Zinspolitik: EZB würgt zur Inflationsbekämpfung Wirtschaft ab

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Die Inflation in Europa und in Deutschland zieht wieder deutlich an. Im August lagen die Verbraucherpreise in Deutschland um 2,9 Prozent über denen des Vorjahresmonats, im Euroraum sogar über 3,3 Prozent. Die EZB strebt im Mittel eine Inflation von zwei Prozent an.

Der Grund für die steigenden Preise liegt klar erkennbar in den steigenden Preisen für Energie. Gegenüber dem Vorjahresmonat lagen die Energiepreise im August um 14,3 Prozent höher. Die Preise werden nicht von einer Lohn-Preis-Spirale getrieben, das muss an dieser Stelle festgehalten werden. 

Damit steht die EZB vor einem klassischen geldpolitischen Dilemma. Steigende Inflation spricht eigentlich für höhere Zinsen. Zugleich ist der aktuelle Preisschub maßgeblich durch Faktoren ausgelöst, die sich mit Geldpolitik kaum beeinflussen lassen.

Der entscheidende Treiber der Energiepreise ist derzeit die geopolitische Lage. Der Konflikt zwischen den USA und Iran hat den Öl- und Gasmarkt massiv verunsichert. Insbesondere die Unsicherheit über den Transport durch die Straße von Hormus hat die internationalen Energiemärkte belastet. Der Ölpreis stieg zuletzt auf mehr als 100 Dollar je Barrel. Auch der Gaspreis zog zuletzt wieder deutlich an.

Hinzu kommen die langfristigen Folgen des Krieges gegen die Ukraine und der Sanktionen gegen Russland. Die EU will zum Januar 2027 aus dem Bezug von russischem Flüssiggas und zum 1. November die russische Gas-Versorgung über Pipeline vollständig stoppen. Angesichts der niedrigen Speicherstände der Gasspeicher in der EU dürfte das die Spekulation und damit die Preise zusätzlich anheizen. Den Gasanbietern in den USA dürfte die neue Abhängigkeit der EU nicht entgangen sein. Das wird sich ebenfalls im Preis niederschlagen.

Die Neuordnung der europäischen Energieversorgung hat die Abhängigkeit von internationalen Märkten und alternativen Lieferquellen erhöht. Die EU bleibt damit besonders anfällig für geopolitische Konflikte, Lieferengpässe und Preisschwankungen.

Die steigenden Energiepreise schlagen sich nicht nur in höheren Spritpreisen an der Tankstelle und beim Heizöl nieder. Sie verteuern Transport, Produktion und Dienstleistungen und schlagen so mittelfristig allgemein auf die Preise durch.

Obwohl die Europäische Zentralbank die Ölpreise nicht direkt senken kann und darüber Einfluss auf die Inflation nehmen kann, strafft sie nun die Geldpolitik. Die EZB erhöht den Leitzins auf 2,5 Prozent, um die Inflation zu dämpfen.

Die Märkte hatten zuvor bereits einer weiteren Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte gerechnet. Die EZB-Entscheidung entsprach dieser Erwartung. Die EZB will mit dem Schritt verhindern, dass der anfängliche Energieschock zu einer dauerhaften Inflation wird. Denn wenn Arbeitnehmer höhere Löhne fordern, Unternehmen ihre gestiegenen Kosten weitergeben und sich die Inflationserwartungen verfestigen, könnte aus einem zunächst externen Preisschock ein breiterer und dauerhafter Inflationsprozess entstehen.

Dass die Arbeitnehmer allerdings im gegenwärtigen wirtschaftlichen Umfeld höhere Löhne durchsetzen können, ist unwahrscheinlich. Die Produktion in Deutschland geht zurück, die Arbeitslosigkeit steigt. Eine Zinserhöhung produziert zudem kein zusätzliches Öl und Gas. Mit ihrer Zinserhöhung kämpft die EZB gegen Windmühlen. 

Wenn der Ölpreis steigt, weil ein Krieg Lieferwege gefährdet, lässt sich dieses Problem daher nicht durch höhere Finanzierungskosten für Unternehmen lösen. Ein höherer EZB-Leitzins verändert weder die geopolitische Lage im Nahen Osten noch die Sanktionen gegen Russland. Er sorgt nicht dafür, dass mehr Tanker durch die Straße von Hormus fahren oder dass auf den Weltmärkten plötzlich mehr Energie verfügbar ist.

Die Wirkung der Geldpolitik setzt an einer
anderen Stelle an: Höhere Zinsen verteuern Kredite. Unternehmen müssen mehr für Investitionen bezahlen, Bauprojekte werden teurer finanziert, und auch private Haushalte werden bei größeren Anschaffungen vorsichtiger. Die Nachfrage wird dadurch gedämpft.

Das kann die Inflation grundsätzlich bremsen. Es ist jedoch ein indirekter und für einen Energiepreisschock problematischer Mechanismus: Die EZB würgt mit der Maßnahme die ohnehin maue Konjunktur weiter ab. Zu erwarten ist, dass die EZB mit einer Erhöhung des Leitzinses nicht die Inflation, sondern das Wirtschaftswachstum bekämpft.

Höhere Zinsen bedeuten höhere Finanzierungskosten und damit weniger Investitionen. Unternehmen verzichten möglicherweise
 auf den Bau neuer Fabriken, investieren noch weniger in Maschinen und stellen angesichts der weiter sinkenden Absatzerwartungen auch nicht ein.

Damit kann eine Zinserhöhung genau das Wachstum bremsen, das Europa dringend benötigt. Schon jetzt werden die Konjunkturaussichten durch die hohen Energiekosten belastet.

Das ist die klassische
Gefahr eines sogenannten Angebotsschocks: Preise steigen, während die wirtschaftliche Leistung gleichzeitig unter Druck gerät. Eine aggressive Zinspolitik kann dann zwar die Nachfrage dämpfen, aber sie beseitigt nicht den ursprünglichen Engpass.

Die politische und wirtschaftliche Herausforderung bleibt damit bestehen: Europa kann den geopolitisch verursachten Energiepreisschock nicht wegzinsen. Ein höherer Leitzins kann verhindern, dass aus dem Energieschock eine dauerhaft hohe Inflation wird. Gleichzeitig verteuert er jedoch Investitionen und Kredite und bremst damit das Wirtschaftswachstum. Der Preisschock kommt von außen, die Zinserhöhung wirkt nach innen. Aus diesem Dilemma gibt es für die EZB keinen Ausweg. 

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