Was Pater Daniël Maes in Syrien erlebte, steht in krassem Widerspruch zur westlichen Darstellung

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Der belgische Prämonstratenserpater Daniël Maes lebt seit mehr als 15 Jahren im syrischen Qara. Von dort berichtet er über eine Realität, die seiner Darstellung zufolge wenig mit jenem Bild gemein hat, das westliche Medien über Jahre vom Syrien-Krieg zeichneten. In einem ausführlichen Gespräch mit dem YouTube-Kanal „Compleetdenkers“ spricht er über die Anfänge des Krieges, die Interessen ausländischer Mächte, die Dämonisierung Baschar al-Assads und seine persönlichen Erfahrungen während der Kämpfe.

Ein Augenzeuge widerspricht dem vorherrschenden Narrativ

Maes stammt aus einer belgischen Arbeiterfamilie mit neun Kindern, wurde Prämonstratenserpriester und ging nach Syrien, um dort beim Aufbau einer Priesterausbildung mitzuwirken. Das Syrien, das er damals kennenlernte, beschreibt er als vergleichsweise wohlhabendes und sicheres Land mit kostenloser Hochschulbildung und einem bemerkenswerten Maß an religiöser Toleranz zwischen Muslimen, Christen und Drusen. Nach seiner Darstellung verfügte das Land zudem über keine nennenswerte Staatsverschuldung.

Als 2011 die Gewalt eskalierte, widersprach Maes früh der im Westen dominierenden Interpretation eines weitgehend einheimischen Volksaufstands gegen Assad. Dafür wurde er als „Putin-Anhänger“ und „Assad-Verteidiger“ kritisiert. An seiner Einschätzung änderte das nichts: Für ihn entwickelte sich der Konflikt wesentlich durch ausländische Interventionen und geopolitische sowie wirtschaftliche Interessen.

Pipeline-Pläne und die Frage nach den Interessen hinter dem Krieg

Besonders weit geht Maes bei seiner Interpretation der Ursachen des Krieges. Er verweist auf Pläne, Gas beziehungsweise Energierohstoffe aus Katar und der Golfregion über Syrien Richtung Mittelmeer und Europa zu transportieren. Assad habe einem entsprechenden Projekt nicht zugestimmt und sich damit mächtige Gegner geschaffen.

Maes verweist dabei auch auf Homs, das zu einem Zentrum der Kämpfe wurde und zugleich strategisch auf möglichen Energiekorridoren Richtung Mittelmeer liegt. Für ihn ist das kein nebensächliches Detail, sondern Teil einer größeren geopolitischen Auseinandersetzung.

Die sogenannte Pipeline-These wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Dass Katar tatsächlich eine Pipeline über Saudi-Arabien, Jordanien und Syrien Richtung Türkei erwog und Assad stattdessen später ein Konkurrenzprojekt mit Iran und Irak unterstützte, ist dokumentiert. Die wesentlich weitergehende Behauptung, die Ablehnung der Pipeline sei die eigentliche oder entscheidende Ursache des Syrien-Krieges gewesen, ist dagegen nicht belegt und unter Historikern und Nahost-Analysten umstritten.

Für Maes passt Syrien dennoch in ein bekanntes Muster westlicher Interventionen. Er erinnert an den Irakkrieg und Colin Powells Auftritt vor dem UN-Sicherheitsrat 2003. Powell präsentierte damals unter anderem ein kleines Fläschchen als Anschauungsobjekt, während er für die amerikanischen Geheimdienstbehauptungen über irakische Massenvernichtungswaffen warb. Diese Waffen wurden später nicht gefunden. Der Krieg und seine Folgen kosteten Hunderttausende Menschen das Leben.

Zehntausende bewaffnete Kämpfer vor den Toren des Klosters

Wie unmittelbar der Krieg Maes erreichte, schildert er anhand seines Klosters Mar Yakub bei Qara. Auf dem Höhepunkt der Kämpfe sollen sich Zehntausende bewaffnete Kämpfer in der Region aufgehalten haben; in einzelnen Darstellungen ist sogar von bis zu 60.000 die Rede.

Dass das Kloster die Kämpfe überstand, betrachtet Maes selbst beinahe als Wunder. Eine ungewöhnliche Rolle schreibt er dabei sogar der Klosterglocke zu: Die Mönche hätten sie weiterhin geläutet, was bei einigen militanten Kämpfern offenbar abergläubische Zurückhaltung ausgelöst habe.

Der entscheidende militärische Wendepunkt kam für ihn 2015 mit dem russischen Eingreifen. Russland intervenierte auf Ersuchen der syrischen Regierung. Nach Putins Entscheidung wurde innerhalb kürzester Zeit eine relativ kleine russische Luftstreitmacht eingesetzt, die eng mit der syrischen Armee zusammenarbeitete.

Während Russland im Westen wegen seiner Luftangriffe, ziviler Opfer und seiner Unterstützung Assads massiv kritisiert wurde, sieht Maes die Intervention aus der Perspektive seines Klosters völlig anders: Für ihn und seine Gemeinde bedeutete sie Schutz vor den bewaffneten Gruppen und letztlich die Rettung.

Chemiewaffen: Maes stellt die offizielle Darstellung infrage

Besonders kontrovers wird das Gespräch beim Thema Chemiewaffen. Maes stellt die Frage, warum Assad ausgerechnet zu einem Zeitpunkt Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung einsetzen sollte, an dem seine Streitkräfte militärisch wieder die Oberhand gewannen.

Damit stellt er die westliche Darstellung mehrerer Chemiewaffenangriffe infrage, ohne selbst konkrete Täter zu benennen oder einen alternativen Ablauf beweisen zu können.

Gerade hier ist eine wichtige Einordnung notwendig: Internationale Untersuchungen haben der syrischen Regierung bei mehreren Vorfällen den Einsatz chemischer Waffen zugeschrieben; zugleich gab es insbesondere um einzelne Fälle wie Duma 2018 erhebliche Kontroversen über Beweislage, Untersuchungsverfahren und abweichende Einschätzungen innerhalb der OPCW. Maes‘ Zweifel sind daher seine Interpretation der Ereignisse und kein Beweis dafür, dass sämtliche Vorwürfe gegen die syrische Regierung falsch waren.

Er zieht dabei einen größeren Vergleich bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001, deren offizielle Darstellung seiner Ansicht nach ebenfalls von immer mehr Menschen angezweifelt werde.

Für Maes zeigt sich dahinter immer wieder derselbe politische Mechanismus: Ein Land werde international diskreditiert, sein Staatschef zum Monster erklärt und anschließend eine Intervention als „Befreiung“ verkauft – während im Hintergrund wirtschaftliche Ressourcen und strategische Positionen eine entscheidende Rolle spielten.

Von Syrien zu Corona: Wie Gesellschaften Sündenböcke schaffen

Das Gespräch bleibt nicht beim Krieg stehen. Maes beschäftigt sich mit einem grundsätzlicheren gesellschaftlichen Mechanismus: Rivalität, Gruppendruck und der Suche nach Sündenböcken.

Unter Bezug auf Aristoteles beschreibt er den Menschen als ein Wesen, das besonders stark dazu neige, andere nachzuahmen. Daraus entstünden Konkurrenz, Eifersucht und gesellschaftliche Spannungen. Gemeinschaften lösten solche Konflikte immer wieder dadurch, dass sie eine bestimmte Gruppe zum Schuldigen erklärten.

Als aktuelles Beispiel nennt Maes die Corona-Pandemie. Nach seiner Wahrnehmung wurden Ungeimpfte kollektiv für die Fortdauer der Pandemie verantwortlich gemacht und gesellschaftlich ausgegrenzt. Wissenschaftliche Auseinandersetzungen seien dabei zunehmend von Gruppendruck und der Angst überschattet worden, nicht zur Mehrheit zu gehören.

Maes beschreibt eine Atmosphäre, in der selbst Familien auseinandergerissen worden seien: Kinder hätten ihre Eltern angezeigt, Eltern ihre Kinder. „Jeder gegen jeden“, lautet seine drastische Zusammenfassung. Für ihn ist das kein einmaliges Phänomen, sondern ein zeitloser gesellschaftlicher Mechanismus: Eine Gruppe wird ausgegrenzt und verantwortlich gemacht, bis jemand diesen Kreislauf durchbricht.

Das Turiner Grabtuch und die Verbindung von Liebe und Leiden

Einen überraschenden philosophisch-religiösen Bogen schlägt Maes anschließend zum Turiner Grabtuch. Er erinnert daran, wie der italienische Fotograf Secondo Pia 1898 bei seinen Aufnahmen bemerkte, dass sich das Abbild auf dem Tuch fotografisch wie ein Negativ verhält und dadurch die Gesichtszüge wesentlich deutlicher hervortreten.

Maes sieht darin das Gesicht eines Menschen, das trotz der sichtbaren Spuren schwerster Folter eine außergewöhnliche Ruhe ausstrahle. Für ihn verkörpert dieses Bild das, was er unter „Passion“ versteht: die Verbindung von intensivem Lieben und tiefem Leiden. Wahre Liebe, so seine Überzeugung, sei ohne Hingabe nicht möglich.

Eine Stimme aus Syrien, die im Westen kaum gehört wurde

Maes ist mittlerweile hochbetagt, doch er hat sich nach eigener Darstellung keineswegs aus seiner Arbeit zurückgezogen. Er beteiligt sich weiterhin an der Restaurierung des Klosters in Qara, organisiert humanitäre Hilfe in Syrien und im Libanon und war auch an einer Suppenküche für Gaza beteiligt.

Gerade darin liegt die Stärke – und zugleich die Grenze – seines Zeugnisses. Pater Daniël Maes ist kein neutraler Chronist des gesamten Syrien-Krieges und seine politischen Schlussfolgerungen sind teilweise stark umstritten. Aber er ist ein langjähriger Augenzeuge, der den Krieg nicht aus einem europäischen Fernsehstudio, sondern aus einem syrischen Kloster heraus erlebt hat.

Seine Aussagen widerlegen deshalb nicht automatisch sämtliche Erkenntnisse über Assad, Russland oder den Verlauf des Krieges. Sie werfen jedoch Fragen nach einer Berichterstattung auf, in der geopolitische Interessen westlicher Staaten, die Rolle ausländisch unterstützter bewaffneter Gruppen und die Erfahrungen jener Syrer, die die Regierungstruppen oder die russische Intervention als Schutz vor Dschihadisten betrachteten, häufig wesentlich weniger Raum erhielten.

Maes‘ Bericht ist damit vor allem eines: eine Perspektive auf den Syrien-Krieg, die sich fundamental von der über Jahre dominierenden westlichen Erzählung unterscheidet – erzählt von einem Mann, der geblieben ist, während um ihn herum Krieg geführt wurde.

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