Medienbombe beim Guardian: Preisgekrönter Journalist gesteht erfundenes Iran-Interview

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Es ist ein Eingeständnis, das grundlegende Fragen über journalistische Glaubwürdigkeit aufwirft. Der frühere Guardian-Journalist Saeed Kamali Dehghan soll öffentlich eingeräumt haben, eine der aufsehenerregenden Iran-Geschichten seiner damaligen Karriere vollständig erfunden zu haben. Darüber berichten aktuell sowohl das griechische Portal Olympia als auch die iranische Zeitung AsrIran.

Im Zentrum steht Sakineh Mohammadi Ashtiani. Ihr drohender Tod durch Steinigung löste 2010 weltweit Empörung aus und wurde zum Symbol für die Menschenrechtslage im Iran. Am 6. August 2010 veröffentlichte der Guardian unter Dehghans Namen eine als „Exclusive“ gekennzeichnete Geschichte mit der Schlagzeile: „Iranian facing stoning speaks: ‘It’s because I’m a woman’“. Der Artikel erklärte, das Interview sei über einen aus Sicherheitsgründen anonym bleibenden Vermittler geführt worden.

Nun soll Dehghan selbst genau diese Geschichte eingerissen haben. In der verbreiteten Erklärung heißt es unmissverständlich: „That interview never happened. I fabricated the entire piece.“ – „Dieses Interview hat nie stattgefunden. Ich habe den gesamten Artikel erfunden.“ Er bezeichnet die Geschichte demnach als vollständig unwahr und übernimmt die Verantwortung dafür. AsrIran berichtet ebenfalls über dieses Eingeständnis.

Das Brisante daran ist nicht nur die Fälschung selbst. Der Artikel war keine belanglose Meldung über ein Randthema. Er erschien mitten in einer internationalen Kampagne, während Politiker, Menschenrechtsorganisationen und Medien weltweit über Ashtianis Schicksal diskutierten. Der Guardian präsentierte seinen Lesern vermeintlich ihre eigenen Worte – Aussagen, die heute noch immer auf der Website der Zeitung stehen.

Und ausgerechnet im selben Jahr wurde Dehghan von der Foreign Press Association in London zum „Journalist of the Year 2010“ gewählt. Die Auszeichnung bezog sich allerdings auf seine Berichterstattung über die iranischen Proteste und darf deshalb nicht so dargestellt werden, als habe er den Preis für das nun infrage stehende Ashtiani-Interview erhalten.

Gerade dieser Gegensatz macht den Fall so verstörend: Ein Journalist kann höchste Anerkennung genießen, für eines der weltweit einflussreichsten Medien schreiben – und dennoch kann eine als exklusiv präsentierte Geschichte offenbar die elementarste journalistische Prüfung nicht bestehen: Hat dieses Interview überhaupt stattgefunden?

Die Verantwortung endet deshalb nicht zwingend beim Autor. Ein Medium wie der Guardian lebt von dem Versprechen, dass seine Leser darauf vertrauen können, dass Interviews real sind, Quellen überprüft und Geschichten redaktionell kontrolliert werden. Wenn ein komplettes Interview erfunden werden konnte, stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Kontrollmechanismen damals versagt haben.

Bislang fehlt allerdings noch ein wichtiger Baustein: Eine aktuelle öffentliche Stellungnahme des Guardian zu dem behaupteten Geständnis konnte ich nicht finden. Auch die Authentizität der verbreiteten Instagram-Erklärung sollte letztlich durch Dehghan selbst oder eine dauerhaft archivierte Originalquelle bestätigt werden. Zwei aktuelle Medienberichte behandeln sie inzwischen als authentisch; das macht die Geschichte erheblich belastbarer, ersetzt aber diese letzte Bestätigung nicht.

Der Fall ist deshalb nicht nur eine Geschichte über einen Journalisten. Er berührt eine grundsätzlichere Frage nach der Macht großer Medien: Wenn eine erfundene Geschichte einmal um die Welt gegangen ist, politische Empörung ausgelöst und das Bild eines Landes geprägt hat – wer kann ihren Einfluss 16 Jahre später noch zurückholen?

Originalartikel des Guardian vom 6. August 2010

AsrIran – aktueller Bericht über das Eingeständnis

Olympia – Bericht über den Fall

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