Die Meerengen-Trias: Wie sich Hormus, Bab al-Mandab und die saudische Ölinfrastruktur zu einem einzigen Druckmittel verbinden | Von Dirk Ellerbrock

Die Meerengen-Trias: Wie sich Hormus, Bab al-Mandab und die saudische Ölinfrastruktur zu einem einzigen Druckmittel verbinden | Von Dirk Ellerbrock

Eine Rakete vom Typ Qassem Basir steigt aus dem iranischen Hinterland auf. Auf Satellitenbildern werden die Flammen der Raffinerie in Jizan zu Pixeln. Vor der jemenitischen Küste dreht ein amerikanischer Flottenverband ab, in Richtung offenes Meer.

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Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Eine Rakete vom Typ Qassem Basir steigt aus dem iranischen Hinterland auf. Auf Satellitenbildern werden die Flammen der Raffinerie in Jizan zu Pixeln. Vor der jemenitischen Küste dreht ein amerikanischer Flottenverband ab, in Richtung offenes Meer. Wer diese drei Nachrichten nacheinander liest, setzt sie nicht automatisch zu einer Karte zusammen. Aber die Karte existiert bereits. Genau darin liegt der Kategorienfehler, vor dem Clausewitz und, in seiner Anwendung auf heutige Konflikte, Dmitri Trenin warnen: die Unfähigkeit, in einzelnen Frontmeldungen die eine strukturelle Verschiebung zu erkennen, die sie gemeinsam tragen. Es geht nicht um drei Kriegsschauplätze, sondern um einen einzigen: die Kontrolle über die Meerengen, durch die der Welthandel mit Öl läuft.

Zur Straße von Hormus meldet das US-Zentralkommando zwar abgewehrte Angriffe, doch die eigentliche Verschiebung liegt woanders: Iran setzt inzwischen eben jene Rakete vom Typ Qassem Basir ein – ein Feststoffmodell mit einer Reichweite von gut 1.200 Kilometern und der Fähigkeit, seine Flugbahn während des Flugs zu ändern, um mehrschichtige Luftabwehr zu überwinden. Doch auch diese Rakete kann ein bewegliches Schiff im offenen Meer nur treffen, wenn seine ungefähre Position bereits bekannt ist. Genau diese Ortungsfähigkeit, nicht die einzelne Rakete, ist der eigentliche Fortschritt. Amerikanische Kriegsschiffe haben sich nach iranischen Angaben inzwischen weit aus der Meerenge zurückgezogen; unabhängig prüfen lässt sich das nicht, doch die Grundlogik ist bekannt: Je größer der Abstand zur Gefahrenzone, desto eingeschränkter die Fähigkeit, Handelsschiffe zu begleiten oder eine Blockade durchzusetzen.

Am zweiten Ende der Route wiederholt sich dasselbe Muster in umgekehrter Richtung. Ansarallah hat die Küstenstadt Mokka übernommen und rückt seither in Richtung Dubab vor, unmittelbar an Bab al-Mandab, während zugleich um die vorgelagerten Inseln Hanish und Perim/Mayun gekämpft wird, wonach die Bewegung daran arbeitet, durch die Ausweitung ihrer Präsenz an der Westküste und den Versuch, strategische jemenitische Inseln im Roten Meer zu kontrollieren, die Voraussetzungen für die Kontrolle der Meerenge Bab al-Mandab zu schaffen. Damit endet die Zeit, in der die Bewegung die Schifffahrt nur aus dem Hinterland heraus bedrohen konnte; sie setzt sich direkt am Seeweg fest.

Drittens schließlich die saudische Ölinfrastruktur selbst: zerstörte Tanks in Jizan und Yanbu, ein möglicherweise unterbrochener Ost-West-Pipelinefluss, eine Förderung auf dem niedrigsten Stand seit 1990. Das ist kein Kollateralschaden am Rande der beiden Meerengen-Konflikte, sondern deren dritte, stationäre Front: Wo bewegliche Militärgüter noch verlegt werden können, bleibt Förder- und Lagerinfrastruktur ortsgebunden verwundbar.

Wer für diese Trias bezahlt, zeigt sich am deutlichsten in den Zahlen, die selten in derselben Meldung stehen. Ein einziger Abwehreinsatz gegen den jüngsten Angriff auf den jordanischen Luftwaffenstützpunkt hat nach Schätzungen mehr als 100 Abfangraketen verbraucht, mit einem Wert von über 200 Millionen Dollar – für eine einzige Nacht. Das sind Bestände, vor deren Verbrauch hochrangige US-Militärs die eigene Regierung nach Berichten der New York Times bereits im Frühjahr gewarnt hatten, insbesondere bei Patriot-Abfangraketen und Raketen großer Reichweite. Gleichzeitig ist der Ölpreis auf rund 107 bis 108 Dollar pro Barrel gestiegen, während die amerikanischen Hypothekenzinsen bereits vor diesem Preisschock die Marke von 7 Prozent überschritten hatten. Das ist genau die Konstellation, die meine „Der Krieg ernährt eine Klasse“-These beschreibt: Krieg ist historisch selten ein reiner Kostenfaktor, sondern eine Umverteilungsmaschine, die vom Landsknecht-Prinzip bis zur heutigen Rüstungs- und Energiewirtschaft reicht – die Kosten werden sozialisiert, über Verbraucherpreise, Kreditzinsen und am Ende über die Staatsverschuldung, während die Erträge in einem engen Kreis aus Rüstungskonzernen, Energiehandel und Finanzkapital verbleiben. Wer die 200 Millionen Dollar für eine einzige Abwehrnacht mit den Hypothekenzinsen eines amerikanischen Haushalts zusammendenkt, sieht keine zwei getrennten Wirtschaftsnachrichten, sondern zwei Enden derselben Umverteilung.

Erst im Zusammenspiel ergibt das ein Bild, das größer ist als jeder Einzelschauplatz: Hormus im Osten, Bab al-Mandab im Westen, die saudische Infrastruktur dazwischen – drei Druckpunkte auf denselben Ölstrom, die gleichzeitig wirken, und ein Munitions- und Preisdruck, der die Kosten dieser Trias auf die amerikanische Bevölkerung verlagert. Und genau das ist keine militärische Randnotiz, sondern bereits die materielle Grundlage einer politischen Rechnung. Irans sechs Bedingungen für ein Kriegsende – von der Beendigung aller Angriffe über den Rückzug Israels aus dem Libanon bis zur Freigabe eingefrorener Vermögenswerte – lesen sich nicht wie eine Wunschliste, die auf gutem Willen beruht, sondern wie eine Verhandlungsmasse, deren Gewicht Woche für Woche an drei Meerengen und in den Bilanzen der Kriegskosten erarbeitet wird. Es geht dabei längst nicht mehr darum, wer diesen Krieg im militärischen Sinn „gewinnt“ – in einer Struktur aus drei gleichzeitig belasteten Meerengen verliert dieser Begriff selbst an Trennschärfe. Es geht darum, wer die längere Erschöpfung durchhält, und welche Seite ihre Kosten auf wen abwälzen kann. Wer die Karte kontrolliert, bestimmt am Ende auch, welche Forderungen verhandelbar erscheinen.

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Bildquelle: Below the Sky / shutterstock

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Quellen:

Faktische Quellen (verifizierbare Daten – Ölpreis, Zinsen, Raketenparameter, Förderzahlen): OPEC-Fördermeldung (saudische Produktionszahlen); defence-network.com (Qassem-Basir-Rakete, technische Daten); geprüftes Sendungstranskript (Ölpreisangabe, Hypothekenzinsen, Munitionsverbrauch-Schätzung).

Positionelle Quellen (Partei- und Behördenaussagen, die im Kontext zu lesen sind): ZDFheute und Euronews (US-Zentralkommando-Erklärungen, iranische Rückzugsangaben); Khaleej Times und Al-Monitor/AGSI (Ansarallah-Erklärungen zum Vormarsch Richtung Bab al-Mandab); New York Times (Berichte zu internen US-Militärwarnungen vor Munitionsverbrauch).

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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.

Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie“ und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung“. 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift“, das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock

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