Straße von Hormus: Die Eskalation hat ein neues Tempo erreicht | Von Dirk Ellerbrock

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Die Lage um die Straße von Hormus hat sich binnen 24 Stunden weiter zugespitzt. Die jüngsten Angriffe und gegenseitigen Erklärungen bewegen sich im zweistelligen Bereich – von Einzelfällen kann längst keine Rede mehr sein. Eine genaue Betrachtung der Ereignisse zeigt ein Bild, das mit der offiziellen amerikanischen Darstellung zunehmend bricht.

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Neue Schläge, iranische Antwort in Rekordzeit

Im Süden Irans wurden neue Angriffe verzeichnet, darunter einer in unmittelbarer Nähe des Kernkraftwerks Buschehr. Das Kraftwerk selbst blieb unbeschädigt, doch die Nähe zum Atommeiler ist bemerkenswert.

Nach vorliegenden Informationen begann die neue Runde mit HIMARS-Beschuss aus Bahrain und Kuwait gegen südliche Gebiete Irans. Die iranische Antwort folgte innerhalb von etwa einer halben Stunde und traf Ziele in fünf Golfstaaten – Katar, Kuwait, die VAE, Bahrain und Jordanien. In Jordanien wurden zwei Stützpunkte getroffen, darunter das Kommandozentrum und ein Hangar für MQ-9-Drohnen, während die Startbahn selbst unversehrt blieb – ein Indiz für gezielte Auswahl. Auch ein kuwaitisch-irakischer Grenzposten mit UN-Bezug, den die USA für ihre Schläge nutzten, wurde getroffen.

Erstmals in der gesamten Auseinandersetzung wurde auch Oman angegriffen: Getroffen wurden Anlagen zur elektronischen Kriegsführung im amerikanischen Interesse sowie ein Logistikknotenpunkt im Hafen Duqm, der für die Versorgung von Flugzeugträgergruppen zentral ist. Bemerkenswert zudem: CENTCOM setzte nach eigenen Angaben erstmals einweg-fähige Angriffsdrohnen auf See ein – ein technisches Detail, das auf eine neue Eskalationsstufe der US-Kriegsführung in der Meerenge hindeutet.

Das veränderte Reaktionstempo Irans ist bezeichnend: Wurde in früheren Runden noch abgewartet, erfolgen die Antworten heute nahezu unmittelbar. Das allein ist ein Indikator dafür, dass die Eskalation weiter zunimmt.

Ein getöteter Seemann, zwei brennende Tanker

Die iranischen Revolutionsgarden (IRGC) erklärten, zwei Tanker unter VAE-Bezug – die „al-Bahiya“ und die „Mombasa“ – seien getroffen worden, weil sie ihre Ortungssysteme abgeschaltet und Warnungen iranischer Behörden ignoriert hätten, eine als vermint deklarierte Route zu befahren. Nach Angaben des VAE-Verteidigungsministeriums wurden die Schiffe in omanischen Hoheitsgewässern getroffen; ein indisches Besatzungsmitglied der „Mombasa“ kam dabei ums Leben. Es ist der erste bestätigte Todesfall eines Zivilisten in der laufenden Eskalationsrunde und macht die Warnungen, die Iran zuvor tagelang ausgesprochen hatte, konkret.

Zahlen, Gegenschläge – und was davon belastbar ist

Nach übereinstimmenden Angaben von CENTCOM und mehreren US-Medien trafen die amerikanischen Streitkräfte in der jüngsten Angriffswelle rund 140 Ziele in Iran; über drei Nächte kumuliert soll die Zahl der getroffenen Ziele bereits über 300 liegen. Anders als vielfach dargestellt handelt es sich hier also nicht um eine unbestätigte iranische oder israelische Behauptung, sondern um eine von US-Seite selbst verbreitete Zahl. Die iranische Nachrichtenagentur Fars berichtete zusätzlich von mehreren getöteten und verwundeten US-Soldaten in Kuwait, ohne dass Washington dies kommentierte. Kuwaitische Quellen bestätigten immerhin, dass drei iranische Raketen ihr Ziel getroffen hätten – eine Verankerung, die nicht von iranischer, sondern von lokaler Seite kommt.

Vorsicht bleibt geboten bei Meldungen eines israelischen Journalisten, der anonyme US-Beamte mit Angriffen auf Raketenkomplexe bei der Insel Kisch zitierte. Derselbe Journalist hatte zuvor behauptet, die Tankerangriffe seien das Werk „unkontrollierter Elemente“ im Iran – eine Darstellung, die eher nach Druck als nach gesicherter Information klingt.

Trumps Maut-Vorstoß und Teherans Feilschen

Die eigentliche Neuigkeit der letzten Stunden ist nicht militärischer, sondern administrativer Natur: Trump kündigte an, für die Durchfahrt durch die Straße von Hormus eine Gebühr von 20 Prozent zu erheben – ein Vorstoß, der dem völkerrechtlichen Prinzip der freien Transitpassage nach UNCLOS widerspricht, das gerade keine Gebührenerhebung für die Durchquerung internationaler Meerengen vorsieht –, und ließ verlautbaren, man habe die Meerenge „ordentlich bombardiert“. Bemerkenswert ist, dass sein eigenes Außenministerium diese Idee erst wenige Wochen zuvor als „nicht einmal praktikabel“ verworfen hatte.

Irans Außenminister Abbas Araghchi reagierte nicht mit Zurückweisung, sondern mit Verhandlungsbereitschaft: Er erklärte, es sei richtig, dass sichere Durchfahrt kompensiert werden solle, nannte 20 Prozent aber „natürlich zu viel“ und kündigte an, man werde „fair“ sein. Zugleich betonte er, Iran sei und bleibe der „Wächter“ der Meerenge. Das ist bemerkenswert: Anstatt die Zoll-Logik grundsätzlich zurückzuweisen, verhandelt Teheran faktisch über deren Höhe – ein Signal, dass beide Seiten inzwischen von einer dauerhaften iranischen Kontrollfunktion über die Meerenge ausgehen, über deren Preis nur noch gestritten wird.

Trump selbst erklärte am Freitag, man habe sich auf eine Fortsetzung der Gespräche geeinigt, während der im Vormonat vereinbarte Waffenstillstand gleichzeitig für hinfällig erklärt wurde. Das Memorandum selbst bezeichnete er als etwas, das „nicht viel bedeutet“ habe. UN-Generalsekretär António Guterres verurteilte unterdessen die Eskalation und mahnte, eine Rückkehr zu offenen Kampfhandlungen hätte „katastrophale Folgen“.

Von einer bereits am Vortag erzielten, für die USA „perfekten“ Vereinbarung, die Iran sofort gebrochen habe, wie kolportiert wurde, findet sich weder in iranischen noch in persischsprachigen Medien eine Bestätigung.

Die realen Schifffahrtsdaten

Kommerzielle Frachter sind in der Meerenge praktisch nicht vorhanden. Einzig ein unter amerikanischer Flagge fahrendes „Ausflugsboot“ kreist seit über einer Woche vor der Insel Kisch – eher ein nachrichtendienstliches Aufklärungsmittel als ein Vergnügungsdampfer.

Ein ehemaliger US-Kommandeur erklärte öffentlich, man verfüge über die Mittel, die Meerenge notfalls mit Gewalt zu öffnen, und nannte die Einnahme der Insel Kisch als Druckmittel. Seit Beginn der Konfrontation am 28. Februar sind jedoch viereinhalb Monate vergangen, ohne dass dies gelungen ist – auch nicht während der Waffenruhe unter dem im Vormonat geschlossenen Memorandum. Irans unterirdische Anlagen liegen mehr als 1.000 Kilometer von Kisch entfernt und blieben für Luftschläge durchgehend unzugänglich; gelandete Kräfte wären fortlaufend Drohnen- und Raketenangriffen ausgesetzt, hinzu käme die Hitze von rund 45 Grad als logistisches Problem. Die Bodenoperations-Option bleibt damit über den gesamten bisherigen Konfliktverlauf hinweg eher Drohkulisse als reale Option.

Der Blick zurück: Was vom letzten Krieg übrig blieb

Im vorangegangenen Kriegsabschnitt vom 28. Februar bis 8. April verkündete Washington täglich die Zerstörung iranischer Militäranlagen. Später räumten selbst westliche Medien ein: Irans unterirdische Stützpunkte blieben weitgehend intakt, während amerikanische Anlagen in der Region erheblichen Schaden nahmen. Diese Skepsis ist heute wieder angebracht.

Das gebrochene Memorandum

Das im Vormonat nach rund 60 Verhandlungstagen unterzeichnete Memorandum of Understanding wurde nach iranischer Lesart praktisch in jedem Punkt von US-Seite verletzt: Die eingefrorenen iranischen Vermögenswerte wurden nie freigegeben, das Sanktionsregime wurde nicht zurückgefahren, sondern ausgeweitet, und die Verpflichtung zum israelischen Rückzug aus dem Libanon blieb unerfüllt. Die USA versuchten zudem, über die von ihnen ausgerufene südliche Route entlang der omanischen Küste einen alternativen Kontrollmechanismus für die Meerenge zu schaffen – aus iranischer Sicht eine Aushöhlung von Artikel 5 des Dokuments. Aus US-Sicht wiederum gilt umgekehrt die Offenhaltung der Meerenge als die eine zentrale Bedingung, die Iran gebrochen habe.

Vor diesem Hintergrund warnte Iran tagelang Schiffe aus Saudi-Arabien, Kuwait, den VAE, Katar und Bahrain vor der Nutzung der von den USA ausgerufenen Route. Die Warnungen wurden ignoriert; am Wochenende griff Iran mindestens drei solche Schiffe an, darunter die beiden nun bestätigten Tanker-Ziele. Die amerikanische Antwort darauf wurde zum Auslöser der jetzigen Eskalationsrunde.

Vor dem Krieg passierten täglich 130 bis 170 Schiffe die Meerenge, laut Marktbeobachtern rund 20 Prozent des weltweiten Ölhandels. Nach Unterzeichnung des Memorandums fiel die Zahl auf 20 bis 40. Der Mangel wächst – nicht nur an Öl, sondern auch an Helium, petrochemischen Produkten und Düngemitteln. Der Brent-Ölpreis reagierte entsprechend: Am Montag schloss er bei 83,30 Dollar pro Barrel, ein Sprung von 9,59 Prozent binnen eines Tages – der größte Tagesgewinn seit über sechs Jahren.

Die realen Grenzen der US-Militärmacht

Die amerikanische Durchhaltefähigkeit ist nach vorliegenden – nicht unabhängig verifizierten – Schätzungen begrenzt. Zu Kriegsbeginn sollen nach solchen Schätzungen etwa 3.000 HIMARS-Raketen gelagert haben, verteilt auf mehrere Kommandobereiche, die ihre Bestände nur ungern teilen. Die ATACMS-Produktion soll eingestellt sein. Zur Einsatzbereitschaft der F-35-Flotte kursieren Angaben von nur 25 bis 30 Prozent – von zehn Maschinen wären demnach real nur zwei bis drei einsatzfähig; die zuletzt gelieferte Charge von sechs Kampfjets sei ohne funktionierende Bugradare angekommen, wegen chinesischer Exportbeschränkungen für seltene Erden. Diese Zahlen stammen aus Fachkreisen nahestehenden, aber nicht offiziell bestätigten Quellen und sollten entsprechend gekennzeichnet bleiben.

Selektive Ziele, offene Drohungen

Die jüngsten US-Schläge trafen unter anderem zwei Punkte am Rande von Ahvaz in der Provinz Chuzestan sowie Ziele südlich davon. Verstärkte iranische Luftabwehr im Westen des Landes deutet auf den Einsatz luftgestützter Marschflugkörper hin, die aus irakischem Luftraum abgefeuert werden – ein Eindringen in den iranischen Luftraum wird offenbar vermieden.

Die iranische Logik bleibt selektiv: Saudi-Arabien und Israel wurden nicht angegriffen, da ihr Territorium nicht direkt in die Operationen eingebunden ist. Iran konzentriert sich auf US-Objekte und die Infrastruktur jener Staaten, die ihre Basen zur Verfügung stellen. Teheran warnt, im Falle einer Bodenoperation oder eines Angriffs auf kritische Infrastruktur mit Schlägen gegen ebendiese Golfstaaten zu antworten.

Die Eskalationsleiter ist noch nicht ausgereizt: Jemens Verbündete könnten das Rote Meer sperren, und Strukturen im Irak sind zu früheren Aktionen in der Lage. Dass Israel bislang ausgespart bleibt, liegt am Fokus auf der Kontrolle der Straße von Hormus – genau jenem Hebel, der Washington überhaupt erst an den Verhandlungstisch brachte. Sollte Israel einbezogen werden, würde sich diese Rechnung freilich ändern.

Oman – ein Warnsignal

Der Angriff auf Oman traf Anlagen zur elektronischen Kriegsführung und den Logistikhafen Duqm. Das wirkt wie ein direktes Signal an Maskat: Je enger die Zusammenarbeit mit den USA, desto näher rückt Oman an die Lage Kuwaits und Bahrains heran. Der iranische Außenminister besuchte Oman am Vortag – ausgerechnet um den Durchfahrtsmechanismus zu besprechen. Iran wirft den USA vor, mit „offenem und verdecktem Druck“ gerade diese Gespräche in Maskat torpediert zu haben. Das iranische Außenministerium warnte daraufhin unumwunden, dass sich einige Golfstaaten faktisch in amerikanische Basen verwandelt hätten, und drohte mit schwersten Konsequenzen, sollte dies nicht umgehend enden.

Die innere Widerstandsfähigkeit Irans

Die jüngste Beerdigung eines gefallenen Militärs zeigte eindrucksvoll die gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit: Millionen Menschen gingen in Teheran und Maschhad bei 36 Grad auf die Straße, obwohl im Land Krieg herrscht und eine wirtschaftliche Belagerung gilt. Das spricht für eine Tiefe der Unterstützung, die über ein bloßes Zusammenrücken um die Flagge hinausgeht.

Bemerkenswert ist auch Irans Verhältnis zum Irak: Trotz Sanktionen liefert Teheran weiterhin Strom und Erdgas – mit der Begründung, die irakische Bevölkerung solle nicht unter der Politik ihrer eigenen Regierung leiden. Die Erinnerung an den gemeinsamen Kampf gegen den IS spielt in der irakischen Öffentlichkeit bis heute eine wichtige Rolle.

Fazit: Irans Wette auf das Aussitzen

Washingtons logischer Schritt wäre, die Bedingungen des Memorandums zu erfüllen. Stattdessen werden Entscheidungen weiter unter dem Einfluss persönlicher Ambitionen und äußeren Drucks getroffen – nicht kühler Kalkulation. Dass Trump nun ausgerechnet über die Höhe einer Maut verhandelt, statt über deren Legitimität, unterstreicht das: Es geht längst nicht mehr um das Prinzip freier Durchfahrt, sondern um den Preis.

Iran hat sich seit der Unterzeichnung auf genau dieses Szenario vorbereitet: Öl exportiert, unterirdische Kapazitäten erweitert, Raketenproduktion gesteigert, tausende neue Scheinziele aufgebaut. Die iranische Wette besteht darin, die USA in dieser Konfrontation auszusitzen – wie im ersten, 30 bis 40 Tage dauernden Krieg.

Nach den bisherigen Eskalationszyklen ist nicht ausgeschlossen, dass noch vor Öffnung der Finanzmärkte eine Rückkehr zu Verhandlungen erklärt wird – schlicht weil weiter steigende Ölpreise und fallende Aktienindizes politisch unvorteilhaft sind. Bleibt ein solches Signal aus, spricht vieles dafür, dass die Eskalation weiter zunimmt. Und die iranische Seite behält im Ringen um die Kontrolle über die Meerenge – zumindest bis heute – ihre Position.

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Bildquelle: Ivan Marc / shutterstock

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