Der nächste Iran-Plan ist brutal: In Israel wird über Szenarien nachgedacht, die jede moralische Grenze überschreiten

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Sechs Monate Krieg, massive Luftangriffe, F-35, B-2-Bomber und eine enorme militärische Übermacht – und trotzdem steht Iran noch immer. Genau mit diesem Eingeständnis beginnt ein bemerkenswerter Beitrag in der Jerusalem Post. Doch die Schlussfolgerung daraus lautet nicht: Der Krieg hat sein Ziel verfehlt, also muss die Diplomatie zurückkehren.

Im Gegenteil.

Nun soll offenbar darüber nachgedacht werden, wie Iran dort getroffen werden kann, wo Bomben bislang nicht ausgereicht haben: im inneren Zusammenhalt des Landes selbst.

Der Sicherheitsanalyst AJ Jaff entwirft in einem am 30. August veröffentlichten Meinungsbeitrag drei Möglichkeiten für die nächste Phase des Iran-Krieges. Dabei geht es nicht mehr nur um Atomanlagen, Raketenstellungen oder einen Regierungswechsel in Teheran. Jaff denkt weiter: Iran soll im Extremfall territorial auseinandergebrochen, China von Teheran getrennt und eine amerikanische Bodenstreitmacht aufgebaut werden, die eine solche Neuordnung notfalls militärisch erzwingen könnte.

Das Entscheidende muss dabei gleich zu Beginn gesagt werden: Der Text ist kein offizieller israelischer oder amerikanischer Kriegsplan. Jaff schreibt als Analyst und Kommentator. Seine Vorschläge sind seine eigenen.

Doch gerade deshalb ist der Beitrag aufschlussreich. Er zeigt, welche Szenarien inzwischen im sicherheitspolitischen Umfeld Israels öffentlich diskutiert werden – und wie weit sich die Debatte bereits von der ursprünglichen Rechtfertigung des Krieges entfernt hat.

Jaff beginnt mit einem bemerkenswerten Eingeständnis. Nach mehr als 180 Tagen Krieg und der nach seiner Darstellung intensivsten amerikanischen Luftkampagne seit dem Irakkrieg 2003 sei Irans militärische Kapazität nicht zusammengebrochen. Luftmacht habe weder das „institutionelle Problem“ gelöst noch Teheran zu den gewünschten Verhandlungen gezwungen. Das Pentagon verfüge weiterhin nicht über die Mittel, den Krieg entscheidend zu beenden.

Das ist eine erstaunliche Bilanz.

Nach Monaten der Bombardierung lautet die Antwort also nicht, dass militärische Gewalt an ihre Grenzen gestoßen ist. Die Antwort lautet: Dann muss der Krieg auf einer anderen Ebene weitergeführt werden.

Und diese Ebene ist wesentlich gefährlicher.

Jaff schlägt vor, dass der US-Kongress die Unabhängigkeit iranischer Kurden, Ahwazi-Araber und Belutschen anerkennen könnte. Dadurch würde Washington separatistische Kräfte innerhalb Irans politisch aufwerten und Teheran vor eine existentielle Entscheidung stellen: Zugeständnisse beim Atomprogramm, bei seinen regionalen Verbündeten und in der Straße von Hormus – oder die Gefahr, dass Iran in mehrere Staaten auseinanderbricht.

Der Autor spricht bemerkenswert offen aus, worum es geht.

Ein Regimewechsel würde lediglich die Führung austauschen und Iran als Staat bestehen lassen. Eine Teilung dagegen würde den territorialen Rahmen selbst aufbrechen. Damit verschiebt sich das mögliche Kriegsziel fundamental.

Nicht mehr nur: Die iranische Regierung muss fallen.

Sondern: Der iranische Staat in seiner heutigen Form könnte aufhören zu existieren.

Das ist keine beiläufige Formulierung. Jaff beschreibt die Aufteilung ausdrücklich als Mittel, um den Staat politisch, moralisch und psychologisch zu brechen und seine Autorität auf seinem eigenen Territorium zu untergraben.

Besonders bemerkenswert ist, dass diese Idee bei ihm nicht neu ist. Bereits im März hatte derselbe Autor in der Jerusalem Post argumentiert, Irans „Peripherie“ sei der Schlüssel und sich für kurdische, belutschische und ahwazische Autonomie sowie eine Flugverbotszone ausgesprochen.

Man sieht also eine Entwicklung der Argumentation: Was zunächst als Autonomie und Druck über die Randregionen diskutiert wurde, wird nun offen bis zur territorialen Teilung Irans weitergedacht.

Doch dafür gäbe es ein gewaltiges Problem. Wer soll einen solchen Zustand militärisch durchsetzen?

Jaff nennt Schätzungen von 750.000 bis 1,5 Millionen amerikanischen Soldaten für eine erfolgreiche Bodenoperation gegen Iran. Die aktive US-Armee sei dafür viel zu klein.

Und hier nimmt der Beitrag eine geradezu dystopische Wendung.

Die amerikanische Bevölkerung habe diesen Krieg nicht angenommen, schreibt Jaff. Das Pentagon habe es nicht geschafft, ihn den Amerikanern politisch zu „verkaufen“. Gleichzeitig seien Millionen junger Amerikaner hoch verschuldet.

Also soll genau diese wirtschaftliche Not zum Rekrutierungsinstrument werden.

Jaff schlägt ein staatliches Schuldenerlassprogramm vor: Junge Amerikaner könnten ihre Studenten-, Kreditkarten-, Auto- und andere Schulden vollständig loswerden, wenn sie 24 oder 36 Monate Militärdienst leisten.

Man muss sich klarmachen, was hier vorgeschlagen wird.

Ein junger Mensch verschuldet sich für seine Ausbildung, sein Auto oder schlicht sein Leben. Der Staat bietet ihm anschließend den Ausweg aus dieser Schuldenfalle an – unter der Bedingung, dass er Uniform trägt und möglicherweise in einen Krieg gegen ein Land mit mehr als 90 Millionen Einwohnern geschickt wird.

Der Autor erkennt selbst, dass die moralische Dimension „unangenehm“ ist. Seine Antwort darauf ist jedoch bemerkenswert nüchtern: Staaten erzeugten die Soldaten, die sie benötigen, eben mit den Anreizen, die bei ihrer Bevölkerung funktionieren.

Die private Verschuldung einer Generation wird damit nicht als soziales Problem betrachtet. Sie wird zur militärischen Ressource.

Und diese Soldaten hätten in Jaffs Szenario eine konkrete Funktion: Sollte Teheran unter dem Druck einer drohenden territorialen Aufteilung nicht kapitulieren, könne eine durch Schuldenerlass vergrößerte amerikanische Streitmacht diese Teilung militärisch durchsetzen.

Das ist weit mehr als eine theoretische Diskussion über Sanktionen. Es ist die Beschreibung eines möglichen Mechanismus für einen großen Bodenkrieg.

Doch selbst damit ist der Plan nicht vollständig.

Denn Iran verfügt mit China über einen mächtigen wirtschaftlichen und geopolitischen Partner. Deshalb soll Washington nach Jaffs Vorstellung Peking einen Deal anbieten: China behält auch nach einer politischen Neuordnung Irans Zugang zum iranischen Öl – im Gegenzug zieht Peking seine diplomatische und materielle Unterstützung für Teheran zurück.

Selbst Taiwan bringt der Autor als mögliche Verhandlungsmasse ins Spiel.

Iranisches Öl gegen chinesische Neutralität. Mögliche Zugeständnisse bei Taiwan gegen die strategische Isolation Teherans.

Über die Menschen im Iran wird dabei gesprochen, als seien sie Figuren auf einem geopolitischen Schachbrett. Grenzen, Minderheiten, Öl, Schulden und sogar die Zukunft Taiwans werden zu Variablen einer Strategie, deren eigentliches Ziel der Autor am Ende außergewöhnlich offen formuliert.

Der Krieg sei nicht beendet, wenn ein Waffenstillstand unterzeichnet werde. Er sei beendet, wenn der institutionelle Zusammenhalt Irans gebrochen sei. Genau dieser Satz entlarvt die Dimension der Überlegungen.

Denn damit geht es längst nicht mehr allein um das iranische Atomprogramm. Nicht mehr allein um Raketen. Nicht mehr allein um die Revolutionsgarden. Und offenbar nicht einmal mehr zwingend nur um die Islamische Republik.

Es geht um die Frage, ob Iran danach überhaupt noch als handlungsfähiger, territorial zusammenhängender Staat existiert.

Iran wäre jedoch eine völlig andere Größenordnung.

Mehr als 90 Millionen Einwohner, eine enorme geografische Ausdehnung, ethnisch unterschiedliche Regionen, gewaltige Energiereserven, die Straße von Hormus und unmittelbare Grenzen zu Pakistan, Afghanistan, Turkmenistan, Aserbaidschan, Armenien, der Türkei und dem Irak.

Die Vorstellung, einen solchen Staat bewusst auseinanderzubrechen und anschließend kontrollieren zu können, wäre ein geopolitisches Experiment mit unabsehbaren Folgen weit über den Nahen Osten hinaus.

Und genau deshalb ist dieser Beitrag so aufschlussreich.

Nicht weil er beweist, dass Benjamin Netanjahu oder Donald Trump morgen diesen Plan umsetzen werden. Das tut er ausdrücklich nicht.

Sondern weil er zeigt, wie weit sich das strategische Denken inzwischen verschoben hat.

Das vielleicht Erschreckendste daran ist die Kälte, mit der diese Überlegungen präsentiert werden.

Millionen Iraner würden bei einer territorialen Zerschlagung ihres Landes vor einer völlig ungewissen Zukunft stehen. Amerikanische Familien müssten die Konsequenzen eines gigantischen Bodenkrieges tragen. Kurden, Belutschen und Araber würden zu Werkzeugen einer Großmachtstrategie. China soll mit Öl herausgekauft werden.

Die Mittel werden radikaler.

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