Die Wahrheit enthüllt sich nur im Gewahrsein | Von Dirk Ellerbrock

Die Wahrheit enthüllt sich nur im Gewahrsein | Von Dirk Ellerbrock

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Warum Erkenntnis kein Besitz ist, sondern ein Zustand – und warum das eine politische Frage ist

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Es gibt einen Satz, der harmlos klingt und doch fast alles infrage stellt, worauf unser Verhältnis zur Wahrheit gebaut ist: Wahrheit ist nicht etwas, das man hat. Sie ist etwas, das sich zeigt – und zwar nur dann, wenn der, dem sie sich zeigen soll, selbst in einem bestimmten Zustand ist. Nicht ein Zustand besonderer Klugheit oder besonderer Bildung. Ein Zustand der Unmittelbarkeit, in dem nicht mehr bewertet, verglichen, eingeordnet wird, sondern schlicht gesehen.

Krishnamurti hat dafür eine Formel gefunden, die man leicht überliest, weil sie so schmucklos ist:

„Inspiration erscheint, wenn der Geist still wird.“

Nicht: wenn der Geist mehr weiß. Nicht: wenn er die richtige Theorie gefunden hat. Sondern wenn er aufhört, ununterbrochen zu urteilen. Das ist eine radikale Behauptung, denn sie sagt: Der Hauptfeind der Wahrheit ist nicht der Irrtum. Es ist die Bewertung selbst – jener Reflex, mit dem der Verstand jede Wahrnehmung sofort in eine Schublade steckt, bevor er sie überhaupt gesehen hat.

Zwei Arten zu erkennen

Um zu verstehen, warum das mehr ist als spirituelle Rhetorik, lohnt sich eine Unterscheidung, die der westliche Rationalismus systematisch verwischt: die zwischen Bewusstsein und Bewusstheit.

Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas. Es braucht ein Objekt, dem es gegenübertritt – und in diesem Gegenübertreten liegt bereits eine Spaltung: hier der Beobachter, dort das Beobachtete. Diese Spaltung ist die Grundoperation jeder Analyse, jeder Wissenschaft, jeder Moral. Sie ist notwendig, um die Welt zu beschreiben. Aber sie kann sich selbst nie einfangen. Jean-Paul Sartre hat das Paradox präzise benannt: Bewusstsein ist das, was es nicht ist, und nicht das, was es ist. Es ist immer schon unterwegs, sich zu entziehen, sobald es sich selbst zum Objekt macht.

Bewusstheit dagegen ist kein Gegenüber zur Welt. Sie trennt nicht in Subjekt und Objekt. In ihr fällt die Distanz weg, die das Bewusstsein braucht, um überhaupt „von etwas“ zu sein. Was in dieser Bewusstheit erscheint, ist nicht gewusst wie ein Fakt, sondern erkannt wie eine Gegenwart. Genau hier liegt der Unterschied zwischen einer Wahrheit, die man sich aneignet, und einer Wahrheit, die sich einem zeigt.

An dieser Stelle drängt sich sofort ein Einwand auf, den man nicht abwehren, sondern ernst nehmen sollte: Wer oder was wird hier eigentlich still? Von einem Subjekt zu sprechen, das seine Bewertungsmuster ablegt, unterstellt bereits ein Ich, das diesem Prozess vorausgeht und ihn steuert – ein Ich, das man in Ruhe versetzt wie ein Zimmer. Doch genau dieses Ich entsteht, wie Stephen Wolinsky gezeigt hat, erst nachträglich: Gedanken, Bilder, Empfindungen erscheinen – und irgendetwas versieht sie im Anschluss mit dem Etikett „Ich bin“. Das Ich ist Folge, nicht Ursache. Es kann also nicht der Akteur sein, der die Stille herbeiführt, denn es existiert selbst nur als eines der Produkte jenes unruhigen Prozesses, den es angeblich beruhigen soll.

Treffender wäre daher nicht: „Ich halte inne“, sondern: Die Identifikation mit dem urteilenden Muster löst sich – ein Geschehen, kein Willensakt eines Subjekts, das davor schon fertig dagestanden hätte. Was dieses Geschehen auslöst, entzieht sich der kausalen Zuschreibung. Rilke hat dafür eine Formel gefunden, die keine Erklärung gibt, aber die Sache benennt: „Jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert, liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt.“ Der Wendepunkt ist kein Hebel, den man betätigt. Er ist das, was sich im Schwung der Übung einstellt – wenn die Figur nicht um ihrer selbst willen gezeichnet wird, sondern in der Hingabe an die Bewegung, die mehr ist als die Absicht des Zeichnenden.

Das ist keine Randkorrektur. Es macht aus einer scheinbar spirituellen Selbstverbesserung – „ich werde ruhiger, klarer, besser“ – etwas Nüchterneres: das bloße Nachlassen einer Identifikation, die nie so fest saß, wie sie sich anfühlte. Wer von hier aus weiterdenkt, landet nicht weit entfernt von dem, was Bourdieu über den Habitus sagt: Auch das urteilende Ich ist ein internalisiertes Strukturprodukt, keine neutrale Instanz dahinter. Es gibt kein Selbst vor dem Habitus, das sich entscheiden könnte, ihn abzulegen. Es gibt nur den Moment, in dem die Identifikation mit ihm für einen Atemzug nicht greift.

Warum das eine politische Pointe hat

Man könnte an dieser Stelle stehen bleiben und den Gedanken der Meditationsliteratur überlassen. Das wäre ein Fehler. Denn die Frage, wer über die Fähigkeit verfügt, sich in diesen offenen, urteilsfreien Zustand zu begeben, ist keine private Frage. Sie ist eine Machtfrage.

Ein Bewusstsein, das ununterbrochen bewertet, vergleicht, sich rechtfertigt und verteidigt, ist ein Bewusstsein, das leicht steuerbar ist – weil es immer schon mit sich selbst beschäftigt ist. Edward Bernays wusste das genauer als die meisten seiner Zeitgenossen: Man muss Menschen nicht zu bestimmten Überzeugungen zwingen, wenn man ihnen nur die richtigen Reize liefert, auf die ihr bereits bestehendes Bewertungssystem automatisch reagiert. Propaganda funktioniert nicht gegen den Verstand, sie funktioniert mit ihm – mit seiner Gewohnheit, sofort zu urteilen, statt erst zu sehen.

Bourdieu hat für dasselbe Phänomen einen anderen Begriff geprägt: den Habitus. Ein System verinnerlichter Wahrnehmungs- und Bewertungsschemata, das so tief sitzt, dass es sich selbst für Natur hält. Wer im Habitus urteilt, urteilt nicht frei – er wiederholt nur, was ihm eine Struktur vorgegeben hat, ohne dass die Struktur selbst je in den Blick käme. Genau darin liegt die stille Genialität der herrschenden Verhältnisse: Sie müssen niemanden zu ihrer Verteidigung zwingen, wenn die Verteidigung längst automatisiert im Wahrnehmungsapparat der Beherrschten selbst abläuft.

Wenn Wahrheit sich also nur im Gewahrsein zeigt – im Innehalten der automatischen Bewertungskette –, dann ist jede Übung dieses Innehaltens zugleich eine Übung im Aussteigen aus dem Habitus. Nicht, weil Meditation die Verhältnisse ändert. Sondern weil sie den Punkt freilegt, an dem die Verhältnisse überhaupt erst Macht über den Einzelnen gewinnen: die Automatik des Urteils selbst.

Die Falle, die dabei lauert

Genau hier drängt sich allerdings ein Einwand auf, der ernst genommen werden muss. Man kann diese Innerlichkeit auch ohne jede politische Konsequenz kultivieren – als reine Selbstoptimierung, als Feierabend-Ruhe für einen ansonsten unveränderten Alltag der Verwertung. Es gibt genug Manager, die meditieren, um am nächsten Tag effizienter auszubeuten, nicht um weniger auszubeuten. Die Übung des Gewahrseins schützt für sich genommen nicht davor, sofort wieder von genau jener Logik vereinnahmt zu werden, aus der sie eigentlich befreien sollte.

Der Grund liegt in derselben Struktur, die auch die Propaganda nutzt: Auch das Ego kann sich der Meditation bemächtigen, sie zum neuen Projekt machen, zur neuen Trophäe – „Jetzt bin ich erwacht“. Damit ist die Spaltung, die eigentlich aufgehoben werden sollte, längst wieder da, nur unter neuem Namen. Genau hier setzt der buddhistische Begriff der Sunyata an – nicht als Leere im Sinne von Nichts, sondern als Durchsichtigkeit, die auch die eigene Einsicht nicht festhält. Selbst die klarste Erfahrung darf kommen und gehen wie ein Atemzug; wer an ihr festhält, hat sie bereits wieder in Besitz verwandelt.

Wo genau aber führt das durchschauende Sehen in verändertes Handeln über? Hier sollte man nicht mehr behaupten, als sich halten lässt. Bei Spinoza gibt es zumindest einen Teil der Brücke: Adäquate Erkenntnis ist bei ihm nicht bloßes Zuschauen, sondern verändert den Affekt selbst – klares Erkennen der eigenen Bedingtheit erzeugt eine aktive Freude (laetitia), die mit größerer Handlungsmacht (potentia agendi) einhergeht als die passiven Affekte, die aus Verwirrung entstehen. Erkenntnis verschiebt also real, wonach ein Mensch handelt.

Doch selbst Spinoza hat aus dieser individuellen Affektlehre keine politische Theorie gebaut, die auf massenhafte innere Klarheit setzt. Sein Tractatus Politicus baut auf der potentia multitudinis – der organisierten Macht der Vielen – und auf institutionellen Vorkehrungen gegen Willkürherrschaft, unabhängig davon, ob die Einzelnen erleuchtet sind. Das ist ein Hinweis, den man nicht überspielen sollte: Individuelles Gewahrsein kann verhindern, dass ein Mensch reflexhaft zum Vollstrecker des eigenen Habitus wird. Es kann die Voraussetzung dafür sein, dass jemand seine Interessen klarer erkennt, statt sie mit fremden zu verwechseln. Aber es ersetzt keine kollektive, organisierte Praxis, die Verhältnisse tatsächlich verschiebt. Wer diesen Unterschied verwischt, landet genau in jenem Idealismus, gegen den der Marxismus zu Recht einwendet: Nicht das Bewusstsein bestimmt das Sein, sondern das gesellschaftliche Sein bestimmt, in welchen Bahnen Bewusstsein überhaupt entstehen kann.

Wahrheit als Ereignis, nicht als Eigentum

Was bleibt, ist eine ungewohnte, fast unbequeme Vorstellung: Wahrheit ist kein Gegenstand, den man erwirbt und dann besitzt wie ein Diplom oder eine Meinung. Sie ist ein Ereignis, das sich immer wieder neu einstellt – oder eben ausbleibt –, je nachdem, ob gerade Stille genug herrscht, um zu sehen, statt sofort zu bewerten.

Spinoza nannte den höchsten Grad der Erkenntnis scientia intuitiva – jenes unmittelbare Erfassen, in dem der Verstand nicht mehr über Dinge nachdenkt, sondern sie in ihrer Notwendigkeit erkennt, als Teil eines zusammenhängenden Ganzen. Auch bei ihm ist Freiheit nicht das Fehlen von Bedingtheit, sondern das klare Erkennen der eigenen Bedingtheit.

Vielleicht ist das die nüchternste Formel, die sich halten lässt, ohne mehr zu versprechen, als sie einlösen kann: Wahrheit zeigt sich nicht dem, der am meisten weiß, sondern dem, in dem gerade am wenigsten dazwischensteht. Ob aus diesem Sehen auch Veränderung der Verhältnisse wird, ist damit noch nicht entschieden – das entscheidet sich woanders, in der organisierten Praxis der Vielen, nicht im stillen Zimmer des Einzelnen. Der Essay kann diesen zweiten Schritt benennen. Er kann ihn nicht ersetzen.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Illustration: Hellstrahlende Pupille
Bildquelle: VersaTale / shutterstock

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