Enter your email address below and subscribe to our newsletter

Robotik-Start-up: Was hinter dem Milliarden-Deal für Neura Robotics steckt

Die Robotikfirma Neura Robotics aus Metzingen vermeldet die höchste Start-up-Finanzierungsrunde Deutschlands. Geldgeber, Markt, Risiko – alles an dem Fall ist ungewöhnlich

Share your love

Die Robotikfirma Neura Robotics aus Metzingen vermeldet die höchste Start-up-Finanzierungsrunde Deutschlands. Geldgeber, Markt, Risiko – alles an dem Fall ist ungewöhnlich

Es ist gerade mal einige Tage her, da beklagte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bei einer Veranstaltung, der europäische Tech-Boom stehe „auf einem schmalen Kapital-Fundament“: Bei den großen Finanzierungsrunden über 100 Mio. Euro sei Europa weit abgeschlagen gegenüber China und den USA.

Als ob es jetzt erst recht gelte, das Gegenteil zu beweisen, kann Neura Robotics aus Metzingen nun die größte Finanzierungsrunde eines deutschen Start-ups jemals verkünden. Bis zu 1,4 Mrd. Dollar fließen in die noch kein Jahrzehnt alte Firma von Gründer David Reger, die dafür mit 7 Mrd. Dollar bewertet wird.

Das Rekordfunding für Neura zeigt, dass es geht – dass sehr große Runden für Technologiefirmen auch in Deutschland möglich sind. Zugleich ist der Fall Neura in vielerlei Hinsicht besonders – es ist ein spezieller Markt, es geht um ungewöhnliche Geldgeber, es geht um ein außergewöhnliches Risiko. All das macht Neura Robotics zur aktuell vielleicht spannendsten Wette in der deutschen Start-up-Szene.

Höchst ungewöhnliche Geldgeber

Da sind zum einen die Investoren. Statt ausschließlich aus dem Venture-Capital- oder Private-Equity-Bereich kommt das Kapital von einigen ungewöhnlichen Geldgebern: Da ist das Stablecoin-Unternehmen Tether, keineswegs unumstritten, das zuletzt immer häufiger als Investor in Erscheinung getreten ist und das die Neura-Roboter mit seinen Krypto-Wallets ausstatten will, um autonome Transaktionen zu ermöglichen – etwas, von dem in der Blockchain-Welt schon lange geträumt wird.

Mit Amazon, Qualcomm und Nvidia sind drei absolute Tech-Schwergewichte aus den USA an Bord, schließlich mit Bosch und Schaeffler zwei der wichtigsten Industrieunternehmen des Südwestens. Für all diese Firmen gibt es Schnittmengen mit dem Robotergeschäft, sei es als Chipzulieferer oder als Fertigungspartner und -kunden. Mit diesen Teilhabern kommen aber jeweils eigene Interessen, die im Zweifel sich auch widersprechen können. Die neuen Anteilseigner könnten „Skalierung mitdenken und unsere Strategien hinterfragen“, erklärte Gründer David Reger dem „Handelsblatt“.

Ein wichtiges Detail ist die Formulierung „bis zu“ 1,4 Mrd. Dollar für die Finanzierungsrunde – wie groß der Anteil des Fundings ist, der erst nach der Erreichung bestimmter Zwischenziele ausgezahlt werden wird, bleibt offen. Klar ist: Der Robotikmarkt läuft heiß, um hier bei Qualität und Quantität mithalten zu können, braucht es Unmengen an Kapital.

Millionen Roboter bis 2030

Neura Robotics will mit dem frischen Geld bis 2030 die Produktion mehrerer Millionen Roboter möglich machen. Die sollen dann nicht nur in Unternehmen, sondern auch in privaten Haushalten zum Einsatz kommen. Als Nahziel ist die Steigerung von aktuell 6000 auf mehrere zehntausend Roboter pro Jahr geplant, heißt es bei der „Financial Times“.

Wie weit das Unternehmen bei Ab- und Umsatz bereits ist, bleibt allerdings nebulös. So ist nicht klar, wie viele Roboter bei welchen Kunden schon im Einsatz sind – und was diese leisten können. Laut Neura betragen „Auftragsbestand und die strategische Deployment-Pipeline des Unternehmens“ mehr als 1 Mrd. Dollar.

Die Firma aus Metzingen, die Ende der 2010er-Jahre ursprünglich als Tochterfirma der chinesischen Han’s Group von Milliardär Yunfeng Gao startete, gibt manchen Beobachtern schon länger Rätsel auf. Öffentlichkeitswirksam wurde die Produktion 2024 nach Deutschland verlagert, die chinesischen Investoren herausgekauft. Der bekannte Tech-Analyst Philipp Klöckner sprach vor Wochen in seinem Podcast von „Red Flags“: Er verstehe das Unternehmen „nicht gut“ und frage sich, wo der Wettbewerbsvorteil von Neura liegen solle; zuletzt hätten einige Anteilseigner von Neura versucht, ihre Firmenanteile auf dem Secondaries-Markt loszuwerden.

Markt mit mächtigen Spielern

Aber es geht ja auch um eine erstaunliche Wette: Diese Firma aus Metzingen traut sich in einen Markt, in dem einige der mächtigsten Akteure der USA und Chinas unterwegs sind. In China, wo der Aufbau der Robotikbranche längst erklärtes Staatsziel ist, soll es laut einer Aufstellung inzwischen fast eine halbe Million Robotikunternehmen geben; knapp 50 planen allein in Hongkong einen Börsengang, so Bloomberg. Dann ist da Elon Musk – bei all dem Fokus auf den SpaceX-Börsengang mag in den Hintergrund geraten, dass Musk bei Tesla ja das Robotikgeschäft größer machen will als das Automobilbusiness. 

Musks humanoide Roboter sind zugleich auch der Beweis dafür, dass die technischen Fortschritte im Markt allzu oft hinter den vollmundigen Versprechen zurückbleiben. Dass die qualitativen Fortschritte wirklich kommen, dürfte die Voraussetzung dafür sein, dass die großspurigen Wachstumsprognosen eintreten. McKinsey zum Beispiel prognostiziert, dass der globale Markt für humanoide Roboter bis 2030 auf 28 Mrd. Dollar wachsen wird.

Zu den ernstzunehmenden Konkurrenten von Neura gehört an der US-Westküste die Firma Figure AI. Im Herbst sammelte sie in einer Finanzierungsrunde „nur“ 1 Mrd. Dollar ein – allerdings sprang die Bewertung der Firma damit gleich auf irrwitzige 39 Mrd. Dollar (Neura, das als Erinnerung, ist nach Ansicht der Investoren nach seiner 1,4-Mrd.-Dollar-Runde „nur“ 7 Mrd. Dollar wert). Das zeigt, wie viel Fantasie im Markt ist. Und dass Deutschland zumindest bei den Bewertungsmultiples zu den USA noch einiges aufzuholen hat.

Beitrag teilen

Neue Beiträge und
Informationen direkt
per E-Mail erhalten.