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Es ist eine Entwicklung, die kaum noch als Ansammlung einzelner nationaler Vorsorgekampagnen abgetan werden kann: Quer durch Europa werden Bürger aufgefordert, Wasser, Lebensmittel, Medikamente, Bargeld, Batterien und andere lebenswichtige Dinge zu Hause bereitzuhalten. Drei Tage, eine Woche, in Deutschland möglichst sogar zehn Tage.
Und 2026 nimmt diese Entwicklung sichtbar Fahrt auf.
Seit gestern gehört auch Großbritannien dazu. Die britische Umweltministerin Angela Eagle rief die Bevölkerung dazu auf, genügend Lebensmittel und Wasser vorzuhalten, um mehrere Tage ohne funktionierende Strom- oder Wasserversorgung auszukommen. Offizieller aktueller Anlass ist die Warnung vor einem außergewöhnlich starken El Niño und möglichen schweren Unwettern. Gleichzeitig bereitet die Regierung eine breitere Kampagne zur Vorsorge für nationale Notlagen vor.
Großbritannien ist damit keineswegs allein.
Deutschland hat seinen Ratgeber „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen“ grundlegend überarbeitet. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt, sich möglichst zehn Tage selbst versorgen zu können; mindestens drei Tage sollten es sein. Bemerkenswert ist, dass der neue Ratgeber ausdrücklich auch das Thema Krieg aufgreift. Das BBK begründet dies mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und einer veränderten Risikolage.
Im Mai präsentierten Innenminister Alexander Dobrindt und Verteidigungsminister Boris Pistorius zudem den neuen „Pakt für Bevölkerungsschutz“. Direkt vor dem Berliner Hauptbahnhof demonstrierte das BBK dabei beispielhaft Notvorräte für drei und zehn Tage.
Polen geht einen ähnlichen Weg. Der staatliche Sicherheitsratgeber behandelt neben Naturkatastrophen ausdrücklich hybride Angriffe und erklärt den Bürgern unter anderem, wie ein Notfallrucksack für die ersten 72 Stunden zusammengestellt werden sollte.
Luxemburg startete im Juli „Lëtz prepare!“. Die Regierung spricht dabei ausdrücklich von klimatischen, gesundheitlichen, technologischen und sicherheitsrelevanten Risiken und will die Krisenvorsorge der Bevölkerung stärken.
Besonders weit geht Norwegen. Dort wurde 2026 offiziell zum „Totalverteidigungsjahr“ erklärt. Die Regierung bereitet Bevölkerung, Behörden und Streitkräfte gemeinsam auf schwere Krisen und ausdrücklich auch auf einen möglichen Krieg vor. Die Bürger sollen sich im Ernstfall eine Woche selbst versorgen können. Auf der offiziellen Seite heißt es unmissverständlich: Bei Krieg oder schweren Krisen sei es sehr wahrscheinlich, dass Dienstleistungen ausfallen, die heute selbstverständlich erscheinen.
Und Ende September bekommen rund 2,2 Millionen Haushalte in Irland einen staatlichen Krisenratgeber zugeschickt. Darin geht es um Lebensmittel, Trinkwasser, Wärme, Kommunikation, Stromausfälle und Evakuierung. Offiziell verweist Dublin insbesondere auf die Erfahrungen mit schweren Stürmen und länger dauernden Ausfällen der Infrastruktur.
Der entscheidende Punkt wird sichtbar, wenn man eine Ebene höher schaut.
Bereits im März 2025 stellte die EU-Kommission ihre „Preparedness Union Strategy“ – Strategie für eine Union der Krisenvorsorge – vor. Darin fordert Brüssel ausdrücklich, dass Europas Bürger im Ernstfall mindestens 72 Stunden ohne externe Versorgung auskommen können.
Doch die Strategie geht erheblich weiter als ein paar Konservendosen im Keller. Sie umfasst strategische Vorräte, kritische Infrastruktur, gemeinsame Krisenübungen, Frühwarnsysteme und eine engere zivil-militärische Zusammenarbeit.
2026 wird diese Strategie weiter umgesetzt. Im März brachte die EU Vertreter von Regierungen, Katastrophenschutz, Militär und Privatwirtschaft zusammen, um die Fortschritte zu überprüfen und die nächsten Schritte festzulegen.
Was jetzt in vielen Ländern geschieht, ist deshalb zumindest teilweise Bestandteil eines größeren europäischen Paradigmenwechsels:
Nicht mehr nur der Staat soll auf Krisen vorbereitet sein – die gesamte Gesellschaft soll krisenfest werden.
Offiziell gibt es dafür nicht den einen Grund. Genannt werden Extremwetter, Überschwemmungen, Waldbrände, Pandemien, Cyberangriffe, Blackouts, Sabotage, unterbrochene Lieferketten, hybride Angriffe und militärische Konflikte.
Das ist wichtig: Es wäre falsch zu behaupten, die Regierungen wüssten von einem unmittelbar bevorstehenden Krieg und forderten deshalb ihre Bürger zum Hamstern auf. Dafür gibt es keinen Beleg. Aber ebenso falsch wäre es, den sicherheitspolitischen Hintergrund dieser Entwicklung auszublenden.
Die EU selbst nennt neben Naturkatastrophen ausdrücklich geopolitische Spannungen und Konflikte, hybride Bedrohungen und Cyberangriffe als Gründe für ihre neue Vorsorgestrategie. Gleichzeitig sollen Streitkräfte, Polizei, Zivilschutz, Gesundheitswesen und Feuerwehr regelmäßig gemeinsam üben.
Norwegen spricht sogar ganz offen von Eigenvorsorge „im Krieg“. Deutschland hat Krieg neu in seinen Bevölkerungsschutz-Ratgeber aufgenommen. Polen bereitet seine Bürger auf hybride Angriffe vor.
Die Sprache hat sich verändert.
Dahinter steckt eine einfache militärische und logistische Rechnung.
Wenn Millionen Menschen bei einem mehrtägigen Stromausfall sofort Trinkwasser, Lebensmittel, Medikamente oder Wärme benötigen, werden Rettungsdienste und staatliche Strukturen innerhalb kürzester Zeit überlastet.
Wer dagegen drei, sieben oder zehn Tage selbstständig überleben kann, entlastet den Staat. Private Vorratshaltung wird damit zu einem Bestandteil gesellschaftlicher Resilienz – und gesellschaftliche Resilienz wiederum zu einem Bestandteil moderner Sicherheits- und Verteidigungspolitik.
Genau deshalb spricht die EU nicht lediglich von Katastrophenschutz, sondern von einem „whole-of-society approach“: Staat, Unternehmen, Zivilgesellschaft und Bürger sollen gemeinsam auf Krisen vorbereitet werden.
Es bedeutet dass europäische Regierungen einen großen Krieg, massive Cyberangriffe, längerfristige Infrastruktur-Ausfälle und andere schwere Systemkrisen inzwischen als Szenarien behandeln, auf die auch die Zivilbevölkerung vorbereitet sein muss.
Jahrzehntelang galt die Vorstellung von Notvorräten, Schutzräumen und ziviler Kriegsvorsorge vielen Europäern als Relikt des Kalten Krieges.
Jetzt kehrt genau dieses Denken zurück.
Erst waren es 72 Stunden. Anderswo wurde daraus eine Woche. Deutschland spricht von möglichst zehn Tagen. Norwegen erklärt ein ganzes Jahr zum Totalverteidigungsjahr. Irland schickt Millionen Haushalten einen Krisenratgeber. Und nun fordert auch Großbritannien seine Bürger auf, Wasser und Lebensmittel bereitzuhalten.
Die einzelnen Regierungen nennen unterschiedliche unmittelbare Gründe.
Das Gesamtbild ist dennoch unübersehbar: Europa bereitet seine Bevölkerung wieder darauf vor, dass das Selbstverständliche plötzlich nicht mehr funktionieren könnte – Strom, Wasser, Kommunikation, Versorgung und im schlimmsten Fall Frieden.
Aktuelle Auflistung, aber nicht abschliessend.
| Datum | Land | Aufruf / Maßnahme |
|---|---|---|
| 10.–17.09.2025 | Polen | Regierung bewirbt ihren neuen Sicherheitsratgeber und fordert Haushalte auf, 72-Stunden-Notfallrucksäcke mit Wasser, Lebensmitteln, Medikamenten, Bargeld usw. vorzubereiten. Der Ratgeber soll an sämtliche Haushalte gehen. |
| 27.10.–02.11.2025 | Norwegen |
Nationale Eigenvorsorgewoche 2025. Behörden werben erneut für private Krisenvorsorge; die offizielle Empfehlung lautet inzwischen, eine Woche selbstständig durchhalten zu können. Die Kampagne wird 2026 fortgesetzt. |
| 03.11.2025 | Niederlande |
Start der mehrjährigen Regierungskampagne „Denk vooruit“. Bürger sollen ein Notfallpaket mit Wasser, haltbaren Lebensmitteln, Bargeld, Radio, Powerbank usw. für 72 Stunden bereithalten. |
| 17.11.2025 | Niederlande |
Regierung kündigt zusätzlich die Verteilung eines Krisenratgebers an mehr als 8,5 Millionen Haushalte an. |
| 20.11.2025 | Frankreich |
Innenministerium veröffentlicht den neuen staatlichen Krisenratgeber „Tous responsables“. Er soll die Bevölkerung auf schwere Krisen vorbereiten und beinhaltet private Vorsorge bzw. ein Notfallpaket. |
| Nov. 2025 | Schweiz |
Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung wirbt erneut dafür, Informationen über den Notvorrat möglichst breit zu verbreiten. Die Empfehlung selbst ist älter; die Informationskampagne wurde bereits 2024/25 verstärkt. Deshalb ist die Schweiz ein erneuter, kein neuer Aufruf. |
| 28.04.2026 | Österreich |
Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig erklärt ausdrücklich, ein angepasster Lebensmittelvorrat und Bargeld sollten zur Grundausstattung jedes Haushalts gehören. Österreich empfiehlt für Krisen grundsätzlich eine Haushaltsbevorratung von Lebensmitteln. |
| 02.06.2026 | Deutschland |
Das BBK veröffentlicht/erweitert seinen neuen Krisenratgeber. Bürger sollen sich möglichst zehn Tage, mindestens aber drei Tage selbst versorgen können. Neu wird ausdrücklich auch Krieg behandelt. |
| 29.06.2026 | Finnland |
Die staatliche Krisenvorsorge wird aktualisiert: Haushalte sollen mindestens drei Tage Wasser, Lebensmittel, Medikamente und andere wichtige Dinge vorhalten. Die Hinweise behandeln auch militärische Konflikte und Zivilschutz. |
| 01.07.2026 | Luxemburg |
Regierung präsentiert „Lëtz prepare!“. Die Bevölkerung soll Notreserven und ein 72-Stunden-Kit vorbereiten. Dazu werden öffentliche Kampagnen und Vorsorgeinstrumente angekündigt. |
| 28.08.2026 | Irland |
Start der neuen Initiative „Be Emergency Ready“. Mehr als zwei Millionen Haushalte erhalten ab September einen staatlichen Krisenratgeber; empfohlen werden unter anderem Lebensmittel, Trinkwasser und Möglichkeiten zur Aufrechterhaltung der Kommunikation. |
| 02.09.2026 | Norwegen |
Norwegen kündigt die nächste nationale Eigenvorsorgewoche für Oktober an. Die Bevölkerung soll weiterhin auf Selbstversorgung und Ausfälle von Mobilfunk und Internet vorbereitet werden. 2026 ist dies zusätzlich Teil des norwegischen Totalverteidigungsjahres. |
| 03.09.2026 | Großbritannien |
Aktuellster Fall: Umweltministerin Angela Eagle fordert die Briten auf, genügend Lebensmittel und Wasser für mehrere Tage bereitzuhalten. Eine größere Regierungskampagne zur Vorbereitung auf nationale Notlagen soll folgen. |
Quellen:
Polen – staatlicher Sicherheitsratgeber
Niederlande – Start „Denk vooruit“ am 3. November 2025
Niederlande – Krisenratgeber für 8,5 Millionen Haushalte
Frankreich – „Tous responsables“ vom 20. November 2025
Schweiz – Wirtschaftliche Landesversorgung, November 2025
Österreich – Minister fordert Lebensmittelvorrat und Bargeld im Haushalt
Deutschland – neuer BBK-Krisenratgeber 2026
Finnland – staatliche 72-Stunden-Empfehlung, aktualisiert Juni 2026
Luxemburg – „Lëtz prepare!“ vom 1. Juli 2026
Irland – neue Haushaltskampagne vom 28. August 2026
Norwegen – Eigenvorsorge und Totalverteidigung 2026
Großbritannien – Aufruf vom 3. September 2026