KI als Machtinstrument: KI-Protektionismus: Droht Europa abgehängt zu werden?

Ein Brief aus Washington reicht – und ein Top-KI-Modell verschwindet vorübergehend vom Markt. Der Fall zeigt: KI wird zur geopolitischen Waffe und Europa könnte der Verlierer sein

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Ein Brief aus Washington reicht – und ein Top-KI-Modell verschwindet vorübergehend vom Markt. Der Fall zeigt: KI wird zur geopolitischen Waffe und Europa könnte der Verlierer sein

Der erste Brief von Handelsminister Howard Lutnick an das KI-Unternehmen Anthropic war noch eine Überraschung: In dem Schreiben Mitte Juni informierte Lutnick das Unternehmen, es brauche jetzt eine Lizenz, wenn Anthropic seine leistungsfähigste KI „Claude Fable 5“ ausländischen Staatsbürgern zur Verfügung stellen wolle.

Dabei ging es vor allem um den sogenannten Export des KI-Modells. Weil es äußerst schwierig wäre, von allen KI-Nutzern (auch innerhalb der USA) vor der Nutzung erst die Identität zu überprüfen, musste Anthropic das eigene Spitzenmodell wieder vom Netz nehmen.

Nach einem zweiten Brief Lutnicks an Anthropic etwa zweieinhalb Wochen später durfte „Claude Fable 5“ Anfang Juli wieder online gehen. Jetzt dürfen auch Nicht-US-Bürger die KI nutzen – ohne Passkontrolle.

Auch OpenAIs Modell „ChatGPT-5.6“ erst mal eingeschränkt

Auch wenn Anthropics Spitzenmodell jetzt wieder online ist – das Hin und Her wirft ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die erst am Anfang steht: stärkere KI-Regulierung – und vielleicht sogar eine Form von KI-Protektionismus. Nachdem die US-Regierung gegenüber Anthropic Zähne gezeigt hatte, traf es auch den Konkurrenten OpenAI: So forderte das Weiße Haus das Unternehmen dazu auf, das neuste Modell „ChatGPT-5.6“ erst mal nicht allgemein zu veröffentlichen, sondern nur Organisationen zur Verfügung zu stellen, die mit der US-Regierung abgesprochen seien. Etwa eine Woche später kündigte OpenAI-CEO Sam Altman auf der Plattfrom X an, das Modell würde jetzt doch veröffentlicht. Die „Financial Times“ berichtete darüber hinaus, dass die US-Regierung im Gespräch mit US-KI-Unternehmen sei, um freiwillige Standards für neue Modelle festzulegen.

Aber nicht nur die USA, auch China könnte in Zukunft den Zugriff auf Spitzen-KI-Modelle einschränken. So berichtete die Nachrichtenagentur Reuters kürzlich, dass es in der Vergangenheit Treffen zwischen Vertretern der chinesischen Regierung und den wichtigsten chinesischen KI-Entwicklern Alibaba, Bytedance und Z.AI gegeben habe. Dabei soll es auch darum gegangen sein, den Zugang von Ausländern zu aktuellen und künftigen Spitzenmodellen einzuschränken. Bei den Gesprächen, so Reuters, sei es auch darum gegangen, die Finanzierung von KI-Start-ups in China stärker zu kontrollieren.

In jüngster Zeit sorgte vor allem das KI-Modell „GLM-5.2“ von Z.AI für Aufsehen – weil es in etwa so leistungsfähig schien, wie US-KI-Modelle, aber in der Nutzung deutlich günstiger ist. China überwacht den heimischen Markt genau: Noch im Frühling hat die chinesische Regierung den Verkauf des chinesischen KI-Start-ups Manus an Meta gestoppt. Die beiden Manus-Gründer Xiao Hong und Ji Yichao waren erst für ein Treffen mit einer Regierungskommission nach Peking bestellt worden. Nach dem Treffen, so berichtet die Financial Times, sei ihnen untersagt worden, das Land zu verlassen. Wie Bloomberg berichtete, ist Meta gerade dabei, den Manus-Kauf wieder zurück abzuwickeln.

Keine vergleichbaren KI-Modelle aus Europa

Für Unternehmen aus Deutschland und Europa könnten neue Exportbeschränkungen von Spitzen-KI problematisch werden. Unternehmen aus den USA und China führen die Entwicklung an, während es hier noch keine vergleichbaren Alternativen gibt. „Für die deutsche Industrie heißt das: Der Zugang zu Spitzen-KI ist keine verlässliche Konstante mehr. Er wird zu einer geopolitischen Variable“, erklärt Holger Hürtgen, der bei McKinsey die KI-Beratung Quantumblack leitet.

Für Hürtgen wäre es dabei auch keine Lösung, zwischen chinesischen und US-Modellen zu wechseln: „Der naheliegende Ausweg über Modelle aus China verschiebt das Problem nur. Für Betreiber kritischer Infrastrukturen entstünden damit neue Fragen bei Datensicherheit, Compliance und Vertrauen. Ein bloßer Wechsel des Anbieters ist deshalb keine strategische Lösung“, so der Berater.

Benedikt Bonnmann, Vorstand des IT-Dienstleisters Adesso, sieht in den Beschränkungen der Spitzenmodelle noch keine akute Gefahr für die deutsche Wirtschaft. „Der Großteil der Wertschöpfung mit KI in Unternehmen hängt nicht vom allerneuesten Frontier-Modell ab, sondern von Daten, Prozessen und sauberer Integration“, erklärt er. Für 90 Prozent der produktiven Anwendungsfälle, so Bonnmann, würden die aktuell verfügbaren KI-Modelle ausreichen.

Ein Weckruf: „Wir brauchen eigene Kapazitäten“

Allerdings, so Bonnmann, seien die neuen Einschränkungen ein Weckruf: Man könne sich nicht darauf verlassen, dauerhaft Kunde zu sein. „Wir brauchen eigene Kapazitäten: europäische Modelle, eine souveräne Infrastruktur und ein starkes Open-Source-Ökosystem. Nicht, um morgen mit den Frontier-Laboren gleichzuziehen, sondern um handlungsfähig zu bleiben, wenn der Zugang politisch wird“, so Bonnmann.

Auch Patrick Wollner, KI-Berater und Gründer aus Österreich sieht keine kurzfristigen Versorgungsengpässe. Im Unterschied zu den US-Modellen, so Wollner, seien viele der führenden chinesischen KI-Modelle sogenannte Open-Weights-Modelle – das heißt, auch europäische Nutzer könnten die aktuellen Modelle schlicht herunterladen und auf der eigenen Hardware betreiben.

„Bei den Spitzenmodellen sind wir Abnehmer, nicht Hersteller“

Das Risiko, so Wollner, sei eher schleichend: „Die nächste, bessere Generation kommt dann einfach nicht mehr als Update, und man fällt über die Zeit bei den Spitzenmodellen zurück“, so Wollner. Der eigentliche Punkt für Deutschland und Europa sei deshalb weniger das einzelne Modell als die strukturelle Abhängigkeit: „Bei den Spitzenmodellen sind wir Abnehmer, nicht Hersteller – egal ob USA oder China. Die vernünftige Antwort ist Portabilität: Multi-Modell-Architekturen und keine Kernprozesse, die an einem einzigen Anbieter hängen.“

Auch Holger Hürtgen von McKinsey warnt vor Abhängigkeiten: „Entscheidend ist, Abhängigkeiten realistisch zu bewerten und vorbereitet zu sein. Dazu gehören eigene Rechenkapazitäten, leistungsfähige offene Modelle und europäische Anbieter, die auch für kritische Anwendungen nutzbar sind“, so Hürtgen.

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