Reformpläne: Krankschreibung bald ab dem ersten Tag? Hausärzte warnen jetzt schon

Die Spitzen von Union und SPD haben sich auf eine weitreichende Änderung bei den Krankschreibungen geeinigt. Jetzt regt sich Widerstand und Sorge – nicht nur bei Ärzten.

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Die Spitzen von Union und SPD haben sich auf eine weitreichende Änderung bei den Krankschreibungen geeinigt. Jetzt regt sich Widerstand und Sorge – nicht nur bei Ärzten.

Für den Bundeskanzler ist eine Sache klar: „Die Zahl der Krankentage in Deutschland ist zu hoch.“ So griffig formulierte es Friedrich Merz, als er am Donnerstagvormittag im Garten des Kanzleramts auftrat, um die Beschlüsse des Koalitionsausschusses vorzustellen. 

Für den CDU-Politiker ist das keine neue Erkenntnis, schon lange stören sich insbesondere die Union und die Arbeitgeber an den Krankenständen in Deutschland. 2024 waren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durchschnittlich 14,8 Arbeitstage krankgemeldet. Neu ist, dass die Koalition nun nicht mehr bei der Rhetorik bleibt, sondern Maßnahmen vorlegt, mit denen sie das Problem angehen will. 

Änderung bei Krankschreibung: Hausärzte warnen vor Überlastung

In den Reihen der Union war immer wieder ein Karenztag gefordert worden, was bedeutet hätte, dass für den ersten Krankheitstag kein Lohn bezahlt wird. So weit wollte die SPD offenbar nicht gehen. Doch haben sich die Koalitionsspitzen auf eine andere weitreichende Änderung verständigt: Künftig soll ab dem ersten Tag eine Krankschreibung fällig werden. Zusätzlich soll die telefonische Krankmeldung entfallen. 

Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass das in Zukunft für jede Arbeitnehmerin und jeden Arbeitnehmer so gelten wird. Denn die Betriebe könnten von diesen gesetzlichen Änderungen abweichen, erklärte Merz, etwa durch einzelvertragliche Vereinbarungen, durch Betriebsvereinbarungen oder durch einen Tarifvertrag. Derzeit sieht die gesetzliche Regelung vor, dass die Krankschreibung erst nach drei Krankheitstagen nötig ist – auch wenn die Unternehmen davon abweichen können.

Merz appellierte an die Unternehmen und an die Beschäftigten, aus den jetzt beschlossenen Änderungen „die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen“. Denn es sei klar, dass die Zahl der Krankentage hierzulande zu hoch sei, man ermögliche nun, dies zu „korrigieren“. 

Es ist ein Sound, der signalisieren soll, dass die Daumenschrauben jetzt angezogen werden. Der Hintergedanke: diejenigen in den Blick nehmen, die morgens noch auf der Bettkante überlegen, ob sie nun wirklich zur Arbeit gehen sollen. Es kann bei der Entscheidung helfen, wenn man ab dem ersten Krankheitstag einen Arzt aufsuchen muss. Viele Unternehmen dürften dem Appell des Kanzlers folgen.

Bei den Hausärzten fürchten sie deshalb schon jetzt „die komplette Überlastung“ der Praxen. „Das wird eine Welle von Menschen in unsere Praxen spülen – in vielen Fällen ohne medizinische Notwendigkeit, sondern aus rein administrativen Gründen“, heißt es vom Verband der Hausärzte. „Während sich also die Infektfälle, die nur ein, zwei Tage im Bett gebraucht hätten, in unseren Wartezimmern stapeln, werden die dringlichen Fälle warten müssen, weil wir nicht hinterherkommen.“ Dass dadurch Krankheitstage reduziert würden, sei eine Illusion.

Auch die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung kritisieren die Hausärzte. Zig Untersuchungen zeigten, dass diese Möglichkeit nicht zu mehr Krankschreibungen geführt habe. Dass die Zahlen angestiegen seien, liege daran, dass die Krankschreibung seit 2022 elektronisch erfasst werde. „Es ist also ein statistischer Effekt und hat definitiv nichts mit zu laxen Regelungen zu tun!“ Mit dieser Maßnahme mache die Regierung einer der wenigen sinnvollen Entbürokratisierungsmaßnahmen im Gesundheitswesen mit einem Schlag den Garaus. 

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken sieht das anders. Zwar solle niemand zur Arbeit gehen, wenn Krankheit dem entgegenstehe – daran solle sich auch in Zukunft nichts ändern. „Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Hürden für eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung durch die telefonische Krankschreibung deutlich gesenkt wurden“, sagte die CDU-Politikerin dem Stern. „Daher ist es richtig, diese wieder abzuschaffen.“ Sie wolle aber sicherstellen, dass digitale Möglichkeiten wie die Videosprechstunde mit dem behandelnden Hausarzt weiterhin möglich seien und verstärkt genutzt würden.

Grüne warnen vor „gesundheitspolitischem Irrweg“

Von der Opposition kommt deutliche Kritik. Union und SPD wollten eigentlich eine bessere Patientensteuerung, ein effizienteres Gesundheitswesen und eine digitalere Versorgung, sagte Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen, dem Stern. „Stattdessen fluten sie nun Arztpraxen mit Millionen zusätzlicher, medizinisch nicht notwendiger Termine.“ Während der Kürzungskurs von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) das Gesundheitswesen „in den Würgegriff“ nehme, schaffe die Koalition nun auch noch neue Bürokratie statt besserer Versorgung. Dies sei ein „gesundheitspolitischer Irrweg“.

Dabei sind jedenfalls die immer wieder zitierten Statistiken, die Deutschland als Spitzenreiter bei den Krankheitstagen sehen, mit Vorsicht zu genießen. Das liegt unter anderem daran, dass es in den einzelnen Ländern unterschiedliche Meldeverfahren im Falle eines Arbeitsausfalls gibt. Deutschland sei durch das elektronische Meldeverfahren eines der wenigen Länder mit Vollerhebung von Fehltagen, heißt es etwa vom Iges-Institut. Zum anderen würden in einigen Ländern, etwa Frankreich, Italien oder Spanien, Karenztage nicht mitgezählt, was dort zu Unterschätzungen führe. 

Die wohl am besten für einen Ländervergleich geeignete Analyse kommt von der OECD, die die Fehlzeiten in allen europäischen Ländern durch eine Haushaltsstichprobe erfasst. Bei dieser Erhebung liegt Deutschland mit 3,6 Wochen pro Jahr im Mittelfeld. An der Spitze finden sich Norwegen (5,9 Wochen), Finnland (5,0 Wochen) und Spanien (4,9 Wochen). Unter anderem Italien, Ungarn und Rumänien kommen dabei auf einen krankheitsbedingten Ausfall von weniger als einer Woche pro Jahr.

Noch ist offen, ob aus den Plänen tatsächlich Realität wird. Dazu muss die Absichtserklärung erst noch in Gesetzesform gegossen, und dann auch so verabschiedet werden. Doch schon kurz nach der Verkündung der Beschlüsse ist selbst in den eigenen Reihen Kritik zu hören. „Ich hätte das nicht gemacht“, sagte Karl Lauterbach, ehemaliger Bundesgesundheitsminister von der SPD, dem „Spiegel“, auch wenn die Betriebe davon abweichen könnten. Der Spitzenkandidat der SPD in Berlin, Steffen Krach, fand noch deutlichere Worte: Die Einführung der Krankschreibung von Tag eins an sei ein „Misstrauensbeweis gegen den gesunden Menschenverstand“.

Dieser Artikel ist eine Übernahme des Stern, der wie Capital zu RTL Deutschland gehört. Auf Capital.de wird er sechs Monate hier aufrufbar sein. Danach finden Sie ihn auf www.stern.de.

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