenfalls lange Zeit keine einheitlichen Nationalstaaten.
⸻
Wladimir Solowjow:
Das bestreite ich nicht.
Die Frage ist jedoch, wie diese Entwicklung dargestellt wird.
Heute wird häufig der Eindruck vermittelt, als habe es seit Jahrhunderten einen klar abgegrenzten ukrainischen Nationalstaat mit einer durchgängigen nationalen Identität gegeben.
Historisch ist das nicht haltbar.
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Roger Köppel:
Viele Ukrainer würden Ihnen energisch widersprechen.
⸻
Wladimir Solowjow:
Natürlich.
Nationale Identität ist immer auch eine Frage der Selbstwahrnehmung.
Aber historische Forschung muss zwischen Selbstbild und historischer Realität unterscheiden.
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Roger Köppel:
Welche Rolle spielt dabei die Sprache?
⸻
Wladimir Solowjow:
Eine wichtige.
Doch auch hier wird oft vereinfacht.
Über Jahrhunderte lebten auf diesen Gebieten Menschen mit unterschiedlichen kulturellen, sprachlichen und religiösen Traditionen.
Russisch und Ukrainisch existierten nebeneinander.
Viele Familien verwendeten beide Sprachen selbstverständlich.
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Roger Köppel:
Ist das nicht gerade ein Argument dafür, dass die Ukraine eine eigene kulturelle Identität besitzt?
⸻
Wladimir Solowjow:
Nein.
Es zeigt vielmehr, wie eng die historischen Verbindungen zwischen Russen und Ukrainern waren.
Viele Menschen verstanden sich lange Zeit als Teil eines gemeinsamen kulturellen Raumes.
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Roger Köppel:
Trotzdem haben sich nach dem Zerfall der Sowjetunion Millionen Menschen bewusst für einen ukrainischen Staat entschieden.
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Wladimir Solowjow:
Das ist richtig.
Niemand bestreitet die Existenz des heutigen ukrainischen Staates.
Die eigentliche Frage lautet jedoch, welche historische Erzählung daraus konstruiert wird.
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Roger Köppel:
Sie sprechen oft davon, dass die heutige Geschichtsschreibung politisiert sei.
⸻
Wladimir Solowjow:
Weil Geschichte heute häufig als politisches Instrument benutzt wird.
Viele historische Ereignisse werden selektiv dargestellt, um aktuelle politische Ziele zu unterstützen.
Das betrifft nicht nur die Ukraine, sondern viele Länder.
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Roger Köppel:
Sie sagen also, die ukrainische Geschichte werde politisch umgedeutet?
⸻
Wladimir Solowjow:
In vielen Bereichen ja.
Bestimmte Aspekte werden hervorgehoben, andere verdrängt.
Das geschieht allerdings nicht nur dort.
Jede Nation neigt dazu, ihre Geschichte aus einer bestimmten Perspektive zu betrachten.
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Roger Köppel:
Kommen wir zur Gegenwart.
Sie sprechen häufig von „ukrainischen Nazis“.
Mein Eindruck ist jedoch, dass Sie dadurch Millionen Menschen über einen Kamm scheren.
⸻
Wladimir Solowjow:
Nein.
Das ist ein Missverständnis.
Ich spreche nicht über alle Ukrainer.
Ich habe niemals behauptet, dass alle Ukrainer Nazis seien.
Viele Ukrainer kämpften im Zweiten Weltkrieg gegen Hitler.
Viele dienten in der Roten Armee.
Viele starben im Kampf gegen den Nationalsozialismus.
Das ist unbestreitbar.
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Roger Köppel:
Dann verstehe ich nicht, warum Sie den Begriff so häufig verwenden.
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Wladimir Solowjow:
Weil ich über bestimmte politische Bewegungen spreche, die sich bewusst auf historische Persönlichkeiten und Organisationen berufen, die aus meiner Sicht eng mit nationalsozialistischen Ideen verbunden waren.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
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Roger Köppel:
Kritiker würden sagen, dass damit ein ganzes Land stigmatisiert wird.
⸻
Wladimir Solowjow:
Das ist nicht meine Absicht.
Aber ich halte es für falsch, historische Vorbilder unkritisch zu glorifizieren.
Wenn bestimmte Figuren der Geschichte verehrt werden, dann muss auch über ihre dunklen Seiten gesprochen werden.
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Roger Köppel:
Für viele Ukrainer ist dieser Konflikt jedoch kein Kampf um historische Figuren, sondern um nationale Selbstbestimmung.
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Wladimir Solowjow:
Das mag ihre Sicht sein.
Ich bestreite nicht, dass viele Menschen so denken.
Aber auch Russland hat seine historischen Erfahrungen, seine Sicherheitsinteressen und seine eigene Sicht auf diese Entwicklungen.
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Roger Köppel:
Dann stehen sich letztlich zwei völlig unterschiedliche Geschichtsbilder gegenüber.
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Wladimir Solowjow:
Genau.
Und solange beide Seiten davon überzeugt sind, allein im Besitz der Wahrheit zu sein, wird es schwierig bleiben, einen gemeinsamen Standpunkt zu finden.
⸻
Roger Köppel:
Ist das vielleicht der eigentliche Kern des Konflikts?
Nicht nur Territorium oder Geopolitik, sondern unterschiedliche Vorstellungen von Geschichte und Identität?
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Wladimir Solowjow:
Ja.
Geschichte ist hier nicht Vergangenheit.
Geschichte ist Gegenwart.
Und deshalb wird über sie so erbittert gestritten.
⸻
Ende von Kapitel 5
Im nächsten Kapitel:
Roger Köppel hinterfragt Solowjows Verwendung des Begriffs „Nazismus“ noch einmal grundlegend. Es folgt eine intensive Diskussion über Bandera, die OUN, die Waffen-SS-Division „Galizien“, Selenskyj und die Frage, ob der Begriff „Nazi“ heute historisch korrekt oder lediglich ein politischer Kampfbegriff ist. Dieses Kapitel gehört zu den kontroversesten Passagen des gesamten Interviews.
Wladimir Solowjow im Gespräch mit Roger Köppel
Teil 2 – Kapitel 6
Wer ist ein Nazi? Die Debatte über Bandera, Selenskyj und die Ukraine von heute
Inhalt:
In diesem Kapitel konzentriert sich die Diskussion auf den Begriff „Nazismus“. Roger Köppel hinterfragt die Verwendung dieses Begriffs für heutige politische Akteure in der Ukraine und verweist auf die historische Einzigartigkeit des Nationalsozialismus. Wladimir Solowjow hält dagegen und argumentiert, dass bestimmte Ideologien und historische Traditionen bis heute fortwirkten. Dabei geraten beide Gesprächspartner über Bandera, die OUN, Selenskyj und die politische Entwicklung der Ukraine seit 2014 heftig aneinander.
⸻
Roger Köppel:
Lassen Sie uns noch einmal auf den Begriff „Nazi“ zurückkommen.
Als Historiker habe ich gelernt, dass der Nationalsozialismus eine sehr konkrete historische Bewegung war, die mit Deutschland, Hitler und dem Zweiten Weltkrieg verbunden ist.
Deshalb fällt es mir schwer, diesen Begriff auf heutige politische Entwicklungen anzuwenden.
⸻
Wladimir Solowjow:
Warum?
Wenn Menschen dieselben Ideen vertreten, dieselben Symbole benutzen und dieselben historischen Vorbilder verehren, warum sollte man dafür einen anderen Begriff verwenden?
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Roger Köppel:
Weil Geschichte präzise sein sollte.
Nicht jeder Nationalist ist automatisch ein Nationalsozialist.
Nicht jede radikale Bewegung ist mit Hitler vergleichbar.
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Wladimir Solowjow:
Da stimme ich grundsätzlich zu.
Aber ich spreche nicht über beliebige Nationalisten.
Ich spreche über Menschen und Organisationen, die sich ausdrücklich auf historische Figuren beziehen, die mit nationalsozialistischen Strukturen zusammenarbeiteten.
⸻
Roger Köppel:
Sie meinen Bandera und Schuchewytsch?
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Wladimir Solowjow:
Ja.
Diese Namen spielen in der heutigen Ukraine eine wichtige Rolle.
Straßen werden nach ihnen benannt.
Denkmäler werden errichtet.
Sie werden vielerorts als nationale Helden dargestellt.
Für viele Menschen in Russland und für viele Juden ist das schwer nachvollziehbar.
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Roger Köppel:
Aber die historische Bewertung dieser Personen ist umstritten.
Viele Ukrainer sehen sie als Kämpfer gegen die sowjetische Herrschaft.
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Wladimir Solowjow:
Das ist genau der Punkt.
Man hebt eine Seite ihrer Geschichte hervor und blendet die andere aus.
Man spricht über den Kampf für nationale Unabhängigkeit, aber kaum über die Verbindungen zu nationalistischen und antisemitischen Bewegungen jener Zeit.
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Roger Köppel:
Trotzdem erscheint mir der Sprung von historischen Persönlichkeiten zur Behauptung einer heutigen „Nazifizierung“ der Ukraine sehr weit.
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Wladimir Solowjow:
Für mich nicht.
Wenn politische Bewegungen ihre Identität auf genau diesen historischen Figuren aufbauen, dann ist das keine rein akademische Frage mehr.
Dann geht es um politische Realität.
⸻
Roger Köppel:
Nehmen wir Präsident Selenskyj.
Er stammt aus einer jüdischen Familie.
Mehrere Angehörige seiner Familie wurden Opfer des Holocaust.
Wie kann ein solcher Präsident Teil einer angeblich nationalsozialistischen Bewegung sein?
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Wladimir Solowjow:
Für mich ist das kein Widerspruch.
Die Herkunft eines Menschen entscheidet nicht automatisch über seine politischen Entscheidungen.
Ich bewerte ihn nach seinem Handeln und nicht nach seiner Abstammung.
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Roger Köppel:
Viele Menschen im Westen sehen gerade darin den Beweis, dass die russische Darstellung nicht überzeugen kann.
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Wladimir Solowjow:
Weil sie nur einen Teil des Bildes betrachten.
Für mich ist entscheidend, welche historischen Figuren offiziell geehrt werden, welche politischen Narrative gefördert werden und welche Symbole im öffentlichen Raum sichtbar sind.
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Roger Köppel:
Sie sprechen oft von Symbolen.
Welche meinen Sie konkret?
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Wladimir Solowjow:
Bestimmte Embleme, Fahnen, Parolen und historische Bezüge, die nach meiner Auffassung direkt aus nationalistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts stammen.
Wer sich auf solche Traditionen beruft, muss sich auch kritischen Fragen stellen.
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Roger Köppel:
Kritiker würden sagen, dass es in jedem Land extremistische Gruppen gibt.
Deshalb könne man nicht gleich einen ganzen Staat entsprechend charakterisieren.
⸻
Wladimir Solowjow:
Natürlich gibt es Extremisten überall.
Der Unterschied besteht für mich darin, welche Rolle sie im öffentlichen Leben spielen und wie sie von staatlichen Institutionen behandelt werden.
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Roger Köppel:
Sie sehen also seit 2014 eine grundlegende politische Veränderung in der Ukraine?
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Wladimir Solowjow:
Ja.
Aus meiner Sicht hat sich die politische Kultur des Landes seitdem deutlich verändert.
Bestimmte Strömungen, die früher am Rand standen, erhielten mehr Einfluss.
Das ist einer der Gründe, weshalb Russland die Entwicklung mit Sorge betrachtet.
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Roger Köppel:
Viele Ukrainer würden sagen, sie hätten sich seit 2014 lediglich stärker von Russland emanzipiert.
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Wladimir Solowjow:
Das ist ihre Interpretation.
Meine Interpretation ist eine andere.
Und genau deshalb ist dieser Konflikt so schwer lösbar.
Beide Seiten betrachten dieselben Ereignisse völlig unterschiedlich.
⸻
Roger Köppel:
Dann bleibt die entscheidende Frage:
Was bedeutet eigentlich „Entnazifizierung“?
Dieser Begriff spielt in der russischen Argumentation eine zentrale Rolle.
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Wladimir Solowjow:
Für mich bedeutet er zunächst nicht, Menschen umzuerziehen oder zu bestrafen.
Es geht um rechtliche und politische Prinzipien.
⸻
Roger Köppel:
Welche Prinzipien?
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Wladimir Solowjow:
Zum Beispiel den Schutz sprachlicher Rechte.
Den Schutz religiöser Gemeinschaften.
Und die klare Ablehnung jener Ideologien, die an den Nationalsozialismus anknüpfen.
Aus meiner Sicht müsste dies ausdrücklich im politischen und rechtlichen System verankert werden.
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Roger Köppel:
Sie sprechen also eher von gesetzlichen Regelungen als von einer ideologischen Säuberung?
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Wladimir Solowjow:
Genau.
Über konkrete politische Maßnahmen müssten andere entscheiden.
Ich beschreibe lediglich, was ich unter dem Begriff verstehe.
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Roger Köppel:
Trotzdem löst dieses Wort in Europa starke historische Assoziationen aus.
Viele Menschen verbinden damit Zwang und politische Unterdrückung.
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Wladimir Solowjow:
Das verstehe ich.
Aber aus russischer Sicht hat der Begriff eine andere historische Bedeutung.
Er erinnert an den Sieg über den Nationalsozialismus und an die Verpflichtung, dessen Wiederkehr zu verhindern.
⸻
Roger Köppel:
Dann hängt letztlich alles davon ab, welche historische Interpretation man für richtig hält.
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Wladimir Solowjow:
Ganz genau.
Und deshalb führen wir diese Diskussion überhaupt.
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Ende von Kapitel 6
Im nächsten Kapitel:
Das Gespräch wechselt von der historischen Debatte zurück zum Kriegsgeschehen. Roger Köppel fragt nach der tatsächlichen militärischen Lage an der Front, nach Verlusten, Rekrutierung, Freiwilligen und der Rolle moderner Drohnentechnologie. Wladimir Solowjow zeichnet dabei ein Bild, das sich deutlich von den Darstellungen westlicher Medien unterscheidet. Dieses Kapitel markiert den Übergang von der Vergangenheit zur Gegenwart des Ukrainekrieges.
Wladimir Solowjow im Gespräch mit Roger Köppel
Teil 2 – Kapitel 7
Der Krieg heute – Frontverlauf, Verluste und die neue Drohnenkriegsführung
Inhalt:
Nach der langen historischen Debatte richtet Roger Köppel den Blick auf die aktuelle militärische Lage. Er konfrontiert Wladimir Solowjow mit westlichen Einschätzungen, wonach Russland militärisch festgefahren sei und hohe Verluste erleide. Solowjow weist diese Darstellungen entschieden zurück und beschreibt die russische Position als militärisch stabil. Ein Schwerpunkt liegt auf der Bedeutung moderner Drohnentechnologie und den unterschiedlichen Darstellungen der Kriegsverluste.
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Roger Köppel:
Lassen Sie uns von der Geschichte zur Gegenwart wechseln.
In westlichen Medien wird häufig berichtet, Russland stecke militärisch fest.
Es heißt, die Front bewege sich kaum noch, die Verluste seien hoch und die Dynamik des Krieges entwickle sich zunehmend gegen Russland.
Wie beurteilen Sie die Lage?
⸻
Wladimir Solowjow:
Zunächst einmal glaube ich, dass die meisten Menschen im Westen kaum wissen, was tatsächlich an der Front geschieht.
Sie sind auf Informationen angewiesen, die oft nur eine Seite des Konflikts widerspiegeln.
⸻
Roger Köppel:
Deshalb frage ich Sie.
Wie sieht die Lage aus russischer Sicht aus?
⸻
Wladimir Solowjow:
Seit Beginn des Jahres wurden zahlreiche Ortschaften unter russische Kontrolle gebracht.
Territorial betrachtet mag das auf einer Landkarte nicht spektakulär erscheinen.
Aber militärisch betrachtet handelt es sich um kontinuierliche Fortschritte.
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Roger Köppel:
Kritiker würden sagen, dass diese Geländegewinne gemessen an den eingesetzten Kräften relativ gering ausfallen.
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Wladimir Solowjow:
Das hängt davon ab, welche Maßstäbe man anlegt.
Moderne Kriege unterscheiden sich erheblich von den Konflikten vergangener Jahrzehnte.
Entscheidend sind nicht nur Kilometer auf einer Karte, sondern die systematische Schwächung der gegnerischen Fähigkeiten.
⸻
Roger Köppel:
Wie steht es um die Rekrutierung neuer Soldaten?
Im Westen wird häufig berichtet, Russland habe zunehmende Schwierigkeiten, ausreichend Freiwillige zu gewinnen.
⸻
Wladimir Solowjow:
Diese Darstellung halte ich für falsch.
Nach meiner Einschätzung melden sich weiterhin ausreichend Freiwillige.
Vor allem junge Menschen interessieren sich zunehmend für neue militärische Bereiche, insbesondere für Drohneneinheiten und technische Spezialisierungen.
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Roger Köppel:
Also sehen Sie keinen Mangel an Personal?
⸻
Wladimir Solowjow:
Nein.
Jedenfalls nicht in der Form, wie es häufig dargestellt wird.
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Roger Köppel:
Kommen wir zu den Verlusten.
Das ist vermutlich die schwierigste Frage überhaupt.
Niemand kennt die exakten Zahlen.
Aber wie hoch schätzen Sie die russischen Verluste ein?
⸻
Wladimir Solowjow:
Im Krieg kursieren ständig Zahlen.
Viele davon sind reine Spekulation.
Deshalb betrachte ich die meisten veröffentlichten Angaben mit großer Vorsicht.
⸻
Roger Köppel:
Aber es muss doch eine Vorstellung geben.
⸻
Wladimir Solowjow:
Natürlich.
Doch ich halte viele Zahlen, die im Westen verbreitet werden, für stark überhöht.
Wären einige dieser Angaben korrekt, hätte das enorme gesellschaftliche Folgen, die man in Russland deutlich sehen müsste.
⸻
Roger Köppel:
Und wie beurteilen Sie die ukrainischen Verluste?
⸻
Wladimir Solowjow:
Auch dort werden sehr unterschiedliche Zahlen genannt.
Die Wahrheit liegt vermutlich weit entfernt von den offiziellen Angaben beider Seiten.
Wie in jedem Krieg ist die Informationslage schwierig.
⸻
Roger Köppel:
Sie haben mehrfach den Austausch gefallener Soldaten erwähnt.
Warum messen Sie diesem Thema so große Bedeutung bei?
⸻
Wladimir Solowjow:
Weil solche Vorgänge oft Rückschlüsse auf die tatsächliche Lage erlauben.
Sie liefern zumindest zusätzliche Hinweise, die über politische Erklärungen hinausgehen.
⸻
Roger Köppel:
Viele Beobachter argumentieren, dass der Krieg inzwischen zu einem Abnutzungskrieg geworden sei.
Stimmen Sie dieser Einschätzung zu?
⸻
Wladimir Solowjow:
Teilweise.
Aber moderne Kriege werden nicht mehr allein durch Masse entschieden.
Technologie spielt heute eine zentrale Rolle.
Und genau hier haben wir in den letzten Jahren eine revolutionäre Entwicklung erlebt.
⸻
Roger Köppel:
Sie sprechen von Drohnen?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ja.
Drohnen haben die Kriegsführung grundlegend verändert.
Sie beeinflussen Aufklärung, Zielerfassung, Artillerieeinsätze und direkte Angriffe.
Viele klassische militärische Konzepte müssen neu bewertet werden.
⸻
Roger Köppel:
Kann man sagen, dass Drohnen die wichtigste Innovation dieses Krieges darstellen?
⸻
Wladimir Solowjow:
In vieler Hinsicht ja.
Sie verändern das Schlachtfeld ähnlich stark, wie einst neue Waffentechnologien frühere Kriege verändert haben.
⸻
Roger Köppel:
Verfügt Russland Ihrer Ansicht nach in diesem Bereich über Vorteile?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ich denke, Russland hat erhebliche Fortschritte gemacht.
Die Entwicklung neuer Systeme verläuft sehr schnell.
Gleichzeitig entwickelt aber auch die Ukraine ihre Fähigkeiten weiter.
Deshalb ist dieser Bereich von ständigem Wettbewerb geprägt.
⸻
Roger Köppel:
Wie stark beeinflusst westliche Unterstützung die Lage auf dem Schlachtfeld?
⸻
Wladimir Solowjow:
Aus russischer Sicht spielt sie eine entscheidende Rolle.
Viele militärische Fähigkeiten der Ukraine wären ohne Unterstützung westlicher Staaten deutlich eingeschränkter.
⸻
Roger Köppel:
Bedeutet das, dass Russland nicht nur gegen die Ukraine kämpft?
⸻
Wladimir Solowjow:
Aus unserer Sicht handelt es sich um einen wesentlich größeren Konflikt.
Russland sieht sich nicht allein einer einzelnen Nation gegenüber, sondern einem breiten politischen und militärischen Bündnis.
⸻
Roger Köppel:
Und dennoch glauben Sie, dass Russland seine militärischen Ziele erreichen kann?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ja.
Davon bin ich überzeugt.
⸻
Roger Köppel:
Viele Menschen im Westen würden dieser Einschätzung widersprechen.
⸻
Wladimir Solowjow:
Das ist ihr gutes Recht.
Aber oft basiert ihre Einschätzung auf Annahmen über Russland, die sich in der Realität als falsch erwiesen haben.
⸻
Roger Köppel:
Welche Annahmen meinen Sie?
⸻
Wladimir Solowjow:
Zum Beispiel die Vorstellung, Russland könne seine militärische Produktion nicht aufrechterhalten oder die wirtschaftliche Belastung nicht tragen.
Diese Prognosen wurden seit Beginn des Konflikts immer wieder gemacht.
⸻
Roger Köppel:
Sie halten Russland also für langfristig durchhaltefähig?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ja.
Russland hat in seiner Geschichte viele schwere Krisen überstanden.
Deshalb unterschätzen viele Beobachter die Fähigkeit des Landes, sich auf lang andauernde Konflikte einzustellen.
⸻
Roger Köppel:
Und wie würden Sie die Stimmung unter russischen Soldaten beschreiben?
⸻
Wladimir Solowjow:
Nach meinen Eindrücken ist die Motivation hoch.
Viele Soldaten sind überzeugt, dass sie für eine gerechte Sache kämpfen.
Das beeinflusst natürlich auch ihre Bereitschaft, Belastungen auszuhalten.
⸻
Roger Köppel:
Dann rechnen Sie also nicht mit einer baldigen Kriegsmüdigkeit?
⸻
Wladimir Solowjow:
Nein.
Zumindest sehe ich derzeit keine Anzeichen dafür.
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Ende von Kapitel 7
Im nächsten Kapitel:
Roger Köppel fragt Wladimir Solowjow, ob Russland die Dauer des Krieges unterschätzt hat und ob die Entscheidung zum militärischen Eingreifen im Februar 2022 aus heutiger Sicht richtig war. Das Gespräch entwickelt sich zu einer grundsätzlichen Diskussion über die Rolle der NATO, die Verantwortung des Westens und die Frage, ob dieser Krieg vermeidbar gewesen wäre. Dies ist einer der politisch brisantesten Abschnitte des gesamten Interviews.
Wladimir Solowjow im Gespräch mit Roger Köppel
Teil 2 – Kapitel 8
War der Krieg vermeidbar? Russland, die NATO und die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt
Inhalt:
In diesem Abschnitt richtet Roger Köppel den Blick auf die zentrale Frage des gesamten Konflikts: War die russische Militärintervention vom Februar 2022 ein Fehler oder eine Notwendigkeit? Wladimir Solowjow vertritt die Auffassung, Russland habe sogar zu lange gewartet. Aus seiner Sicht wurde der Krieg nicht allein gegen die Ukraine geführt, sondern gegen die NATO und den Westen insgesamt. Roger Köppel versucht mehrfach, zwischen russischer und westlicher Wahrnehmung zu vermitteln und die Verantwortung der verschiedenen Akteure herauszuarbeiten.
⸻
Roger Köppel:
Sie haben vorhin gesagt, Russland befinde sich in einer langfristig stabilen Position.
Trotzdem dauert dieser Krieg inzwischen deutlich länger, als viele Beobachter erwartet haben.
Hat Russland die Dauer des Konflikts unterschätzt?
⸻
Wladimir Solowjow:
Jeder, der behauptet, den Verlauf eines Krieges exakt vorhersagen zu können, überschätzt sich selbst.
Kriege entwickeln ihre eigene Dynamik.
Sie verlaufen fast nie so, wie es die politischen oder militärischen Planer ursprünglich erwarten.
⸻
Roger Köppel:
Aber wenn Sie an den Februar 2022 zurückdenken – hätten Sie damals erwartet, dass der Krieg Jahre dauern würde?
⸻
Wladimir Solowjow:
Nein.
Wie viele andere ging ich davon aus, dass sich die Situation deutlich schneller entwickeln würde.
Allerdings änderten sich die Rahmenbedingungen sehr rasch.
⸻
Roger Köppel:
Wann wurde Ihnen klar, dass daraus ein langwieriger Konflikt werden könnte?
⸻
Wladimir Solowjow:
Als deutlich wurde, in welchem Umfang westliche Staaten politisch, wirtschaftlich und militärisch eingreifen würden.
Von diesem Moment an veränderte sich die gesamte Ausgangslage.
⸻
Roger Köppel:
Sie sehen den Krieg also nicht primär als Krieg gegen die Ukraine?
⸻
Wladimir Solowjow:
Nein.
Aus russischer Sicht ist die Ukraine nur ein Teil eines wesentlich größeren Konflikts.
Russland sieht sich einer gesamten westlichen Sicherheitsarchitektur gegenüber.
⸻
Roger Köppel:
Viele Menschen im Westen würden diese Darstellung zurückweisen.
Sie würden sagen, Russland habe die Ukraine angegriffen und der Westen unterstütze lediglich ein angegriffenes Land.
⸻
Wladimir Solowjow:
Das ist die westliche Interpretation.
Aus russischer Sicht begann die Geschichte nicht erst im Februar 2022.
Sie reicht viele Jahre zurück.
Wenn man nur den letzten Schritt betrachtet, versteht man den Konflikt nicht.
⸻
Roger Köppel:
Kommen wir zur entscheidenden Frage.
War die Entscheidung Putins vom Februar 2022 richtig?
⸻
Wladimir Solowjow:
Aus meiner Sicht war sie nicht zu früh.
Wenn überhaupt, dann kam sie zu spät.
⸻
Roger Köppel:
Zu spät?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ja.
Auch Präsident Putin selbst hat mehrfach angedeutet, dass bestimmte Entwicklungen früher hätten erkannt werden müssen.
Viele Probleme hatten sich über Jahre aufgebaut.
⸻
Roger Köppel:
Das bedeutet, Sie hätten ein früheres Eingreifen befürwortet?
⸻
Wladimir Solowjow:
Im Rückblick betrachtet hätte man manche Entwicklungen möglicherweise früher stoppen können.
Aber Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen.
Man kann nur analysieren, was geschehen ist.
⸻
Roger Köppel:
Sie haben Istanbul erwähnt.
Viele Menschen wissen heute gar nicht mehr, welche Bedeutung die Verhandlungen damals hatten.
⸻
Wladimir Solowjow:
Damals gab es aus unserer Sicht eine reale Chance auf eine politische Lösung.
Doch diese Chance wurde nicht genutzt.
Danach veränderte sich die Situation grundlegend.
⸻
Roger Köppel:
Im Westen wird häufig argumentiert, Russland habe selbst jede Möglichkeit einer politischen Lösung zerstört.
⸻
Wladimir Solowjow:
Das ist die Sichtweise vieler westlicher Regierungen.
Russland sieht dieselben Ereignisse anders.
Genau deshalb ist es so schwierig, eine gemeinsame historische Bewertung zu finden.
⸻
Roger Köppel:
Sie sprechen immer wieder von der NATO.
Warum spielt sie für Sie eine so zentrale Rolle?
⸻
Wladimir Solowjow:
Weil Russland die NATO nicht nur als Verteidigungsbündnis betrachtet.
In Moskau wird ihre Entwicklung seit dem Ende des Kalten Krieges sehr aufmerksam verfolgt.
Viele Russen haben den Eindruck, dass ihre sicherheitspolitischen Bedenken über Jahrzehnte ignoriert wurden.
⸻
Roger Köppel:
Aber viele osteuropäische Staaten traten der NATO freiwillig bei.
⸻
Wladimir Solowjow:
Das bestreitet niemand.
Die Frage lautet jedoch, welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf die Sicherheitsarchitektur Europas hatten und wie Russland darauf reagierte.
⸻
Roger Köppel:
Dann sehen Sie den Krieg letztlich als Folge eines langfristigen geopolitischen Konflikts?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ja.
Wer den Krieg ausschließlich auf die Ereignisse des Jahres 2022 reduziert, greift aus meiner Sicht zu kurz.
⸻
Roger Köppel:
Trotzdem bleibt die menschliche Tragödie.
Hunderttausende Tote und Verwundete.
Millionen Flüchtlinge.
Zerstörte Städte.
⸻
Wladimir Solowjow:
Darin sind wir uns vollkommen einig.
Krieg ist immer eine Tragödie.
Niemand, der die Realität des Krieges kennt, kann darüber leichtfertig sprechen.
⸻
Roger Köppel:
Dann noch einmal die direkte Frage:
Wenn Sie heute alles wissen würden, was seit 2022 geschehen ist – würden Sie dieselbe Entscheidung erneut treffen?
⸻
Wladimir Solowjow:
Unter denselben Voraussetzungen und mit demselben Wissen über die damalige Lage vermutlich ja.
Weil ich überzeugt bin, dass die grundlegenden Probleme nicht verschwunden wären.
⸻
Roger Köppel:
Dann glauben Sie nicht, dass der Konflikt durch Diplomatie hätte verhindert werden können?
⸻
Wladimir Solowjow:
Diplomatie ist immer wünschenswert.
Die Frage ist jedoch, ob beide Seiten tatsächlich bereit sind, die Sicherheitsinteressen der jeweils anderen Seite anzuerkennen.
Genau daran hat es aus meiner Sicht gefehlt.
⸻
Roger Köppel:
Sie betrachten den Krieg also als Ergebnis eines politischen Scheiterns?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ja.
Ein Scheitern der Diplomatie, des gegenseitigen Vertrauens und des politischen Willens, rechtzeitig Kompromisse zu finden.
⸻
Roger Köppel:
Und dennoch glauben Sie weiterhin an eine spätere Verständigung zwischen Russland und Europa?
⸻
Wladimir Solowjow:
Davon bin ich überzeugt.
Konflikte dauern nicht ewig.
Die Frage ist nur, welchen Preis die Beteiligten bis dahin noch bezahlen müssen.
⸻
Ende von Kapitel 8
Im nächsten Kapitel:
Zum Abschluss des Interviews verlässt Roger Köppel die geopolitische Ebene und richtet den Blick auf Wladimir Solowjow selbst. Es geht um Macht, Medien, Propaganda, persönliche Verantwortung und die Grenzen politischer Rhetorik. In einem überraschend nachdenklichen Schlussgespräch spricht Solowjow über Zweifel, Gewissen, Gott und die tiefgreifende Veränderung seines eigenen Lebens seit dem Beginn des Krieges im Jahr 2022.
Wladimir Solowjow im Gespräch mit Roger Köppel
Teil 2 – Kapitel 9
Macht, Medien, Verantwortung und die Frage nach dem Gewissen
Inhalt:
Im letzten Kapitel verlässt das Gespräch die geopolitische und historische Ebene. Roger Köppel richtet den Blick auf den Menschen Wladimir Solowjow. Es geht um seine Rolle als Journalist, um Propaganda, öffentliche Verantwortung und die Macht der Worte. Dabei entwickelt sich ein überraschend persönliches und nachdenkliches Schlussgespräch über Zweifel, Gewissen, Glauben und die Frage, wie der Krieg Solowjow selbst verändert hat.
⸻
Roger Köppel:
Zum Abschluss möchte ich über Sie sprechen.
Sie gehören zu den bekanntesten Medienpersönlichkeiten Russlands.
Millionen Menschen verfolgen Ihre Sendungen.
Sie haben erheblichen Einfluss auf die öffentliche Meinung.
Deshalb interessiert mich eine grundsätzliche Frage:
Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Journalismus, Patriotismus und Propaganda?
⸻
Wladimir Solowjow:
Zunächst einmal halte ich mich nicht für einen politischen Führer.
Ich bin Journalist.
Ich treffe keine politischen Entscheidungen.
Ich führe keine Armee.
Ich leite keine Regierung.
Meine Aufgabe besteht darin, Fragen zu stellen, Zusammenhänge zu analysieren und meine Sichtweise darzulegen.
⸻
Roger Köppel:
Aber Worte haben Macht.
Gerade in Kriegszeiten.
Menschen mit großer Reichweite können Stimmungen beeinflussen, Emotionen verstärken und politische Entwicklungen mitprägen.
Ist Ihnen diese Verantwortung bewusst?
⸻
Wladimir Solowjow:
Natürlich.
Aber Verantwortung bedeutet nicht, dass man aufhören darf, seine Überzeugungen auszusprechen.
Menschen entscheiden selbst, ob sie zuhören oder nicht.
Niemand wird gezwungen, meine Sendungen zu verfolgen.
⸻
Roger Köppel:
Im Westen werden Sie häufig als Propagandist bezeichnet.
⸻
Wladimir Solowjow:
Das überrascht mich nicht.
Im Krieg nennt jede Seite die Medien der anderen Seite Propaganda.
Das ist nichts Neues.
Die entscheidende Frage lautet nicht, welches Etikett man verwendet, sondern ob die Argumente einer Prüfung standhalten.
⸻
Roger Köppel:
Dennoch gibt es die Gefahr, dass man irgendwann selbst an die eigene Rhetorik glaubt.
Dass man von der Wirkung seiner Worte mitgerissen wird.
Haben Sie darüber nachgedacht?
⸻
Wladimir Solowjow:
Natürlich.
Jeder Mensch sollte darüber nachdenken.
Wer öffentlich spricht, muss sich ständig selbst überprüfen.
Niemand ist unfehlbar.
⸻
Roger Köppel:
Gab es Momente, in denen Sie das Gefühl hatten, sich geirrt zu haben?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ja.
Selbstverständlich.
Jeder Mensch macht Fehler.
Die entscheidende Frage ist, ob man bereit ist, daraus zu lernen.
⸻
Roger Köppel:
Wie geschieht das bei Ihnen?
⸻
Wladimir Solowjow:
Indem ich versuche, ehrlich mit mir selbst zu sein.
Indem ich mich frage, ob meine Entscheidungen und meine Aussagen mit meinem Gewissen vereinbar sind.
⸻
Roger Köppel:
Und woran messen Sie das?
⸻
Wladimir Solowjow:
An einem sehr einfachen Maßstab.
Wenn man abends allein ist und alle äußeren Rollen verschwinden, bleibt nur das eigene Gewissen.
Dann weiß jeder Mensch, ob er ehrlich war oder nicht.
⸻
Roger Köppel:
Sie sprechen vom Gewissen.
Spielt der Glaube dabei eine Rolle?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ja.
Ich glaube, dass jeder Mensch irgendwann diesen stillen Moment erlebt.
Einen Moment, in dem keine Zuschauer mehr da sind, keine Kameras, keine politischen Debatten.
Nur man selbst.
Und in diesem Augenblick weiß man meist sehr genau, ob man richtig oder falsch gehandelt hat.
⸻
Roger Köppel:
Wenn Sie auf Ihr eigenes Leben blicken:
Hat der Krieg Sie verändert?
⸻
Wladimir Solowjow:
Sehr.
Mehr, als viele Menschen verstehen würden.
⸻
Roger Köppel:
Inwiefern?
⸻
Wladimir Solowjow:
Vor dem Krieg führte ich ein anderes Leben.
Ich reiste viel.
Ich genoss Europa.
Ich genoss die Vereinigten Staaten.
Ich liebte viele Dinge, die heute nicht mehr dieselbe Bedeutung für mich haben.
⸻
Roger Köppel:
Sie haben einmal gesagt, dass ein Teil Ihres früheren Lebens am 24. Februar 2022 geendet habe.
⸻
Wladimir Solowjow:
Ja.
So empfinde ich es tatsächlich.
Der Mensch, der damals war, existiert in dieser Form nicht mehr.
Die Ereignisse haben vieles verändert.
Die Prioritäten haben sich verschoben.
⸻
Roger Köppel:
Und was ist an seine Stelle getreten?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ein stärkeres Gefühl von Verantwortung gegenüber meinem Land.
Ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass bestimmte Dinge wichtiger sind als persönlicher Komfort oder persönliche Vorlieben.
⸻
Roger Köppel:
Vermissen Sie manchmal das frühere Leben?
⸻
Wladimir Solowjow:
Natürlich.
Jeder Mensch blickt gelegentlich zurück.
Aber Geschichte fragt nicht danach, was wir bevorzugen würden.
Sie stellt uns vor Herausforderungen, auf die wir reagieren müssen.
⸻
Roger Köppel:
Glauben Sie, dass der Zeitpunkt kommen wird, an dem dieses Kapitel endet?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ja.
Jeder Konflikt endet irgendwann.
Die eigentliche Frage ist, welche Welt danach entsteht.
⸻
Roger Köppel:
Sie haben Europa im Verlauf unseres Gesprächs oft kritisiert.
Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass Ihnen Europa nicht gleichgültig ist.
⸻
Wladimir Solowjow:
Nein.
Europa ist mir keineswegs gleichgültig.
Gerade deshalb äußere ich Kritik.
Man kritisiert nur Dinge, die einem etwas bedeuten.
⸻
Roger Köppel:
Gibt es etwas, das Ihnen Hoffnung macht?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ja.
Die Menschen.
Nicht die Institutionen.
Nicht die Bürokratien.
Die Menschen selbst.
Ich glaube, dass die Völker Europas und Russlands mehr Gemeinsamkeiten haben, als viele Politiker wahrhaben wollen.
⸻
Roger Köppel:
Sie glauben also weiterhin an eine Verständigung?
⸻
Wladimir Solowjow:
Ja.
Aber sie wird nicht von oben kommen.
Sie wird von Menschen kommen, die bereit sind zuzuhören, nachzudenken und miteinander zu sprechen.
⸻
Roger Köppel:
Wladimir Solowjow, ich danke Ihnen für dieses lange, intensive und oft kontroverse Gespräch.
⸻
Wladimir Solowjow:
Danke Ihnen.
Es war mir eine Freude.
⸻
Roger Köppel:
Alles Gute für Ihre weitere Arbeit und vor allem Gesundheit.
⸻
Wladimir Solowjow:
Vielen Dank.
⸻
Ende des Interviews
Zusammenfassung des zweiten Gesprächsteils
Im zweiten Teil des Interviews diskutieren Roger Köppel und Wladimir Solowjow ausführlich über die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen, die historische Entwicklung der Ukraine, die Bewertung von Nationalsozialismus und Stalinismus, den Verlauf des Ukrainekrieges sowie die Rolle von Medien und politischer Kommunikation.
Das Gespräch ist geprägt von deutlichen Meinungsunterschieden, scharfen Kontroversen und wiederholten gegenseitigen Herausforderungen. Gleichzeitig zeigt es zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen auf Geschichte, Politik und internationale Beziehungen.
Zum Abschluss wird das Gespräch persönlicher. Solowjow spricht über die Auswirkungen des Krieges auf sein eigenes Leben, über Verantwortung, Gewissen und die Hoffnung auf eine spätere Verständigung zwischen Russland und Europa.
Damit endet das rund anderthalbstündige Interview zwischen Roger Köppel und Wladimir Solowjow.