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Kolumne: Neura Robotics zeigt Deutschlands Potenzial – und seine große Schwäche

Das deutsche Start-up Neura Robotics sammelt bis zu 1,4 Md. Dollar ein – ein Rekord für Deutschland. Doch Finanzierungsrunde zeigt auch, wie sehr heimisches Risikokapital fehlt

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Das deutsche Start-up Neura Robotics sammelt bis zu 1,4 Md. Dollar ein – ein Rekord für Deutschland. Doch Finanzierungsrunde zeigt auch, wie sehr heimisches Risikokapital fehlt

Es ist eine Nachricht wie ein Ausrufezeichen: Der kleine und junge Roboterhersteller Neura Robotics erhält von privaten Investoren bis zu 1,4 Mrd. Dollar zur Finanzierung seines Wachstums – die höchste Summe, die jemals ein junges Start-up in Deutschland auf einen Schlag eingesammelt hat. Geht doch, denkt man unwillkürlich. 

Geht auch tatsächlich. Aber wie. 

Die Finanzierungsrunde für die Firma aus Metzingen am Fuß der Schwäbischen Alb ist ein großartiger Erfolg für die Gründer, für die Region und vielleicht sogar für das ganze Land. Immerhin arbeiten die Ingenieure von Neura auf einem der spannendsten Technologiefelder der Zukunft, dem Bau humanoider Roboter, die dem Menschen nicht nur helfend zur Hand gehen, sondern dank KI komplexe Arbeiten erledigen können. Sie treten an auf einem Feld, auf dem sich schon unzählige Unternehmen tummeln, in China, hier in Europa und natürlich in den USA – allen voran der in diesen Tagen unvermeidliche Elon Musk. Musk will seinen Autobauer Tesla in den kommenden Jahren weg vom Auto-, hin zum Roboterkonzern umbauen.

Mein Kollege Niklas Wirminghaus beobachtet Neura und seine Gründer und hat den Deal für Sie analysiert. Jenseits der Frage, was Neura kann und wie sich die Deutschen im internationalen Wettbewerb wohl schlagen werden, stellt sich allerdings noch eine zweite Frage: Was sagt es über den hiesigen Finanzplatz aus, dass sich abgesehen von den deutschen Unternehmen Bosch und Schaeffler, die kleinere Anteile zur Finanzierungsrunde beigesteuert haben, vor allem US-Giganten wie Nvidia, Amazon, Qualcomm und das Kryptounternehmen Tether mit Geld einbrachten? 

Zwei kurze Termine in Berlin in dieser Woche lieferten auf diese Frage interessante Antworten und Hinweise. Da war zum einen der Start einer Initiative am Rande der Super Return, einer Branchenmesse der Risiko- und Eigenkapitalgesellschaften in Berlin. Die wichtigsten Risikokapitalgeber auf dem deutschen Markt starteten einen Appell, künftig bis zu 15 Mrd. Euro für junge Unternehmen bereitzustellen. Das wäre doppelt so viel wie im vergangenen Jahr in junge deutsche Unternehmen floss. 

15 Milliarden klingt wahnsinnig viel, ist im internationalen Vergleich und besonders mit den USA aber immer noch wenig. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass Deutschland immer noch die drittgrößte Volkswirtschaft der Erde ist. In den USA sammeln KI-Start-ups gerade im Wochentakt Dutzende Milliarden Dollar für ihre hochfliegenden Pläne ein, der Börsengang des Raumfahrtunternehmens SpaceX – ja, wieder Elon Musk – ist nur das völlig überdrehte Beispiel für eine finanzielle Macht und Risikobereitschaft, die uns in Europa völlig fremd ist. Was auf der anderen Seite des Atlantiks gerade eventuell etwas aus dem Ruder läuft, ist bei uns nach wie vor leider ziemlich unterentwickelt: eine kluge und zugleich großzügige, breit gestreute und damit diversifizierte Risikokultur, die auch junge Gründerinnen und Gründer lange tragen kann. 

Doch zurück nach Deutschland: Noch immer ist es so, dass hierzulande die großen Kapitalsammelstellen, die Versicherungen, Fondsgesellschaften, Vermögensverwaltungen und Family Offices sich aus dem Geschäft mit Start-ups oft vornehm zurückhalten. Zu riskant, zu volatil, zu komplex und intransparent, zu wenig liquide – Gründe gibt es viele. Selbst der riesige Allianz-Konzern, mit einem verwalteten Vermögen von mehr als 2 Billionen Dollar und allein rund 800 Mrd. Dollar an Anlagen aus dem Versicherungsgeschäft, ziert sich. Die Private-Equity-Tochter des Versicherungskonzerns, Allianz Capital Partners, verwaltet inzwischen mehr als 60 Mrd. Euro, davon die fließt etwa die Hälfte in Risikofinanzierungen von jungen Unternehmen, die andere Hälfte in Energie- und Verkehrsinfrastruktur. Diese Zahlen sind in den letzten Jahren zwar gestiegen, aber die Summe entspricht je nach Bezugsgröße im Konzern nur einigen wenigen Promille- bis kleinen Prozentwerten. 

So kommt es, dass gemessen am Bruttoinlandsprodukt in Deutschland nur 0,15 Prozent als Finanzierungskapital in junge Unternehmen fließen, in den USA hingegen 0,8 Prozent. Wenn man dann noch das wesentlich größere US-BIP berücksichtigt, ahnt man, warum Unternehmen wie OpenAI, Anthropic und SpaceX in den USA entstehen und nicht in Europa. Dieser Befund gilt umso mehr, wenn man sich einmal löst von den aktuellen Hype-Unternehmen und kurz bedenkt, dass auch Giganten wie Amazon und Google einmal genauso angefangen haben. Ja, bei solchen Risikoinvestments in junge Unternehmen kann viel schiefgehen, aber aus der der breiten Masse gehen so auch Weltkonzerne hervor. 

Wo bleibt der Wasserstoff für die Stahlindustrie?

Der zweite Termin in dieser Woche war ein glanzvoller Fototermin der old economy, die interessanterweise aber auf ähnliche Probleme stößt: Der Stahlproduzent Salzgitter und der norddeutsche Stromversorger EWE unterzeichneten in Berlin den ersten großen Liefervertrag für in Deutschland produzierten Wasserstoff. Ab 2030 sollen aus einem noch zu bauenden Elektrolyseur im ostfriesischen Emden jährlich mindestens 10.000 Tonnen Wasserstoff nach Salzgitter fließen – vorausgesetzt, bis dahin liegen auch die nötigen Rohre in der Erde. Investitionsvolumen an der Nordseeküste rund 1 Mrd. Euro, Investitionsvolumen in Salzgitter für die Umrüstung der Stahlproduktion 2,7 Mrd. Euro. Von diesen Summen übernehmen Bund, Land und EU jeweils gut die Hälfte.   

Um die Umrüstung der energieintensiven Industrien wie Stahl auf Wasserstoff tobt seit Jahren ein hochemotionaler Streit. Denn man kann die Frage stellen, ob es wirklich sinnvoll ist, eine solche Industrie überhaupt in Europa halten zu wollen. Es sprechen allerdings auch einige, zunehmend wichtige geopolitische Argumente dafür, eine kritische Stahlproduktion in Europa zu erhalten und sogar gegen die Billigstahlkonkurrenz aus Asien zu schützen. Die Umrüstung auf Wasserstoff kann da tatsächlich ein, wenn auch anfangs sehr teurer Schlüssel sein. Die wichtigste Voraussetzung für einen Erfolg dieses Umstiegs wäre aber: jetzt konsequent in den Ausbau der Wasserstoffkapazitäten zu investieren, um irgendwann von den Skaleneffekten profitieren zu können. 

Doch da fangen wieder die Bedenken an – der Markt ist unter den aktuellen Bedingungen für private Investoren zu komplex, zu intransparent und politisch zu volatil. EWE-Chef Stefan Dohler brachte es auf den Punkt: Unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen werde sein Konzern keine weitere Großinvestition in die Wasserstoffproduktion wagen, es lohne sich einfach nicht. Dabei klingt die Idee so schlüssig: Die Anlage in Emden soll vor allem jenen Windstrom von der Nordsee in Wasserstoff verwandeln, der aktuell ohnehin nicht verbraucht werden kann und daher abgeregelt wird – eine jener Absurditäten der deutschen Energiewende. Doch das widerspricht bisher den Plänen der EU-Kommission für grünen Wasserstoff und macht solche Projekte unattraktiv. Die Folge: Statt nun dafür zu sorgen, dass ein bereits vor Jahren beschlossener Umstieg auf eine neue Technologie auch konsequent umgesetzt wird und viel privates Kapital in solche Projekte fließt, warten alle ab und sorgen so dafür, dass in Salzgitter, Duisburg und im Saarland bald zwar wasserstofffähige Stahlwerke stehen, die der Staat mit Milliarden gefördert hat – der dafür nötige Brennstoff aber leider fehlt. 

Dabei wäre die Lösung in diesen Fällen ziemlich einfach, sie bräuchte weder einen runden Tisch aus Arbeitgebern und Gewerkschaften noch würde sie den Steuerzahler viel Geld kosten: Der Staat und seine angeschlossenen Behörden müssten nur die Regeln und Regularien, die potenziell große Investoren wie Versicherungskonzerne und Vermögensverwalter heute davon abhalten, in solche Projekte stärker einzusteigen, konsequent durchforsten, lockern oder ganz abschaffen. Für den Standort Deutschland wäre damit unglaublich viel gewonnen. 

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