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Ein Meinungsbeitrag von Rainer Rupp.
Warum werden amerikanische Präsidenten, die als Gegner endloser Kriege antreten, so zuverlässig zu Kriegspräsidenten? Die bequeme Antwort lautet: falsche Persönlichkeiten, schlechte Berater oder einflussreiche Falken. Die unangenehmere Antwort lautet, dass es das politische System der Vereinigten Staaten
Ein Meinungsbeitrag von Rainer Rupp.
Warum werden amerikanische Präsidenten, die als Gegner endloser Kriege antreten, so zuverlässig zu Kriegspräsidenten? Die bequeme Antwort lautet: falsche Persönlichkeiten, schlechte Berater oder einflussreiche Falken. Die unangenehmere Antwort lautet, dass es das politische System der Vereinigten Staaten ist, das militärische Gewalt belohnt. Ein US-Präsident kann einen Krieg leicht beginnen; die Kosten erscheinen zunächst begrenzt, während ein Rückzug ohne vollständigen Sieg innenpolitisch als Schwäche ausgelegt werden kann.
Donald Trumps zweite Amtszeit liefert dafür ein bemerkenswertes Beispiel. Seine Nationale Sicherheitsstrategie von 2025 erkannte ausdrücklich an, dass amerikanische Ressourcen nicht unbegrenzt, sondern endlich sind. Nicht jede Region und nicht jeder Konflikt könne im Mittelpunkt amerikanischer Strategie stehen. Washington sollte sich stärker auf die westliche Hemisphäre und den Indo-Pazifik konzentrieren und die jahrzehntelange Fixierung auf Europa und den Nahen Osten beenden.
Doch kaum war dieses Prinzip formuliert, setzte sich die alte Logik erneut durch. Der Präsident verfügt faktisch über eine enorme Freiheit zum militärischen Handeln, während der Kongress seine verfassungsmäßige Verantwortung über Jahrzehnte verkümmern ließ. Darin liegt der erste absurde Anreiz für die US-Eliten, sofort zur Waffe zu greifen, anstatt zu verhandeln.
Der überraschende militärische US-Erfolg in Venezuela stärkte wieder jene politischen Kräfte in Washington, die von einer Selbstbegrenzung des US-Hegemons im Rahmen der Nationalen Sicherheitsstrategie von 2025 nichts wissen wollten. Denn nach dem triumphalen Erfolg über Präsident Maduro glaubten sie, die vermeintliche militärische Allmacht Amerikas wiederentdeckt zu haben.
Es folgte die „begrenzte“ Operation Epic Fury. Militärisches und ziviles Führungspersonal des Irans wurden gezielt getötet und militärische und zivile Infrastruktur zerstört. Doch die zivile und militärische Administration des iranischen Staats löste sich nicht auf, wie in Washington erhofft, sondern stand im Gegenteil noch fester zusammen als zuvor. Zugleich dezentralisierte sie sich, um weitere Enthauptungsschläge unmöglich zu machen. Das geschah jedoch, ohne dass die militärische Effizienz Irans darunter gelitten hätte; im Gegenteil!
Als Vergeltung wurden US-amerikanische Stützpunkte mitsamt den dazugehörigen Aufklärungs- und Abhöranlagen und sonstigem militärischen Gerät von unaufhaltbaren iranischen Raketen zerstört. Dabei wurden laut New York Times die US-Basen für das US-Personal „unbewohnbar“ gemacht und in den Lagern auf den Basen wurden große Mengen von US-Raketen und wertvoller Präzisionsmunition zerstört. Der Rest der US-Raketen wurde in den Abwehrkämpfen gegen iranische Luftangriffe meist wirkungslos verballert.
Wenn der erste absurden Anreiz für die US-Eliten darin liegt, dass sie, ohne je zur Verantwortung gezogen zu werden, sofort zur Waffe greifen können, um ihren Willen einem anderen Land aufzuzwingen, anstatt „umständlich“ über Kompromisse zu verhandeln, dann besteht der zweite Anreiz in der zeitlichen Verteilung von Nutzen und Kosten. Die medial und politisch wirksamen Bilder eines „heroischen“ Angriffs für Demokratie und Menschenrechte entstehen sofort: Raketenstarts, Pressekonferenzen, Diktate und Ultimaten „zeigen“ die vermeintliche Entschlossenheit des starken Führers im Weißen Haus. Die Rechnung für den Krieg dagegen kommt später, in der Regel sogar viele Jahre später. Von der Masse der Bevölkerung werden diese Kosten meist gar nicht wahrgenommen. Denn die medialen Hofschranzen Washingtons tun nichts dafür, um die Menschen aufzuklären, dass sie am Ende die Rechnung bezahlen, und zwar in Form von höherer Staatsverschuldung, von höherer Inflation durch Geldschöpfung, um die leeren Waffenlager wieder zu füllen, oder um für die verwundeten und oder zu Krüppel geschossenen Veteranen bis zum Ende ihres Lebens zu sorgen.
Der Präsident und seine Eliten können sich in den heroischen politischen Bildern sonnen; der Rüstungsindustrielle Komplex und die nicht zu unterschätzend profitable Kriegsberatungsindustrie haben ihre Boni verteilt und die anonymisierten Kosten des Krieges bezahlt die Gesellschaft später, ohne es zu merken
Ein dritter Anreiz entsteht durch das weltweite amerikanische Bündnis- und Stützpunktsystem. Regionale Vasallen versuchen in der Regel Washington in ihre Konflikte hineinzuziehen. Dadurch entsteht im Krisenfall eine Bedrohung für die in Vasallenstaaten stationierten US-Soldaten. Daraus entsteht ein Teufelskreis. Um die vorwärst stationierten US-Soldaten zu beschützen (Force-Protection im Fachjargon) schickt das Pentagon selbstredend noch mehr Militär und sorgt damit aus Sicht des regionalen Gegners für Eskalation und Verschärfung der Spannungen, die dann nicht selten in US-Luftschlägen enden.
Hier ist als die paradoxe Situation entstanden, dass eine permanente Stationierung von US-Soldaten im Ausland über die Notwendigkeit von „Force-Protection“ im Fall einer Krise automatisch zur regionalen Eskalation und damit zur potenziellen Ausweitung des eine amerikanischen Kriegseinsatzes führt.
Tief eingebettet im politischen System der USA liegt ein vierter Anreiz, nämlich einen Krieg nicht zu beenden, selbst wenn man ihn nicht selbst begonnen, sondern von den Vorgängern geerbt hat. Einzupacken und nach Hause zu gehen, selbst wenn man nach über 20 Jahren Krieg keinen Erfolg hatte, wie z.B. in Afghanistan, wird von den US-Medien und den politischen Eliten als Schande, als Feigheit oder gar als Verrat denunziert. Einen Krieg zu beginnen, das wird als Stärke honoriert. Einen erfolglosen Krieg zu beenden, verlangt dagegen das Eingeständnis, dass die ursprünglichen Ziele unerreichbar waren, und das wird mit politischen Kosten bestraft. Das ist der Grund, warum sich so manche begrenzte US-Interventionen in endlose Kriege verwandelt haben.
Hinzu kommt der militärisch-industrielle Komplex. Rüstungsunternehmen profitieren von steigenden Beschaffungen und Ersatzbestellungen, investieren Milliarden in Lobbyarbeit und beschäftigen in den Vorstandsetagen mehrheitliche ehemalige hochrangige Regierungs- und Militärvertreter. Die Forderung nach strengeren Regeln, um die Drehtür zwischen Pentagon und Rüstungsindustrie zu blockieren, und Kongressmitgliedern den Handel mit Aktien von Rüstungsunternehmen zu verbieten sind fromme aber bei diesem real-existierenden US-Regime unerfüllbare Wünsche geblieben.
Allerdings wäre es verkürzt, daraus zu schließen, Kriege würden ausschließlich für Unternehmensgewinne geführt. Entscheidend ist vielmehr, dass das US-System Akteure hervorbringt, die von höheren Militärausgaben unmittelbar profitieren, während die Kosten auf Millionen Steuerzahler und zukünftige Generationen verteilt werden.
Ein weiterer gefährliche Anreiz wird jedoch außerhalb der USA verortet, nämlich in Europa. Europäische Regierungen kaufen nach wie vor in erheblichem Umfang amerikanische Rüstungsgüter. SIPRI zufolge kamen 58 Prozent der Waffenimporte europäischer NATO-Mitglieder in den Jahren 2021–25 aus den USA. Diese Abhängigkeit ist besonders problematisch bei Kampfflugzeugen und weitreichenden Luftverteidigungssystemen. Europa hat sich also militärisch enger an einen Lieferanten gebunden, dessen eigene Interventionen seine Bestände gleichzeitig aufgezehrt haben.
Die Ironie könnte kaum deutlicher sein. Washington fordert höhere europäische Verteidigungsausgaben, während amerikanische Kriege jene Munitionsreserven beanspruchen, von denen Europas Verteidigung teilweise abhängt. Das „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) warnt, dass die Iran-Kampagne große Mengen von THAAD-, SM-3- und Patriot-Abfangflugkörpern verbraucht hat, die bereits zuvor knapp waren.
Im Nahen Osten ist der Mechanismus noch unmittelbarer. Regionale Verbündete werden aufgrund amerikanischer Entscheidungen zu bevorzugten Zielen von iranischen Vergeltungsschlägen. Die amerikanische Bevölkerung bleibt räumlich geschützt; Golfstaaten befinden sich dagegen direkt im Raketen- und Drohnenradius.
Damit entsteht eine eigentümliche Form asymmetrischer Bündnispolitik: Washington besitzt einen erheblichen Teil der Entscheidungsmacht über Eskalation, während Verbündete einen überproportionalen Anteil des unmittelbaren geografischen Risikos tragen, eine Situation, die sich zu 100 Prozent auf die Lage in Europa übertragen lässt.
In Ostasien zeigt sich dieselbe Fehlkonstruktion als Ressourcenproblem. Die amerikanische Strategie bezeichnet China als zentrale langfristige Herausforderung, verbraucht aber im Nahen Osten Waffen, die für einen Konflikt im Westpazifik benötigt würden. CSIS stellte im Mai 2026 fest, dass die USA bei einem längeren Krieg gegen China erhebliche Probleme mit Langstreckenmunition, Luftverteidigung und Abfangsystemen hätten. (CSIS)
Der Wiederaufbau dieser Bestände dauert nicht Wochen, sondern Jahre. Bei Tomahawk-, THAAD- und Patriot-Systemen spricht CSIS von einem mehrjährigen Prozess.
Japan erlebt die Konsequenzen bereits konkreter. Für den Nahen Osten wurden Marines und Kriegsschiffe aus dem asiatisch-pazifischen Raum abgezogen. Japanische Politiker und Öffentlichkeit äußerten daraufhin Sorgen über die entstandene Lücke in der regionalen Streitkräfteaufstellung. Gleichzeitig können Lieferverzögerungen bei Abfangraketen Japans eigene Aufrüstung beeinträchtigen. (CSIS)
Die absurden Anreize zur Kriegsführung des US-Regimes sind deshalb keineswegs eine rein amerikanische Angelegenheit. Sie werden durch das Bündnissystem internationalisiert. Eine Entscheidung im Oval Office kann europäische Munitionsverfügbarkeit beeinflussen, Golfstaaten Vergeltungsschlägen aussetzen und asiatische Militärpläne umwerfen.
Noch problematischer ist die wirtschaftliche Dimension. Der amerikanische Militarismus wird of damit entschuldigt, dass er angeblich globale Stabilität gewährleistet. Tatsächlich aber destabilisiert er selbst internationale Energie- und Handelsströme. Zunehmend verweisen Kritiker auch auf einen weiteren fundamentalen Widerspruch: Jahrzehntelang präsentierte sich die US-Marine als Garant freier Schifffahrt und Energieversorgung; im Iran-Konflikt trug Washington selbst zur Destabilisierung der internationalen Energiemärkte bei und blockierte die freie Schifffahrt.
Ein politisches Regime voller Anreize für neue Kriege, das dem Kriegsherrn in Washington im Alleingang ohne Zustimmung des Kongresses militärische Eskalation bis hin zum Krieg erlaubt, erzeugt somit Kosten, die weit über die amerikanische Innenpolitik hinausreichen und auch in Europa zu spüren sind.
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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Weißes Haus in Washington, D.C.
Bildquelle: Dan Thornberg / shutterstock