Christine Lagarde will Schwabs Nachfolge antreten: Die Macht hinter Davos bekommt ein neues Gesicht

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Christine Lagarde könnte nach ihrer Zeit an der Spitze der Europäischen Zentralbank eine weitere der einflussreichsten internationalen Institutionen übernehmen. Nach einem Bericht der Neuen Zürcher Zeitung, auf den sich auch Reuters beruft, erklärte die EZB-Präsidentin bei einer Sitzung des Stiftungsrats des Weltwirtschaftsforums (WEF) in der Nähe von Genf, sie sei grundsätzlich „bereit zu dienen“, sollte sie für eine führende Position beim WEF ausgewählt werden.

Damit rückt eine Frau ins Zentrum der Nachfolgedebatte, die seit Jahrzehnten an entscheidenden Schaltstellen der internationalen Finanz- und Wirtschaftspolitik sitzt: ehemalige französische Wirtschafts- und Finanzministerin, frühere Chefin des Internationalen Währungsfonds und seit 2019 Präsidentin der Europäischen Zentralbank.

Der Thron, den Klaus Schwab hinterlassen hat

Seit dem Rückzug des langjährigen WEF-Gründers Klaus Schwab befindet sich das Weltwirtschaftsforum in einer Übergangsphase.

Der Stiftungsrat wird derzeit von André Hoffmann und Larry Fink gemeinsam geführt. Hoffmann stammt aus der Eigentümerfamilie des Pharmakonzerns Roche und war lange dessen Verwaltungsratsmitglied. Fink wiederum ist Chef des weltgrößten Vermögensverwalters BlackRock.

Damit stehen bereits heute Vertreter zweier enorm einflussreicher Wirtschaftsbereiche an der Spitze des WEF: internationale Finanzmärkte und Pharmaindustrie.

Lagarde würde sich nahtlos in diese Machtstruktur einfügen.

Sie gehört dem Stiftungsrat des Weltwirtschaftsforums bereits seit mehreren Amtsperioden an und wird nun offen als mögliche Kandidatin für die zukünftige Führung gehandelt.

Eine unmittelbare Amtsübergabe steht allerdings offenbar nicht bevor. Fink und Hoffmann sollen das WEF noch durch das Jahrestreffen in Davos im Januar 2027 führen. Wann anschließend über eine neue dauerhafte Führung entschieden wird, ist bislang offen.

Lagardes Vergangenheit: 2016 schuldig gesprochen – aber nicht bestraft

Zu Lagardes politischer Biografie gehört auch ein bemerkenswertes Kapitel, das bei ihrer heutigen Karriere häufig nur am Rande erwähnt wird.

2016 wurde sie vom französischen Cour de justice de la République wegen Fahrlässigkeit im Zusammenhang mit der sogenannten Tapie-Affäre schuldig gesprochen. Der Fall betraf eine umstrittene Schiedsgerichtsentscheidung aus Lagardes Zeit als französische Finanzministerin, durch die der Unternehmer Bernard Tapie und mit ihm verbundene Parteien mehr als 400 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln zugesprochen bekamen.

Das Gericht befand Lagarde in einem Anklagepunkt wegen Fahrlässigkeit für schuldig. Eine Strafe wurde allerdings nicht verhängt. Trotz des Urteils blieb Lagarde damals Chefin des Internationalen Währungsfonds. Später wechselte sie an die Spitze der Europäischen Zentralbank.

Kritik an Lagarde: Digitaler Euro und finanzielle Kontrolle

Die mögliche Personalentscheidung ruft bereits Kritiker auf den Plan. Der Gesundheitswissenschaftler Sam Brokken erklärte:

„Die verurteilte Straftäterin Lagarde, die sich für digitale Ausweise und Einschränkungen der finanziellen Freiheit einsetzt, bewirbt sich um den Vorsitz des WEF. Jede Regierung, die die Souveränität und Freiheit ihrer Bevölkerung ernst nimmt, sollte alle Verbindungen zu dieser globalistischen Bewegung abbrechen.“

Unabhängig von dieser polemischen Bewertung ist richtig, dass Lagarde zu den prominentesten Befürwortern des digitalen Euro gehört. Unter ihrer Führung treibt die EZB das Projekt seit Jahren voran. Der digitale Euro soll eine digitale Form von Zentralbankgeld werden und Bargeld nach Darstellung der EZB ergänzen, nicht ersetzen.

Kritiker sehen darin dennoch erhebliche Risiken für Datenschutz und finanzielle Freiheit. Besonders kontrovers diskutiert wird die Frage, welche technischen Kontrollmöglichkeiten eine vollständig digitale Zentralbankwährung grundsätzlich schaffen könnte.

Allerdings ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: Die EZB erklärt ausdrücklich, dass der digitale Euro kein „programmierbares Geld“ werden soll, dessen Verwendung die Zentralbank beispielsweise auf bestimmte Waren oder Zeiträume beschränkt.

Die Sorge vor einer solchen Entwicklung bleibt dennoch einer der zentralen Kritikpunkte der CBDC-Debatte.

Lagarde und das WEF – politisch passt es

Auch inhaltlich wäre Lagardes Wechsel nach Davos kaum ein Bruch. Das Weltwirtschaftsforum beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit digitaler Identität, Digitalisierung des Finanzsystems, künstlicher Intelligenz, Klimapolitik und der Transformation der Weltwirtschaft.

Besonders bekannt wurde die von Klaus Schwab und dem WEF propagierte Initiative des „Great Reset“, mit der das Forum während der Corona-Pandemie für eine weitreichende wirtschaftliche und gesellschaftliche Neuordnung nach der Krise warb.

Für Kritiker steht das WEF deshalb exemplarisch für eine immer stärkere Verflechtung von politischer Macht, internationalen Organisationen und multinationalen Konzernen. Befürworter sehen darin dagegen ein Forum, auf dem Regierungen, Unternehmen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft grenzüberschreitende Probleme gemeinsam diskutieren können.

Eine demokratisch gewählte Institution ist das WEF jedenfalls nicht. Und genau deshalb ist die Frage nach seiner Führung politisch interessant.

Nachfolge hinter verschlossenen Türen

Besonders bemerkenswert ist, wie die Nachfolge Schwabs offenbar geregelt werden könnte.

Nach dem Bericht schlug Singapurs Präsident Tharman Shanmugaratnam während der Sitzung vor, die neue Führung aus den bereits vorhandenen Reihen zu bestimmen. Es seien genügend geeignete Kandidaten vorhanden.

Damit könnte auf ein breites externes Auswahlverfahren verzichtet werden.

Das ist grundsätzlich das Recht einer privaten Stiftung. Gleichzeitig zeigt es aber das besondere Wesen des Weltwirtschaftsforums: Über die Führung einer Organisation, die Staatschefs, Zentralbanker, Minister und die Spitzen der größten Konzerne der Welt zusammenbringt, entscheidet letztlich ein relativ kleiner Kreis innerhalb der Organisation selbst.

Keine Wahl.

Keine öffentliche Abstimmung.

Keine unmittelbare demokratische Legitimation.

Gerade angesichts des enormen politischen Zugangs des WEF ist diese Konstruktion ein legitimer Gegenstand öffentlicher Kritik.

Das WEF selbst reagierte laut dem ursprünglichen Bericht nicht auf entsprechende Anfragen.

Verlässt Lagarde die EZB vorzeitig?

Eine weitere Frage ist bislang vollkommen offen.

Lagardes Amtszeit als EZB-Präsidentin läuft noch bis 31. Oktober 2027. Erst im vergangenen Jahr hatte sie erklärt, ihre Amtszeit vollständig erfüllen zu wollen. Sollte sie daran festhalten, wäre ein unmittelbarer Wechsel nach Davos kaum möglich.

Sollte das WEF Lagarde jedoch schon vorher für seine Spitze gewinnen wollen, müsste sie ihre Position bei der Europäischen Zentralbank vorzeitig aufgeben. Bislang gibt es keine Bestätigung dafür, dass dies geplant ist.

Fest steht lediglich: Lagarde hat ihre grundsätzliche Bereitschaft signalisiert.

Von der EZB nach Davos: Die Netzwerke bleiben dieselben

Gerade deshalb ist die mögliche Personalie politisch interessanter als ein gewöhnlicher Führungswechsel.

Eine ehemalige französische Ministerin wird Chefin des Internationalen Währungsfonds, anschließend Präsidentin der Europäischen Zentralbank und könnte danach an die Spitze des Weltwirtschaftsforums wechseln.

Neben ihr stehen dort mit Larry Fink, dem Chef von BlackRock, und André Hoffmann aus der Roche-Eigentümerfamilie weitere Vertreter globaler Wirtschaftsmacht.

Es zeigt eindrucksvoll, wie klein der Kreis jener Personen ist, die zwischen Regierungen, Zentralbanken, internationalen Organisationen und globalen Wirtschaftsgremien wechseln.

Und genau deshalb dürfte eine mögliche Lagarde-Nachfolge in Davos weit über eine Personalentscheidung hinaus für Diskussionen sorgen.

Klaus Schwab könnte verschwinden – doch das Netzwerk aus Finanzmacht, Konzernen, Zentralbanken und Politik, für das Davos wie kaum ein anderer Ort steht, bekommt möglicherweise lediglich ein neues Gesicht.

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