Die gemeinsame Erklärung der BRICS-Staaten zeigt den großen Umbau: Eigene Zahlungswege, Handel in Landeswährungen und Widerstand gegen Sanktionen

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Die Abschlusserklärung des BRICS-Gipfels in Neu-Delhi ist mehr als die übliche diplomatische Sammlung wohlklingender Absichtserklärungen. Auf 140 Punkte verteilt zeichnet sich ein strategischer Kurs ab: Die inzwischen stark erweiterte Staatengruppe will den Einfluss des Globalen Südens ausbauen, die Abhängigkeit von westlich dominierten Finanz- und Handelsstrukturen reduzieren und eigene wirtschaftliche Netzwerke schaffen.

Doch ausgerechnet der Krieg zwischen den USA und dem Iran zeigt auch, wie weit BRICS von einem geschlossenen geopolitischen Block entfernt ist. Iran gehört selbst zu BRICS, gleichzeitig sitzt mit den Vereinigten Arabischen Emiraten ein enger Partner Washingtons mit am Tisch. Dass überhaupt eine gemeinsame Erklärung zustande kam, galt deshalb als diplomatisch schwierig. Reuters berichtet von erheblichen Differenzen innerhalb der Gruppe über den Iran-Krieg.

Das Ergebnis ist entsprechend bemerkenswert: BRICS stellt sich nicht militärisch hinter Teheran und benennt weder Washington noch Israel als Aggressor. Die Gruppe äußert jedoch „tiefe Besorgnis“ über die Eskalation im Nahen Osten, verlangt größtmögliche Zurückhaltung und fordert eine Lösung durch Dialog, Konsultation und Diplomatie.

Gleichzeitig enthält die Erklärung Positionen, die Washingtons Druckpolitik gegenüber Iran und Russland direkt treffen.

Die wichtigsten Punkte der Erklärung

  • Angriff auf die Sanktionspolitik: BRICS verurteilt einseitige Wirtschafts- und Sekundärsanktionen, sofern sie gegen das Völkerrecht verstoßen, und lehnt insbesondere Sanktionen ab, die nicht vom UN-Sicherheitsrat autorisiert wurden. Das betrifft unmittelbar die westliche Sanktionspolitik gegenüber Iran und Russland.
  • Iran soll nicht isoliert, sondern integriert werden: BRICS unterstützt ausdrücklich den Beitritt Irans zur Welthandelsorganisation. Damit steht die Gruppe einer dauerhaften wirtschaftlichen Isolation Teherans entgegen.
  • Zahlungen in Landeswährungen: Die BRICS Payment Task Force soll Lösungen für grenzüberschreitende Zahlungen entwickeln. Dazu gehören die Verbindung verschiedener Zahlungs- und Nachrichtensysteme sowie die Abwicklung von Handel und Investitionen in den jeweiligen Landeswährungen.
  • Eigenes finanzielles Sicherheitsnetz: Der BRICS Contingent Reserve Arrangement soll flexibler und krisenfester werden. Neue Mitglieder haben Interesse an einem Beitritt bekundet. Parallel werden eine neue Investitionsplattform sowie eigene Abwicklungs-, Depot-, Versicherungs- und Rückversicherungsstrukturen diskutiert.
  • Mehr Macht in IWF und Weltbank: BRICS verlangt größere Stimmrechte und eine stärkere Vertretung der Schwellen- und Entwicklungsländer. Die bestehenden Institutionen sollen also nicht einfach abgeschafft, sondern ihre westlich geprägten Machtverhältnisse verändert werden.
  • Klare Position im Nahen Osten: Bei Gaza fordert BRICS die Einhaltung des humanitären Völkerrechts und verurteilt unter anderem Angriffe auf Zivilisten, zivile Infrastruktur und den Einsatz von Hunger als Kriegsmittel. Im Libanon wird Israel ausdrücklich aufgefordert, seine verbliebenen „Besatzungstruppen“ abzuziehen.
  • Eigene Handels- und Lieferketten: Die Gruppe will den Handel untereinander ausbauen und widerstandsfähigere Lieferketten schaffen. Das ist besonders für sanktionierte Mitglieder wie Russland und Iran von strategischer Bedeutung.

Der Iran-Krieg ist der erste große Belastungstest

Gerade hier zeigt sich aber die Schwäche von BRICS.

Iran könnte erwarten, dass ein Staatenverbund, der ausdrücklich gegen einseitige Sanktionen und westliche Dominanz auftritt, sich im Krieg eindeutig hinter Teheran stellt. Genau das geschieht nicht.

BRICS fordert Zurückhaltung und Diplomatie, vermeidet jedoch eine geschlossene Front gegen die USA. Das ist kein Zufall. Innerhalb des Bündnisses existieren sehr unterschiedliche Interessen. Indien unterhält wichtige Beziehungen zu Washington, die Vereinigten Arabischen Emirate ebenfalls. Russland und China verfolgen wiederum eine wesentlich konfrontativere Linie gegenüber der amerikanisch dominierten Weltordnung.

Bereits vor dem Gipfel hatten diese Unterschiede Probleme verursacht. Beim Treffen der BRICS-Außenminister im Mai 2026 kam keine gemeinsame Erklärung zustande. Auch zwischen Iran und den Emiraten gab es heftige Differenzen. (Foreign Policy)

Das ist eine der zentralen Kritiken an BRICS: Die Gruppe besitzt enormes wirtschaftliches Gewicht, aber keine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik.

Auch die Entdollarisierung kommt langsamer als angekündigt

Ein zweiter Schwachpunkt betrifft den Dollar.

Wer in der Erklärung die große Ankündigung einer BRICS-Währung oder die Abschaffung des Dollars erwartet, wird enttäuscht. Beides steht dort nicht.

Stattdessen wird wesentlich vorsichtiger von Landeswährungen, interoperablen Zahlungssystemen und freiwilliger Zusammenarbeit gesprochen. Indien hat sogar ausdrücklich signalisiert, dass es keine Agenda zur Ablösung des Dollars verfolgt.

Auch die geplante Verbindung digitaler Zentralbankwährungen steht vor erheblichen politischen und technischen Problemen. Reuters berichtete unmittelbar vor dem Gipfel, dass insbesondere das Misstrauen zwischen einzelnen Mitgliedern sowie die Spannungen zwischen Iran und den Emiraten die Umsetzung erschweren. (Internazionale)

BRICS baut also noch kein fertiges alternatives Finanzsystem auf.

Das China-Problem

Hinzu kommt eine weitere grundsätzliche Frage: Ist BRICS tatsächlich ein Bündnis gleichberechtigter Staaten – oder wird es langfristig zu einem Instrument chinesischer Macht?

China besitzt innerhalb der Gruppe ein wirtschaftliches Gewicht, mit dem die meisten anderen Mitglieder nicht annähernd mithalten können. Gerade Indien will deshalb verhindern, dass BRICS zu einem von Peking geführten antiwestlichen Block wird.

Diese Spannung dürfte wachsen, je stärker BRICS institutionell zusammenrückt. Die Financial Times verweist genau darauf: Die wirtschaftliche Bedeutung der Gruppe ist enorm, doch Differenzen über Chinas Rolle, geopolitische Interessen und die Frage, wie stark BRICS den Westen tatsächlich herausfordern soll, begrenzen bisher seine Handlungsfähigkeit.

Viel Papier, langsame Umsetzung

Eine weitere berechtigte Kritik: BRICS produziert inzwischen eine enorme Zahl von Arbeitsgruppen, Foren, Initiativen, Netzwerken und Absichtserklärungen.

Eine gemeinsame Zahlungsinfrastruktur wird seit Jahren diskutiert. Eine gemeinsame BRICS-Währung kam bislang überhaupt nicht zustande. Viele Projekte befinden sich weiterhin in Machbarkeitsstudien oder technischen Arbeitsgruppen.

Das gilt auch für den Iran. Solange iranische Unternehmen trotz BRICS-Mitgliedschaft Schwierigkeiten beim internationalen Zahlungsverkehr, bei Versicherungen, Finanzierung und Handel haben, bleibt die politische Solidarität begrenzt wertvoll.

Wohin BRICS tatsächlich steuert

Trotz dieser Schwächen wäre es ein Fehler, BRICS deshalb als bedeutungslosen Debattierclub abzutun.

Die Gruppe verfolgt offenbar keinen revolutionären Bruch mit der bestehenden Weltordnung. Sie geht wesentlich pragmatischer vor: Stück für Stück sollen Alternativen entstehen.

Landeswährungen statt ausschließlicher Dollar-Abwicklung. Eigene Zahlungswege statt vollständiger Abhängigkeit von westlicher Finanzinfrastruktur. Eine eigene Entwicklungsbank. Ein eigenes finanzielles Sicherheitsnetz. Mehr Handel innerhalb der Gruppe. Stärkere Versicherungs- und Rückversicherungskapazitäten. Neue Investitionsplattformen und widerstandsfähigere Lieferketten.

Indiens Premier Narendra Modi brachte die vorsichtigere Interpretation des Projekts auf den Punkt: BRICS solle nicht „anti-westlich“ sein; der Globale Süden solle vielmehr vom Regelnehmer zum „rule-shaper“, also zum Mitgestalter der Regeln, werden.

Genau darin könnte die eigentliche Gefahr für die bisherige westliche Vormachtstellung liegen.

BRICS muss die USA oder Europa gar nicht ersetzen. Es genügt langfristig, wenn Staaten wie Iran, Russland, China, Indien, Brasilien und ihre Partner weniger abhängig von ihnen werden.

Der Iran-Krieg zeigt dabei beide Seiten dieser Entwicklung besonders deutlich: BRICS ist heute noch nicht stark oder geschlossen genug, um eines seiner Mitglieder politisch oder militärisch geschlossen gegen die USA zu verteidigen. Gleichzeitig beschleunigt genau dieser Krieg den Wunsch nach Strukturen, die amerikanische Sanktionen, den Dollar und westliche Finanzkanäle künftig weniger mächtig machen.

Damit entwickelt sich BRICS weniger zu einer neuen NATO oder einer neuen EU als zu etwas anderem: einem wirtschaftlichen Gegenraum, in dem Staaten Geschäfte machen, finanzieren und miteinander handeln können sollen, ohne für jeden entscheidenden Schritt auf Washington oder westlich dominierte Institutionen angewiesen zu sein.

Ob daraus tatsächlich eine neue Weltordnung entsteht, entscheidet sich nicht in Gipfelerklärungen. Es entscheidet sich daran, ob diese alternativen Strukturen am Ende wirklich funktionieren.

*

„BRICS umfasst inzwischen 11 Vollmitglieder und 10 offizielle Partnerstaaten; darüber hinaus bemühen sich zahlreiche weitere Länder um eine Mitgliedschaft oder engere Anbindung.“

BRICS – Mitglieder und Beitrittsinteressenten

Vollmitglieder (11):

  • Brasilien
  • Russland
  • Indien
  • China
  • Südafrika
  • Ägypten
  • Äthiopien
  • Iran
  • Vereinigte Arabische Emirate
  • Saudi-Arabien
  • Indonesien

Offizielle BRICS-Partnerstaaten (10):

  • Belarus
  • Bolivien
  • Kuba
  • Kasachstan
  • Malaysia
  • Nigeria
  • Thailand
  • Uganda
  • Usbekistan
  • Vietnam

Weitere Staaten mit Beitrittsantrag bzw. öffentlich bekundetem Interesse: Dazu werden derzeit unter anderem Aserbaidschan, Bahrain, Bangladesch, Pakistan, Serbien, Sri Lanka, Türkei, Venezuela und Simbabwe gezählt.

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