Der taumelnde Hegemon: Warum die Erzählung vom nahenden Sieg über Iran an der Realität zerschellt | Von Dirk Ellerbrock

Wer sich ausschließlich an westliche Regierungserklärungen und deren mediale Verstärkung hält, könnte glauben, der Krieg gegen Iran sei so gut wie entschieden.

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Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Wer sich ausschließlich an westliche Regierungserklärungen und deren mediale Verstärkung hält, könnte glauben, der Krieg gegen Iran sei so gut wie entschieden. Die Botschaft aus Washington ist seit Wochen dieselbe: Amerikas Feuerkraft wächst, die iranische schwindet, und es sei nur eine Frage der Zeit, bis Teheran sich fügt. Admiral Cooper verkündete zuletzt stolz über 5.500 getroffene Ziele und mehr als 60 versenkte Schiffe. Vizepräsident Vance zeichnete bei Joe Rogan das Bild eines zerstrittenen Regimes zwischen „Fanatikern“ und „Pragmatikern“, das nur auf das richtige Signal warte, um einzuknicken. Und der stellvertretende Stabschef Stephen Miller formulierte es unverblümt: Ob durch Bombardierung, Blockade oder wirtschaftliche Erstickung – am Ende werde „dieses Regime“ sein Verhalten ändern.

Legt man diese Rhetorik neben die materiellen Fakten, entsteht ein anderes Bild. Und genau in dieser Differenz – zwischen politischer Erzählung und physischer Kapazität – liegt der eigentliche Kategorienfehler der westlichen Iran-Politik.

Die Rechnung, die niemand öffentlich macht

Die technischen Grenzen der amerikanischen Kriegsführung im Golf sind nüchtern nachprüfbar. ATACMS-Raketen, wie sie auch von HIMARS verschossen werden, haben eine Reichweite von 100 bis 150 Meilen – die Straße von Hormus selbst ist rund 180 Meilen breit. Sie können die Meerenge schlicht nicht überqueren. Von den PRSM-Präzisionsraketen, die tatsächlich iranisches Küstengebiet erreichen, wurden insgesamt nur 56 Stück produziert. Bei einem Verbrauch von etwa sieben Einheiten täglich reicht dieser Bestand kaum eine Woche. Auch der Tomahawk-Vorrat, auf rund 2.400 Einheiten geschätzt und in Richtung 1.800 sinkend, muss sich mit dem europäischen und dem Indo-Pazifik-Kommando teilen – und für die Produktion einer einzigen Tomahawk werden 18 Seltenerdmetalle benötigt, die China nicht liefert. Verluste lassen sich also nicht kurzfristig auffüllen.
Jede Rede von einer Bodenoperation – etwa der immer wieder kolportierten Einnahme der Insel Kisch – wirkt vor diesem Hintergrund weltfremd. Schon der reine Lufttransport von 2.000 Soldaten würde rund zwanzig Flüge mit C-17-Maschinen erfordern, ganz zu schweigen von der fehlenden Empfangsinfrastruktur: Die Logistikbasis, die 1991 und 2003 den Aufmarsch in der Region ermöglichte, gilt heute als weitgehend zerstört. Eine vergleichbare Struktur zur Aufnahme größerer Bodenkräfte existiert in der Region schlicht nicht mehr.

Die Golfstaaten als eigentliche Verlierer

Während in Washington von Sieg die Rede ist, zeichnet die Landkarte ein anderes Bild. Der jordanische Luftwaffenstützpunkt Al-Asrak wurde getroffen, der Hafen von Fujairah in den Emiraten durch Raketenschlag lahmgelegt, nachdem zuvor bereits zwei Supertanker beschädigt worden waren. Eine Shahed-136-Drohne traf ungehindert das größte Versorgungslager der US-Militärpräsenz in Kuwait. Der gesamte Küstenstreifen südlich von Basra bis Maskat ist damit faktisch als Operationsbasis ausgeschaltet – und ausgerechnet Kuwait, das sich vom Partner zum vorgeschobenen Brückenkopf gewandelt hat, wurde dadurch zum Hauptziel.
Das ist keine Randnotiz, sondern der eigentliche Kern der Geschichte: Die Golfmonarchien tragen die Kosten eines Konflikts, dessen strategische Logik von Washington und Tel Aviv bestimmt wird. Saudi-Arabiens jüngster Angriff auf die Huthi-Positionen im Jemen – ein Schritt, der die einzige Ausweichroute für saudische Ölexporte über Roten-Meer-Häfen wie Janbu gefährdete – illustriert, wie orientierungslos die Regionalmächte agieren. Die Huthis antworteten prompt mit Schlägen auf saudische Flugplätze, woraufhin Riad abrupt zurückruderte. Die Metapher der Koabhängigkeit trifft die Lage gut: Katar steht einem Ausstieg aus dem einseitigen Washington-Bündnis am nächsten, Saudi-Arabien scheint zu folgen, während Bahrain und Kuwait Gefahr laufen, in die Umlaufbahn Irans respektive des Irak zu geraten.

Ein Memorandum, zwei Erzählungen

Zentral für das Verständnis der Eskalation ist der Streit um das im Juni geschlossene Memorandum of Understanding – konkret um dessen Artikel 5, der die sichere Durchfahrt durch die Meerenge regelte. Die offizielle Version, wie sie Vance in einem Podcast-Auftritt vertrat, lautet: iranische Hardliner seien in Panik geraten, als der Ölpreis nach der Öffnung fiel, und hätten das Feuer auf Schiffe eröffnet – die USA hätten nur reagiert.

Die Faktenlage erzählt eine andere Geschichte. Das Memorandum übertrug Iran ausdrücklich die Kontrolle über das Durchfahrtsprotokoll durch die Revolutionsgarden. Es verpflichtete Teheran zu nichts weiter als der gegenseitigen Nichtangriffsklausel. Wenige Tage nach Unterzeichnung richteten die USA jedoch einen eigenen „südlichen Korridor“ ein – ein klarer Verstoß gegen die vereinbarte Struktur, ohne jede Grundlage im Dokument selbst. Erst die Schiffe, die sich dem iranischen Protokoll entzogen, gerieten unter Beschuss; erst danach schlugen die USA zurück. Genau dort, nicht früher, begann der jetzige Zyklus gegenseitiger
Bezeichnend ist zudem die Widersprüchlichkeit der eigenen Kommunikation: Innerhalb weniger Stunden meldete das US-Zentralkommando einerseits den Angriff auf ein unter fremder Flagge fahrendes Handelsschiff in internationalen Gewässern – außerhalb jeder Blockadezone –, andererseits einen Schlag gegen iranische Ziele mit der Begründung, Teheran bedrohe zivile Schifffahrt. Man wirft dem Gegner exakt das vor, was man selbst gerade praktiziert hat.

Der interne Machtkampf im Weißen Haus

Dass Vance in einem derart öffentlichkeitswirksamen Format überhaupt ein Eingeständnis formulierte – er sehe sich einer verdeckten, gut finanzierten Kampagne gegen seine Verhandlungsbemühungen ausgesetzt, getragen unter anderem von Strukturen mit Verbindungen zu Trumps früherem Wahlkampfteam und zu israelischen Finanzierungskreisen –, deutet auf einen ernsthaften Richtungsstreit hin. Auf der einen Seite Vance, der eine Verhandlungslösung sucht; auf der anderen Stephen Miller, der als Vertreter der kompromisslosen pro-israelischen Linie gilt und nach vorliegenden Einschätzungen erheblichen Einfluss auf die tatsächliche Agenda hat. Dass der demokratisch kontrollierte Senat in dieser Woche das Verteidigungsgesetz (NDAA) blockierte – angeführt von Bernie Sanders und Chris Van Hollen –, zeigt: Ein geschlossener Konsens für die Fortsetzung des Krieges existiert selbst in Washington nicht mehr.

Was aus Teheran zu hören ist

Wer sich die Mühe macht, über die mediale Fassade hinauszuhören, stößt auf eine bemerkenswert klare Position. Bei einer Konferenz in Maschhad, geleitet vom Vorsitzenden des iranischen Ausschusses für nationale Sicherheit und Außenpolitik, wurde unmissverständlich formuliert: Man erwarte von den Vereinigten Staaten unter keinen Umständen die Einhaltung irgendeiner Vereinbarung. Diese Haltung speist sich nicht aus Sturheit, sondern aus der nüchternen Beobachtung von 47 Jahren Sanktionen, gezielten Tötungen und Sabotageakten – und aus der religiös-politisch verankerten Überzeugung, dass Unterwerfung keine Option ist, selbst um den Preis erheblicher eigener Verluste.

Das ist die Pointe, die in Washingtons Siegesrhetorik systematisch fehlt: Eine Gesellschaft, die sich als Opfer eines ungerechten Angriffs begreift, lässt sich durch Gewalt kaum zur Kapitulation zwingen. Der Druck stärkt eher die Entschlossenheit zum Widerstand als die Bereitschaft zu Zugeständnissen – ein Muster, das sich seit Pearl Harbor und dem vielzitierten „schlafenden Tiger“ immer wieder bestätigt hat.

Wem nützt die Fortsetzung?

Am Ende bleibt die materialistische Kernfrage: Wem nützt dieser Krieg tatsächlich? Nicht der amerikanischen Volkswirtschaft, die mit einer strategischen Ölreserve auf dem niedrigsten Stand seit 1983 und einer wachsenden Differenz zwischen Diesel- und Benzinpreisen bereits spürbar belastet wird. Nicht den Golfstaaten, deren Infrastruktur zum Schlachtfeld eines Konflikts wird, den sie nicht bestimmen. Und auch nicht erkennbar einer kohärenten militärischen Doktrin – dafür ist die Begründungslage zu beliebig, springt zwischen „Wohlstand für unsere Enkelkinder“, freiem Ölfluss und nuklearer Bedrohung hin und her, ohne dass eine dieser Begründungen mit den tatsächlichen Handlungen der US-Regierung konsistent wäre.

Was bleibt, ist eine vertraute Konstellation: eine Kriegsökonomie, die für einzelne Akteure – ob über Put- und Call-Optionen auf Öl-Futures oder über die Rüstungsindustrie – profitabel bleibt, während die Kosten sozialisiert werden. Der Krieg ernährt eine Klasse, während die eigentlichen strategischen Verschiebungen längst gegen den erklärten Sieger laufen. Die Vereinigten Staaten agieren im Persischen Golf nicht mehr als Hegemon, sondern als taumelnde Großmacht, deren Rhetorik sich von ihrer physischen Handlungsfähigkeit zunehmend entkoppelt hat. Jedes neue Eskalationsversprechen aus Washington verdient deshalb vor allem eine Prüfung: ob dahinter reale Kapazitäten stehen – oder nur der nächste Versuch, eine strategische Sackgasse rhetorisch zu überspielen.

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Bildquelle: Jonah Elkowitz /shutterstock

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