Organspende war bereits vorbereitet: Vater verhindert mit einer Pistole das Abschalten der Geräte – sein Sohn überlebt

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Ein Fall aus Texas sorgt mehr als ein Jahrzehnt später erneut für Diskussionen über Hirntod, Organspende und die Frage, wie sicher Ärzte feststellen können, dass ein schwer geschädigter Patient keine Chance mehr auf Genesung hat. Der amerikanische Arzt Dr. Wojak fasste die Geschichte kürzlich drastisch zusammen: Ärzte erklären einen jungen Mann für hirntot, die Organentnahme wird vorbereitet, sein Vater verhindert das Vorgehen mit einer Schusswaffe – und der Sohn überlebt. Der Vater dagegen landet im Gefängnis.

Der Fall ereignete sich im Januar 2015 im Tomball Regional Medical Center in Texas. George Pickering III. lag nach einem schweren Schlaganfall in kritischem Zustand auf der Intensivstation. Nach Einschätzung des medizinischen Personals war eine Genesung nahezu ausgeschlossen. Die Ärzte begannen deshalb mit einer kontrollierten Reduzierung der lebenserhaltenden Maßnahmen. Gleichzeitig wurde eine Organisation für Organspenden informiert, da Pickering als Organspender registriert war.

Sein Vater, George Pickering II., akzeptierte diese Einschätzung nicht. Das Krankenhauspersonal stufte ihn als schwierig und aggressiv ein, woraufhin die Entscheidungsbefugnis über die Behandlung seines Sohnes auf seine Ex-Frau und einen weiteren Sohn übertragen wurde. Pickering fühlte sich damit ausgerechnet in dem Moment ausgeschlossen, in dem sein Sohn nach Einschätzung der Ärzte im Sterben lag und von den lebenserhaltenden Maßnahmen genommen werden sollte.

Dann eskalierte die Situation.

Pickering brachte eine Schusswaffe mit ins Krankenhaus und verschanzte sich bei seinem bewusstlosen Sohn hinter einem Vorhang. Es folgte eine stundenlange Konfrontation mit der Polizei. Sein anderer Sohn konnte ihm die Waffe zwar relativ schnell abnehmen, doch Pickering behauptete anschließend, noch eine zweite Waffe zu besitzen. Das stimmte nicht – doch die Täuschung verschaffte ihm genau das, worum es ihm ging: Zeit.

Und in diesen Stunden geschah etwas Entscheidendes. George Pickering III. drückte nach Angaben seines Vaters mehrfach auf Kommando dessen Hand. Für Pickering senior war damit klar, dass sein Sohn noch reagierte und sein Zustand nicht so aussichtslos war, wie ihm zuvor vermittelt worden war.

Schließlich ergab sich Pickering der Polizei und wurde festgenommen. Eine der gegen ihn erhobenen Anklagen wurde später fallengelassen, eine weitere auf ein weniger schweres Vergehen reduziert. Er verbüßte seine Strafe und kam wieder frei.

Sein Sohn dagegen überlebte – und stellte sich später öffentlich hinter seinen Vater. George Pickering III. sagte über dessen Handeln: „Es war seine Pflicht als Vater. Alles, was mich zu einem Mann gemacht hat, verdanke ich ihm.“

Der Fall wirft eine entscheidende Frage auf: War Pickering tatsächlich hirntot?

Genau an diesem Punkt ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Die offizielle medizinische Definition des Hirntods bedeutet den irreversiblen Ausfall sämtlicher Funktionen des Gehirns einschließlich des Hirnstamms. Ein Patient, bei dem Hirntod nach den vorgeschriebenen Kriterien zweifelsfrei festgestellt wurde, kann nicht später wieder bewusst auf Aufforderungen reagieren.

Der Fall Pickering wird dennoch von Dr. Wojak und anderen Kritikern als Beispiel dafür angeführt, wie problematisch Entscheidungen am Lebensende sein können. Im ursprünglichen Bericht über den Vorfall wird beschrieben, dass die Ärzte die Aussichten auf Genesung als äußerst gering einschätzten, lebenserhaltende Maßnahmen reduziert werden sollten und eine Organspendeorganisation eingeschaltet worden war. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass bereits eine formelle Hirntoddiagnose nach allen medizinischen Kriterien abgeschlossen war.

Gerade diese Unterscheidung ist entscheidend: Ein schwer hirngeschädigter, bewusstloser oder komatöser Patient ist nicht zwangsläufig hirntot.

Kritiker des bestehenden Systems verweisen dennoch auf Fälle, in denen Hirntoddiagnosen angezweifelt oder neurologische Reaktionen später anders bewertet wurden. Sie warnen zudem davor, dass der Bedarf an Spenderorganen einen problematischen Anreiz schaffen könnte, Entscheidungen über die Aussichtslosigkeit einer Behandlung zu beschleunigen.

Der Fall Pickering stellt deshalb unbequeme Fragen: Wie sicher müssen Ärzte sein, bevor lebenserhaltende Maßnahmen beendet werden? Wie viel Zeit sollte Familien eingeräumt werden? Und wie lässt sich verhindern, dass die Aussicht auf eine Organspende Entscheidungen beeinflusst, die eigentlich ausschließlich dem Patienten gelten sollten?

Was George Pickering II. tat, war illegal und hätte tödlich enden können. Doch der außergewöhnliche Ausgang macht den Fall bis heute so aufsehenerregend: Der Vater griff zur Waffe, um Zeit für seinen Sohn zu erzwingen – und genau der Sohn, dessen Überlebenschancen als äußerst gering eingeschätzt worden waren, überlebte.

Die Geschichte ist damit kein Beweis dafür, dass Hirntoddiagnosen grundsätzlich unzuverlässig sind. Sie ist jedoch eine eindringliche Erinnerung daran, wie weitreichend und endgültig Entscheidungen über den Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen sein können. Für Angehörige bedeutet das: Fragen stellen, die medizinische Grundlage einer Entscheidung genau erklären lassen, bei Zweifeln eine zweite fachärztliche Meinung einholen und sich bereits vor einer möglichen Organspende darüber informieren, welchen Entscheidungen man tatsächlich zustimmt.

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