Der Iran feuert Raketen auf Schiffe ab, nachdem die USA die wirtschaftliche Lebensader der Türkei unterbrochen haben – mit Prof. Marandi

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In den letzten Stunden haben sich die Spannungen zwischen Washington und Teheran erneut zugespitzt. Das US-Finanzministerium hat im Rahmen der „Operation Economic Outcast“ Sanktionen gegen die in der Türkei ansässige Golden Global Bank und ihre Tochtergesellschaften verhängt und ihr den Zugang zum US-Finanzsystem entzogen. Gleichzeitig feuert Iran ballistische Anti-Schiff-Raketen auf Schiffe ab, die auf der omanischen Seite der Straße von Hormuz fahren – eine Eskalation gegenüber früheren Drohnen- und Marschflugkörper-Angriffen. Professor Seyed Mohammad Marandi bewertet diese Entwicklungen in einem Interview mit Mario Nawfal als Teil eines umfassenden Wirtschaftskrieges, den Teheran militärisch beantworten werde.

Die Sanktionen gegen Golden Global Yatirim Bankasi Anonim Sirketi (Golden Global Bank) und zwei Tochtergesellschaften wurden am 4. September 2026 bekannt gegeben. Das Office of Foreign Assets Control (OFAC) wirft der Bank vor, Dutzende Millionen Dollar an Transaktionen für die Quds-Force der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC-QF) ermöglicht und dem iranischen Regime über Korrespondenzbanken internationalen Zahlungsverkehr verschafft zu haben. Die Bank soll iranische Öleinnahmen aus China in die Türkei transferiert haben, wo sie in Bargeld und Gold umgewandelt wurden. Treasury-Minister Scott Bessent nannte die Maßnahme Teil einer Kampagne, die iranische Finanzkanäle systematisch kappen soll. Ein Wind-down-Lizenz gibt Geschäftspartnern bis zum 19. September Zeit, bestehende Transaktionen abzuwickeln. Bessent kündigte weitere Sanktionen gegen eine weitere Bank in der kommenden Woche an.

Für Marandi ist dies kein isolierter Finanzakt, sondern Krieg. Die USA versuchten, die iranische Gesellschaft auszuhungern und zu zerschlagen. Eine solche Belagerung sei ein Akt des Krieges. Iran könne die USA nicht mit Sanktionen treffen, weil es nicht über vergleichbare finanzielle Hebel verfüge. Deshalb bleibe nur die militärische Option. Führende iranische Politiker hätten das in den vergangenen Wochen offen gesagt: der Vorsitzende des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, der Parlamentspräsident und der Erste Vizepräsident. Letzterer habe in einem scharfen Statement „dunkle Zeiten“ für die US-Wirtschaft angekündigt. Marandi sieht darin auch den Versuch, Spekulationen über innere Spaltungen in Iran zu beenden, die westliche und einige arabische Medien seit Monaten verbreiten.

Die jüngsten Raketenangriffe passen in dieses Bild. Iran hat nach Angaben im Interview in mehreren Fällen ballistische Anti-Schiff-Raketen auf Schiffe auf der omanischen Seite der Meerenge abgefeuert. Treffer mit ballistischen Raketen würden deutlich schwerere Schäden verursachen als Drohnen oder Marschflugkörper. Marandi sieht darin eine weitere Stufe auf der Eskalationsleiter. Ziel sei nicht unbedingt die vollständige Schließung der Straße von Hormuz – ein erheblicher Teil des Handels laufe ohnehin mit iranischer Zustimmung –, sondern die Einschränkung oder perspektivisch die Blockade, falls die USA weitergehen. Iran habe klar gemacht: Wenn Teheran sein Öl nicht exportieren und die Einnahmen nicht für den Haushalt, Medizin und Nahrungsmittel nutzen könne, werde niemand Öl exportieren. Das betreffe auch das Rote Meer.

Die Eskalation hänge von Washington und insbesondere von Bessent und Trump ab. Bessent trete neuerdings betont hart auf und verwende eine martialische Sprache. Iran sei darauf vorbereitet, härter zurückzuschlagen. Die Iraner hätten sich über Jahrzehnte vorbereitet und betrachteten den Konflikt als Überlebenskampf. Die USA, Israel und die zionistische Lobby wollten Iran strangulieren. Deshalb werde Teheran „bis zum Ende kämpfen“. Marandi glaubt nicht, dass der Krieg Jahre dauern werde. Die wirtschaftlichen Folgen für die Weltwirtschaft und die US-Wirtschaft seien größer und näher, als viele annähmen. Eine weitgehende Unterbrechung des Ölhandels durch Hormuz und das Rote Meer würde Preise für Öl, Diesel und andere Güter rasch in die Höhe treiben, Anleihemärkte und Währungen destabilisieren und Verbündete der USA in der Persischen Golfregion unter Druck setzen. Deren Staaten seien unter solchen Bedingungen nicht nachhaltig.

Ein zentraler Punkt der Debatte ist das Memorandum of Understanding (MOU), das nach früheren Kampfphasen geschlossen wurde. Marandi wirft den USA vor, das Abkommen selbst untergraben zu haben: Verweigerung der Rückgabe iranischer Vermögenswerte, fortgesetzte Drohungen, Sanktionen gegen iranisches Öl, Versuche, einen eigenen Korridor in der Straße von Hormuz zu öffnen, und die Kooperation einiger Golfstaaten. Iran habe zwei Wochen lang gewarnt, bevor es Schiffe angriff. Der einzige Ausweg aus iranischer Sicht sei die Umsetzung des MOU und der iranischen Forderungen. Gebühren für die Passage seien nicht das eigentliche Kernproblem. Iran wolle den Persischen Golf als Handelszentrum erhalten. Das eigentliche Thema sei Israel und das „Greater Israel“-Projekt: die Fortsetzung der Operationen in Gaza und im südlichen Libanon. Ohne ein Ende des Geschehens in Gaza und ohne Rückzug Israels aus dem Libanon auf die Grenzen vor dem 7. Oktober werde es keine Normalisierung geben.

Zur Lage im Libanon äußerte sich Marandi zurückhaltend, aber eindeutig. Der Ali-al-Taher-Rücken (auch Ali Alaher oder Ali Taher genannt) im südlichen Libanon, den israelische Kräfte nach monatelangen Operationen als unter ihrer operativen Kontrolle bezeichneten, sei weniger entscheidend, als oft dargestellt. Die Anlage sei bereits länger geräumt gewesen. Die eigentlichen Befestigungen der Hisbollah lägen anderswo. Die Hisbollah sei heute besser vorbereitet als je zuvor. Iran habe Beirut als rote Linie genannt und beobachte die Ereignisse im Süden. Irgendwann würden sich die Kalkulationen ändern. Reuters-Berichte über eine iranische rote Linie speziell für diesen Hügel und IRGC-Präsenz dort wies Marandi als unglaubwürdig zurück. Reuters arbeite nach seiner Erfahrung aus der Zeit der Nuklearverhandlungen häufig mit anonymen „iranischen Quellen“, die nicht stimmten. Der Bericht sei von israelischer Seite lanciert worden. Die eigentliche Auseinandersetzung, so Marandi, finde in der Persischen Golfregion statt. Das Schicksal des Libanon und Gazas hänge vom Ausgang des Konflikts zwischen Iran und den USA ab.

Marandi stellt die Sanktionspolitik in einen größeren historischen Rahmen. Eine Studie in The Lancet Global Health schätzt, dass unilaterale westliche Sanktionen von 1971 bis 2021 mit rund 38 Millionen überschüssigen Todesfällen verbunden waren – mehr als die direkten Kriegstoten in vielen Jahren. Sanktionen töteten still: fehlende Medikamente, Sauerstoff, Spezialnahrung für Kinder. In Gaza und anderswo würden Menschen an behandelbaren Krankheiten sterben, während die öffentliche Aufmerksamkeit bei Bombenangriffen größer sei. Die gleiche Logik gelte für Iran, Kuba, Venezuela, Syrien, Irak und Afghanistan. Madeleine Albrights berühmte Aussage zu 500.000 toten irakischen Kindern („the price is worth it“) stehe sinnbildlich dafür.

Gegen Ende des Gesprächs wurden Berichte über iranische Raketenstarts in Richtung Jordanien und weitere Angriffe auf Schiffe der US-Navy erwähnt. Marandi macht Jordanien und andere regionale Akteure mitverantwortlich, weil sie Teil einer gemeinsamen Front gegen Iran seien. Die „Sünde“ Irans bestehe darin, unabhängig zu sein und den Völkermord in Gaza beim Namen zu nennen. Die Achse des Widerstands stehe auf der richtigen Seite, weil sie Opfer bringe, um das Geschehen zu beenden. Wer schweige oder kooperiere, stehe auf der anderen Seite.

Marandi betont wiederholt, dass Iran den Krieg nicht gewollt habe. Teheran habe nach 40 Tagen Kampf einem Waffenstillstand zugestimmt und das MOU unterzeichnet, um die Weltwirtschaft nicht zu zerstören. Die USA und Israel hätten Iran in eine Lage gebracht, in der es keine andere Option mehr gebe. Wenn Iran nun militärisch zuschlage – gegen Schiffe, in der Golfregion oder anderswo –, dann deshalb, weil Washington 90 Millionen Iraner zu strangulieren versuche und Trump öffentlich über den Zusammenbruch der iranischen Währung und fehlende Lebensmittel frohlocke. Iran werde bis zum Ende kämpfen.

Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, wie weit beide Seiten die Eskalationsleiter hinaufsteigen. Die wirtschaftlichen und militärischen Risiken sind erheblich. Eine weitere Verschärfung der Sanktionen oder der Angriffe auf die Schifffahrt könnte die Straße von Hormuz und damit einen zentralen Teil des globalen Ölhandels noch stärker belasten – mit Folgen, die weit über die Region hinausreichen.

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