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Europa hat längst eigene Zahlsysteme, nur Deutschland ist fest in Paypal-Hand. Große Banken starten nun einen neuen Versuch, um hiesige Kunden vom US-Anbieter wegzulocken
Wenn Rafał Borkowski auf dem Markt Erdbeeren einkauft, dann zückt er sein Handy. Der Mann aus der westpolnischen Stadt Świdnica öffnet die App seiner Bank; er gibt die Handynummer der Erdbeerverkäuferin an, trägt die Summe ein und überweist. Borkowski braucht kein Bargeld dafür und keine Karte. Und auch keine Zahlungs-App wie Paypal. „Das dauert keine zehn Sekunden, die Händlerin und ich machen das immer so“, sagt Borkowski.
Für Situationen wie diese haben sie in Polen inzwischen ein eigenes Verb erfunden: bliknąć – also etwa „bliken“. Entstanden ist es durch die Plattform, die den schnellen Kauf per Telefon möglich macht: Blik – ein System fürs mobile Zahlen, 2015 gestartet von einer Allianz sechs polnischer Banken. Heute hat Blik nach eigenen Angaben über 21 Millionen Nutzer und wird von so gut wie jeder in Polen aktiven Bank angeboten. Das Prinzip: Niemand braucht eine neue App, sondern nutzt einfach die seiner Bank. Es geht nur darum, die Banken miteinander möglichst einfach zu verbinden.
Lokal entwickelte Systeme wie Blik haben sich inzwischen überall in Europa etabliert und sind in vielen Ländern zum Marktführer aufgestiegen. Es gibt Bizum in Spanien, Swish in Schweden, Twint in der Schweiz oder Ideal in den Niederlanden. Sie werden genutzt, um die Rechnung nach einem Mittagessen zu teilen – aber inzwischen auch, um im Internet Schuhe zu kaufen oder Äpfel im Supermarkt. Alles Plattformen mit Millionen von Nutzern, die aus dem Alltag kaum wegzudenken sind. Und alles Projekte europäischer Banken, die die betreffenden Daten in Europa speichern.
Ausgerechnet im größten Land der EU aber hat sich bisher keine eigene Plattform durchsetzen können. Deutschland ist Paypal-Land. Die Zahlungs-App aus den USA – einst von den heutigen Multimilliardären Peter Thiel und Elon Musk aufgebaut – ist ein Platzhirsch, wenn es um die Frage geht, wie die Deutschen sich gegenseitig per Handy Geld schicken. Nach und nach sind die Amerikaner auch in den sonstigen Zahlungsverkehr vorgedrungen, zu Webshops und an Supermarktkassen. Im Onlinehandel ist die App heute in Deutschland Zahlungsform Nummer eins (siehe Grafik unten).
Es ist eine Dominanz, die lange keiner problematisch fand – bis Donald Trump erneut Präsident wurde, den Europäern mit allem Möglichen drohte und damit auch in Deutschland Angst vor einer Abhängigkeit von US-Techunternehmen auslöste. Was, wenn Trumps Freunde aus dem Silicon Valley beschließen, einen Bezahldienst in Deutschland abzuschalten, weil ihnen die Politik der Regierung nicht passt? Was, wenn die Nutzerdaten dazu dienen, das Zahlungsverhalten der Deutschen zu kontrollieren? Dass derlei Befürchtungen nicht völlig grundlos sind, hat sich anderswo schon gezeigt. So sperrte Microsoft im Frühjahr 2025 zeitweise das E-Mail-Konto des Chefanklägers am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Der US-Regierung war sein Vorgehen gegen israelische Politiker ein Dorn im Auge.
Die Angst vor Eingriffen aus Washington treibt nicht nur Politiker, sondern auch Konsumenten um. Umfragen der Bundesbank zeigen regelmäßig, dass die Deutschen ein steigendes Interesse an Zahlungsmodellen haben, die „auf einer europäischen Infrastruktur beruhen“.
Nun ist ein Konkurrent für Paypal auf den Plan getreten, der genau diesen Bedarf aufgreift: Wero, ein Projekt der European Payments Initiative (EPI). Es könnte auch in Deutschland das Spiel verändern. Und dabei könnten die bereits bestehenden Projekte in anderen europäischen Ländern eine entscheidende Rolle spielen. Es ist – wenn man so will – der bisher entschiedenste Versuch, für Deutschland und Europa eine Alternative zu Paypal zu finden.
Die Ausgangslage: Deutschland ist auch deshalb bisher so abhängig von Paypal, weil alle Bezahldienste ihren Kundenstamm nach einem bestimmten Prinzip aufbauen. Am Anfang stehen immer die Überweisungen zwischen Freunden und Bekannten, die sogenannten Peer-to-Peer-(P2P)-Zahlungen. Mit ihnen wird kein Geld verdient, zumindest, solange kein Geschäft im Spiel ist. Sobald aber genug Nutzer dabei sind, werden professionelle Händler eingebunden und andere Dienste angeboten, für die die Plattformen Prozente verlangen können. So bezahlt der Pole Borkowski etwa auch seine Autobahnmaut über Blik.
Einen ähnlichen Weg ging Paypal in Deutschland. „Paypal konnte so unter dem Radar der Banken wachsen“, sagt Georg Hauer. „Die haben nach und nach Vertrauen aufgebaut.“ Hauer ist Berater für Fintechs, also junge Finanzunternehmen, die auf neue Technologien setzen. Er hat früher als Deutschlandmanager für die Neobank N26 gearbeitet und verfolgt die Entwicklungen auf dem Markt für Zahlungslösungen sehr aufmerksam. „Als Paypal dann später in den Händlerbereich eingestiegen ist, war die Anwendung bereits weit verbreitet und damit die naheliegende Lösung“, sagt er.
Das Problem für die deutschen Banken: Sie hatten das Peer-to-Peer-Prinzip lange unterschätzt und verschlafen. Oder sie versuchten, für die Überweisungen unter Bekannten Gebühren zu verlangen – wie im alten Bankgeschäft. Dazu kam die traditionelle Liebe der Deutschen zum Bargeld – wozu da eine digitale Alternative? „Man hat die Prioritäten anders gesetzt und Peer-to-Peer-Zahlungen lange nicht als relevantes Geschäftsmodell gesehen“, sagt Hauer.
Als die deutschen Banken dann Mitte der 2010er-Jahre aufwachten und eigene Modelle anboten, hinkten sie hinterher: Die Bezahlverfahren Kwitt und Giropay waren nicht bei allen Kunden verfügbar und kompliziert einzurichten, sie hatten zu wenige Nutzer und konnten sich nie wirklich durchsetzen. Ende 2024 wurden beide Dienste eingestellt.
In anderen Staaten hingegen reagierten die Banken geschickter. 2016 taten sich etwa in Spanien 27 Banken zusammen, um Bizum zu gründen, ein System, das inzwischen nicht nur Millionen von Nutzern hat, sondern auch mit Zehntausenden von Händlern kooperiert. Da auch Vereine und Behörden im Land Bizum bald als Zahlungsmittel akzeptierten, wurde das System rasch populär: Spenden an Kirchen, aber auch Gebühren für Behörden oder das Honorar für die Nachhilfelehrerin ließen sich so rasch abwickeln.
„Systeme sind erfolgreich, wenn sie einfach sind und gleichzeitig gut zu lokalen Gegebenheiten passen“, sagt Hauer. „Wichtig ist eine niedrige Einstiegshürde, für Nutzer wie für Händler.“ Aus Sicht des Polen Borkowski spielte im Fall von Blik auch eine Art neu entdeckter Lokalpatriotismus eine Rolle. „Früher galt alles aus dem Westen als besser, heute werden viele polnische Lösungen bevorzugt – auch im Digitalbereich“, sagt er. „Die Leute identifizieren sich stärker mit eigenen Marken.“
Bisher galt: Die Plattformen in den einzelnen europäischen Ländern sind kaum miteinander verknüpft, viele Anbieter bedienen nur die heimische Bevölkerung oder allenfalls noch die eines Nachbarstaats. Das aber schränkt letztlich alle ein. Chris Scheuermann will das ändern. Der Manager der EPI hat die Aufgabe, Wero in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen und damit endlich auch im größten Markt der EU ein eigenes Bezahlsystem zu etablieren. Zumindest die Erfahrung dafür bringt er mit: Er arbeitete einst mehr als vier Jahre bei Paypal und kennt die Konkurrenz und deren Methoden daher gut. Er bemüht sich, Optimismus zu verbreiten. „In Deutschland ist seit Anfang 2026 sehr viel passiert“, sagt er. „Ich glaube, dass mittlerweile ein Kipppunkt da ist, an dem mehr und mehr Menschen Interesse daran haben, eine Lösung aus Europa zu nutzen.“
Die EPI verfolgte mit Wero von Anfang an ein anderes Konzept als bei allen bisherigen Versuchen in Deutschland: Der Zahlungsdienst war von vornherein länderübergreifend gedacht. Zunächst schlossen sich Banken aus Deutschland, Frankreich und Belgien zusammen. Die Deutsche Bank ist beteiligt, aber auch Sparkassen, Volksbanken oder die länderübergreifende Neobank Revolut. Ähnlich wie bei den nationalen Alternativen wurden die Kunden zunächst mit Peer-to-Peer-Zahlungen ins System gezogen. Bei einigen gab es sogar ein 5-Euro-Guthaben als Lockangebot zum Start. Und auch wenn Wero in Deutschland noch weit hinter Paypal liegt, der Trend geht doch sichtbar nach oben.
Die Zahl der Nutzer, die Wero in Deutschland aktiviert haben, hat sich seit 2025 fast verdreifacht, auf jetzt annähernd neun Millionen. Noch nicht viel im Vergleich zu den nationalen Angeboten in Polen oder Spanien. Doch es bedeutet Wachstum. Um nun aber noch schneller zu wachsen, arbeiten Scheuermann und seine Kollegen vor allem daran, weitere europäische Märkte ins System zu holen. Ende 2025 übernahm die EPI den Dienst Ideal und holte sich damit die beliebteste Zahllösung der Niederlande ins Haus, mit Millionen von Nutzern. Mit den Spaniern von Bizum wiederum wird daran gearbeitet, deren System mit Wero kompatibel zu machen. „Ich kann diesen spanischen Nutzer dann per P2P so erreichen, wie ich auch einen deutschen oder französischen Nutzer erreiche“, erklärt Chris Scheuermann. Im Juni schlossen sich zudem Erste Bank und die Raiffeisen-Gruppe aus Österreich dem EPI-Verbund an, auch dort dürfte bald das gelb-schwarze Wero-Logo auftauchen.
Aus Sicht des Fintechberaters Hauer ist Wero „das vielversprechendste paneuropäische Projekt seit Langem“. Allerdings sieht der Finanzexperte auch Probleme. „Der Roll-out ist langsam, da er Land für Land und Bank für Bank erfolgt“, sagt Hauer. „Das ist ein struktureller Nachteil gegenüber Paypal.“ Zudem nutzt Wero bisher die Rechenzentren von Amazon Web Services, also einem US-Unternehmen. Bei der EPI, so sagt es Scheuermann, arbeitet man daran, „die Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern schrittweise zu verringern“.
Die entscheidende Schlacht wird ohnehin woanders geschlagen – im Onlinehandel. Und da rangiert Wero in Deutschland noch unter „ferner liefen“. Den Ticketanbieter Eventim hat man gewonnen und den Matratzenhändler Bett1. Aber die großen Fische wie Lidl, dm oder Ikea lassen noch auf sich warten.
Aus Sicht von Hauer geht es darum, so rasch wie möglich noch ganz andere Funktionen anzubieten. Der Fintech-Experte schwärmt von asiatischen Angeboten wie Alipay oder Wechat, mit denen man auch Zugtickets buchen oder Taxis rufen kann. „Der Schlüssel ist, ein Ökosystem zu schaffen, das über reine Zahlungen hinausgeht“, sagt Hauer. Aber vielleicht wäre ein eigenes Bezahlsystem, das überall in Europa funktioniert, schon mal ein Anfang.