Meinung: Riester-Nachfolger: Es geht auch ohne Staatsprodukt

Ein Medienbericht schürt Ängste, dass sich das staatliche Standardprodukt für das neue Altersvorsorgedepot verzögert. Für die Rentenform wäre das kein Beinbruch – Anleger sollten ohnehin auf anderes achten

Share your love

Ein Medienbericht schürt Ängste, dass sich das staatliche Standardprodukt für das neue Altersvorsorgedepot verzögert. Für die Rentenform wäre das kein Beinbruch – Anleger sollten ohnehin auf anderes achten

Wer keinen Bock hat, stellt sich gern bockig. Diese zutiefst menschliche Verhaltensweise könnte erklären, warum noch keine Details zum so genannten staatlichen Standardprodukt für das Altersvorsorgedepot (AVD) bekannt sind. Schließlich muss das Bundesfinanzministerium jetzt ein Produkt erfinden und rechtssicher formulieren, das es gar nicht wollte. Und das schon zum 1. Januar 2027 starten soll.

Das Ministerium hatte ursprünglich geplant, dass nur Privatakteure – also Banken und Fondsgesellschaften – das üppig bezuschusste AVD anbieten sollen. Doch ganz am Ende der parlamentarischen Beratung, so erzählt man es sich in Berlin, rutschte plötzlich das staatliche Standardprodukt ins Gesetz. Die einen sagen, das hätten CDU/CSU- und SPD-Verhandler gemeinsam miteinander vereinbart. Die anderen sagen, das sei auf Druck der SPD geschehen. So richtig Lust hat niemand darauf – also stellt man sich bockig.

Wie auch immer – organisieren soll es, so die Spekulation, entweder die Bundesbank, der Atomfonds Kenfo oder die Rentenversicherung. Kein Wunder also, dass Kenfo-Chefin Anja Mikus bei ihrer Jahrespressekonferenz am Mittwoch gefragt wurde, wie es um das Projekt stehe. „Wir haben noch keine Gespräche geführt“, lautete ihre Antwort. „Wir sind auch nicht involviert, das Standardprodukt muss von der Regierung entwickelt und formuliert werden.“ 

Es passt ins Bild, dass niemand so recht weiß, wo der Ball gerade liegt. Vielleicht arbeiten Ministerialbeamte an dem Thema. Vielleicht schieben sie es, um zunächst die große Rentenreform zu formulieren. Dass nun der Zeitplan in Gefahr gerate, wie es das „Handelsblatt“ meldet, klingt damit zwar zunächst schräg – ist es aber überhaupt nicht. Der Stichtag 1. Januar 2027, zu dem das Produkt an den Start gehen sollte, war von Vornherein eher Wunsch als realitätsnah.

Verzögerung ist eine Chance für Altersvorsorgedepot

Um es klar zu sagen: Selbst wenn das Produkt später kommt, wäre das kein Beinbruch für die Reform der Altersvorsorge in Deutschland. Vielmehr könnten mögliche Verzögerungen eine gute Gelegenheit sein, sich noch einmal die grundsätzliche Frage zu stellen, ob es wirklich ein staatliches Standardprodukt braucht, um der Finanzbranche „Druck zu machen“, wie es Verbraucherschützer formulieren. Es scheint bei seinen Befürwortern wenig Vertrauen in die Kräfte des Wettbewerbs zu herrschen.

Richtig ist, dass es beim Vorgängerprodukt – der Riester-Rente – Kostenexzesse gab, welche die komplette Rendite aufgefressen haben. Doch beim AVD dürfen auch die Privaten bei ihren Standardprodukten keine überzogenen Kosten erheben. Sie sind, wie allgemein zu hören ist, im Zeitplan, stecken große Ressourcen in Produkte, Technik und demnächst wohl auch Marketing. Das spricht alles für eine lebendige Konkurrenz, zu der Digitalisierung (Stichwort: Neobroker) und der Siegeszug kostengünstiger ETF einen wichtigen Beitrag leisten. 

Voraussichtlich werden also eine Menge unterschiedlicher Produkte mit unterschiedlichen Konditionen auf den Markt sein. Vergleichen wird sich dann lohnen. Wichtig ist nur, weder beim Neobroker ungeprüft zu klicken, noch sich beim Berater der Hausbank bereden zu lassen oder beim örtlichen Versicherungsvertreter zu unterschreiben, der gern mal beim Feuerwehrfest eine Runde ausgibt. Vor solchen Anlagefehlern schützt auch ein staatliches Produkt nicht.

Und wer doch auf das Staatsprodukt warten will, für den gibt es ebenfalls gute Nachrichten: Die volle Förderung von 540 Euro gibt es nämlich bereits, wenn man einfach vor dem 31. Dezember 2027 die dafür fällige Einzahlung von 1800 Euro leistet. Oder anders gesagt: Die eigentliche Deadline für den Staat ist nicht der 1. Januar 2027, sondern ein Jahr später.

Beitrag teilen

Neue Beiträge und
Informationen direkt
per E-Mail erhalten.