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Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Es gibt Momente in der Weltpolitik, da hält die Welt kurz den Atem an. Nicht wegen weltbewegender Beschlüsse oder diplomatischer Durchbrüche, sondern wegen jenes seltenen, beinahe mystischen Phänomens: der plötzlichen Selbsterkenntnis eines Berufspolitikers.
Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz nach der Bluttat beim CSD in der Marienkirche am Alexanderplatz ans Pult tritt und mahnt, die Gefahr beginne keineswegs erst beim Anschlag selbst, sondern viel früher – nämlich bei „dummen Redensarten und schlechten Witzen“ –, dann möchte man spontan nachschlagen, ob die Schwerkraft außer Kraft gesetzt wurde.
Ausgerechnet Friedrich Merz. Der Mann, der rhetorisch bisher eher im intellektuellen Humus der Gehweg-Soziologie wilderte. Man erinnert sich leise an „kleine Paschas“ und an jene feinsinnigen Stammtisch-Aphorismen, mit denen er jahrelang das politische Klima mitgestaltete. Und nun das: Merz als Linguistik-Professor, der uns erklärt, dass Sprache Bewusstsein schafft und der schlechte Witz die Vorstufe des Messerangriffs ist.
Was tatsächlich geschah
Ein Attentäter, der am 25. Juli 2026 in Berlin mit einem Transporter in eine Menschenmenge am Rande des CSD fuhr und anschließend mit einer Machete auf Umstehende losging, ist kein Kollateralschaden eines schlechten Kalauers. Eine Frau starb, 29 weitere wurden verletzt, mehrere lebensgefährlich. Innenminister Alexander Dobrindt stufte die Tat noch am Tatort als islamistischen Terroranschlag ein. Der Tatverdächtige soll Verbindungen zum „Islamischen Staat“ gehabt haben.
Das ist keine Petitesse am Rande der Trauerrede – das ist der eigentliche Befund. Und genau dieser Befund kommt in Merz‘ Rede in der Marienkirche nicht vor.
Stattdessen: Intoleranz, Ausgrenzung, Diskriminierung, dumme Redensarten, schlechte Witze – eine Aufzählung, die alles Mögliche als Wurzel der Gewalt benennt, nur nicht das, was in der Nacht zuvor tatsächlich passiert ist.
Die Reaktion im Kirchenschiff selbst war denn auch gespalten: Mehrere Besucher verließen die Marienkirche noch während der Rede, ein Vorgang, der sich als Video rasch verbreitete und Merz Heuchelei-Vorwürfe von queeren Gruppen einbrachte, die parallel eine eigene Trauerfeier am Brandenburger Tor abhielten.
Der Kontrast zu Solingen
Das eigentlich Aufschlussreiche liegt jedoch nicht in der Rede selbst, sondern im Vergleich mit Merz‘ eigenem Reaktionsmuster von vor zwei Jahren. Nach dem islamistisch motivierten Messeranschlag von Solingen im August 2024 – drei Tote, acht Verletzte, ein vom IS für sich reklamierter Täter, der eigentlich hätte abgeschoben sein sollen – war es Merz, damals Oppositionsführer, der mit größter Entschlossenheit auf eine ganz andere Ursachenkette drängte: konsequentere Abschiebungen, schärferes Waffenrecht, Verschärfung der Migrationspolitik. Sein damaliger CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann forderte im Deutschlandfunk unverblümt „Taten“ vom damaligen Kanzler Scholz. Auf dem Feld der Ursachenbenennung war die Union 2024 auffallend konkret.
2026, als amtierender Kanzler und mit einer islamistisch motivierten Tat mit deutlich höherer Opferzahl konfrontiert, wählt derselbe Mann eine fundamental andere Sprache. Aus der konkreten sicherheits- und migrationspolitischen Ursachenkette wird ein diffuses „gesellschaftliches Klima“, an dem angeblich alle ein bisschen schuld sind. Was 2024 noch eine klare Kausalkette war – gescheiterte Abschiebung, islamistische Ideologie, konkrete Versäumnisse der Sicherheitsbehörden –, verflüchtigt sich 2026 zu einem Nebel aus „Intoleranz“ und „schlechten Witzen“.
Ein Muster, kein Ausrutscher
Damit reiht sich Merz‘ Rede in ein Reaktionsmuster ein, das sich unabhängig von der tatsächlichen Täter-Ideologie beobachten lässt. Nach dem Anschlag von Magdeburg im Dezember 2024 – verübt von einem Mann mit rechtsextremer, islamfeindlicher Motivation – bewegten sich Kanzler Scholz, Vizekanzler Habeck und Bundespräsident Steinmeier sprachlich in praktisch derselben Tonlage, die Merz jetzt für einen islamistischen Anschlag reserviert: Aufrufe zum Zusammenhalt, Warnungen vor „Hass und Hetze“, die Mahnung, sich „nicht anstecken“ zu lassen. Die politische Farbe des Täters war damals eine völlig andere – die rhetorische Reaktion der jeweils Regierenden blieb erstaunlich austauschbar.
Das legt eine unbequeme Vermutung nahe: Die „Nährboden“-Rhetorik ist kein Ausdruck echter Ratlosigkeit, sondern eine Art rhetorischer Blitzableiter, der unabhängig vom politischen Lager und unabhängig vom tatsächlichen Motiv des Täters aktiviert wird – immer dann, wenn die konkrete Ursachenkette zu unbequemen Fragen an die eigene Politik führen würde. Bei einem rechtsextremen Täter wäre das für die Union die Frage nach dem Verhältnis zur AfD und zu einer Sprache, die Migranten pauschal verdächtigt. Bei einem islamistischen Täter mit gescheiterter Sicherheitsüberwachung ist es die Frage nach Behördenversagen und Migrationspolitik – also exakt jenes Themenfeld, auf dem Merz selbst 2024 noch der lauteste Ankläger war.
Die bequeme Schuld
Wer den „gesellschaftlichen Nährboden“ beklagt, muss den Boden nicht mehr genau untersuchen. Ein diffuses Klimaproblem lässt sich an alle verteilen – ein islamistischer Anschlag wirft hingegen sehr konkrete Fragen auf, nach Sicherheitsbehörden, nach Migrations- und Integrationspolitik, nach Verantwortlichkeiten, denen ein Kanzler ungern in einer Trauerrede begegnet. Der schlechte Witz ist als Schuldiger einfach bequemer: Er hat keine Lobby, er wehrt sich nicht, und er sitzt in keiner Talkshow.
Man sieht Merz beinahe vor dem geistigen Auge im Pfarrhaus, wie er kurz stutzt: Wenn dumme Redensarten tatsächlich Nährboden für Gewalt sind – was habe ich dann eigentlich jahrelang selbst gesät?
Doch diese Volte ist am Ende nur die Pointe am Rande. Die eigentliche Funktion seiner Worte liegt woanders: Sie verwandeln eine sehr genaue Diagnose in eine sehr allgemeine Anklage – gegen niemanden im Besonderen und gegen alle zugleich. Und sie zeigen, dass dieses Manöver nicht an eine Person oder Partei gebunden ist, sondern ein Reflex des Amtes selbst zu sein scheint: Wer regiert, flüchtet sich in den Nährboden. Wer opponiert, zeigt auf die Ursache.
Die Moral von der Geschicht‘? Wer in Zukunft einen schlechten Flachwitz reißt, steht mit einem Bein im Extremismus. Und wer den eigentlichen Befund nennen will, sollte aufpassen, dass er nicht versehentlich ins Bundeskanzleramt gewählt wird.
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Bildquelle: EUS-Nachrichten / shutterstock
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Quellenangaben:
Zum CSD-Anschlag und Merz‘ Rede (25./26.07.2026):
Euronews: Bericht mit Dobrindts Einordnung als islamistischer Terroranschlag, Opferzahlen, Tatablauf (Fahrzeug + Machete) — https://de.euronews.com/my-europe/2026/07/26/merz-nach-csd-anschlag-wir-werden-freiheit-verteidigen
news.de: Bericht über die Besucher, die während Merz‘ Rede die Marienkirche verließen — https://www.news.de/politik/859855989/friedrich-merz-gedemuetigt-bei-trauergottesdienst-nach-csd-anschlag-video-aus-berliner-kirche-sorgt-fuer-wirbel/1/
Junge Freiheit: Wortlaut-Zitate aus Merz‘ Rede („dumme Redensarten und schlechte Witze“) — https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2026/merz-warnt-vor-schlechten-witzen-nach-dem-islamistischen-csd-anschlag/
Zu Solingen 2024 (Vergleichsfall):
Tagesspiegel: Faesers Abschiebedruck auf die Länder nach Solingen — https://www.tagesspiegel.de/politik/asylsystem-debatte-nach-anschlag-von-solingen-fdp-fordert-keinerlei-sozialleistungen-mehr-fur-ausreisepflichtige-12262193.html (enthält auch Linnemanns Aussage und den Merz-Scholz-Termin)
Wikipedia „2024 Solingen stabbing“ für die harten Fakten (Opferzahlen, IS-Bekennung, gescheiterte Abschiebung nach Bulgarien) — https://en.wikipedia.org/wiki/2024_Solingen_stabbing
Zu Magdeburg 2024 (Vergleichsfall):
taz: Reaktionen von Steinmeier, Habeck, van Aken mit der „Hass und Hetze“-Rhetorik — https://taz.de/Reaktionen-auf-Anschlag-von-Magdeburg/!6058984/
Amadeu-Antonio-Stiftung: Einordnung der rechtsextremen Tatmotivation (ein Jahr danach) — https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/der-anschlag-von-magdeburg-ein-jahr-danach-156093/