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Die chinesische Virologin Shi Zhengli, die weltweit als die „Fledermausfrau aus Wuhan“ bekannt wurde, forscht weiter an Coronaviren. Nach den jahrelangen Kontroversen um das Wuhan Institute of Virology (WIV) und die ungeklärte Herkunft von SARS-CoV-2 könnte man erwarten, dass ihre Arbeit zumindest erheblich eingeschränkt worden wäre. Doch genau das Gegenteil scheint der Fall zu sein.
Wie eine Recherche der Weiß-Haus-Korrespondentin Natalie Winters zeigt, hat Shi ihre Arbeit inzwischen an einem anderen Standort fortgesetzt. Besonders brisant: Auch amerikanische Forschungsgelder tauchen weiterhin bei wissenschaftlichen Arbeiten auf, an denen Shi selbst, von ihr bereitgestelltes Material oder mit ihr kooperierende Forscher beteiligt sind.
EXCLUSIVE: Wuhan’s ‘Bat Woman’ runs a new lab creating coronaviruses that can infect humans.
U.S. tax dollars are still supporting her work.
The funds are coming from Fauci’s NIAID to study “cross-species infection” and find viruses capable of using human ACE2 receptors.
— Natalie Winters (@nataliegwinters) August 11, 2026
Shi Zhengli war über Jahre eines der bekanntesten Gesichter des Wuhan Institute of Virology. Ihre Forschungen an Fledermaus-Coronaviren rückten nach Ausbruch der COVID-19-Pandemie international ins Zentrum der Aufmerksamkeit, insbesondere im Zusammenhang mit der Debatte über einen möglichen Laborursprung von SARS-CoV-2.
Doch das Ende ihrer Tätigkeit am WIV bedeutete keineswegs das Ende ihrer Coronavirus-Forschung.
Offizielle Dokumente zeigen, dass Shi inzwischen dem Guangzhou Laboratory angehört, einem einflussreichen, staatlich finanzierten Forschungsinstitut, das 2021 gegründet wurde – ausgerechnet inmitten der weltweiten Corona-Krise. Der Schwerpunkt des neuen Labors liegt auf Atemwegserkrankungen.
Der Standort hat sich geändert. Das Forschungsgebiet nicht.
Noch brisanter wird die Geschichte beim Blick auf die Finanzierung.
Das National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), jene US-Behörde, die jahrzehntelang von Anthony Fauci geleitet wurde, taucht weiterhin als Geldgeber wissenschaftlicher Forschung auf, bei der Shi Zhengli oder von ihr bereitgestelltes Material eine Rolle spielten.
2024 erschien in der Fachzeitschrift Nature eine wissenschaftliche Arbeit, an der Shi als Mitautorin beteiligt war. Untersucht wurde unter anderem die Anpassung von Zellrezeptoren für die Erforschung verschiedener Coronaviren, darunter HKU5-Fledermaus-Coronaviren. In den Danksagungen der Studie werden mehrere NIH- und NIAID-Fördermittel aufgeführt, die an beteiligte US-Forscher vergeben worden waren.
Die entscheidende Differenzierung dabei: Das bedeutet nicht automatisch, dass Washington Shi persönlich einen Scheck ausgestellt oder ihr chinesisches Labor direkt finanziert hat. Es zeigt jedoch, dass US-finanzierte Forschungsprojekte weiterhin wissenschaftliche Verbindungen zu ihrer Arbeit aufweisen.
2025 wurde diese Verbindung noch deutlicher. In einer Veröffentlichung in Nature Microbiology wurde ausdrücklich „Z.-L. Shi (Guangzhou National Laboratory)“ für die Bereitstellung von ACE2-Plasmiden gedankt – genetischem Material, das für die Studie verwendet wurde.
Auch diese Arbeit wurde wiederum durch mehrere NIAID-Fördermittel unterstützt, die dem US-Forscher David Veesler gewährt worden waren.
Damit ergibt sich eine bemerkenswerte Konstellation: Während die politische Debatte in Washington seit Jahren darum kreist, welche Rolle amerikanisch finanzierte Coronavirus-Forschung in China vor der Pandemie gespielt haben könnte, bestehen auf wissenschaftlicher Ebene weiterhin Verbindungen zwischen US-finanzierten Forschern und einer der zentralen Figuren dieser Kontroverse.
Auch Shis eigene Forschung in Guangzhou geht weiter.
2025 stellte sie Forschungsergebnisse zu vier SARS-verwandten Fledermaus-Coronaviren vor, die menschliche ACE2-Rezeptoren effizienter nutzen können als die entsprechenden ACE2-Rezeptoren ihrer natürlichen Fledermauswirte.
ACE2 ist dabei von besonderer Bedeutung: Auch SARS-CoV-2 nutzt diesen Rezeptor, um Zugang zu menschlichen Zellen zu erhalten.
Im selben Jahr erschien zudem eine Arbeit in der renommierten Fachzeitschrift Cell, bei der Shi als federführende Ansprechpartnerin fungierte. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass ein HKU5-Fledermaus-Coronavirus menschliches ACE2 als Rezeptor für den Eintritt in Zellen nutzen kann.
Das Virus wurde dabei auch an menschlichen Modellsystemen untersucht – kleinen Laborkulturen, die Eigenschaften menschlichen Gewebes nachbilden.
Damit beschäftigt sich Shi auch Jahre nach Beginn der Pandemie weiterhin mit genau jenem Forschungsfeld, das ihren Namen weltweit bekannt machte: Fledermaus-Coronaviren und deren Fähigkeit, Rezeptoren verschiedener Spezies – einschließlich des Menschen – zu nutzen.
Die Pandemie löste weltweit eine erbitterte Debatte über Biosicherheit, Gain-of-Function-Forschung, Forschungskooperationen mit chinesischen Laboren und die Finanzierung potenziell riskanter Virusforschung aus. Das Wuhan Institute of Virology wurde zum Symbol dieser Auseinandersetzung.
Doch während Politiker Anhörungen veranstalteten, Geheimdienste nach dem Ursprung von SARS-CoV-2 suchten und Wissenschaftler jahrelang über Labor- und Zoonose-Hypothesen stritten, ging die Forschung weiter.
Auch die wissenschaftlichen Verbindungen zu amerikanischen Forschern sind nicht vollständig verschwunden. Und zumindest bei einigen Arbeiten, an denen Shi beteiligt war oder für die sie Forschungsmaterial zur Verfügung stellte, stammen Fördermittel weiterhin vom NIH beziehungsweise NIAID.
Das ist ein wichtiger Unterschied zur Behauptung einer direkten Finanzierung Shis durch die US-Regierung. Doch politisch macht es die Angelegenheit kaum weniger interessant.
Denn gerade nach der Erfahrung von COVID-19 müsste man erwarten, dass Kooperationen in diesem Forschungsbereich einer außergewöhnlich strengen Kontrolle unterliegen.
Damit führt die Geschichte zurück zu einer Frage, die seit Jahren über der gesamten Debatte um den Ursprung von COVID-19 steht. Welche Konsequenzen wurden tatsächlich gezogen?
Wenn eine Wissenschaftlerin, deren Coronavirus-Forschung nach der Pandemie weltweit kontrovers diskutiert wurde, ihre Arbeit an einem neuen staatlichen chinesischen Labor fortsetzt und gleichzeitig US-finanzierte Wissenschaftler weiterhin mit ihr beziehungsweise von ihr bereitgestelltem Material zusammenarbeiten können, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie grundlegend sich das System überhaupt verändert hat.
Der rote Faden ist jedenfalls unübersehbar: COVID-19 hat die Coronavirus-Forschung von Shi Zhengli nicht beendet. Ihr institutioneller Mittelpunkt hat sich von Wuhan nach Guangzhou verlagert.
Und während in Washington weiterhin darüber gestritten wird, was vor 2020 geschah und wer dafür Verantwortung trägt, zeigen die wissenschaftlichen Veröffentlichungen, dass Teile der internationalen Forschungskooperation längst weiterlaufen.
Nach einer Pandemie, die die Welt jahrelang in Atem hielt, dürfte deshalb eine Frage schwerer wiegen als jede Schuldzuweisung:
Hat man aus Wuhan tatsächlich Konsequenzen gezogen – oder lediglich die Adresse geändert?